Die Verstaatlichung des Schulsystems in Preussen


Hausarbeit, 2003
14 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Aufklärer und die Pädagogik
2.1. Grundlagen der vernünftigen Erziehung
2.2. Beispiele für Erziehungskonzepte
2.2.1 Jean Jaques Rousseau: „Emile“
2.2.2. Johann Bernhard Basedow und das Dessauer Philantropinum
2.3 Die Forderungen der Aufklärer an den Staat

3. Die Situation in den Schulen vor der Reform
3.1. Die Stadtschulen
3.2. Die Landschulen
3.3. Der Lehrer vor der Reform

4. Die Veränderungen im Schulwesen unter Friedrich II.
4.1. Friedrich der Grosse
4.2. Friedrichs Verhältnis zur Volksbildung
4.3. Das Generallandschulreglement vom 12. August 1763
4.4. Der Lehrer nach der Reform
4.5. Nach Friedrichs Tod

5. Schluss

6. Literaturliste

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit wird die Verstaatlichung des Schulsystems in Preußen behandelt. Dabei soll der wichtige Faktor „Aufklärung“ besonders berücksichtigt werden, ohne den es eine solche Verstaatlichung nicht gegeben hätte. Deswegen befassen sich die ersten Abschnitte mit dem Verhältnis der Aufklärer zur Erziehung.

Zur Veranschaulichung der Missstände in den Schulen soll ein Blick in die Schulen vor der Reform durch Friedrich II. geworfen werden. Dabei sollen auch die Lehrer beachtet werden.

Der größere Teil der Hausarbeit dreht sich um Friedrich II., sein Verhältnis zur Bildung und seine Reformen des Schulwesens. Dabei soll besonders auf das „Königlich Preußische Generallandschulreglement“ eingegangen werden, da dieses die größten Veränderungen in den Schulen einleitete.

Zum Schluss soll noch kurz angemerkt werden, was sich unmittelbar nach Friedrichs Tod im preußischen Schulwesen noch tat.

2. Die Aufklärer und die Pädagogik

2.1. Grundlagen der vernünftigen Erziehung

Das 18. Jahrhundert wird nicht nur allgemein als das Jahrhundert der Aufklärung bezeichnet, sondern auch als das der Bildung und Erziehung. Diese Bezeichnung beruht auf der neuen Erziehungsbewegung, die in diesem Jahrhundert entstand. Die Aufklärer (besonders ihre führenden Vertreter wie zum Beispiel Jean Jaques Rousseau oder John Locke) forderten eine neue Erziehung vom Kinde aus. Um ihre Gedanken anschaulicher zu machen, entwarfen sie verschiedene Modelle der Erziehung. Das wohl berühmteste dieser Modelle ist wohl Rousseaus Emile.

Die Aufklärer waren der Ansicht, dass aus jedem Kind ein mündiger Bürger werden kann, wenn es „richtig“ erzogen wird. Die Zucht sollte abgeschafft werden, die „neue Erziehungslehre sollte Eltern und Erzieher pädagogisches denken lehren, damit sie sich auf die unbekannte, sich erst entwickelnde Individualität ihrer Kinder einstellen lernten […].“[1]

Dem Kind sollte nicht mehr nur blind Wissen vermittelt werden, das es auswendig zu lernen hatte und jederzeit aufsagen können musste, es sollte jetzt auch das Gelernte kritisch hinterfragen und sich aus verschiedenen Perspektiven ansehen, kurz gesagt, eigenständiges Denken entwickeln. Dabei sollte die art der Erziehung stets von Alter und Fertigkeiten des Kindes ausgegangen werden. Das Kind sollte niemals über- oder unterfordert werden, damit es nicht die Lust am Lernen verliert, welche die Aufklärer als fundamental wichtig ansahen.

2.2. Beispiele für Erziehungskonzepte

Hier sollen zwei der wichtigsten Erziehungskonzepte der Aufklärung kurz vorgestellt werden:

Rousseaus Emile und das Basedowsche Dessauer Philantropinum

2.2.1 Jean Jaques Rousseau: „Emile“

Jean Jaques Rousseau wurde am 28. Juni 1712 in Genf geboren und starb am zweiten Juli 1778 in Ermenonville bei Paris.

