Wegweisende Ausweglosigkeiten. Zu Diltheys 'Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften'


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

58 Seiten, Note: sehr gut (1.0)


Leseprobe

INHALT

I. EINLEITUNG
Die geschichtliche Welt: Subjekt oder Objekt ihres Auf­baus?

II. HAUPTTEIL
Ausweglosigkeiten im Aufbau der geistesgeschichtlichen Welt
1. Naturwissenschaft - Geisteswissenschaft
2. Erlebnis - Ausdruck - Verstehen: Die Methode der Geistes­wissenschaften
2.1 Erleben/Nacherleben
2.2 ‘Ausdruck’/Verstehen’
3. Die Aporie der Geistes/Wissenschaften
3.1 Psychologische Hermeneutik vs. Geschichtshermeneutik
3.1.1 ‘mens auctoris’ - ‘Sache selbst’
3.2 Transzendentale Erkenntnistheorie vs. Lebensphilosophie
3.2.1 „Begründung durch Transzendentalphilosophie“
3.2.2 Unergründlichkeit durch Lebensphilosophie
4. Strukturelle Synthesis
4.1 Dialektik Teil - Ganzes
4.2 Einheit des Sinns und Geschichtsteleologie
5. ‘Pragmatic turn’? Zu Diltheys ‘objektivem Geist’

III. AUSBLICK auf Wegweisendes
1. Geschichtliche Selbst/Determination
2. Post-Geschichte zwischen Fatalismus und Freiheit

IV.BIBLIOGRAPHIE

I. EINLEITUNG

Die geschichtliche Welt: Subjekt oder Objekt ihres Aufbaus?

„In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr. Lange bevor wir uns in der Rückbesinnung selber verstehen, verstehen wir uns auf selbstverständliche Weise in Familie, Gesellschaft und Staat, in denen wir leben. Der Fokus der Subjektivität ist ein Zerr­spiegel. Die Selbstbesinnung des Individuums ist nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens. Darum sind die Vorurteile des einzelnen weit mehr als seine Urteile die geschichtli­che Wirklichkeit seines Seins.“[1]

Gadamers These „In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr“ bewegt sich zwischen den Polen Ge­schichts/hörigkeit und Selbstbesinnung und bringt damit eine Spannung zum Ausdruck, die seit der Mitte des 19.Jahrhunderts, seit den ersten Historismus-Debatten als konstitutiv für das - problematische - Selbstverständnis der Geisteswissenschaften gelten kann: Je nachdem, ob der Mensch Objekt oder Subjekt der Geschichte ist, wird sein geistiges Wissen, seine Geisteswissenschaft entweder historisch bedingt, also tendenziell historistisch oder unbedingt subjektiv, also tendenziell subjektivistisch zu nennen sein. Wie in einem Stromkreis die an die Spannungsquelle angeschlossenen Pole Elektronenüberschuß bzw. Elektronenmangel aufweisen, so gibt es auch im metaphorischen „Stromkreis des geschichtlichen Le­bens“, eine Übermacht und ein Freisein von Geschichtlichkeit - wenn anders der Stromfluß nicht zum Erliegen kommen soll. Nicht nur das geistige Wissen selbst, sondern auch das Wissen vom geistigen Wissen: die methodische Selbstvergewisserung der Geisteswissenschaft ist mithin doppelt gepolt, und es ist eben diese Polarität, die das geistige (Gründe)Wissen befä­higt, die für den Stromfluß erforderliche Spannung aufzubauen. Der ‘Aufbau der geschichtlichen Welt’, scheint es, ist sowohl Vermögen als auch fait accompli - was Diltheys Metapher des Aufbaus: der Auf/Schichtung ge/schichtlicher Welt plastisch zum Ausdruck bringt: Geschichte, sofern sie eine in den Gei­steswissenschaften aufgeschichtete, strukturierte ist, stellt einen „ideellen Zusammenhang“ dar, „in welchem auf der Grund­lage des Erlebens und Verstehen in einer Stufenfolgen von Lei­stungen sich ausbreitend das objektive Wissen von der ge­schichtlichen Welt sein Dasein hat.“[2]

Dem Changieren zwischen einem ideellen Zusammenhang und der objektiven Manifestation desselben entspricht die doppelte, in der Bildlichkeit des Stromkreises: bipolare Lesbarkeit des Ge­nitivattributs im ‘Aufbau der geschichtlichen Welt’: Entweder die geschichtliche Welt ist genitivus subiectivus oder sie ist genitivus obiectivus ihres Aufbaus: Entweder sie baut sich selbst auf oder sie wird aufgebaut, entweder der Mensch ist ein „geschichtliches Wesen“ (364) oder die Geschichte ist eine menschliche, d.h. von Menschen gemachte.

Wenn die Geschichte genitivus subiectivus ihres Aufbaus ist, und zwar eines Aufbaus, der sich den Geisteswissenschaften, gleich einer Schicht von Sedimentgestein, einprägt, um deren Vorurteile über Geschichte auszuprägen, so müßte sich ein Gei­steswissenschaftler, der über die Möglichkeit von Subjektivi­tät reflektierte, auf die Realgeschichte besinnen: Wäre das Subjekt in diesem Fall doch je schon Objekt eines geschichtli­chen Aufbaus.

Wenn die Geschichte genitivus obiectivus ihres Aufbaus ist, so ist der Aufbau in den Geisteswissenschaften ein Aufbau von den Geisteswissenschaften, konkreter: von deren Agenten; die Gei­steswissenschaftler selbst ‘machen’ Geschichte. Ein Geistes­wissenschaftler, der es unternähme, über Geschichte zu reflek­tieren, müßte sich in diesem Fall auf sich selbst besinnen.

Exemplarisch seien die bipolaren Lesarten auf die Revolution von 1848 bezogen:

Wenn die Geschichte das Subjekt, wir aber das Objekt ihres Aufbaus sind, dann gehört 1848 in Wahrheit nicht uns, sondern wir gehören 1848 - in der Weise, wie wir auch 1871 und 1919 und 1933 und 1949 gehören, und wir hören dabei auf das, was uns heute, 1998, anspricht. So brachte Bundespräsident Roman Herzog in seiner Rede zum 150. Jahrestag der Paulskirche zu Gehör, was in unser Heute gehört:

„Heute wie damals stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära: sei­nerseits zur Ära der Industriegesellschaft, heute zur Ära der Informationsgesellschaft. Und: Damals ging es um die Errichtung des demokratischen Nationalstaats, heute um den Bau des geeinten, demokra­tischen Europas.“[3]

Wer will, kann hier heraushören, daß wir Geschichte nur über Geschichte, in diesem Fall: über Zeitgeschichte verstehen, daß wir im ‘historistischen Zirkel’ sitzen: Wie man, um auf sich reflektieren zu können, immer schon sich voraussetzen muß, wie man, um verstehen zu können, immer schon ein Vorverständnis einbringen muß, so steht, wer Geschichtswissenschaft betreibt, selber schon in geschichtlichen Zusammenhängen, so bleibt, wer auf Geschichte hört, in seiner Geschichtshörigkeit befangen: Die Geschichte wäre das Subjekt einer geschichtlichen Welt, die geisteswissenschaftliches Wissen auf Gegenständlichkeit reduzierte.

Kann die Geschichte aber wirklich Subjekt ihres Aufbaus sein? Ist es, um Herzogs Aktualisierungsversuch aufzugreifen, die Geschichte, die das geteilte Europa zum vereinigten und die Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft macht, oder sind es unsere Politik und unsere E-Mail-Adressen und unsere Online-Relations, die wir unterhalten - oder nicht unterhal­ten, denn so frei, es auch bleiben zu lassen, sind wir ja? - Natürlich ist man im „Stromkreis des geschichtlichen Lebens“ nicht immer gleich frei, natürlich ist das Kaiserreich nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in eins zu setzen. Der Historismus wäre also auf die Metaebene zu verla­gern, so daß die Entscheidung über die Frage, ob die Ge­schichte uns oder wir der Geschichte gehören, ihrerseits ab­hinge von der geschichtlichen Situation, in der darüber befun­den werden soll. In diesem Sinne stellt Manfred Riedel in sei­ner Einleitung zu Diltheys Aufbau der geschichtlichen Welt im­plizit die These auf, daß die Historische Schule nicht über die Historie, sondern die Historie, in diesem Fall die Ge­schichte der gescheiterten 48-er Revolution, über die Histori­sche Schule verfügte und sie allererst hervorbrachte. Riedel führt aus:

„Nicht zufällig gewann der Begriff der ‘Geschichtlichkeit’ erst in je­ner Epoche nach 1848 feste Konturen, als das Bürgertum unter dem Ein­druck der gescheiterten Revolution den von der klassischen deutschen Philosophie erhobenen Anspruch der Vernunft und damit seine eigenen Ansprüche auf eine vernünftige Leitung preisgab und politisch resi­gnierte.“[4]

Nun kann man sich fragen, ob ‘Resignation’ eine geschichtsim­manente Größe ist oder nicht eher einen psychischen Zustand bezeichnet - wobei zu einem psychischen Zustand eine Person gehört, die ihn hat. Je nachdem man nun der Person oder ihrem Zustand das Primat erteilt, ergeben sich unterschiedliche Mo­dalitäten: Wenn man den Zustand für zuständig erklärt, muß es, muß es notwendigerweise so kommen, wie es realgeschichtlich kommt. Ist dagegen die Person zuständig, so wird historischer Wirklichkeit die Möglichkeit freien Handelns vorausgesetzt.

Die Frage, ob wir der Geschichte oder die Geschichte uns ge­hört, führt also letztlich in die Polarität von Determinismus und Freiheit, objektiver Notwendigkeit und subjektiver Hand­lungsmöglichkeit: in den Dualismus zweier Geschichtsmodelle.

Das objektiv - deterministische Geschichtsmodell nimmt eine na­turgesetzliche Vernetzung von Ereignissen, Handlungen, Erfah­rungen an. Eine Geschichts-Wissenschaft, die dieses Modell zugrunde legt, wird eine Methode wählen, die der na­tur/deterministischen Verfaßtheit ihres Gegenstandes ent­spricht: also Analyse von Wirkungszusammenhängen durch „Induktion und Experiment“, Formulierung von „Definitionen und Axiome[n]“ auf der Basis von „Abstraktion“ (107), kurz: Sie wird natur/wissenschaftlich verfahren und Geschichte nach dem ‘Satz vom Grund’, nach dem „Kausalgesetz“ zu erklären versu­chen (ebd.).[5]

Das subjektiv - freiheitliche Geschichtsmodell dagegen ist inso­fern frei vom Satz vom Grund, als es Ereignisse immer auch als Ereignisse im Seelen/Leben auffaßt, d.h. als Erlebnisse, in denen neben der Rationalität auch Gefühlsimpulse (affektive Dimension) und Handlungsinteressen (voluntative Dimension) zum Tragen kommen, wo also ein irrationaler Rest bleibt - der ge­rade aufgrund seiner Irrationalität „lebendig“, „lebengesättigt“ heißen kann (142).

Eine Geschichts-Wissenschaft, die dieses Modell zugrunde legt, wird eine Methode wählen, die der ganzheitlichen Verfaßtheit ihres Gegenstandes, der „Dreidimensionalität des vortheoreti­schen Lebens“[6] entspricht: Sie wird, im Sinne der englischen Bezeichnung für ‘Geisteswissenschaften’, hu­man/wissenschaftlich verfahren, wird sich auf den Menschen be­sinnen und dessen Lebensäußerungen zu verstehen versuchen. Mit einem Wort: Sie wird Lebens-Hermeneutik betreiben und ‘Hermeneutik’ auffassen als die Wissenschaft von dem „kunstmäßige[n] Verstehen dauernd fixierter Lebens äußerungen“ (267, Hervorh. v. Verf.).[7]

Propagiert wird somit eine Wissens/Erfahrung, die auf die „ganze Menschennatur“, den „realen Lebensprozeß“ des erkennen­den Subjekts ausgeht[8] und dabei eine dynamische Einheit von Er­kenntnis, Fühlen und Handeln zu stiften vermag.

II. HAUPTTEIL

1. Naturwissenschaft - Geisteswissenschaft

In seinen Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psy­chologie (1894) formuliert Dilthey: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“[9]

Über die Grundopposition von Naturwissenschaften und Geistes­wissenschaften ist hiermit ein Dreifaches gesagt: Erstens wird eine objektive Bestimmung getroffen dahingehend, daß die Na­turwissenschaften die „Natur“, die Geisteswissenschaften „das Seelenleben“ zum Gegenstand hätten. Zweitens wird die Methode genannt, mit der Wissen von der Natur bzw. vom Seelenleben er­worben wird: durch „Erklären“ bzw. „Verstehen“. Drittens ent­hält der Satz die methodologische Voraussetzung, daß zwischen Methode und Gegenstand, vorsichtiger: zwischen Methode und Ge­genstands/Modell ein möglichst unmittelbares Entsprechungsver­hältnis herzustellen sei.

Wenn Dilthey also sagt: „Die Natur erklären wir, das Seelenle­ben verstehen wir“, dann bedeutet das für die Methode der Gei­steswissenschaften, daß sie, je nachdem Geistiges als Naturge­schehen oder als Ausdruck von Seelenleben begriffen wird, den Weg des Erklärens bzw. den Weg des Verstehens zu wählen hat. Um die Implikationen dieser Alternative aufzuzeigen, sei an dieser Stelle eine Begriffsbestimmung des ‘Erklärens’ vorge­nommen, aus der erhellen mag, was mit ‘Verstehen’ nicht gemeint ist (die positive Bedeutungsangabe ist eigens zu ent­wickeln und soll daher erst in Abschnitt 2.2. getroffen wer­den).

Das Historische Wörterbuch[10] definiert ‘Erklären’ als „das Ver­fahren der exakten Naturwissenschaften, für die Erscheinungen Ursachen zu finden“, wobei die Erscheinungen als zufällige Ge­gebenheiten aufgefaßt werden. Diese Zufälligkeit suche der Verstand durch einen Kausalitätskalkül zu überbrücken, der „jede einzelne Erscheinung“ zu einem notwendigen Glied inner­halb einer „Kette aufeinanderfolgender und einander bedingen­der Erscheinungen“ mache. Der auf diese Weise hergestellte Zu­sammenhang sei freilich eine „Konstruktion des Verstandes“. Da Erklärung nicht anders denn auf Basis solcher Verstandeskon­struktionen geleistet werden kann, muß sie ihrerseits ab­strakt, hypothetisch bleiben und vermag keine unmittelbare, keine ‘lebengesättigte’ Einheit zu stiften, was eben nur dem ‘Verstehen’ gegeben ist.

Mit der Opposition von Erklären und Verstehen soll nun keines­wegs der Graben zwischen den ‘Two cultures’[11] vertieft werden, vielmehr betont nicht zuletzt Diltheys Spätwerk Der Aufbau der geschichtlichen Welt (1910), „daß die Geisteswissenschaften und die Naturwissenschaften nicht logisch korrekt als zwei Klassen gesondert“ werden könnten (92) - deswegen nicht, weil der Gegenstand der ersteren: das Seelenleben mit dem Gegen­stand der letzteren: der Natur durchaus zusammenhängt, wenn nicht gar kongruiert: Die Human/Medizin[12] hat ebenso wie die Human/Wissenschaften den Menschen zum Gegenstand, und es geht Dilthey nicht darum, hier eine Spaltung zwischen dem körperli­chen und dem geistigen Menschen vorzunehmen. Wenn der Gegen­stand von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft in gewis­ser Hinsicht also noch als genus proximum gelten kann, dann muß das differentium specificum in der Methode liegen: „Die Geisteswissenschaften müssen sich zu der physischen Seite des Menschen anders verhalten als zur psychischen“ (ebd., Hervorh. v. Verf.).

Hier wird bereits deutlich, daß die von Dilthey angestrebte Grund/legung der Geisteswissenschaften auf einen methodischen Letztgrund ausgeht: Die Profilierung der spezifisch geistes­wissenschaftlichen Verfahrensweise soll verhindern, daß die „psychischen Vorgänge“ reduziert werden auf „Interpolationen in dem großen Text der physischen Welt“ (93),[13] mit anderen Worten: Der Emanzipation des geisteswissenschaftlichen Gegen­stands (des „Seelenlebens“, der „psychischen Vorgänge“) geht die Emanzipation der wegsamen Annäherung an denselben voraus - eine methodische Rückversicherung, deren zeitgeschichtlicher Hintergrund wohl im gegen Ende des 19.Jahrhunderts übermäch­tig gewordenen Positivismus zu suchen ist. Im Kontext einer allgemeinen Fortschrittsgläubigkeit forderte dieser, die Me­thoden exakter Naturwissenschaft auf alle weiteren Wissen­schaften zu übertragen.[14] Erst vor dieser szientistischen Folie gewinnt Diltheys Vorhaben, die eigenständige Vorgehensweise der Geisteswissenschaften zu begründen, Konturen: Gerade der Begründungsanspruch erklärt sich aus einem in gewissem Sinne defensiv, wenigstens aber reaktiv zu nennenden Impuls:[15] Wäh­rend etwa die Methoden der Physik gar nicht erst begründet werden mußten, sondern durch die grenzenlos scheinenden tech­nischen Anwendungsmöglichkeiten je schon legitimiert waren, mußte der Geltungsanspruch des geisteswissenschaftlichen Ver­fahren argumentativ abgesichert, erklärt werden. Diltheys be­gründungstechnisches Dilemma, das darin besteht, die Abgren­zung von der Methode der Naturwissenschaft mit der Methode der Naturwissenschaft: mittels Erklärung fundieren zu wollen - oder, mit Rücksicht auf den Zeitgeist, zu müssen -, mag sich hier bereits abzeichnen.

Dieses Dilemma wiegt um so schwerer, als der Schock von 1900: Plancks Quantenhypothese und der Schock von 1905: Einsteins spezielle Relativitätstheorie den Wissensoptimismus des posi­tivistischen Zeitalters erheblich erschüttert hatten, so sehr erschüttert hatten, daß nicht nur das System der Newton’schen Principia untergraben wurde, sondern die Wissenschaft gezwun­gen schien, ihren Systemcharakter selbst in Frage zu stellen. Daß sich Plancks Quantenhypothese eher dem Zufall als einem methodisch stringenten Induktionsverfahren verdankte, mag hierbei von durchaus entscheidender Bedeutung sein:[16] Kam hier doch ein Moment von Irrationalität ins Spiel, das die Natur­wissenschaften nötigte, sich ihrer Methoden methodologisch zu vergewissern und den Verlust klassischer Unschuld: den Um­schlag in die moderne Physik bedeutete.

Inwieweit die Zeitgenossen, inwieweit Dilthey diesen Umschlag registrierte oder gar funktionalisierte, um die Krisis der Na­turwissenschaften in den Kairos der Geisteswissenschaften zu wenden, muß hier offen bleiben. Denkbar wäre immerhin, daß die Emanzipation der geisteswissenschaftlichen Methode im Jahre 1910 mit größerem Selbstvertrauen eingefordert werden konnte als noch 1883, dem Erscheinungsjahr von Diltheys Einleitung in die Geisteswissenschaften: Der Umschlag von Wissensoptimismus in Kulturpessimismus, von der Gründerzeit in die Menschheits­dämmerung legitimierte das Unternehmen einer Lebens-Hermeneu­tik gleichsam ex negativo. Galt es doch erstens, das „optimistisch-vertrauensvolle Verhältnis“ zum Leben zu erneu­ern,[17] und zweitens, hierfür eine Methode bereitzustellen, die vom Szientismus des ausgehenden 19.Jahrhunderts nicht kontaminiert war: die Hermeneutik.

Unschuldig am Aufbau der Titanic-Illusionen (die schon vor 1912 im Abbau begriffen waren), hatte sich die Hermeneutik dem Aufbau der geschichtlichen Welt nämlich nur insoweit gewidmet, als er sich in den Geisteswissenschaften vollzog: Die Beson­derheit des Verfahrens bestand darin, die geschichtliche Welt wie einen zu entziffernden Text zu betrachten.[18] Da aber die historische Wirklichkeit in ihrer Totalität keine „so reine Sinnspur“ wie ein Text hinterläßt, wurde Geschichte auf Gei­stes /Geschichte reduziert, das heißt auf denjenigen Bereich der Realgeschichte, der sich in Geistesprodukten objektiviert hatte, Kulturgeschichte geworden war.

Zwar unterstreicht Dilthey, daß sich die Geisteswissenschaften „naturwüchsig, aus den Aufgaben des Lebens selbst“ entwickelt hätten (89), wenn er im folgenden aber die Geschichte, die Wirtschaftswissenschaft, die Rechtswissenschaft und Politik, die Architektur, die Psychologie, die Literaturwissenschaft, die Musikwissenschaft, die Theologie und Philosophie als ‘Geisteswissenschaften’ bezeichnet, so wird klar, daß sich diese Wissenschaften nur unter einer Bedingung „auf dieselbe große Tatsache: das Menschengeschlecht“ beziehen können. Nur dann nämlich, wenn das Menschsein in objektiver Form, eben als Tat/Sache vorliegt - als historische Quelle, als Bruttosozial­produkt oder Aktienindex, als Parteiprogramm oder Wählerstati­stik, als Jugendstilfassade, als Traum/Material, als Text. Nur dann also können die Geisteswissenschaften in „Beschreibung“, „Begriffen“, „Urteilen“, „Theorien“ zum Ausdruck bringen (89), was das Menschengeschlecht sei, wenn dem wissenschaftlichen Ausdruck ein lebensweltlicher vorangeht. Dieser objektiviert sich einerseits in den „Gebärden, Mienen, Worten“ der Subjekte (90) - damit sind nicht nur Individuen, sondern auch Familien, Verbände, Kultursysteme, Nationen, ja ganze Zeitalter gemeint (91) -, andererseits in staatlichen, kirchlichen und wissen­schaftlichen Institutionen. Die Tatsache ‘Menschsein’ hat folglich eine sowohl individuelle als auch kollektive Dimen­sion, weswegen die Geisteswissenschaften, die diese Tatsache zum Gegenstand haben, nicht auf ein individualisierendes Ver­fahren beschränkt sein dürfen, vielmehr zugleich generalisie­rend vorgehen müssen. Diltheys Unterscheidung zwischen natur­wissenschaftlichem Erklären’ auf der einen und geisteswissen­schaftlichem ‘Verstehen’ auf der anderen Seite kann mit der durch Windelband eingeführten und durch Rickert profilierten Leitunterscheidung zwischen ‘nomothetischer Erkenntnis’ und ‘idiographischer Erkenntnis’, demnach nicht auf einen Nenner gebracht werden kann. Statt dessen soll der „Gegensatz von in­dividualisierender und generalisierender Methodik“ gerade überwunden werden durch die „Erkenntnis der Einzelpersonen, ja der großen Formen singulären menschlichen Daseins überhaupt“[19] - also durch eine Erkenntnis, die einerseits auf die Einzel­person ausgeht, damit aber andererseits das ‘menschliche Da­sein überhaupt’ in seiner universellen Dimension zu erfassen beansprucht. Der klassische Grundsatz ‘De singularibus non est scientia’ wird hier unterlaufen: Auch und gerade mit Blick auf den einzelnen können allgemeine, für jeden weiteren einzelnen gültige Aussagen getroffen werden; der Aufbau der geschichtli­chen Welt erfolgt somit von den unteilbaren Lebenseinheiten, den Individuen her.[20]

Mit Gadamer kann man hierin eine Reprivatisierung der Ge­schichte aus dem Geiste des romantischen Subjektivismus sehen[21] und die kritische Frage stellen, „ob das Wissenschaftliche der Geisteswissenschaften nicht auf unmethodischen Bedingungen“ basiert, wenn es seinen Ausgang von der ‘Selbstbesinnung’ und dem ‘Innesein’ der Erlebnisse nimmt.[22]

Tatsächlich scheint sich geisteswissenschaftliches Verstehen bei Dilthey, konträr zum Rationalismus der Aufklärung, weniger auf deduktiver Stringenz als auf Einfühlungsvermögen zu grün­den: auf dem, was Helmholtz ‘psychologischen Takt’ nennt. Das ist aber nur die eine Seite, und daß es nur die eine Seite ist, daß andererseits ein erkenntnistheoretisches Begründungs­interesse besteht, macht gerade Diltheys Aporie aus: Der „Macht des Irrationalen“ (184) nähert er sich auf spezifisch rationale, methodisch-systematische Weise. Rationales hinge­gen, den ‘objektiven Geist’ in seinen jeweiligen Manifestatio­nen, versucht Dilthey durch lebensphilosophisches und damit - wenigstens partiell - irrationales ‘Innesein’ zu erfassen.[23] Dieses ‘Innesein’ geht hervor aus der dynamischen Einheit von Erleben, Ausdruck und Verstehen, deren Vollzug als geisteswis­senschaftliche Methode par excellence präsentiert wird. Diese ist im folgenden näher zu bestimmen, wobei insbesondere ge­prüft werden soll, ob die gegenüber den Naturwissenschaften beanspruchte Eigenständigkeit gewährleistet ist. Daß sich der Anspruch auf Eigenständigkeit in mancher Hinsicht darauf be­läuft, es dem anderen ‘gleich zu tun’ - performativer Selbst­widerspruch einer jeden Emanzipationsbewegung -, dürfte be­reits deutlich geworden sein. Die Ausweglosigkeit, die sich daraus ergibt, Unergründliches begründen, per Methodenkalkül berechnen zu wollen, hängt hiermit unmittelbar zusammen.

2. Erlebnis - Ausdruck - Verstehen: Die Methode der Geistes­wissenschaften

Zunächst kann freilich keine Rede davon sein, daß die Geistes­wissenschaften im Sinn hätten, es den Naturwissenschaften gleich zu tun. Diltheys erklärte Absicht ist es vielmehr, es anders, ganz anders zu machen, die Menschheit nicht als „physische Tatsache“ aufzufassen, sondern mittels der Einheit von Erleben, Ausdruck und Verstehen das „eigene Verfahren“ zu begründen, „durch das die Menschheit als geisteswissenschaft­licher Gegenstand für uns da ist“ (98, Hervorh. v. Verf.). Erst durch dieses Verfahren, so Dilthey, sei ein „ganz klares Merkmal“ gewonnen, „durch welches die Abgrenzung der Geistes­wissenschaften definitiv vollzogen werden“ könne (98f.).

[...]


[1] Gadamer, Wahrheit und Methode, 281 [260/261]. Aus Wahrheit und Methode wird im folgenden nach der 6.Auflage zitiert; die alte Paginierung wird dabei in eckigen Klammern angegeben.

[2] Dilthey, Wilhelm: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswis­senschaften. Einleitung von Manfred Riedel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 51997, S.101, Hervorh. v. Verf. Nach dieser Ausgabe wird im fortlaufenden Text mir einfachen Seitenangaben in Klammern zitiert.

[3] Herzog, „Ein neues Zeitalter der Demokratie“.

[4] Riedel, Einleitung, 17 f.

[5] Daß das Kausalitätsprinzip, d.h. die „Vorstellung von der allgemeinen notwendigen Verknüpftheit der Erscheinungen untereinander“ auf die Annahme eines abstrakten, naturgesetzlichen Determinismus führt, erläutert Erwin Schrödinger (Was ist ein Naturgesetz?, 10) wie folgt:

Über die Erfahrung hinaus wird als allgemeines Postulat aufgestellt, daß auch in solchen Fällen, in denen es noch nicht gelungen ist, die bedingen­den Ursachen eines bestimmtes Erscheinungsablaufes zu isolieren, solche doch angebbar sein müssen, oder mit anderen Worten, daß ein jeder Naturvor­gang absolut und quantitativ determiniert ist mindestens durch die Gesamt­heit der Umstände oder physischen Bedingungen bei seinem Eintreten. In die­sem Postulat, das wohl auch als Kausalitätsprinzip bezeichnet wird, werden wir durch fortschreitende Erkenntnis spezieller bedingender Ursachen stets aufs neue bestärkt. Als Naturgesetz nun bezeichnen wir doch wohl nichts anderes als eine mit genügender Sicherheit festgestellte Regelmäßigkeit im Erscheinungsablauf, sofern sie als notwendig im Sinne des oben genannten Postulats gedacht wird.“

[6] Jung, Dilthey zur Einführung, 8.

[7] ‘Kunstmäßig’ wäre dabei nicht nur im Sinne von ‘tecnh’ zu lesen, vielmehr spricht Dilthey explizit von „philologische[n] Kunst“ (268).

[8] Dilthey, Einleitung, XVIII.

[9] Ders., Ideen, 144.

[10] Bd. II, Sp. 690-692.

[11] Snow, The two cultures and the scientific revolution.

[12] - Dilthey nennt die „Physiologie“ (ebd.) -

[13] Ein solcher Physikalismus findet sich etwa im erstmals 1843 erschienenen System der deduktiven und induktiven Logik von John Stuart Mill. Der menschliche Wille, heißt es hier, „verursacht unsere körperlichen Tätigkei­ten in demselben und in keinem andern Sinne, in dem die Kälte Eis, oder in dem ein Funke die Explosion des Pulvers verursacht“ (III, 5, §9); Inten­tionalität und Finalität werden als physikalische Funktionen betrachtet: „Die Ursachen, um die ich mich bekümmere, sind nicht urwirkende, sondern physikalische Ursachen […]. Ich fühle mich nicht berufen, über die urwir­kenden Ursachen (causae efficientes) eine Meinung abzugeben“ (ebd., §2).

[14] Diese szientistische Selbstgewißheit der Jahrhundertwende, einhergehend mit gründungszeitlicher Saturiertheit, dokumentiert sich exemplarisch in der Situation der klassischen Physik: Man schien auf dem Gipfel des Wissba­ren angelangt zu sein und riet einem Niels Bohr davon ab, Physik zu studie­ren, weil ja doch schon alles erforscht sei.

[15] Ins Lebensphilosophische gewendet, schlägt dieser Impuls allerdings ins geradezu Offensive, Revolutionäre um: Als Gegenbegriff zur reduktioni­stisch-verengten Wissenschaftsgläubigkeit der Positivisten ist ‘Leben’ im­mer auch „Kampfbegriff“ (Bollnow, Lebensphilosophie, 4).

[16] Bei den Experimenten, die zur Annahme einer Quantelung des Lichtes führ­ten, war es Planck zunächst um das Gesetz der Wärmestrahlung zu tun gewe­sen. Die bahnbrechende Erkenntnis, daß der Oszillator, also das strahlende Atom, seine Energie nicht ständig ändern, sondern nur einzelne Energiequan­ten aufnehmen, nur in diskreten Energiestufen existieren kann, entsprach ganz und gar nicht Plancks Intention, ja, „war so verschieden von allem, was man aus der klassischen Physik wußte, daß Planck sich sicher am Anfang geweigert hat, es zu glauben“ (Heisenberg, Quantentheorie und Philosophie, 4). Malgré lui also hatte Planck den Anstoß zu einer Entwicklung gegeben, die mit dem durch Einstein (1905/1909) festgeschriebenen Dualismus von Welle und Teilchen zur Kollision zweier denkbar fundamentaler Lehrsätze der klassischen Physik führte - derart, daß die Konstruktion fugenloser Gedan­kengebäude fortan unmöglich schien.

[17] Bollnow, Lebensphilosophie, 1.

[18] Vgl. Gadamer, Wahrheit und Methode, 245 [227/228].

[19] Dilthey, Die Entstehung der Hermeneutik, 317.

[20] Vgl. Riedel, Einleitung, 77.

[21] Vgl. Gadamer, Wahrheit und Methode, 281 [260/261].

[22] Ebd., 13 [5/6].

[23] Gadamer (ebd., 71) hingegen, der Diltheys ‘Innesein’ mit der Cartesi­schen ‘res cogitans in Vergleichung stellt, scheint die Reflexivität der Selbst/Besinnung als primär rationale zu begreifen.

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Details

Titel
Wegweisende Ausweglosigkeiten. Zu Diltheys 'Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften'
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar 'Moderne Theorien des Verstehens'
Note
sehr gut (1.0)
Autor
Jahr
1998
Seiten
58
Katalognummer
V22748
ISBN (eBook)
9783638260176
ISBN (Buch)
9783638701464
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wegweisende, Ausweglosigkeiten, Diltheys, Aufbau, Welt, Geisteswissenschaften, Hauptseminar, Moderne, Theorien, Verstehens
Arbeit zitieren
Sandra Kluwe (Autor), 1998, Wegweisende Ausweglosigkeiten. Zu Diltheys 'Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22748

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