Kann Theater dokumentarisch sein? Im ersten Moment erscheint das zweifelhaft, gilt Theater doch als eine Inszenierungskunst von Schauspielern, Regisseuren und Dramaturgen. Kritiker werfen den Dokumentartheater-Autoren vor, „daß das Theater als Institution einfach nicht imstande sei, diese Bedingungen zu erfüllen; da die ästhetischen Mittel der Bühne mit dem Begriff von 'Authentizität' im Grunde unvereinbar seien; und daß das Dokumentartheater daher – unabhängig von der gewählten dramatischen Struktur – auf einem unversöhnlichen Widerspruch basiere“1. Diese Kritik ist berechtigt, basiert traditionelles Theater doch auf der Verteilung von Rollen und dem Vortragen von Texten durch Schauspieler mithilfe visueller Mittel (Kostüm, Bühnenbild, Beleuchtung, Choreographie usw.), auf die auch das gängige Dokumentartheater meist nicht verzichten möchte. „Der Stoff werde [ ] nicht nur bearbeitet, sondern in einen anderen symbolischen Bereich versetzt; in dieser fremden Umgebung gewinnen Wörter und Handlungen neue Bedeutungen; Zitate werden zu 'Theater-Sätzen'“2. Auch die Produktionen des Theater-Kollektivs „Rimini Protokoll“ um die Regisseure Daniel Wetzel, Helgard Haug und Stefan Kaegi werden zum Genre des Dokumentartheaters gezählt und verzichten weder auf Bühnenbilder, noch auf bestimmte Beleuchtungs- oder Choreographie-Strategien. Während die meisten Regisseure des Dokumentartheaters konzeptuell allerdings auch nicht auf die Arbeit mit Profi-Schauspielern verzichten, stehen bei den Rimini-Produktionen der drei Performer normale Bürger aus dem Alltag auf der Bühne – „wahre“ Experten des Alltags, die bestimmte Erfahrungen, Interessen, Kenntnisse und Fähigkeiten teilen. „Ein Konzept, dass bewusst das Gegenteil vom Laientheater behauptet; die Protagonisten sollen nicht an dem gemessen werden, was sie nicht können (eben Schauspielen), sondern an dem, was der Grund für ihre Anwesenheit auf der Bühne ist. Von ihnen hängt es ab, welcher Verlauf ein Abend nehmen kann, welche Themen angeschnitten oder ausgeführt werden, welche Figuren, Texte, Räume entstehen“3. Inwieweit sind die Stücke von Rimini Protokoll damit aber dokumentarisch? Wie authentisch können sich die „Experten des Alltags“ auf der Bühne verhalten? Bildet das Regie-Kollektiv die behandeltenThemenkomplexe damit wirklichkeitsgetreu ab oder wird Realität nur unter dem Vorwand des beweisführenden Expertenwissen inszeniert?
Inhaltsverzeichnis
1. Dokumentarismus im Theater
2. Inwieweit sind die Inszenierungen des Theater-Kollektivs „Rimini Protokoll“ dokumentarisch?
3. Eine Analyse anhand der Inszenierung „Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung“
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den dokumentarischen Anspruch des Theater-Kollektivs „Rimini Protokoll“. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern die Inszenierungen, insbesondere das Stück „Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung“, trotz ihres theatralen Rahmens als dokumentarisch gelten können und wie „Experten des Alltags“ Authentizität auf der Bühne erzeugen.
- Grundlagen und Kritik des Dokumentartheaters
- Das Konzept der „Experten des Alltags“ bei Rimini Protokoll
- Die Verwebung von Realität, Fiktion und Authentizität
- Analyse der Inszenierung „Wallenstein“ als Fallbeispiel
- Die Rolle des Zuschauers im dokumentarischen Theater
Auszug aus dem Buch
Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung
Greift man mit „Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung“ ein einzelnes Stück für eine Inszenierungsanalyse heraus, so verortet man hier „Experten des Alltags“ für den Aufstieg und Fall im politischen Ränkespiel der Macht, Loyalität und Gehorsam sowie des Individuums in politischen Umbruchphasen. Alle Darsteller haben miteinander gemeinsam, dass sie während des Kalten Krieges zu gegensätzlichen ideologischen Blöcken entlang des Eisernen Vorhangs gehörten; alle Biographien eint eine assoziative Verbindung zu Schillers Drama „Wallenstein“. Wie unterschiedlich jedoch die Biografien im mikrokosmischen Rahmen ausfallen und Schicksale das Leben jedes Einzelnen beeinflusst haben, wird deutlich, wenn die Protagonisten den Zuschauern in berichtenden Monologen von ihren Lebensläufen erzählen und in Handlungsszenen prägende Geschehnisse mithilfe der Schauspielkunst anderer Experten nachspielen.
Vordergründig geht es den Experten dabei zwar um offene Mitteilung ihrer eigenen Lebenserfahrungen – und -erlebnisse. Doch transformiert man diese persönlichen und emotionalen Geschichten auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen – dann stößt man hier auf eine kritische Auseinandersetzung um Interessenskonflikten zwischen politischer Macht, Loyalität, Verantwortung, Gehorsam und Eigennutz – gerichtet mit dem assoziativen Blick auf Wallenstein innerhalb eines äußeren und inneren Rahmens und dessen Bedeutung für das eigene persönliche Lebensschicksal.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Dokumentarismus im Theater: Einleitende Reflexion über die grundsätzliche Vereinbarkeit von Theater und dokumentarischem Anspruch sowie die Kritik an der vermeintlichen Unauthentizität theatraler Mittel.
2. Inwieweit sind die Inszenierungen des Theater-Kollektivs „Rimini Protokoll“ dokumentarisch?: Untersuchung der Arbeitsweise des Kollektivs, das statt Profi-Schauspielern „Experten des Alltags“ einsetzt und durch Montage sowie den bewussten Umgang mit Fiktion neue Perspektiven auf gesellschaftliche Phänomene schafft.
3. Eine Analyse anhand der Inszenierung „Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung“: Vertiefende Fallstudie, die aufzeigt, wie persönliche Biografien der Darsteller mit Schillers Drama assoziativ verknüpft werden, um Fragen zu Macht, Moral und politischer Umbruchzeit kritisch zu verhandeln.
Schlüsselwörter
Dokumentartheater, Rimini Protokoll, Wallenstein, Experten des Alltags, Authentizität, Fiktion, Theaterinszenierung, Wirklichkeit, Dokumentarismus, Politische Macht, Biografische Erzählungen, Realitätsnah, Montage, Theater, Gesellschaftskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, unter welchen Bedingungen Theaterstücke des Kollektivs „Rimini Protokoll“ als „dokumentarisch“ bezeichnet werden können, obwohl sie im Rahmen einer Inszenierung stattfinden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind das Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität, der Einsatz von sogenannten „Experten des Alltags“ und die Verbindung von persönlichen Biografien mit übergeordneten politischen und gesellschaftlichen Themen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Inwieweit sind die Inszenierungen des Theater-Kollektivs ‚Rimini Protokoll‘ dokumentarisch?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Inszenierungsanalyse angewandt, die den theoretischen Diskurs zum Dokumentartheater auf ein konkretes Praxisbeispiel – „Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung“ – anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Grundlagen des Dokumentartheaters dargelegt als auch detailliert analysiert, wie Rimini Protokoll durch die Auswahl und Inszenierung von Laien-Experten authentische Bezüge zur Realität herstellt und hinterfragt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch die Begriffe Dokumentartheater, Authentizität, Fiktion, Experten des Alltags und die spezifische Inszenierungspraxis von Rimini Protokoll charakterisieren.
Wie werden Experten des Alltags im Stück „Wallenstein“ eingesetzt?
Die Darsteller sind Menschen, deren Biografien eine Verbindung zum Kalten Krieg und zu Schillers „Wallenstein“ aufweisen; sie reflektieren ihre eigene Lebensgeschichte in Bezug auf Macht, Loyalität und Gehorsam innerhalb des theatralen Rahmens.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen „echt“ und „fiktional“ eine so wichtige Rolle?
Die Arbeit zeigt auf, dass Rimini Protokoll gerade durch die bewusste Verwebung von beidem Fragen aufwirft, wie „Wirklichkeit“ auf der Bühne überhaupt abgebildet werden kann und ob der Anspruch auf absolute Objektivität im Theater nicht ohnehin eine Illusion ist.
Ist die Darstellung der Experten als „dokumentarisch“ zu werten?
Ja, weil die subjektiven Standpunkte der Experten als Ausgangsmaterial für gesamtgesellschaftliche Reflexionen dienen und die Stücke keine universelle Wahrheit, sondern Einblicke in Ausschnitte der Realität bieten.
Was ist das Qualitätsmerkmal des „Nichtperfekten“ bei Rimini Protokoll?
Das Nichtperfekte (etwa Texthänger oder Unsicherheiten) gilt als authentisches Zeichen, das den formalen Rahmen der Inszenierung aufbricht und die menschliche Präsenz sowie die unmittelbare Situation zwischen Akteuren und Publikum betont.
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- Daniel Voigt (Author), 2013, Dokumentarismus im Theater, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229465