Rousseaus Emile soll besonders vorgestellt werden, da es sich um den bekanntesten und wichtigsten Erziehungsroman des 18. Jahrhunderts handelt. Im 1762 erschienenen Emile bietet Rousseau die Anleitung zur seiner Meinung nach idealen Erziehung an. Der Junge Emile stellt den „Prototyp“ eines im Sinne der Aufklärung erzogenen Kindes dar. Er soll auf dem Lande aufwachsen, fern von den Schädlichen Einflüssen der Stadt, denn Rousseau ist der Ansicht, dass ein Kind, welches in der Stadt aufwächst, in seiner Freiheit dermaßen eingeschränkt ist, dass sich in ihm Lebendigkeit und Aggression derart aufstauen, dass es diesen freien Lauf lässt, sobald es kann und dass sich dieses dann in maßloser Zerstörungswut äußert „ Der ewige Zwang, in dem ihr eure Zöglinge gefangen haltet, stachelt ihre Lebendigkeit an. Je mehr Zwang sie sich unter euren Augen antun, um so ungehemmter sind sie, wenn sie euch entwischen.“[2]. Viel eher solle ein Kind fernab von jeglichen Zwängen Aufwachsen und nicht unter drängenden Einflüssen stehen „ Bis zu dem Augenblick, da die Vernunft, die Führerin der Eigenliebe erwacht, ist es daher von höchster Wichtigkeit, daß das Kind nichts tut, weil es gesehen oder gehört wird, nichts, mit einem Wort, in Bezug auf andere, sondern nur das, was die Natur von ihm fordert; dann wird es nur recht tun.“[3].

Rousseau fordert also für jedes Kind eine „antiautoritäre“ Erziehung, wie sie erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts modern wurde und war damit seiner Zeit weit voraus, in der Kinder oftmals wie kleine Erwachsene angesehen wurden und vielerlei Verpflichtungen hatten.

Rousseau merkt zwar an, dass die komplette Isolation des Kindes von allen möglichen Fremdeinflüssen praktisch nicht durchführbar ist, aber er fordert doch eine möglichst genaue Einhaltung dieser Richtlinie. Ferner soll kein Kind zum Lernen gezwungen werden, vielmehr soll das Kind durch kleine „Tricks“ dazu gebracht werden, von selbst Lerneifer zu entwickeln. Zum Lesenlernen soll Emile zum Beispiel durch kleine Briefchen gebracht werden, die er erhält, wobei es immer schwieriger werden soll, jemanden zu finden, der sie ihm vorliest. Dadurch soll er Ehrgeiz entwickeln, selbst lesen zu lernen. Ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Fächern wie Mathematik oder Geschichte. Rousseau ist der Ansicht, dass man das Kind nur richtig motivieren muss, um es dazu zu bringen, von selbst zu lernen. Er macht immer wieder deutlich, dass es am Besten ist, das Kind ansonsten ganz in Ruhe zu lassen und sich um dessen Erziehung gar nicht weiter zu kümmern „Laßt ihn allein frei bestimmen, seht an, was er tut, ohne ihm dreinzureden, und erwägt, was er wohl tun und wie er sich dabei anstellen wird.“[4]. Damit formuliert Rousseau als erster eine vollkommen antiautoritäre Erziehung, wie erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts modern wurde. Auch, wenn diese Art der Erziehung sicherlich auch ihre Fehler hat und nur sehr schwer umzusetzen ist, ist Emile auch heute noch eine der bedeutendsten Schriften der Pädagogik und war in Rousseaus Zeit mit Sicherheit revolutionär.

2.2.2. Johann Bernhard Basedow und das Dessauer Philantropinum

Johann Bernhard Basedow wurde am 11. September 1724 in Hamburg getauft und starb am 25. Juli 1790 in Magdeburg.

Nach seinem Studium in Leipzig und Hamburg wurde Basedow zunächst Hauslehrer, später Professor für Moral, Beredsamkeit und Theologie an der Ritterakademie Soroe. Dort machte er sich mit zahlreichen aufgeklärt-freigeistigen Schriften unbeliebt, was sogar so weit ging, dass seine Bücher verboten und seine ganze Familie vom Abendmahl in der Kirche ausgeschlossen wurde. Basedow gab jedoch nicht auf. 1771 wurde er vom Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt – Dessau nach Dessau beordert, wo er seine Philantropin, eine damals völlig neue Art von Schule eröffnete.

