Nach einem kurzen Überblick über die Problemstellung und den Aufbau der vorliegenden
Arbeit soll im Folgenden ein Einblick in die bisher weit verbreitete neoklassische
Wirtschaftstheorie gegeben werden. Über die Bedeutung der Psychologie bei der Beschreibung ökonomischen Verhaltens war
man lange Zeit uneins. Die Ansicht, dass die Psychologie menschliche Entscheidungen auch
im wirtschaftswissenschaftlichen Umfeld geeignet zu beschreiben in der Lage ist, gilt
mittlerweile jedoch als fundiert. Auch die immer weiter steigende Zahl von
Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet verdeutlicht dies. So ging der Nobelpreis für
Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2002 für eine Arbeit über die Bedeutung der Psychologie
in der ökonomischen Theorie an Daniel Kahnemann und Vernon L. Smith.
Die zugrundeliegende Fragestellung dieses Forschungsgebietes richtet sich auf die
Vorraussetzungen unter welchen Menschen Entscheidungen treffen: bilden rationale und
konsistente Beweggründe die Basis wirtschaftlichen Handelns, oder sind es vielmehr andere
Kriterien, aus denen Entscheidungen abgeleitetet werden.
In der vorliegenden Arbeit soll nun gezeigt werden, dass Menschen nicht ausschließlich
rational nach dem Effizienzkriterium handeln, sondern dass häufig eher die Psychologie in der
Lage ist (wirtschaftliche) Entscheidungen zu beschreiben. Die „Psychologische Wende in der
Ökonomie“, wie einige bekannte Wirtschaftswissenschaftler diese Abkehr vom
neoklassischen Menschenbild nennen, wurde dabei insbesondere durch empirische Arbeiten
wie die der beiden Nobelpreisträger von 2002 vorangetrieben.
In den folgenden beiden Abschnitten dieser Arbeit werden zunächst die Grundannahmen der
neoklassischen Lehre beschrieben, welche im Wesentlichen davon ausgehen, dass
psychologische Faktoren bei der Entscheidungsfindung keinen Einfluss haben, sondern dass
sich wirtschaftliche Akteure durch: “…perfekte Rationalität, uneingeschränkte Willenskraft
und unbeschränktes Streben nach Eigennutz“ (Fehr, 2001, S.29) auszeichnen.
Bei Fragestellungen wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Dimension wurden
diese Annahmen immer wieder unterstellt, und es wurde davon ausgegangen, dass der Mensch, dem ökonomischen Prinzip gemäß, rational handelt und sich nach diesem
Verhaltensmodell als „Homo Oeconomicus“ eigennutzmaximierend verhält. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Allgemeines und Überblick
1.2. Von der Klassik zur Neoklassik
1.3. Der Homo Oeconomicus
2. Die Psychologische Wende in der Ökonomie
2.1. Beschränkte Rationalität
2.2. Eingeschränkte Willenskraft
2.3. Beschränkter Eigennutz
3. Was Menschen bei Entscheidungen beeinflusst
3.1. Verschiedenartige Anreize
3.2. Emotionen
3.3. Das soziale Umfeld
4. Resumeé
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Grenzen des klassischen neoklassischen Menschenbildes, insbesondere des „Homo Oeconomicus“, und analysiert, inwiefern psychologische Erkenntnisse eine realistischere Beschreibung wirtschaftlicher Entscheidungsfindung ermöglichen. Das primäre Ziel ist es, den Einfluss kognitiver und emotionaler Faktoren auf das menschliche Handeln in ökonomischen Kontexten aufzuzeigen.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem Modell des rational handelnden Homo Oeconomicus.
- Die Analyse psychologischer Anomalien wie beschränkte Rationalität und Willenskraft.
- Die Bedeutung von Reziprozität und sozialen Faktoren bei wirtschaftlichen Interaktionen.
- Der Einfluss von intrinsischer und extrinsischer Motivation auf das Verhalten.
- Die Relevanz der Behavioral Finance zur Erklärung realwirtschaftlicher Phänomene.
Auszug aus dem Buch
2.1. Beschränkte Rationalität
Die Annahme der Ökonomischen Theorie, dass Menschen sich gemäß der dem Menschenbild des Homo Oeconomicus zugrunde liegenden Theorie des konsistenten Maximierens des Eigennutzes verhalten, ist durch zahlreiche Experimente der Verhaltensforschung und der experimentellen Psychologie in den letzten Jahren ins Wanken geraten. Die wesentlichen Gründe für diese Ergebnisse sind kognitive und emotionale Beschränkungen (vgl. Frey, 2001, S.12ff).
Anomalien welche den oben gemachten Annahmen der Ökonomischen Theorie entgegensprechen sind beispielsweise durch Forschungsarbeiten von George Loewenstein von der Carnegie Mellon University beobachtet worden. Diese setzen sich mit der Annahme auseinander, dass Menschen Ihre Präferenzen genau kennen, und weisen auf den Umstand hin, dass die Bewertung von Konsumgütern sehr beliebig ausfallen kann. Im Versuch bekamen Studenten jeweils ein bestimmtes Produkt zum Kauf angeboten. Der Preis hierfür setzte sich dabei aus den letzten beiden Ziffern ihres Sozialversicherungsausweises zusammen. Dementsprechend schwankte der Preis zwischen 1 $ und 100 $ und war, wie deren Sozialversicherungsnummer, zufällig. Nach Verkünden des Preises und nochmaligem Hinweis darauf, dass der geforderte Preis völlig zufällig zustande kam, wurden die Studenten nach dem individuellen Höchstpreis gefragt. Obwohl die relative Bewertung durch alle Teilnehmer identisch war, d.h. teurere Güter wurden höher bewertet als günstigere, wichen die Beträge für die absolute Bewertung stark voneinander ab: Studenten mit hohen Nummern waren bereit deutlich mehr für das Konsumgut auszugeben, als diejenigen mit niedrigen Nummern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik ein und stellt das neoklassische Menschenbild des Homo Oeconomicus als Gegenstand der Untersuchung vor.
2. Die Psychologische Wende in der Ökonomie: Hier werden zentrale psychologische Abweichungen von der Rationalitätsannahme wie beschränkte Rationalität, Willenskraft und Eigennutz kritisch diskutiert.
3. Was Menschen bei Entscheidungen beeinflusst: Dieses Kapitel vertieft den Einfluss psychologischer Faktoren, wie unterschiedliche Anreizarten, Emotionen und soziale Strukturen, auf die Präferenzbildung.
4. Resumeé: Das Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass die Behavioral Finance wichtige Erklärungsansätze für Anomalien liefert, die das klassische Modell nicht erfassen kann.
Schlüsselwörter
Behavioral Finance, Rationalität, Homo Oeconomicus, Neoklassik, Psychologie, Entscheidungsfindung, Eigennutz, Reziprozität, Geldillusion, extrinsische Motivation, intrinsische Motivation, Verhaltensökonomie, soziale Dilemmata.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit das neoklassische Modell des rationalen Homo Oeconomicus durch psychologische Erkenntnisse ergänzt oder korrigiert werden muss, um reales wirtschaftliches Verhalten besser zu erklären.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Psychologie der Entscheidungsfindung, Motivationstheorien, den Einfluss von Emotionen auf das Marktgeschehen sowie die Relevanz sozialer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel besteht darin, aufzuzeigen, dass Menschen nicht ausschließlich rational nach Effizienzkriterien handeln, sondern häufig durch psychologische Faktoren beeinflusst werden, die in der klassischen Ökonomie vernachlässigt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit Fachliteratur sowie die Analyse empirischer Ergebnisse aus Experimenten der Verhaltensökonomie und Psychologie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Anomalien wie die beschränkte Rationalität, Willenskraft und den Eigennutz, sowie weitere Einflussfaktoren wie Anreizsysteme, Emotionen und das soziale Umfeld.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Behavioral Finance, Rationalität, Homo Oeconomicus, Reziprozität und Motivation.
Was besagt das „Ultimatum-Spiel“ im Kontext der Arbeit?
Das Spiel zeigt, dass Menschen bei der Aufteilung von Geldbeträgen nicht rein eigennützig, sondern häufig von Gerechtigkeitsempfinden und Emotionen geleitet handeln, was zu Ergebnissen führt, die der Theorie des Homo Oeconomicus widersprechen.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation eine Rolle?
Die Arbeit verdeutlicht, dass extrinsische Anreize (z. B. Geld) die intrinsische Motivation verdrängen können, was die Produktivität in Unternehmen negativ beeinflussen kann, wenn „weiche Faktoren“ wie Gerechtigkeit vernachlässigt werden.
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- Christian Schweizer (Author), Ole Tom Rolser (Author), 2004, Rationalität und Psychologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22769