Nicht selten stellt sich im Diskurs die Frage, was Kunst ist. Der Kunsthistoriker WYSS deutet Kunstwerke als „Bedeutungsträger der geistigen Selbstreflexion“1. Wenn man
dieser Definition zugeneigt ist, fällt es nicht schwer, eine Verbindung zur Ethnologie,
Geschichte und zur Philosophie herzustellen, den Disziplinen, die sich mit der Entwicklung
des Menschen befassen. Gerade HEGEL befasste sich in seiner „Vorlesung über die
Ästhetik“ mit der Entwicklung des Weltgeistes, die er in Korrelation setzt mit der
Herausbildung der unterschiedlichen Kunstgattungen.2 Im folgenden Text soll der
dekonstruktivistische Text „Der Schacht und die Pyramide - Einführung in die Hegelsche
Semiologie“ (2004) von DERRIDA behandelt werden, der gleichzeitig auf die
metaphysischen Thesen Hegels aufbaut, welche DERRIDA zu dekonstruieren versucht. Der
metaphysische sowie der dekonstruktivistische Blick auf die Zeichentheorie sollen hierbei
mit der Kunstgeschichte und insbesondere der Architektur in Verbindung gebracht werden.
Das Fundament dieses Textes bildet die Herleitung der Argumentationsstruktur von „Der
Schacht und die Pyramide“, wobei die philosophischen Werke von ARISTOTELES
(Übersetzung von Rolfes, Eugen; 1958), SLOTERDIJK (2007) sowie HEGEL behilflich sein
werden. Anschließend folgt im Fazit eine Ausarbeitung der Kritik von DERRIDA an HEGELs
Zeichentheorie, die mithilfe des Werkes von SLOTERDIJK (2007) näher beleuchtet wird,
sowie Kritikpunkte an DERRIDAs Dekonstruktion der Pyramide. Anschließend folgt in
Kapitel 9 die kunsthistorische Betrachtung der Metaphysik sowie Dekonstruktion, wobei
die Werke von WYSS (1989), WIGLEY (1994) sowie JOHNSON/WIGLEY (1988) zur
Betrachtung herangezogen werden. Hier sollen insbesondere die Verzahnung der
philosophischen Theorien mit der Architektur und ebenso eine philosophische Deutung der
behandelten Architektur betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Rückkehr der Idee zur Selbstpräsenz
3. Der Schacht
4. Die Pyramide und die Arbitrarität des Zeichens
5. Das Zeichen und das Symbol
6. Das Auge und das Ohr
7. Die Hierarchie der Schriften
7a. Die Hieroglyphen
7b. Die chinesischen Schriftzeichen
7c. Die mathematischen Formeln
7d. Die phonetische Schrift
8. Derridas Kritik an Hegels Semiologie
9. Architekturbetrachtung durch die Augen von Hegel und Derrida
9a. Symbolische Architektur
9b. Dekonstruktivistische Architektur
10. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die dekonstruktivistische Auseinandersetzung Jacques Derridas mit der Zeichentheorie von G.W.F. Hegel, insbesondere im Kontext von Derridas Text "Der Schacht und die Pyramide". Dabei wird erforscht, wie die philosophische Herleitung des Zeichens, dessen Speicherungsfunktion und die damit verbundene Architektursymbolik in ein Spannungsverhältnis zur Entwicklung des Geistes treten und wie diese Theorien auf die Architekturtheorie übertragen werden können.
- Die metaphysische Herleitung des Zeichens bei Hegel und Derridas Dekonstruktion.
- Die Analyse der Schriftenhierarchie und deren Bedeutung für die Entwicklung des Weltgeistes.
- Der Zusammenhang zwischen Zeichentheorie, Materialität und der Rückkehr der Idee zur Selbstpräsenz.
- Die Spiegelung philosophischer Strukturen in symbolischer sowie dekonstruktivistischer Architektur.
Auszug aus dem Buch
3. Der Schacht
Doch was sind Zeichen und wie entstehen sie? Wie bereits oben erwähnt betrachtetet ARISTOTELES Laute als „Zeichen der in der Seele hervorgerufenen Vorstellungen“, wodurch die Semiologie zum Tätigkeitsfeld der Psychologie zuzuordnen sei. Ähnlich sieht es DERRIDA und ordnet die Semiologie „der Theorie der Einbildungskraft und, genauer gesagt - [...] -, einer Phantasiologie oder Phantastik“ zu. Anknüpfend an die aristotelische Deutung, sieht DERRIDA die Vorstellung als „erinnerte Anschauung“, die noch nicht mit einem Zeichen besetzt ist und durch die Intelligenz archiviert wird.
„Da die sinnliche Unmittelbarkeit einseitig subjektiv bleibt, muß die Bewegung der Intelligenz diese Innerlichkeit aufheben* und bewahren, um ‚in ihrer eigenen Äußerlichkeit in sich zu sein‛ (§ 451). In dieser Bewegung der Vorstellung erinnert sich die Intelligenz an sich selbst, indem sie objektiv wird. Die Erinnerung* ist hier also entscheidend. Durch sie wird der Inhalt der sinnlichen Anschauung zum Bild, befreit von der Unmittelbarkeit und der Vereinzelung, um den Übergang zur Begrifflichkeit zu ermöglichen. Das Bild, das auf diese Weise erinnert* wird, ist nicht mehr da, nicht mehr existierend und vorhanden, sondern bewahrt an einem unbewußten Ort, bewußtlos aufbewahrt*. Die Intelligenz hortet diese Bilder in der Tiefe eines dunklen Schlupfwinkels als Vorrat wie das Wasser in einem nächtlichen* oder unbewußten Schacht* - oder vielmehr wie eine wertvolle Ader in der Tiefe des Bergwerks.“
Durch den Besitz des Schachts und die darin archivierten erinnerten Anschauungen, kann die Intelligenz aus ihrem Vorrat schöpfen, ohne dass sie der sinnlichen Anschauung bedarf. Jedoch dadurch, dass sie an sinnliche Anschauungen erinnert und in ihrem Schacht lagert, objektiviert sich die Intelligenz selbst, wodurch „sie sich als Phantasie, symbolisierende, allegorisierende oder dichtende* Einbildungskraft“ reproduziert. Diese reine Übertragung von sinnlichen Anschauungen in den Schacht der Intelligenz, ohne dass diese mit einem Zeichen besetzt werden, wird als „reproduktive Einbildungskraft“ bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, welche die Verbindung zwischen Hegels Zeichentheorie, ihrer dekonstruktivistischen Lesart durch Derrida und deren architekturphilosophischen Implikationen thematisiert.
2. Die Rückkehr der Idee zur Selbstpräsenz: Das Kapitel erläutert, wie das Zeichen als Übergang fungiert, um die abgespaltene Idee im Element des Geistes zur Selbstpräsenz zurückzuführen.
3. Der Schacht: Hier wird die Rolle der Einbildungskraft und die Archivierung von sinnlichen Anschauungen als "Schacht" der Intelligenz untersucht, die als Basis für die weitere schöpferische Tätigkeit dient.
4. Die Pyramide und die Arbitrarität des Zeichens: Dieses Kapitel analysiert die Pyramide als Monument für das Zeichen und verdeutlicht die willkürliche Verbindung zwischen Signifikant und Signifikat.
5. Das Zeichen und das Symbol: Es erfolgt eine Differenzierung zwischen dem Zeichen und dem Symbol, wobei die Bindung des Symbols an die Naturhaftigkeit als Entwicklungshemmnis für den Geist dargestellt wird.
6. Das Auge und das Ohr: Untersucht wird die Privilegierung der Stimme bzw. des Gehörsinns gegenüber der Schrift im Prozess der geistigen Wiederaneignung und Idealbildung.
7. Die Hierarchie der Schriften: Dargestellt wird Hegels teleologische Einteilung verschiedener Schriftsysteme (Hieroglyphen, Chinesisch, Mathematik, Phonetik) hinsichtlich ihrer Fähigkeit, Materialität zu negieren.
8. Derridas Kritik an Hegels Semiologie: Derridas Strategie der Dekonstruktion der Metaphysik wird aufgezeigt, insbesondere in Bezug auf die inhärenten Widersprüche der "sperrigen" Pyramidenmetaphorik.
9. