Münster als "Neues Jerusalem" - Gelang die Restitiution der Urgemeinde?


Seminararbeit, 2003

16 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Die Welt in den Augen der Täufer – warum eine Erneuerung nötig war
2.2. Wie eine gottgerechte Welt entstehen sollte

3.1. Münster als Neues Jerusalem – die Umsetzung der Forderungen
3.2. Antiklerikalismus
3.3. Gottesdienst/Messe
3.4. Abendmahl
3.5. Taufe
3.6. Ehe und Polygamie
3.7. Gütergemeinschaft

4. Schluss

5. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Täuferbewegung war sicher eine der radikalsten aber auch faszinierendsten „Splittergruppen“ der Reformation. Sie hatte Hochs und Tiefs wie kaum eine andere „Neue Kirche“, als Beispiel hierfür die Entstehung des Täuferreiches zu Münster und sein tragischer Untergangs. Das Täufertum verbreitete sich sprunghaft, wurde ebenso energisch verfolgt, missachtet und vielmals auch missverstanden. Wie in vielen „neuen Kirchen“ jener Zeit gab es auch innerhalb der Taufgesinnten große Unterschiede. So gab es neben den, als „radikale Sekte“ eingestuften Vertretern, auch solche die auch das Münsteraner Reich errichteten, noch einen pazifistischen Teil welcher das Neue Jerusalem in Münster überlebte. Während es vor allem in den Niederlanden und Mähren, weitere als radikal einzustufende Taufgesinnte gab, konnten Ihre Forderungen wenn überhaupt nur in Münster umgesetzt werden, wo die Täufer durch geschickte eigene Politik und den politischen Machtkämpfen zwischen Bischof, Rat und Gilde innerhalb der Stadt letztlich immensen Einfluss gewannen und spätestens seit Februar 1534 praktisch freie Hand bei all ihren Schritten hatten. Auf eine detaillierte Darstellung wie es zur Täuferherrschaft kam muss an dieser Stelle jedoch verzichtet werden.

In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit den Lehren des Täufertums, speziell mit denen der Münsteraner Täufer um Rothmann, Mathys und Jan van Leiden beschäftigen und die Umsetzung ihrer Lehren am Täuferreich zu Münster 1534/35 aufzeigen. Welche Forderungen zur Wiederherstellung einer christlichen Ur- und Endzeitgemeinde wurden in Münster umgesetzt, und aus welcher Motivation heraus ist dies Geschehen und wie wurden z.B. auch strittige Reformen wie die Polygenie gerechtfertigt?

