Zwischen Sympathetik und Technokratie. Aspekte von Magie und Technik im Denken Arnold Gehlens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Skizzen: „Elementare Anthropologie“
2.1. Zur wissenschaftlichen Methode
2.2. Das biologische Mängelwesen
2.3. Handlung und Lebensführung
2.4. Institutionalisierte Entlastung

3. Magie ... „die kindlichste Technik“
3.1. Der ´entleerte´ Ritus als Mittel
3.2. Der ´sympathetische´ Kosmos
3.3. Stabile Umwelten
3.4. Magie, Technik, Wissenschaft

4. Aspekte der Technik
4.1. Zweideutigkeiten
4.2. Organersatz – Ersatz des Organischen
4.3. Qualitative Übergänge: Die Superstruktur
4.3.1 Entsinnlichung
4.3.2 Primitivisierung
4.4. Machbarkeit

5. Ausblicke

1. Einleitung

Manchesmal beängstigt und des öfteren fasziniert blicken wir auf jene Vielzahl technischer Konstrukte, die allein menschlicher Kreativität entstammen. Allzu bekannt und dennoch fremd, bieten sie uns gerade in ihren postmodernen Ausprägungen Bilder des Schreckens, der heimlichen Verzückung oder sie werden als notwendiges Übel stoisch hingenommen. Die Technik begleitet den Menschen seit jeher, hat Leben millionenfach zerstört und unzählige Male erhalten bzw. bereichert. Mögen die Abschätzungen ihrer Geltung variieren, eine Ambivalenz ihrer Vermögen bleibt bestehen.

Auf diese Zweideutigkeit weist auch der Anthropologe Arnold Gehlen hin[1], dessen Ausführungen dieser Arbeit ihr Gerüst verleihen werden. Sein überaus differenzierter Zugang zur Technik, der von kulturkritischen Tönen bestimmt wird, eröffnet sich über ihre Aspekte als Institution, die Verhaltensentlastungen ermöglicht, indem sie Aufgaben übernimmt, erleichtert oder einspart. Thema sollen auch jene negativen Implikationen technischer Prozesse sein, die bei Gehlen in der Behauptung von Erfahrungsschwund, Primitivisierung und Entsinnlichung münden.

Als Superstruktur (siehe Kap. 4.3.) verstanden, zählt zur Technik auch die Wissenschaft bzw. ihr erkenntnistheoretisches fundamentum inconcussum, die neuzeitliche Rationalität. Letztere kann als ihren prominenten Vorläufer die Magie reklamieren, die rationalere Züge trägt, als gemeinhin angenommen werden könnte.

Nach ersten Hinweisen und Bemerkungen zur Methodologie Gehlens fungiert eine Skizze seiner Auffassung des Menschen als eines Mängelwesens als Ausgangspunkt und Überleitung zu den darauf folgenden Umrissen seiner Handlungstheorie. Da der Mensch und dessen Leben je in Institutionen eingelassen ist und von ihnen begleitet bzw. gelenkt wird, enden die Voruntersuchungen mit knappen, ausgesuchten Exkursen zur Institutionentheorie des Deutschen und dem Versuch einer Sondierung der Bedeutung entlastenden Verhaltens für die menschliche Lebensführung.

Anlass für die darauf folgenden Ausführungen über die Magie ist ein kurzer Abschnitt in „Die Seele im technischen Zeitalter“. Dort wird sie in ein nahes Verhältnis gesetzt zur Technik und auf den Spuren dieser Beziehung wird es uns zunächst um den historischen Aspekt der Magie gehen: Ihr `woher?` kann jedoch

nur ausgehend von einer bestimmten kosmologischen Ordnung, der sympathetischen, verständlich gemacht werden die ihrerseits, wie zu zeigen sein wird, allein stabil gehalten werden kann durch rituelle Praktiken, deren landläufig bekannteste Form der Regenzauber sein dürfte. Mit Hilfe dieser Vorüberlegungen wird versucht, Verknotungen bzw. Differenzen von Magie und Technik ausfindig zu machen. Dies geschieht zum einen, um die knappen gehlenschen Ausführungen bezüglich des Themas in einen historischen Kontext einzubetten und zu erweitern. Zum anderen ist es sinnvoll, im Hinblick auf die Entstehung technischer Modelle bzw. rationalen Denkens auf deren geschichtlichen Werdegang hinzuweisen, der zumindest bis an den Beginn der Moderne unverkennbar mit magischen Verrichtungen verknüpft ist.

Hauptanliegen dieser Arbeit ist jedoch eine bündige Darstellung dessen, was `Technik´ in gehlenscher Diktion bedeutet: Es erfolgt nach einigen allgemeinen Unterscheidungen der Versuch einer Darstellung ihrer Begründung aus der mangelhaften Organausstattung des Menschen. Ihre heutige ubiquitäre Ausprägung, die bei Gehlen als Superstruktur vorgestellt wird, hat das Selbstverständnis und das Zusammenleben des Menschen entscheidend beeinflusst: Auf welche Weise, wird in den Abschnitten zur `Primitivisierung´ und `Entsinnlichung´ entworfen. Besonders prekär scheint Technik zu sein, wenn sie scheinbar autonome Züge trägt und sich die ´Machbarkeit´ als das Telos der Wissenschaft erweist.

Abschließend werden die Ansätze Gehlens zum Umgang mit dem Phänomen Technik vor aktuellem Hintergrund diskutiert.

Ziel dieser Ausführungen soll keineswegs eine Versammlung aller Momente der Technik sein, dies leisten zu wollen, wäre vermessen. Überlegungen zur Kybernetik z.B., die in Gehlens Beschreibung des Handlungskreises als personalem Vollzug eine Rolle spielen, müssen aus Gründen des Umfanges und der Komplexität außen vor bleiben.

2. Skizzen: „Elementare Anthropologie“

2.1. Zur wissenschaftlichen Methode

Das Bemühen Arnold Gehlens, eine exakte Methode zur Bestimmung wesentlicher Merkmale des Menschen anzuwenden, manifestiert sich zunächst in einer Abkehr, in einer „Enthaltung von der Metaphysik“ (DM, 11). Ihre Aussagen besäßen nur „bedingte Überzeugungskraft“ (DM, 10). Die von ihm erstrebte objektive Kategorialanalyse dürfe sich nicht auf unzureichende, unscharfe kulturphilosophische Begrifflichkeiten stützen: alles „Platonische“ (US, 11) habe in seiner wissenschaftlichen Philosophie keinen Platz.[3] Klingt zunächst noch eine Nähe zur Phänomenologie an, deren Analysen ebenfalls „im Umkreis der Erfahrung“ (DM, 10) ansetzen und Erlebnisse untersuchen, die für „jedermann nachvollziehbar sind“ (ebd.), erweist sich Gehlens methodischer Zugriff letztlich als ein naturwissenschaftlich-empirischer, ohne jedoch gänzlich frei von normativen Bestimmungen zu sein.[4][2]

Mittels einer „anthropo-biologische(n)“ (DM, 16) Untersuchung soll die eigentümlich menschliche Existenzweise aufgeschlüsselt werden, ohne den prekären Gegensatz Leib – Seele behandeln zu müssen. Wichtig für Gehlen sind allein jene Kategorien, die die „gesamte Schichtung“ (DM, 382) des Menschen durchlaufen und den philosophiehistorisch überladenen Leib-Seele-Dualismus umgehen. Gesucht wird das „durchlaufende Aufbaugesetz aller menschlichen Funktionen und Leistungen“ (DM, 23), welches die ganze Bandbreite menschlichen Lebens theoretisch zu fassen vermag.[5] Der Unterschied zum Tier sei nicht an einem

fragwürdigen Stufenschema wie dem schelerschen festzumachen, welches bloß graduelle Divergenzen kennt[6]: Es muss „der `Stil`“ (DM, 23) sein, der den Menschen auszeichnet, der homo sapiens unterliegt nach Gehlen einem grundsätzlich anderen „Strukturgesetz“. (Ebd.)

