Selbstzitat und Wiederholung von Wortmaterial in Georg Trakls Elis-Gedichten


Hausarbeit, 2002

17 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Literaturwissenschaftliche Einordnung des Selbstzitats
2.1. Der Begriff der Intertextualität
2.2. Trakl und die Intratextualität

3. Die Gedichte
3.1. Quelle: Elis-Gedicht I
3.2. Hintergründe der Entstehung

4. Phänomen und Ursprung des Selbstzitats
4.1. Über die Wiederholung von Wortmaterial
4.2. Der Mythos als Ursprung des Selbstzitats
4.3. Die Rolle des Mythos in den Elis-Gedichten

5. Die wiederkehrenden Motive im Detail
5.1. Versuch der Aufschlüsselung von Chiffren
5.2. Die verbindende Figur des Elis
5.2.1. Drei literaturw. Ansätze der Herkunftsbestimmung
5.2.2. Etymologischer Ansatz: Elis der Gott-Mensch
5.2.3. Griechisch-mythologischer Ansatz: Endymion und Elysium
5.2.4. Intertextueller Ansatz: Elis Fröbom
5.2.5. Zusammenfassung
5.3. Christlich-biblische Motive
5.4. Griechisch-mythische Motive
5.5. Bukolische und andere Motive
5.6. Das Traklsche Farbwort Blau

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Leser Traklscher Verse sieht sich anfänglich mit einem Wortgewirr aus unvollständigen Sätzen, bloßen Reihungen und Montagen von scheinbar unvereinbaren Sprachbereichen konfrontiert. Klar dominieren expressionistische Bilder des Untergangs, des Verfalls und der allgemeinen Hoffnungslosigkeit einem bevorstehenden Weltende gegenüber. Doch vergleicht man schon zwei seiner Gedichte miteinander, so fällt auf, dass bestimmte Wendungen, Motive und Bilder immer wiederkehren, praktisch Teil des dichterischen Vokabulars und damit zur obligaten Ingrediens von Trakls Lyrik geworden sind. Sehr deutlich zeigt sich dieses Phänomen in den Elis-Gedichten.

Um sich dem Phänomen auf theoretischer Basis anzunähern, wird zunächst seine formale Einteilung innerhalb der Literaturwissenschaft bestimmt. Danach folgen die Vorstellung eines exemplarischen Gedichts sowie eine kurze Einführung in die biographischen Hintergründe der Entstehung. Der mittlere Teil beschäftigt sich dann mit einer genauen Untersuchung der Selbstzitate; ihre Ursprünge werden mit Hilfe aktueller Forschungsbeiträge diskutiert und definiert. Für die wichtigsten der wiederkehrenden Motive bietet der schließende Teil sodann einen Versuch der semantischen Aufschlüsselung.

2. Literaturwissenschaftliche Einordnung des Selbstzitats

2.1. Der Begriff der Intertextualität

Die Wiederholungen von Wortmaterial in verschiedenen Texten in Form von literarischen Inhalten, wie Redewendungen, Metaphern, Bildern und Symbolen, aber auch von Personennamen, ist eine Erscheinung der Intertextualität. Auch wenn dieser Begriff erst 1967 von der bulgarischen Semiologin Julia Kristeva geprägt und popularisiert wurde, so existiert das Phänomen der Intertextualität selber bereits seit der Antike: In seinen Arbeiten zur Rhetorik und Poetik entwickelt Aristoteles den Begriff der Mimesis und begründet das Entstehen jeglicher Künste durch den natürlichen Trieb des Menschen zur Nachahmung. Doch erst knapp zweitausend Jahre später wird diese Hypothese Bestandteil einer literaturwissenschaftlichen Hermeneutik. Die frühen 60er Jahre standen im Zeichen des Strukturalismus und des New Criticisms: Beide Theorien favorisierten werkimmanente Analysen, die jeden geschriebenen Text als geschlossene Einheit ansahen. Für die Strukturalisten existierte der Text in einem Vakuum und musste unabhängig von äußeren Faktoren wie etwa der Biographie des Autors und den kulturellen Einflüssen seiner Zeit untersucht werden. Der Paradigmenwechsel kam durch Julia Kristeva und die Einführung ihres Intertextualitätsbegriffes in die Literaturwissenschaft. Laut Kristeva baut sich jeder Text „als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes.“[1] Dabei wird davon ausgegangen, dass der Text in seiner Bedeutung nicht mehr durch den Autor festgelegt werden kann und sich seine Aussage ständig verändert. Vielmehr befinden sich Texte einer Kultur in einem ewigen Dialog, der nicht als „diachrone Textkette zu verstehen ist, sondern als offener Raum, als Textuniversum.“[2] Seitdem Menschen Texte produzieren, stehen diese im Bezug zueinander – dies bildet letzten Endes die Basis zu jeder kulturellen Entwicklung, denn diese ist auf elementarer Ebene nicht mehr, als die Verbindung und Weiterentwicklung menschlicher Gedanken und Aussagen.