2.1. Die Welt in den Augen der Täufer – warum eine Erneuerung nötig war

„Die Wiedertäufer sind im Grunde alle gleich, sie sind Besessene, die unter dem Willen des Teufels stehen.“[1] So wie der katholische Kontroverstheologe Cochläus urteilten auch viele andere Geistige, darunter Reformatoren wie Martin Luther, über die radikal-reformatorische Kirche der Täufer. Demgegenüber sahen die Münsteraner Täufer sich selbst als die Auserwählten der letzten Tage und betrachteten ohnehin „…alle Andersgläubigen – ob lutherisch, zwinglisch oder papistisch – als Gottlose, die man zu meiden, wenn nicht gar zu vernichten hatte.“[2] Diese gegenseitige totale Ablehnung zeigt bereits wie isoliert die Taufgesinnten jener Zeit waren. Noch ehe sich die Täufer, von Zürich kommend, richtig verbreiten konnten, wurden sie gnadenlos verfolgt und jede neu gegründete Gemeinde, so schnell wie sie entstand, auch wieder zerschlagen. Ursache für diese kompromisslose Verfolgung waren sicher die Schrecken des Bauernkrieges um Thomas Müntzer sowie die Angst vor solchen radikalen Gruppen die dem Beispiel folgen könnten und wie 1525 „…unter Berufung auf das Wort Gottes gegen die Obrigkeiten zu Felde ziehen könnten.“[3] Diese Angst vor den meist kompromisslosen und radikalen Reformen welche die Täufer in ihren Schriften forderten war nicht unbegründet wie die Geschichte zeigt. Als radikale Biblizisten und Schüler der Reformation messen sie ihre Zeit am Wort Gottes, wie einer der frühen Täuferführer, Hans Schlaffer schreibt.[4] Die Täufer folgten demnach dem bekannten „sola sriptura“- Prinzip, das nur das Wort Gottes, die heilige Bibel, als einzige Autorität anerkennt. Danach richtet sich auch ihr Urteil über die Welt in der die Menschheit lebt. So stellt Jakob Huter fest, „ die Welt … ist durch ihre Blindenführer und falschen Propheten, nämlich Pabst, Mönche und Pfaffen, auch Luther und Zwingli … verführt“[5] „Der „Greuel der Verwüstung“ (Daniel 12,11; 9,27), der sich nunmehr in der abgefallenen Kirche breit machte, brachte eine Umkehrung aller religiösen Werte mit sich“[6] Hans Denck führt dies näher aus und meint: „die ganze vermeinte Christenheit ist voll Ehebrecher, Geiziger, Säufer, … die ganze Welt liegt in Todsünden.“[7] Aus dieser Ansicht, von einer Welt voller Gottloser mit einer von Gott abgefallenen Kirche, gründet sich ein gleichsam radikales Programm von einer Neuordnung der christlichen Welt. Mit zunehmender Eindringlichkeit festigte sich auch bei den Täufern die Ansicht, „der römische Pabst sei der Antichrist, der große Gegenspieler und Feind der Gemeinde Christi, den die Bibel für die letzte Zeit weissagte.“[8] Dies war auch ein Hauptargument für die Auffassung das die Parusie, der Tag des jüngsten Gericht mit der Niederkunft Christi unmittelbar bevor stand und so einen lebhaften Gedanken von einer Apokalyptik in die Lehren Einzug hielt. „Die Parusie vollzieht sich nach der Auffassung der Täufer unter einem dreifachen Aspekt: Für die gottlose Welt bringt sie das Gericht, für die gehetzte und gejagte Gemeinde Befreiung aus allen Leiden, für das Weltganze den Anbruch einer neuen Seinsordnung“[9] Verbunden mit dieser Endzeiterwartung hatten die Täufer einen Missionsbefehl aus der Schrift entnommen, um die Menschheit vor dem Tag des Jüngsten Gericht zu rechristianisieren. Die aktive täuferische Werbetätigkeit zielt also nicht nur auf die bloße Gewinnung von Mitgliedern ab, sondern – namentlich in der Anfangszeit – auf die Rettung der Zeitgenossen vor dem Gericht.[10]

Nachdem aber die Täufer nach anfänglichen Erfolgen wieder und wieder niedergeschlagen worden, gab es kaum noch Hoffnung die ganze Menschheit zu retten. Melchior Hoffmann, der selber nicht zu den radikalen Täufern in Münster zu rechnen ist, schuf eine der wichtigsten ideologischen Vorraussetzungen für die Täuferherrschaft welche sich letztlich in Münster etablieren konnte. So hatte er die Idee, dass die Ausrottung der Gottlosen bereits vor dem Jüngsten Tag stattfinden müsse und sprach von einer irdischen Herrschaft der Heiligen in einem theokratischen Zwischenreich, das bis zur Wiederkehr Christi dauert.[11]

Nachdem, vornehmlich durch Rothmann aber auch als Folge politischer Machtkämpfe zwischen Bischof, Rat und Gilde, in Münster die Voraussetzungen für eine Täuferherrschaft geschaffen waren, galt es nun die Vorstellung dieser theokratischen Gemeinde, einer Ur- und Endzeitgemeinde, zu realisieren.