Da die Naturwissenschaften jeweils für sich allein genommen den Menschen als Thema nur unzureichend bestimmen können, sei die eigentliche philosophische Aufgabe einer elementaren Anthropologie die „Gesamtanschauung“[7] (DM, 14) menschlicher Vollzüge, jedoch unter Berücksichtigung und Verarbeitung der Resultate, die in den Einzelwissenschaften wie etwa Morphologie und Psychologie vorliegen. Was aber kennzeichnet die menschliche Existenz, welche Merkmale gelten als konstitutiv für den homo sapiens?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. Das biologische Mängelwesen

In enger Anlehnung an den Aufklärer Herder und mit Bezug zu den Thesen des niederländischen Anatomen Bolk wird der Mensch als ein „Mängelwesen“[8] beschrieben. Im Gegensatz zu Tieren ist für ihn eine biologische bzw. organische „Mittellosigkeit“ (M, 34; PAH 53) im Hinblick auf Instinkthandeln und diskretes Passungsvermögen in ökologische Umwelten bezeichnend. Seine leibliche Verfassung beinhaltet keine genuinen „Angriffs- oder Schutz- oder Fluchtorgane“ (PAH, 53), er unterliegt einem konstitutiven Mangel an „echten Instinkten“ (M, 33) und seine umfassende „physische Unspezialisiertheit“ (M, 35) lässt, wenigstens im Vergleich zu hoch differenzierten tierischen Organleistungen, seine morphologischen Aspekte größtenteils als „Primitivismen“ (ebd.) erscheinen. Gehlens Beschreibungen menschlicher Vermögen sind im wesentlichen „negativ“ (DM, 33).[9]

Trotz seiner Instinktarmut und der fehlenden Sicherheit reflexhaften Verhaltens[10] aber hat sich der Mensch in unvergleichlicher Weise diese Welt zu eigen gemacht. Die „physisch-morphologische Sonderstellung“ (ebd.) des Menschen macht ihn zu einem unfertigen Wesen, das ein offenes Verhältnis zur Welt hat. Er ist nicht „festgestellt“ (DM, 32 bzw. 36) wie das Tier, seine Schutzlosigkeit wie auch seine Bedürftigkeit werden kompensiert durch die prometheische Fähigkeit zur Umgestaltung seines Lebensraumes. Welt haben bedeutet dem Menschen eine der Möglichkeit nach vorhandene „Nichteingegrenztheit des Wahrnehmbaren“[11] (DM, 35), er sieht sich in einer Distanz zu den um ihn arrangierten Dingen und kann diese eigentätig verändern, nach seinen Maßstäben umformen bzw. allererst neu hervorbringen. „Weltoffenheit“ (DM, 39) bedeutet daher zunächst ein „wahrhaft unendliches Feld wirklicher und möglicher Sachverhalte“ (DM, 40), welches das Fundament jeglicher Eingriffe und Umgestaltungen bildet.

Diesem aber wird von Gehlen ein für die Lebenswelt konstituitiver Belastungscharakter beigeordnet, das Phänomen ist demzufolge zutiefst ambivalent charakterisiert: Der durch die leibliche Organisation erst möglichen Weltoffenheit korrespondiert eine unumgehbare Überfülle an Wahrnehmungseindrücken jeglicher Art, das menschliche Dasein ist wesentlich ein zunächst belastetes.[12] Die sinnlichen Gegebenheiten der Welt, die Tastwiderstände, Gerüche und Töne nötigen den Menschen in Form einer chronischen „Reizüberflutung“ (DM, 41) zu einer Bewältigung dieses Belastungszustandes.[13] Der möglichen Beschreibung der Existenz als einer originär positiven Möglichkeit, das Leben gestalten zu können entgeht Gehlen mit dem Postulat eines vorgängigen „Überraschungsfeldes unvorhersehbarer Struktur“ (DM, 36) und betont als eine Art ´Urzustand´ die vermeintlich bedrohliche, chaotische Fülle unendlich variablen Verhaltens in eine zutiefst unsicheren Umgebung.[14]

