Das Ich in der Krise. Auswirkungen der modernen Arbeitsansprüche auf das Subjekt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arbeitsverhältnisse im Wandel der Zeit

3. Charakterschwäche als Konsequenz flüchtiger Arbeitsverhältnisse

4. Individualisierung im Konflikt zur Fremdbestimmung durch die Konsumindustrie
4.1 Paradoxien der Individualisierung

5. Zwischenfazit

6. Positive Selbstbeziehung

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf dem Deckblatt des Fair Company Guide 2012/2013 des HandelsblattKarriere heißt es „Große Pause – So bringt ein Gap-Year nach dem Bachelor Pluspunkte bei der Bewerbung“ (Handelsblatt GmbH 2012: Umschlag). Namenhafte Unternehmen betonen in diesem Magazin die zunehmende Relevanz von Praktika, insbesondere Auslandspraktika, als Orientierungsphase und Erprobung seiner Selbst und Kennenlernen des Anderen in Zeiten des demografischen Wandels (vgl. Handelsblatt GmbH 2012: 3, 13). Mir stellt sich jedoch die Frage, inwieweit man sich in einem solchem Gap-Year denn selbst erprobt, wenn man sich dabei einem wirtschaftlichen Erwartungsmuster, in diesem Fall sogar wörtlich an einem „Guide“ orientiert. Ich selbst fühle mich von solchen (wenn auch gut gemeinten) Artikeln stark unter Druck gesetzt.

In diesem Sinne interessiere ich mich nun für den geistigen Zustand des Subjektes in Folge der modernen Arbeitserwartungen und -verhältnissen.

Richard Sennett geht in seinem Buch Der flexible Mensch – Die Kultur des neuen Kapitalismus der Frage nach, welchen Stressoren sich das Arbeitssubjekt in der modernen Wirtschaft ausgesetzt sieht und wie sie sich auf sein geistiges Wohl ausüben. Im Folgenden werde ich die Überlegungen Sennetts darstellen. Ich werde kurz die Entwicklung vom Fordismus hin zum aktuellem Wirtschaftssystem, die mit ihr in Wechselwirkung stehenden geistigen Strömungen (insbesondere die Thematik der Individualisierung), sowie die Stressoren für das Arbeitssubjekt aufzeigen. Anschließend gedenke ich die gewonnenen Erkenntnisse durch Axel Honneths Beiträge zu Anerkennungstheorie Das Ich im Wir zu konkretisieren (durch detailliertere Darstellung des Diskurses zur Individualisierung), bekräftigen (durch die Darstellung der Bildung positiver Selbstbeziehung) und gegebenenfalls zu ergänzen versuchen. Ziel ist eine möglichst klare Darstellung moderner Arbeitsverhältnisse sowie der mit ihnen einhergehenden Problematiken und Konsequenzen für das geistige Wohl des Arbeitssubjektes.

Ich bin mir darüber bewusst, dass der beschränkte Umfang dieser Arbeit das Erstellen eines allumfassenden Bildes sämtlicher direkter oder indirekter Problematiken nicht zulässt. Ebenfalls mit dem neuen Kapitalismus einhergehenden zunehmenden Leistungsdruck sowie Identitätsprobleme in Folge des demografischen Wandels (Stichworte: kulturelle Pluralisierung und Multikulturalismus), um nur ein paar Punkte zu nennen, werde ich gar nicht oder nur kurz erwähnen und mich auf die Ausführungen der genannten Soziologen beschränken.

Auf Grundlage der Prämissen für eine positive Selbstbeziehung, hoffe ich für die Notwendigkeit eines Wandels, sowohl im Denken des Subjektes, als auch der Ansprüche der Arbeitswelt, argumentieren zu können.

2. Arbeitsverhältnisse im Wandel der Zeit

Die Arbeitsbedingungen unter welchen der Arbeitnehmer sein Leben gestaltet, haben im letzten Jahrhundert einen starken Wandel erfahren. Während sich die Wirtschaft der 1870er bis 1970er Jahre noch durch standardisierte, werksgebundene Massenproduktion und lebenslanges Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis auszeichnet, ist der neue Kapitalismus geprägt von ortsungebundenen Organen, flexibler Arbeitsgestaltung und flüchtigen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnissen. Die nach dem Ersten Weltkrieg etablierte Form industrieller Warenproduktion wird als Fordismus bezeichnet. Sie ist benannt nach dem US-amerikanischen Autoherstellers Henry Ford, dessen Organisation von Arbeit und Kapital das Wirtschaften dieser Epoche kennzeichnet.

Der Fordismus basiert auf stark standardisierter Fließbandfertigung. Die Zerlegung industrieller Abläufe in einfache Arbeitsgänge und der Einsatz hoch spezialisierter Maschinen steigerte die Produktivität enorm, was zu einer Massenproduktion von Konsumgütern und das entstehen von Sozialpartnerschaften zwischen Arbeitern und Unternehmern führte. Relativ hohe Arbeitnehmerlöhne, welche die Nachfrage und den Massenkonsum, ankurbeln, sind ebenfalls charakteristisch. Diese Maßnahmen - verbunden mit einer strengen Arbeitsdisziplin und Überwachung - sollten das Einverständnis der Arbeiter mit den neuen Produktionsmethoden erhöhen. Der Fordismus beruht auf sozialen Sicherungssystemen, lebenslanger Anstellung bei einem Arbeitgeber und einer weitgehenden Vollbeschäftigung. (vgl. Hirsch, Joachim/Roth, Roland 1986) In dieser Phase glichen die Unternehmen militärischen Organisationen. Strenge Hierarchien und Anweisungsketten bestimmten den Arbeitsalltag. Der einzelne Mitarbeiter kannte seinen Platz im Betrieb, konnte aber kaum aus diesem Gerüst ausbrechen. Individuelle Freiheit war nur schwer mit diesem System des Wirtschaftens vereinbar. Es kommt zu einem Spannungsverhältnis zwischen dem stattfindenden Individualisierungsprozessen in den 60er Jahren sowie der Fremdbestimmung der Konsumkultur und der geringen Handlungsautonomie auf dem Arbeitsplatz.

Zusammen mit der zunehmenden, etwa zeitgleich stattfindenden digitalen Revolution und Globalisierung, entstand eine neue Form des Kapitalismus, welche sich durch ein Netzwerk kooperierender Organe und durch internationalen Wettkampf hervorgerufenen Innovationsdruck auszeichnet (vgl. Sennett 1998: 25). Beispielsweise wurde in der Automobilindustrie die Fließbandproduktion von spezialisierten Produktions- und Zulieferbetrieben abgelöst, die ihren Standort und ihre Arbeitsabläufe ständig flexibel den Notwendigkeiten der globalisierten Wirtschaft anpassen. Der Begriff Karriere verschiebt sich zunehmend, weg von der geraden Linie einer Laufbahn und Vollbeschäftigung, hinzu kurzfristiger Projekt- und Zeitarbeit (vgl. Sennett 1998: 25). „Der Markt (ist) (...) zu dynamisch geworden, als das man Jahr um Jahr etwas auf die selbe Art oder dass man dieselbe Sache tun könnte“ (Sennett 1998: 26). Ursache ist, dass Unternehmen anfangen sich für neue Management-Methoden zu öffnen und neuartige Produktionstechnologien anzuwenden. Der Hunger nach Veränderung zeigt sich im „ungeduldigen Kapital“ und dem Wunsch nach schneller Rendite, so werden (Stand um 1998) zum Beispiel Aktien 60% kürzer gehalten als noch vor fünf bis zehn Jahren (vgl. Sennett 1998: 26). Die Ökonomie ist immer mehr auf Kurzfristigkeit ausgelegt und international handelnde Konzerne mit flachen Hierarchien, verlangen von ihren Mitarbeitern vor allem eines: Flexibilität.

3. Charakterschwäche als Konsequenz flüchtiger Arbeitsverhältnisse

Von Arbeitern wird verlangt, sich flexibler zu verhalten, offen für kurzfristige Veränderung zu sein, Risiken einzugehen (vgl. Sennett 1998: 10). Es kommt nicht mehr so sehr darauf an, dass ein Mensch ein Handwerk erlernt und schließlich gut beherrscht. Vielmehr erfordert der Neue Kapitalismus die Fähigkeit, sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen zu können. Die aufkommende Computertechnologie ermöglicht diese Flexibilität. Sie trug dazu bei, die langsame und schwerfälligen Kommunikationsnetzwerke zu beschleunigen, ermöglichte flexible Arbeitszeitgestaltung und ortsungebundenes Arbeiten. Institutionen wurden somit leichter veränderbar und können den Bedürfnissen entsprechend umstrukturiert werden. Die strengen Hierarchien sind teilweise durch kleine selbstverantwortliche Gruppen, verteilt in alle Winkel der Welt, abgelöst worden (vgl. Sennett 1998: 27).

Auf den ersten Blick mag dies positiv erscheinen, als Gewinn von Autonomie und Freiheit für den Arbeitnehmer und somit durchaus vereinbar mit dem Prozess der Individualisierung. Auf Dauer handelt es sich aber um ein verhängnisvolles Rezept für die Entwicklung von Vertrauen, Loyalität und gegenseitigen Verpflichtungen und dadurch für das Fundament eines starken Charakters, eines starken Selbst (vgl. Sennett 1998: 28). Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen und Tugenden an Bedeutung: z.B. Treue, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsethos ebenso wie die Fähigkeit, auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten und Ziele langfristig zu verfolgen (vgl. Sennett 1989: 30f). Das Subjekt findet sich wieder in einer Welt der Fremdschaften und Flüchtigkeiten. Halt bietende Freundschaften können auf Grund von häufigen Tätigkeits- und Ortswechseln nicht mehr zustande kommen und die zwischenmenschliche Kommunikation wird ersetzt durch flüchtigen, aufs Notwendigste reduzierten Emailkontakt. Gründe für diese Entwicklung sind die Beschleunigung der Arbeitsorganisation, die stetig wachsenden Leistungsanforderungen, die zunehmende Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse sowie die Notwendigkeit, jederzeit aus beruflichen Gründen den Wohnort zu wechseln.

Der Konkurrenzkampf der modernen Wirtschaft zwingt das Subjekt jede innere Sicherheit zu verlieren, in einen Zustand des Dahintreibens zu geraten und trägt zu einer Atmosphäre von Angst, Hilflosigkeit und Instabilität in weiten Teilen der Gesellschaft bei (vgl. Sennett 1998: 22). Diese Instabilität und Verunsicherung lassen nach Sennett eine Ellenbogengesellschaft der Flüchtigkeit entstehen unter welcher der Charakter jedes Einzelnen leidet.

Wie jedoch kann man der Flüchtigkeit entgegenwirken, wenn wir in einer ungeduldigen Gesellschaft leben, die sich nur auf den unmittelbaren Moment konzentriert? Und vor allem: Wie gewährleistet sich ein starker Charakter, unter Rücksichtnahme auf unser modernes Selbstverständnis von Individualität und Freiheit, mit den Ansprüchen der modernen Wirtschaft?

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Ich in der Krise. Auswirkungen der modernen Arbeitsansprüche auf das Subjekt
Hochschule
Universität Bremen  (Fachbereich 9 - Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Kultur und Emotion: Theorie und Praxis selbstreflexiver Forschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V229410
ISBN (eBook)
9783656451396
ISBN (Buch)
9783656451617
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit setzt sich mit den Auswirkungen der Ansprüche des Wirtschaftssystems auf die Subjekte auseinander. Richard Sennetts "Der flexible Mensch - Die Kultur des Neuen Kapitalismus" sowie Axel Honneths "Das Ich im Wir" dienen einer groben Analyse der Pathologien hervorgerufen durch die modernen Erwartungen an das Arbeitssubjekt. Abgeschlossen mit der Note 1,0 und dem Kommentar "Wirklich ganz klasse!"
Schlagworte
Honneth, Sennett, Wirtschaft, Kapitalismus, Fordismus, Ich, Selbst, Individualisierung, Anerkennungstheorie, Selbstbeziehung, Demographischer Wandel, Das Ich im WIr, Neuer Kapitalismus
Arbeit zitieren
Cedric Bradbury (Autor), 2012, Das Ich in der Krise. Auswirkungen der modernen Arbeitsansprüche auf das Subjekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229410

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