2.2. Wie eine gottgerechte Welt entstehen sollte

Nachdem die Gemeinde Christi im Anschluss an die Apostelzeit aufgrund der Einführung von Missbräuchen zerstört worden war,[12] galt es nach der Machtübernahme in Münster eine gottgerechte Welt zu erschaffen, die bereits vorher in ihren Eigen-schaften festgelegt war. So sollte an die Stelle der Massenkirche, die die Gesamt-bevölkerung des Territoriums – und damit Gute und Böse – in sich schloss, nach dem Vorbild des Neuen Testamentes eine Gemeinde wahrer Christen treten, die sich durch Buße, Glauben und Taufe in zurechnungs- fähigen Alter bewusst in die Nachfolge Christi begeben hatten.[13] Es sollte eine Neubegründung der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, welche in der Heilsgewissheit wurzelt, die der Glaube hervorbringt und sich in den Werken der Liebe nach dem Beispiel das Christus gegeben hat, entstehen.[14] „Der ganze Ballast der Mitläufer und Unentschiedenen, der Schwachen und Haltlosen war dann abgestreift und nach dem Vorbild des Neuen Testaments eine Auswahlgemeinde, eine stoßkräftige Elitegemeinde geschaffen, in der eine einheitliche Zielbewusstheit herrschte…“[15] Es wurden keine „Gottlosen“ geduldet wie es bei den Volkskirchen, die ein bestimmtes Territorium in denen es auch Andersgläubige, Heiden und Sünder gab, üblich war. Um diesem, am alten Testament ausgerichteten Modell einer neuen Gesellschaft anzugehören[16], verlangt der Herr in seiner Schrift, wie Rothmann es auslegt: „dass der Mensch sich vom bisherigen Leben abwenden (Buße), mit dem Evangelium das Heil annehmen (Glaube), den Bund mit Gott eingehen (Taufe) und im tätigen Gehorsam den Willen Gottes vollbringen soll.[17] Dieses Modell meint die Urgemeinde Jerusalems nach Apostelgeschichte 2 (44) und 4 (32), welche zugleich als eine Endzeitgemeinde verstanden wurde, in der Gott auf den nahen Tag seine Heiligen versammelte.[18]

Nicht nur die Kirche, sondern auch der Staat an sich wurden überdacht, wobei es hier im Verlauf der Täuferherrschaft und der Errichtung eines Königreiches zu Veränderungen in der Denkweise gab. Nach dem Willen der Täufer sollte ein theokratisches Reich, ein so genannter „Gottesstaat”, der sich aus dem göttlichen Willen herleitet und in dem religiöse und weltliche Ordnung identisch waren, entstehen. Diese Ordnung stellte die Gemeinde in die Verpflichtung, göttliche Befehle in gesellschaftliche Wirklichkeit umzusetzen.[19]

[...]


[1] Christoph Dittrich: Die vortridentinische katholische Kontroverstheologie und die Täufer. Cochläus, Eck, Fabri. (Aus: Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 473). Frankfurt am Main 1991, S 67

[2] Ebd., S 65.

[3] Wolfgang Schäufele: Das missionarische Bewusstsein und Wirken der Täufer. Dargestellt nach oberdeutschen Quellen. (In: Beiträge zur Geschichte und Lehre der Reformierten Kirche, Bd. 21). Neukirchen 1966, S 32

[4] Ebd., S 39

[5] Ebd., S 50

[6] Ebd., S 41

[7] Ebd., S 50

[8] Ebd., S 40

[9] Ebd., S 87

[10] ebd, S 91

[11] Hans-Jürgen Goertz: Radikale Reformatoren. Biographische Skizzen von Thomas Müntzer bis Paracelsus. (in: Beck`sche Schwarze Reihe, Bd. 183). München 1978, S 163

[12] Ralf Klötzer: Die Täuferherrschaft von Münster. Stadtreformation und Welterneuerung (in: Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, Bd. 131). Münster 1992, S 160

[13] Wolfgang Schäufele: Bewusstsein und Wirken, S 13

[14] Ralf Klötzer: Die Täuferherrschaft, S 141

[15] Wolfgang Schäufele: Bewusstsein und Wirken, S 63

[16] Christoph Dittrich: Kontroverstheologie und Täufer, S65.

[17] Ralf Klötzer: Täuferherrschaft, S 159

[18] Wolfgang Schäufele: Bewusstsein und Wirken, S 90

[19] Ralf Klötzer: Täuferherrschaft, S 39

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Münster als "Neues Jerusalem" - Gelang die Restitiution der Urgemeinde?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
PS Das Täuferreich zu Münster
Note
2,1
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V22492
ISBN (eBook)
9783638258012
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersucht wird bei dieser radikalen Splitter&quot,konfession&quot, der Reformation einerseits die Weltanschauung und Bibelauslegung und andererseits die Umsetzung ihrer radikalen Forderungen (Antiklerikalismus, Polygamie) in der Wirklichkeit der umzingelten Festung Münster.
Schlagworte
Münster, Neues, Jerusalem, Gelang, Restitiution, Urgemeinde, Täuferreich, Münster
Arbeit zitieren
Ronald Zietz (Autor:in), 2003, Münster als "Neues Jerusalem" - Gelang die Restitiution der Urgemeinde?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22492

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