Der qualitative Sprung von einer ursprünglichen Belastung hin zur weitgehend entlasteten Lebensführung ist ohne die zusätzliche Annahme eines noch zu formenden bzw. zu bewältigenden Antriebsüberschusses nicht denkbar.[15] (Vgl. DM, 57 ff.) Der mit dieser Struktur ins Spiel gebrachte „Verarbeitungszwang“ (DM, 59) ermöglicht allererst im Zusammenhang mit der auf biologischen ´Mängeln´ beruhenden Weltoffenheit[16] des Menschen die Inszenierung der Handlung als einer „ Allkategorie“ (Spinner, 1994: 22; kursiv i. O.), die als „dritte Theorie“ (PAH, 71) deshalb vor jeder Unterscheidung von Leib und Seele fungiert, weil sie als „Vollzug, in ihrem realen Verlauf eine erlebnismäßig völlig untrennbare, vorproblematische Einheit eigener Art“ (ebd.) darstellen soll.[17]

2.3. Handlung und Lebensführung

Als zentrales, alle personalen Vollzüge umgreifendes Kennzeichen der conditio humana, das Leib und Seele nicht als zwei eigene Sphären denkbar werden lassen soll, gilt bei Arnold Gehlen das Strukturmodell der Handlung. Sie ist somit als „Mitte der menschlichen Konstitution“ (PAH, 210) ausgemacht[18], das Vermögen zu handeln gründet sich vor allem auf die „Kooperation von Hand, Auge und Tastsinn“ (DM, 44). Aneignung und Transformation der Welt gelingen allein durch Handlungsvollzüge, denen zunächst der Charakter des instrumentalen Handelns anhaftet, da die tätige Bewältigung der Wirklichkeit auf die „Lebensdienlichkeit“ (DM, 37) derselben, auf Weltbeherrschung hinausläuft.[19]

Allerdings wäre es verfehlt, Gehlen verfrüht einen Primat der rein instrumentellen Umstrukturierung der Lebensverhältnisse durch die Handlung attestieren zu wollen. Bei näherer Betrachtung kommen Aspekte der Handlung ans Licht, deren Produktivität das Instrumentelle bei weitem übersteigen. Unzureichend wäre also die Auszeichnung der Handlung als „voraussehende, planende Veränderung der Wirklichkeit“ (PAH, 71). Die praktische Auseinandersetzung mit der Welt trägt symbolische Züge in Gestalt „höherer Erfahrungen“ (PAH, 16), die angezeigt sind in den „großen Symbolfelder(n) des Sehens, Sprechens, Vorstellens“ (DM, 62) Die rein „instrumentelle Seite des Geistes“[20] reicht als einzige Bestimmung subjektiver Vollzüge nicht aus. Der Bereich des menschlichen Bewusstseins sei mit der „Funktion des instrumentellen Bewusstseins nicht ausgemessen“ (DM, 392), vielmehr tritt diesem ein „ideative(s) Bewußtsein“ (ebd.) gegenüber, aus dem heraus erst die schöpferischen Leistungen menschlicher Kulturen erklärbar werden: Immer hat der Mensch die Ahnung einer Zukunft im Blick, er ist zumal „voraussehendes oder kulturschaffendes“ (PAH, 56) also zeitliches Wesen, wobei diese beiden Eigenschaften in eins mit der Handlung gedacht werden.

Die biologischen Sonderbedingungen des Menschen ermöglichen die Verlagerung der unmittelbaren Beziehungen zur Welt hin in Richtung eines möglichen „variablen Können(s)“ (DM, 62) und mit dieser symbolischen, „ fortschreitenden Indirektheit des menschlichen Verhaltens“ (DM, 64) wird Lebensführung und die Schaffung eines passenden Lebensumfeldes erst möglich: Der handelnde Mensch „macht selbsttätig aus seinen elementaren Belastungen Chancen der Lebensfristung, indem seine motorischen, sensorischen und intellektuellen Leistungen ... sich aneinander höher treiben, bis umsichtige Handlungsführung möglich ist“. (DM, 63) Menschlichen Verrichtungen kommt ein Zeichencharakter zu, er hält sich in „hochgradig symbolisch geworden(en)“ (ebd.) Wahrnehmungsumgebungen auf und ist imstande, durch sein Verhalten einen „habitualisierten Unterbau höherer, entlasteter Leistung“ (ebd.) zu errichten: In der Entlastung von unvermittelten Bezügen zu den Leibwahrnehmungen ist die Leistung einer Distanznahme von der Welt mitgedacht, die das Sprechen über eine ´Welt` überhaupt erst erlaubt.

[...]


[1] Zu den bekanntesten Schriften des Anthropologen, Philosophen und Sozialpsychologen zählen „Der Mensch“ (1940), „Urmensch und Spätkultur“ (1956) und auch „Die Seele im technischen Zeitalter“ (1957).

[2] Gehlen, Arnold. 71962. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Athenäum Verlag, S. 14.

(Textnachweise zu den Werken Arnold Gehlens werden fortan aufgrund ihrer Häufigkeit in einer Kurzform angeführt. Folgende Werke nebst den ihnen entsprechenden Abkürzungen wurden herangezogen: Der Mensch (DM); Urmensch und Spätkultur (US); Philosophische Anthropologie und Handlungslehre (PAH); Die Seele im technischen Zeitalter (StZ); Studien zur Anthropologie und Soziologie (SAZ). Diese Kürzel finden sich zudem hinter den ausführlichen bibliografischen Nachweisen im Anhang.)

[3] Vgl. Urmensch..., S. 8. Friedrich Jonas zufolge sei Gehlen trotz seiner antimetaphysisch geprägten Wissenschaftsvorstellung ein „Idealist, ohne jedoch die Voraussetzungen des Idealismus, den Glauben an ein Absolutes zu teilen, zu dem sich der Mensch steigern könnte.“ (Jonas 1966, 97) Auf Gehlens metaphysische Wurzeln, seine Auseinandersetzung mit Kants Vernunftkonzept und seine in den Frühschriften enthaltene Beschäftigung mit existenzphilosophischen Strömungen sei nur am Rande hingewiesen.

[4] Gehlen erwähnt die Einnahme einer Art epoché, einer Urteilsenthaltung im husserlschen Sinne, vermutlich, um seinen Untersuchungen wissenschaftliche Dignität zu verleihen: Von „sich anbietenden geläufigen Vorstellungen“ (DM, 16) sei abzusehen, diese seien „einzuklammern.“ (Ebd.) Das Verhältnis Gehlens zur phänomenologischen Tradition, insbesondere zu dem von ihm oft zitierten Max Scheler, bedürfte einer eigenen Untersuchung.

[5] Der Sonderstellung seines wissenschaftlichen Ansatzes ist sich Gehlen sehr bewusst, spricht er doch von „zähe(n) Grundannahmen“, die gegen in sprechen würden. Geschichtlich bedingte und erworbene Deutungen des Menschen in Gestalt des kantischen Primats der Vernunft etwa dürften nicht einfach als Bestand übernommen werden. Inwiefern ihm dieser Verzicht gelingt, muss zunächst offen bleiben. Vgl. PAH, S.51.

[6] Vgl. Der Mensch ... S. 20 - 31 für eine detaillierte Darlegung.

[7] Der Gedanke an einen Monismus liegt hier nahe. Wie bisher gesehen, soll es ein fundamentum inconcussum geben, dass den Schlüssel zum Verständnis des Menschen darstellt. Bei Gehlen ist dies die Handlung. Eine Skizze ihrer Vermögen und Leistungen wird weiter unten geliefert.

[8] Vgl. etwa DM, 33; PAH 52 ff.

[9] Wenn Gehlen auch versucht, Primitivismen als „positiv“ (DM, 86) zu beschreiben und betont, diese nicht als eine Abwertung aufzufassen (ebd.), ist der Vergleich der morphologischen Ausgangssituation des Menschen mit den unzähligen Organvariationen seitens der Tierwelt methodisch unglücklich. Immerhin aber bedeuten ihm tierische Organspezialisierungen immer zugleich Möglichkeitsverluste, etwa bei den „´Flossen´ des Pinguins“. (DM, 87) Dieser Möglichkeitsgewinn beruht letztlich dennoch auf menschlicher Defizienz. Vgl. zur Kritik etwa DM, 20.

[10] Das würde sogar den kindlichen Saugreflex betreffen, der als solcher „unsicher“ sei, aber einer tierischen Reflexreaktion am nächsten kommt. Vgl. PAH, S. 86.

[11] Auch dies sei eine „negative Tatsache“. (DM, 35)

[12] Im Hinblick auf diese Beschreibung befindet sich Gehlen in namhafter Gesellschaft: Sowohl Helmuth Plessner mit seiner Behauptung einer „unerträglichen Exzentrizität“ (Plessner, 1975: 311) des Menschen, der sich selbst als ein „ins Nichts gestellt(es)“ (ebd., 316) Wesen begreifen soll, als auch Martin Heidegger, dessen phänomenologische Analyse des menschlichen Da-Seins diesem einen „Lastcharakter“ (Heidegger, 1993: 134) attestiert, betonen gleichermaßen die unhintergehbare Schwere des menschlichen Lebens, wenn sie auch unterschiedliche Schlüsse aus dieser Beobachtung ziehen.

[13] Es drängt sich trotz des Hinweises von Gehlen, „daß es eine vorkulturell faßbare menschliche Natur nicht“ (Gehlen, 1956b: 23) geben könne, die Vermutung auf, ob er nicht dem Menschen einen nie aktuell gewesenen Naturzustand allererst unterschieben muss, um aus seiner daraus entspringenden ´Defizienztheorie´ die übrigen Vermögen ableiten bzw. in ihrer Bedeutung begründen zu können.

[14] Der Topos des bedrohlichen Charakters der Welt durchzieht die Schriften des Anthropologen wie kaum ein anderes Thema. Da ist unter anderem die Rede von einer „Eindrucksflut“ (M, 36), von einem „Druck unmittelbarer Eindrucksfülle“ (ebd.) wie auch von einer „Überflutung mit Wahrnehmungseindrücken“, (M, 39) um nur einige Beispiele anzuführen. Eine solch vage Beschreibung wäre wohl nur durch gesicherte empirische Untersuchungen überhaupt greifbar. Lebensweltlich ist ohnehin fraglich, was als Belastung gilt und was nicht: Dieses Phänomen scheint untrennbar von subjektiven Eindrücken abhängig und nicht ohne weiteres generalisierbar zu sein.

Friedrich Jonas weist auf eine geradezu verdoppelte Belastung hin, die Gehlen selbst nicht thematisiert: „Der realen Belastung des menschlichen Lebens wird noch die Belastung hinzugefügt, die die Einsicht darstellt, daß diese Belastung unaufhebbar mit der menschlichen Natur verbunden ist, und daß sich in dem Fertigwerden mit ihr die wesentliche menschliche Leistung erschöpft.“ (Jonas 1966, 29) Womöglich ist das aus der Belastung abgeleitete Entlastungssyndrom von Gehlen selbst „ anthropologisch mißverstanden “ worden. (Spinner, 1994: 30; kursiv im Original; vgl. Kap. 2.4. dieser Arbeit) Im übrigen tritt neben die Reizüberflutung noch die geburtliche Bewegungsunfähigkeit. (DM, 42)