2.2 Trakl und die Intratextualität

Gilt das Prinzip der Intertextualität in Bezug auf das Gesamtverhältnis der Literaturen untereinander, so liegt das gleiche Phänomen anders, wenn es nur im Gesamtwerk eines einzelnen Autors vorkommt. Denn besteht dort ein wiederholtes, bisweilen regelmäßiges Vorkommen von bestimmten Motiven und Bildern, ungeachtet von literarischen Beeinflussungen durch andere, so lässt sich von einer Intratextualität sprechen. Sie ist gewissermaßen die Intertextualität auf mikrokosmischer Ebene, denn der Werkzyklus eines einzelnen Autors wird als abgekapselte Einheit betrachtet.

So lässt sich der Begriff der Intratextualität auch auf Trakl übertragen, in dessen Gedichten sich Wiederholungen nicht nur von einzelnen Bildern, sondern von ganzen lyrischen Formen feststellen lassen. Der Frage, was den Dichter dazu veranlasste, in neu geformten Gedichten immer wieder auf bekannte Motive zurückzugreifen, soll nun im Einzelnen nachgegangen werden. Als Grundlage für die Untersuchung dient insbesondere das folgende Gedicht aus dem Elis-Zyklus:

3.0. Die Gedichte

3.1. Quelle: Elis-Gedicht I.

An den Knaben Elis[3]

1 Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,

Dieses ist dein Untergang.

Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

Laß, wenn deine Stirne leise blutet

5 Uralte Legenden

Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,

Die voll purpurner Trauben hängt

Und du regst die Arme schöner im Blau.

10 Ein Dornenbusch tönt,

Wo deine mondenen Augen sind.

O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Dein Leib ist eine Hyazinthe,

In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.

15 Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt

Und langsam die schweren Lider senkt.

Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

3.2. Hintergründe der Entstehung

Um den Gegenstandsbereich zu fokussieren und gleichzeitig zu beleuchten, ist es unerlässlich einen Blick auf die Entstehungshintergründe zu richten und auf die Chronologie der Elis-Gedichte einzugehen. Das Jahr 1913 führte Trakl zum wiederholten Male seine Unfähigkeit zu einem geregelten bürgerlichen Leben vor Augen: Drei mal bewarb er sich um Positionen in Wiener Ministerien, zwei Mal trat er die ihm daraufhin zugestandenen Stellen an, doch beide Arbeitsverhältnisse waren nicht von langer Dauer. Seine beruflichen Misserfolge und die weiterhin bestehende finanzielle Abhängigkeit von Freunden verstärkten Trakls desolates Seelenleben, dem seit seiner frühen Jugend an Drogen gewöhnte Dichter[4] dienten nun immer häufiger Alkohol und Opiate als Mittel der Realitätsflucht und Abbau von Berührungsängsten. Auf Anraten Ludwig von Fickers reiste Trakl Anfang April zum Schloss Hohenburg, ein idyllisch gelegenes Herrenhaus zwischen Lans und Igls. Die drei Monate seines Aufenthalts bewirkten neben einer vorläufigen Erholung auch literarische Inspiration. Trakl arbeitete hier an seinen Entwürfen der Elis-Gedichte. „An den Knaben Elis“ erschien am 1. Mai 1913 im Brenner, hierauf wurde es in Trakls erste Sammelausgabe seiner „Gedichte“ aufgenommen. Zwei Monate später folgt die Veröffentlichung von „Elis“.

Einen expliziten Gebrauch des Knabennamen findet sich zudem ein Jahr darauf in dem Else Lasker-Schüler in Verehrung gewidmeten Gedicht „Abendland“. Nach Trakls Tod wird in dessen Nachlass eine Postkarte entdeckt. Sie ist auf den 26.05.1913 datiert und mit einem handschriftlichen Fragment Trakls versehen: „Ein Kreuz ragt Elis / dein Leib auf dämmernden Pfaden.“[5] Darüber hinaus findet sich in Trakls Gesamtwerk eine Vielzahl von Anlehnungen an den Knaben als zentrales Gedichtmotiv, so etwa in Klage oder Grodek.

4. Phänomen und Ursprung des Selbstzitats

4.1. Über die Wiederholung von Wortmaterial

1951 veröffentlichte Josef Leitgeb die Ergebnisse einer Auszählung, die er an einem Textbestand von 2000 Wörtern in Trakls Lyrik vorgenommen hatte. Gleichzeitig verglich er das dabei untersuchte Vokabular mit dem Goethes und Rilkes. Hier ist es augenscheinlich, dass sich in Trakls Werken gegenüber den beiden genannten zuvor Dichtern eine große Anzahl von Haupt- und Eigenschaftswörtern finden lässt. Während Leitgeb bei Trakl 630 bzw. 359 von ihnen zählte, waren es bei Goethe 454 bzw. 193, bei Rilke hingegen nur 347 bzw. 189. Die Wirkung der Traklschen Verse sei „geradezu praegrammatisch, praelogisch“, so Leitgeb das Ergebnis kommentierend.

