[...] Unsere Analysen widmen sich dem Schnittpunkt zwischen konstruktivistisch
konnotierten Subjekts- bzw. Lehr-Lernkonzeptionen und deren Berücksichtigung für die
Gestaltung von Softwarearchitekturen. Aufzuzeigen wird sein, in welcher Weise und in
welchem Ausmaß eine Verwertung konstruktivistischer Theoreme Sinn macht und ob
ihrerseits eine Übersetzung bzw. „Digitalisierung“ möglich ist. Ziel ist auch, die
Relevanz des konstruktivistischen Paradigmas für eine Neubelebung der Allgemeinen
Didaktik zu bestimmen.
Zunächst ist es angebracht, das Forschungsfeld dieser Arbeit exemplarisch
abzustecken. Das erste Kapitel dient demzufolge dazu, einen Überblick zu geben über
einige zentrale Aspekte des E-Learning. Dabei werden in kritischer Absicht jene
Themen vorgestellt, denen maßgebliche Relevanz für die Bearbeitung unserer
Aufgabenstellung zukommt.
In einem zweiten Teil soll die Vielgestaltigkeit eines Radikalen Konstruktivismus
transparent gemacht werden. Konstruktiv verweist dabei nicht auf den Umstand, dass
es menschenmöglich ist, lebensdienliche Artefakte schaffen bzw. konstruieren zu
können. In erkenntnistheoretischer Hinsicht ist die Radikalität dieser Position deshalb
bedenklich, weil sie dem Machersubjekt attestiert, Welten schaffen zu können. Auf
welche Weise dieser Schluss gerechtfertigt wird, sollen Exkursionen in die Bereiche
Philosophie, Kybernetik, Neurophysiologie und Kognitionsbiologie nachzeichnen.
Nach diesen Vorüberlegungen liegt die Vermutung nahe, dass der
Konstruktivismus ein gänzlich anderes Verständnis von Lehren und Lernen besitzt, als
z.B. die behavioristische Psychologie. Die dadurch stattfindende theoretische
Neukonturierung des Lehrer-Schülerverhältnisses spielt zumal eine Rolle für die
Konzeption elektronischer Lernhilfen. Anhand bedeutsame Aspekte des Online-
Lernens wird aufgezeigt, inwiefern diese geeignet sind, Lernen á la Konstruktivismus
zu ermöglichen. Schließlich wollen wir in einem letzten Schritt zeigen, warum die
verheißungsvolle Rede von Radikalität eher einem „Strohmann“ (Groeben, 1998: 153)
gleicht und der Konstruktivismus seine Rolle als althergebrachtes Konzept in neuem
Gewand durchaus überzeugend spielt.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. E-LEARNING
2.1 ZUR GESELLSCHAFTLICHEN BEDEUTUNG VON E-LEARNING
2.2 E-LEARNING?
2.3. NETZSTRUKTUREN
2.4 COMPUTERVERMITTELTE KOMMUNIKATION
2.5 LEHR-LERNPLATTFORMEN
2.6 ANFORDERUNGEN AN EIN DIDAKTISCHES „E-DESIGN“
3. DAS RADIKAL-KONSTRUKTIVISTISCHE PROGRAMM
3.1 ERKENNTNISTHEORETISCHE GRUNDLAGEN
3.1.1 Das Realismusproblem
3.1.2 Wahrheit und Anti-Ikonik
3.2 KONSTRUKTIVISMUS UND „WIRKLICHKEIT“
3.2.1 Das kybernetische Lernmodell
3.2.2 Genetische Epistemologie
3.2.3 Kognitionsbiologie
3.2.4 Neurophysiologie
4. EXKURS: LEHR-LERN-VARIATIONEN
4.1 UM-LERNEN
4.2 BELEHREN VERLERNEN
5. DIE UMGEBUNGEN DES LERNENS
5.1 AUTHENTISCHE SIMULATIONEN
5.2 LERNWEGE
5.3 HYPERTEXT UND DIE SEMANTIK DES GEHIRNS
5.4 KOOPERATIVES LERNEN
6. KRITISCHE EINWÄNDE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen konstruktivistisch geprägten Lehr-Lern-Konzeptionen und den Anforderungen moderner Softwarearchitekturen im Bereich des E-Learning. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwieweit das konstruktivistische Paradigma zur Neubelebung der Allgemeinen Didaktik beitragen kann und ob die behauptete Radikalität dieser Theorie bei der Gestaltung digitaler Lernumgebungen tatsächlich trägt oder lediglich ein althergebrachtes Konzept in neuem Gewand darstellt.