[15] Gehlen verfällt mit dieser Annahme in eine prekäre Argumentation. Zwar ist der Bezug zur freudschen Triebtheorie unverkennbar, allerdings besteht die Gefahr, dass er die Triebfunktionen unterkomplex beschreibt. Rehberg nennt dies „eine polemische Vereinseitigung“, weil daduch „das Gefährdungsmoment durch die nicht stillstehenden Triebe ... in den Vordergrund“ (PAH, 395) rückt.

[16] Dieser Begriff ist Max Schelers Schrift „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ (1928) entlehnt. An anderer Stelle ist die Rede von einem „polyzentrischen Wesen“, eine Wendung, deren Bedeutung an Plessners drittes anthropologisches Grundgesetz, das des „utopischen Standortes“ erinnert. (Vgl. Plessner, Helmuth: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Kap. 7.)

[17] Diese Kategorie belässt eine vage Differenz zwischen „wirklichem“ und „symbolischen“ Handeln, die Gehlen mitunter nicht dezidiert ausgeführt hat. Vgl. Spinner, 1994: 22.

[18] Der subjektive Handlungsvollzug beinhaltet jedoch keineswegs die Fähigkeit zur Reflexion, diese sei „ausgehängt“ (US, 30), ein gleichzeitiges nebeneinander beider Akte undenkbar. Dieser Schluss scheint einen neuen Dualismus von Handlung und Reflexion zu begründen, wobei dessen „systematische Plausibilität“ (PAH, 394) fragwürdig sei, wie Rehberg in seinem Kommentar bemerkt.

[19] An anderer Stelle ist in diesem Zusammenhang die Sprache von einer „Umschaffung und Bewältigung der Natur“ (DM, 38)

[20] Dieser Gedankengang wird mitunter verständlicher, wenn man die gehlensche Beschreibung des Bewusstseins als „ Phase der Handlung “ (DM, 62; kursiv i. O.) hinzuzieht. Im Rekurs auf C. S. Peirce und W. James übernimmt Gehlen diesen Gedanken aus der Philosophie des Pragmatismus und spricht sich für dessen Auffassung des Menschen als eines handelnden Wesens aus, empfiehlt sogar, diese Betrachtung „jeder anderen vorzuziehen“. (DM, 295) Zu bedenken bleibt, dass die Verkettung von Handlung und Bewusstsein vor allem im Schlaf fraglich wird.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Zwischen Sympathetik und Technokratie. Aspekte von Magie und Technik im Denken Arnold Gehlens
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Philosophie)
Veranstaltung
Grundbegriffe der philosophischen Anthropologie 2: Kultur
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
33
Katalognummer
V22508
ISBN (eBook)
9783638258159
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Institutionentheoretiker Arnold Gehlen lässt in seinem Werk hin und wieder Aspekte des Umgangs mit Technik oder künstlichen Hilfsmitteln im weiten Sinne einfließen und schließt dabei Verweise bzw. Hinweise auf die Magie ein, wenn auch nicht explizit. Diese Arbeit versucht sich dem Feld der Technik, die als anthropologisches Faktum aus den Mängeln des Menschen abgeleitet wird, insofern zu nähern als dass gezeigt wird, wie sie sich von ihren magischen Ursprüngen weit, aber nie ganz entfernt.
Schlagworte
Zwischen, Sympathetik, Technokratie, Aspekte, Magie, Technik, Denken, Arnold, Gehlens, Grundbegriffe, Anthropologie, Kultur
Arbeit zitieren
Marcus Reiß (Autor), 2003, Zwischen Sympathetik und Technokratie. Aspekte von Magie und Technik im Denken Arnold Gehlens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22508

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