Manchesmal beängstigt und des öfteren fasziniert blicken wir auf jene Vielzahl
technischer Konstrukte, die allein menschlicher Kreativität entstammen. Allzu bekannt
und dennoch fremd, bieten sie uns gerade in ihren postmodernen Ausprägungen
Bilder des Schreckens, der heimlichen Verzückung oder sie werden als notwendiges
Übel stoisch hingenommen. Die Technik begleitet den Menschen seit jeher,
hat Leben millionenfach zerstört und unzählige Male erhalten bzw. bereichert.
Mögen die Abschätzungen ihrer Geltung variieren, eine Ambivalenz ihrer Vermögen
bleibt bestehen.
Auf diese Zweideutigkeit weist auch der Anthropologe Arnold Gehlen hin1, dessen
Ausführungen dieser Arbeit ihr Gerüst verleihen werden. Sein überaus differenzierter
Zugang zur Technik, der von kulturkritischen Tönen bestimmt wird, eröffnet
sich über ihre Aspekte als Institution, die Verhaltensentlastungen ermöglicht, indem
sie Aufgaben übernimmt, erleichtert oder einspart. Thema sollen auch jene negativen
Implikationen technischer Prozesse sein, die bei Gehlen in der Behauptung von
Erfahrungsschwund, Primitivisierung und Entsinnlichung münden.
Als Superstruktur (siehe Kap. 4.3.) verstanden, zählt zur Technik auch die Wissenschaft
bzw. ihr erkenntnistheoretisches fundamentum inconcussum, die neuzeitliche
Rationalität. Letztere kann als ihren prominenten Vorläufer die Magie reklamieren,
die rationalere Züge trägt, als gemeinhin angenommen werden könnte.
Nach ersten Hinweisen und Bemerkungen zur Methodologie Gehlens fungiert eine
Skizze seiner Auffassung des Menschen als eines Mängelwesens als Ausgangspunkt
und Überleitung zu den darauf folgenden Umrissen seiner Handlungstheorie.
Da der Mensch und dessen Leben je in Institutionen eingelassen ist und
von ihnen begleitet bzw. gelenkt wird, enden die Voruntersuchungen mit knappen,
ausgesuchten Exkursen zur Institutionentheorie des Deutschen und dem Versuch
einer Sondierung der Bedeutung entlastenden Verhaltens für die menschliche Lebensführung.
Anlass für die darauf folgenden Ausführungen über die Magie ist ein kurzer Abschnitt
in „Die Seele im technischen Zeitalter“. Dort wird sie in ein nahes Verhältnis
gesetzt zur Technik und auf den Spuren dieser Beziehung wird es uns zunächst um
den historischen Aspekt der Magie gehen: [...]
1 Zu den bekanntesten Schriften des Anthropologen, Philosophen und Sozialpsychologen zählen „Der
Mensch“ (1940), „Urmensch und Spätkultur“ (1956) und auch „Die Seele im technischen Zeitalter“
(1957).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Skizzen: „Elementare Anthropologie“
2.1. Zur wissenschaftlichen Methode
2.2. Das biologische Mängelwesen
2.3. Handlung und Lebensführung
2.4. Institutionalisierte Entlastung
3. Magie ... „die kindlichste Technik“
3.1. Der ´entleerte´ Ritus als Mittel
3.2. Der ´sympathetische´ Kosmos
3.3. Stabile Umwelten
3.4. Magie, Technik, Wissenschaft
4. Aspekte der Technik
4.1. Zweideutigkeiten
4.2. Organersatz – Ersatz des Organischen
4.3. Qualitative Übergänge: Die Superstruktur
4.3.1 Entsinnlichung
4.3.2 Primitivisierung
4.4. Machbarkeit
5. Ausblicke
Zielsetzung und Themenfelder
Die Arbeit analysiert das Denken des Anthropologen Arnold Gehlen hinsichtlich der Beziehung zwischen Magie und Technik. Ziel ist es, die Verwobenheit beider Phänomene als Ausdruck menschlicher Welterschließung und Bewältigungsstrategien darzustellen, wobei insbesondere die negativen Implikationen technischer Prozesse wie Entsinnlichung und Primitivisierung kritisch beleuchtet werden.