Das Prinzip der Philantropin ist einfach: Kinder jeglichen Standes und jeglicher Herkunft wurden aufgenommen und entsprechend ihrer späteren Tätigkeit gelehrt. So gab es Internatserziehung für reiche und adlige Kinder, aber auch „normalen“ Unterricht für die nicht so privilegierten. Alle wurden jedoch größenteils gemeinsam unterrichtet.

Im Unterricht stand das Praktische im Vordergrund. Basedow führte damit lange vor Pfadfindergründer Baden-Powell das Prinzip des „Learning by doing“ ein, das heute eine Grundlage jeder fortschrittlichen Erziehung ist. Die Schüler lernten etwas über die Natur, indem sie selbst einen kleinen Schulgarten bestellten, oder sie erfuhren, wie Dinge gemacht wurden, indem sie sie selbst im Handwerksunterricht nachbauten.

Vor allem wollte Basedow mit seiner Philantropin weg von den üblichen Paukschulen und führte auch Ausflüge, körperliche Ertüchtigung und Feste in die Schule ein. All das sollte unter den Schülern ein kameradschaftliches Miteinander erzeugen und ihren Charakter formen um aus ihnen mündige Menschen zu machen.

Der Fehler der Philantropen war allerdings, dass sie es mit ihrem guten Willen manchmal etwas übertrieben. So wurde oft kritisiert, dass die Schüler oftmals zu früh mit Dingen konfrontiert wurden, denn „In dem Bestreben, recht wahrhaftig zu sein und ihre Zöglinge recht früh an die Wahrhaftigkeit zu gewöhnen, verfielen sie in Absurditäten, wenn sie z.B. ganz jungen Kindern den physischen Ursprung des Menschen erklärten.“[5].

2.3 Die Forderungen der Aufklärer an den Staat

Die Aufklärer waren der Meinung, dass aus jedem Menschen ein mündiger Bürger werden könne. Eine wichtige Vorraussetzung dafür sei jedoch geistige und körperliche Freiheit.

Ihnen war aber auch durchaus bewusst, dass diese beiden Dinge in den wenigsten Fällen ausreichten, um aus einem vorher unvernünftigen einen vernünftigen Menschen zu machen. Sie erkannten, dass eine umfassende Geistesbildung notwendig war, um Vernunft zu wecken. Ihr begehrtestes Ziel war dabei, schon von klein auf den Menschen zu lehren, was Vernunft ist, und wie er sie einsetzen kann, also (erstmals in der Geschichte) eine umfassende Volkserziehung. Zur Vermittlung dieses Wissens schienen ihnen die Schulen am geeignetsten „In den Schulen, oder nirgends kann eine Nation zur Indüstrie, wie zu jeder anderen moralischen und politischen Tugend gebildet werden.“[6].

Allerdings waren sich die Aufklärer auch bewusst, dass es in den Schulen um die Bildung recht schlecht bestellt war. Um aber in den Schulen eine Reform stattfinden zu lassen, ist mehr nötig als guter Wille. Deswegen wandten sie sich an den Staat, der am ehesten in der Lage war, Veränderungen anzuordnen und durchzusetzen, und erklärten Erziehung und Unterricht zum Politikum. Außerdem standen auch einige der Aufklärer selbst im Staats-

dienst, wie zum Beispiel der preußische Minister Karl Abraham von Zedlitz.

Der Staat sollte eine Erziehung zur Mündigkeit und Toleranz gewährleisten, den Erwerb nützlicher Kenntnisse ermöglichen und Unterricht und Lehrplan nach vernünftigen Grund- sätzen gestalten. Dabei sollte die Erziehung kindgerecht sein und die sonst gebräuchliche „Kinderzucht“ möglichst abgeschafft werden. Auch die Lehrer sollten von dieser Reform nicht ausgenommen werden, der Staat sollte die Männer, die Kinder Unterrichten sollten, sorgfältig auswählen und sie einer Eignungsprüfung unterziehen, um sicher zu stellen, dass sie für den Lehrerberuf geeignet sind. Dabei sollte der Staat auch ständig Aufsicht über das Schulwesen führen.

Fernerhin forderten die Aufklärer eine standes- und berufsbezogene Erziehung der Schüler, denn „Was hilft dem künftigen Tischler oder Maurer sein Vokabelbuch, sein Donat, sein lateinischer Katechismus! Sein Vorrat von lateinischen Sentenzen! Sein Miltiades! Seine Briefe eines römischen Bürgermeisters, alle Zeit, die er dabei verloren, alles Elend, das er dabei ausgestanden hat!“[7].

Auch sollten die Kinder nicht mehr nur wahllos Wissen auswendig lernen, dass sie in den seltensten Fällen verstanden, sondern dazu angeregt werden, selbst Fragen zu stellen und alles zu ergründen. Dabei sollten sie sich auch in sozialen Tugenden wie zum Beispiel Hilfsbereitschaft üben und lernen, sich im Umgang mit Menschen nicht an Vorurteilen zu orientieren, sondern jedem frei und unbefangen gegenübertreten. Sie sollten sich Pflichtbewusstsein, Gerechtigkeitssinn und Verantwortungsbewusstsein aneignen. Alles in allem sollte die Schule so gestaltet sein, dass aus ihr „ein glückseliger Mensch, ein guter Hausvater (und eine gute Hausmutter) ein verständiger Landwirt, ein redlicher Nachbar, ein treuer Staatsbürger und ein wahrer Christ oder mit einem Worte, welches alles dieses in sich fasset, wenn er aufgeklärt sein sollte“[8] hervorgehen konnte.

[...]


[1] Herrmann, Ulrich: Aufklärung und Erziehung Studien zur Funktion der Erziehung im Konstitutionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft im 18. und frühen 19. Jahrhundert in Deutschland. 1. Auflage, Weinheim: Deutscher Studien Verlag, 1993 , Seite 40

[2] Rousseau, Jean Jaques: Emile oder über die Erziehung (1762) in: Dietrich, Prof. Dr. Theo (Hrsg.) Die Pädagogische Bewegung »Vom Kinde aus« , Klinkhardts Pädagogische Quellentexte, 3.,erweiterte Auflage, Bad Heilbrunn / OBB. Verlag Julius Klinkhardt , 1973 , Seite 145

[3] Rousseau: Emile (Seite 146 in „Klinkhardts Pädagogische Quellenschriften“)

[4] Rousseau: Emile (Seite 150 in „Klinkhardts Pädagogische Quellenschriften“)

[5] Biedermann, Karl: Deutschland im 18. Jahrhundert, Band 2: Deutschlands geistige, sittliche und gesellige Zustände im 18. Jahrhundert, Teil 2. Neudruck der ersten Auflage Leipzig 1880 , Aalen, Scientia Verlag 1969

[6] Campe, J.H.: Über einige verkannte wenigstens ungenützte Mittel zur Beförderung der Indüstrie, der Bevölkerung und des öffentlichen Wohlstandes. Erstes Fragment, Wolfenbüttel 1786 (Reprint Frankfurt a.M. 1969) in: Herrmann: Aufklärung und Erziehung, S. 15f

[7] Johann Bernhard Basedow: Vorstellung an Menschenfreunde in Ausgewählte pädagogische Schriften, hrsg. Von A. Reble. Parderborn 1965 in: Herrmann: Aufklärung und Erziehung, S.16

[8] Stuke, H.: Aufklärung, erschienen in Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. I, Stuttgart 1972, S. 258, zitiert nach Herrmann: Aufklärung und Erziehung, S. 14

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Verstaatlichung des Schulsystems in Preussen
Hochschule
Universität Bremen  (Fachbereich 8)
Veranstaltung
Proseminar Deutsche Aufklärung
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V22488
ISBN (eBook)
9783638257992
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Verstaatlichung, Schulsystems, Preussen, Proseminar, Deutsche, Aufklärung
Arbeit zitieren
Jenny-Maria Braun (Autor), 2003, Die Verstaatlichung des Schulsystems in Preussen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22488

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