- Grundlagen des Radikalen Konstruktivismus
- Die Rolle von E-Learning in der modernen Wissensgesellschaft
- Möglichkeiten und Grenzen computervermittelter Kommunikation
- Anforderungen an ein didaktisches E-Design
- Kritische Analyse konstruktivistischer Lernumgebungen und Hypertext-Systeme
Auszug aus dem Buch
2.4 Computervermittelte Kommunikation
In intersubjektivitätstheoretischer Perspektive stellt sich im Rahmen elektronischer Umgebungen die Frage nach Geltung und Struktur von Kommunikation in neuer Weise. Von Kopräsenz (face-to-face) oder einem sich konstituierenden, vieldeutigen zwischenleiblichen Feld (Merleau-Ponty) kann nicht oder nur noch sehr eingeschränkt gesprochen werden. Mit Metaphern wie „Telepräsenz“ (Döring, 1999: 347), die der Charakterisierung gemeinsam nutzbarer virtueller Kommunikationsumgebungen (Cyberspace) dienen, ist man bemüht, reale Distanzen imaginär schrumpfen zu lassen.
Die Aufhebung gewohnter Kommunikationsmerkmale leiblicher Dialogik durch die Zwischenschaltung digitaler Apparaturen bzw. Speichermedien bringt Flexibilitätsspielräume mit sich, weil Lehr-Lernprozesse (weitgehend) Orts- bzw. Zeitindependent ablaufen können und dies im Hinblick auf individuelles Zeitmanagement als Vorteil interpretierbar ist. Synchrone (zeitgleich; Chat, Videokonferenz) bzw. asynchrone (zeitversetzt; Email, Mailingliste) Teilnahmemöglichkeiten an Veranstaltungen bringen als zumeist auf Schriftlichkeit beruhende, „gesichtslose“ (vgl. Bloh/ Lehmann, 2002: 76) Interaktionsmodi spezifische Eigenheiten bezogen auf den Ablauf kooperativer Lernformen mit sich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Krise der allgemeinen Didaktik und Einführung in das Ziel, das konstruktivistische Paradigma kritisch auf seine Anwendbarkeit im E-Learning zu prüfen.
2. E-LEARNING: Analyse der gesellschaftlichen Bedeutung elektronischer Lernformen sowie technischer Voraussetzungen wie Netzstrukturen und Plattformen.
3. DAS RADIKAL-KONSTRUKTIVISTISCHE PROGRAMM: Wissenschaftstheoretische Exkursionen in Kybernetik, Kognitionsbiologie und Neurophysiologie zur Erläuterung der subjektiven Konstruktion von Wirklichkeit.
4. EXKURS: LEHR-LERN-VARIATIONEN: Diskussion der transformierten Rolle des Lehrenden und der Abkehr von klassischen Instruktionsmodellen zugunsten selbstgesteuerter Lernprozesse.
5. DIE UMGEBUNGEN DES LERNENS: Untersuchung konkreter Lernumgebungen wie authentische Simulationen und Hypertext-Strukturen auf ihre konstruktivistische Validität.
6. KRITISCHE EINWÄNDE: Reflexion über die Grenzen konstruktivistischer Ansätze und deren Tendenz, die Legitimität erzieherischen Handelns durch eine radikale Autonomie-Forderung zu untergraben.
Schlüsselwörter
Radikaler Konstruktivismus, E-Learning, Allgemeine Didaktik, Medientheorie, Konstruktivistische Lerntheorien, Hypertext, Selbstgesteuertes Lernen, Autopoiese, Kognitionsbiologie, Computervermittelte Kommunikation, Didaktisches Design, Instruktionsdesign, Online-Lernen, Lernplattformen, Intersubjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Grundlagen des Radikalen Konstruktivismus und deren Anwendung bzw. Übertragbarkeit auf E-Learning-Szenarien und moderne didaktische Konzepte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Schnittstelle zwischen konstruktivistischen Lerntheorien, Medientheorie (E-Learning) und der kritischen Hinterfragung didaktischer Reformansätze.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Bestimmung der Relevanz des konstruktivistischen Paradigmas für eine Erneuerung der Allgemeinen Didaktik und die kritische Würdigung der Wirksamkeit konstruktivistischer Ansätze in digitalen Lernumgebungen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor nutzt eine interdisziplinäre Literaturanalyse, die philosophische, erziehungswissenschaftliche, kognitionspsychologische und neurobiologische Diskurse einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der konstruktivistischen Kerntheorien (Kybernetik, Genetische Epistemologie, Kognitionsbiologie) und deren Anwendung auf konkrete E-Learning-Formate wie Hypertexte, Simulationen und kooperative Lernplattformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Radikaler Konstruktivismus, E-Learning, Didaktik, Autopoiese und Medientheorie maßgeblich geprägt.
Inwieweit kritisieren Sie das Konzept des "Lerncoachs"?
Der Autor hinterfragt die Stilisierung des Lehrers zum bloßen "Reisebegleiter" und warnt vor einer "Animationsdidaktik", die die Verantwortung für den Lernerfolg zu einseitig auf den Lernenden verlagert.
Gilt "Hypertext" als ideale Lösung für konstruktivistisches Lernen?
Nein, der Autor warnt vor einer "Plausibilitätsfalle" und weist darauf hin, dass die vermeintliche Analogie zwischen den vernetzten Strukturen eines Hypertexts und der Semantik des menschlichen Gehirns wissenschaftlich infrage zu stellen ist.
- Citation du texte
- Marcus Reiß (Auteur), 2003, Voyeurismus und die Alltäglichkeit des Digitalen. Versuch über E-Learning und Konstruktivismus., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22510