- Anthropologische Grundlagen der menschlichen Defizienz und Entlastung
- Die historische und funktionale Kontinuität von Magie zu moderner Technik
- Die Rolle der Institutionen als stabilisierende Faktoren menschlicher Lebensführung
- Kritische Analyse der modernen Technik als „Superstruktur“
- Untersuchung von Entsinnlichung und Primitivisierung im technischen Zeitalter
Auszug aus dem Buch
4.2. Organersatz – Ersatz des Organischen
Einführend eine kleine Ouvertüre zur Einstimmung in den thematischen Rahmen dieses Kapitels: „„Die Hand ist das natürliche Werkzeug, aus dessen Thätigkeit das künstliche, das Handwerkzeug hervorgeht.“ (Kapp, 1978: 41)
In der Wendung ´Handwerkzeug´ klingt bereits an, dass es mit den leiblichen Gliedern und technischen Errungenschaften eine besondere Bewandtnis haben könnte. Um sich von seiner organischen Mittellosigkeit lösen zu können, ist der Mensch auf technisch konstruierte bzw. hervorgebrachte Produkte angewiesen: Abgeleitet wird Technik aus den menschlichen Organmängeln.
Waffen, die im Tierreich weitenteils zur Körperorganisation dazugehören, gehen dem Menschen ab und dieser Zustand der Wehrlosigkeit wird nach Gehlen überwunden, indem z. B. Faustkeile oder Knüppel leibliche Angriffsmittel ersetzen. Diese Kompensate sind dabei ungleich effektiver: Die Härte eines Schlagsteines muss Konkurrenz durch Fäuste nicht befürchten. Zu diesen Wirkungssteigernden Mitteln zählen der „Hammer, das Mikroskop (und) das Telefon“. (StZ, 8) Ein drittes Merkmal der Technik ist ihre Entlastungseignung: Beschwerliche oder repetitiv-monotone Arbeiten werden an Maschinen abgetreten. Gehlen ordnet diesen drei Funktionen von Technik drei zugundeliegende Prinzipien zu: Es geht um Organersatz, Organverstärkung und Organentlastung- bzw. Ausschaltung. (Vgl. Ebd.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Ambivalenz technischer Fortschritte und Skizzierung des anthropologischen Rahmens nach Arnold Gehlen.
2. Skizzen: „Elementare Anthropologie“: Erläuterung des Menschen als Mängelwesen und Darstellung der zentralen Handlungs- und Institutionentheorie Gehlens.
3. Magie ... „die kindlichste Technik“: Analyse der historischen und funktionalen Verknüpfung von magischen Praktiken und der Entstehung technischer Rationalität.
4. Aspekte der Technik: Untersuchung der Technik als Superstruktur und Diskussion der negativen Folgen wie Entsinnlichung und Primitivisierung.
5. Ausblicke: Reflexion über die ethische Indifferenz moderner Technik und die Suche nach neuen Formen der Subjektivität und Persönlichkeitsbildung.
Schlüsselwörter
Arnold Gehlen, Anthropologie, Technik, Magie, Mängelwesen, Entlastung, Institution, Handlungstheorie, Superstruktur, Entsinnlichung, Primitivisierung, Machbarkeit, Lebensführung, Kulturkritik, Mensch-Maschine
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Magie und Technik im Werk von Arnold Gehlen und zeigt auf, wie beide Phänomene als menschliche Versuche zur Welterschließung und Entlastung verstanden werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die anthropologische Bestimmung des Menschen als Mängelwesen, die Bedeutung von Institutionen sowie die kritische Auseinandersetzung mit der modernen Technik als allumfassende Superstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine bündige Darstellung der gehlenschen Techniktheorie unter Einbezug ihrer magischen Vorläufer und der resultierenden Herausforderungen für das moderne Subjekt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt dem Ansatz Gehlens, der eine anthropologisch-biologische Untersuchung mit kulturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Analysen verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodischen Vorüberlegungen zur Anthropologie, die Analyse der Magie als „kindlichste Technik“ und die differenzierte Betrachtung technischer Phänomene wie Entsinnlichung und Primitivisierung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Entlastung, Mängelwesen, Superstruktur, Handlung, Institution, Entsinnlichung und Primitivisierung.
In welchem Sinne versteht Gehlen die „Entsinnlichung“?
Gehlen beschreibt damit eine Verengung des Erfahrungshorizontes, da moderne, hochkomplexe wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend abstrakt und für das Individuum nicht mehr unmittelbar sinnlich erfahrbar sind.
Warum betrachtet Gehlen Technik als „Superstruktur“?
Weil Technik in der Moderne nicht mehr nur isoliertes Werkzeug ist, sondern mit Wissenschaft und Industrie zu einem funktionellen Komplex verschmilzt, der die Lebenswelt des Menschen durchdringt und bestimmt.
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- Marcus Reiß (Author), 2003, Zwischen Sympathetik und Technokratie. Aspekte von Magie und Technik im Denken Arnold Gehlens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22508