Um die offensichtlichen Wiederholungen von Wortmaterial bei Trakl näher zu untersuchen, führte Leitgeb eine genaue Wortfeldanalyse durch, die folgende Ergebnisse brachte: Innerhalb des Traklschen Werkes finden sich an 358 Stellen die Substantive „Schatten“, „Abend“, „Nacht“, „Stern“ und „Wald“. Zu den oft wiederholten Verben zählen „sinken“, „vergehen“, „versinken“ und „zerbrechen“. Das mit Abstand häufig benutzte Farbwort ist „schwarz“. Laut Leitgeb dominieren diese Begriffe, die zweifelsohne der Untergangsmetaphorik zugehörig sind, das Wortfeld jedoch nicht, sondern befinden sich im Gleichgewicht mit Begriffen positiver Semantik; meist Wörter wie „Stille“ (an 33 Stellen), „Gott“ (30) und „Engel“ (29), aber auch das positiv-göttlich geprägte Traklsche Farbwort „blau“ (91) lässt sich oft finden.[6]

Killy bezeichnet den kontrastierenden Gebrauch von solch gegensätzlichen Figuren als „ein Widerspiel zwischen Drohung und Schutz, Wärme und Eiseskälte.“[7] Für Killy unterstehen sie jedoch nicht einer klar definierten Symbolik, sondern sind viel mehr „Teile eines in sich selbst, wiewohl mühsam, zu begreifenden Systems von Chiffren.“[8] Die Figuren entwickeln sich ständig weiter, fusionieren oder kombinieren sich neu und bleiben ambivalent, so dass sich der Leser jedes Mal erneut auf spontane Assoziationen einlassen muss. „Das magische Verwandlungsspiel, das Trakl mit den Erscheinungen der Natur spielt, ergreift den Menschen.“[9] Dieser hermetische Charakter der Figuren verbietet eine verbindliche Interpretation, „die Chiffre wird wirksam im Ganzen des Gedichts, sie hat ästhetischen und thematischen Wert, indem sie sich mit kaleidoskopisch wechselnden Figurationen der natürlichen Welt verbindet.“[10]

Um dem unwillkürlich und zufälligen Anschein des Figurengebrauchs entgegenzuwirken, bietet die Betrachtung der Entstehungsvarianten näheren Aufschluss: Als Grundlage dienen die erste und zweite Fassung von „Elis“. Während anfänglich die Natur- und Idyllbeschreibungen die Figur des Elis in den Hintergrund stellten, setzt die zweite Fassung, nun strophisch strukturiert, den Knaben in seiner Vollkommenheit in den Mittelpunkt. Dabei fällt auf, dass Trakl die „leeren Netze“ der Fischer gegen „schwere Netze“ austauscht. Grapow sieht in dieser Wandlung eine Verstärkung des „Gefühls der Vollkommenheit“[11]. Dieser Austausch ist demnach ein Indikator für sorgfältige Überlegungen, die Kombinationen sind also weder beliebig noch willkürlich, sondern Produkt genauer lyrischer Kompositionen.

[...]


[1] Kristeva: Bachtin, S. 348.

[2] Brackert: Literaturwissenschaft, S. 679.

[3] Sauermann: Georg Trakl, S. 433 (jüngste Textstufe des Gedichtes).

[4] Vgl. Weichselbaum: Biographie, S. 45.

[5] Sauermann: Georg Trakl, S. 448.

[6] Vgl. Rusch: Voraussetzungssystem, S. 279.

(Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse)

[7] Killy: Dichtung Georg Trakls, S. 19.

[8] Ebenda, S. 19.

[9] Ebenda, S. 26.

[10] Killy: Dichtung Georg Trakls, S. 26.

[11] Grapow: Elis-Gedichte, S. 49.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Selbstzitat und Wiederholung von Wortmaterial in Georg Trakls Elis-Gedichten
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Note
2+
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V22567
ISBN (eBook)
9783638258623
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Schwerpunkte der Arbeit liegen auf der Analyse der Selbstreflexivität von Trakls Lyrik sowie auf den intra- und intertextuellen Bezügen von &quot,An den Knaben Elis&quot,.
Schlagworte
Selbstzitat, Wiederholung, Wortmaterial, Georg, Trakls, Elis-Gedichten
Arbeit zitieren
Andre Vatter (Autor), 2002, Selbstzitat und Wiederholung von Wortmaterial in Georg Trakls Elis-Gedichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22567

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Selbstzitat und Wiederholung von Wortmaterial in Georg Trakls Elis-Gedichten



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden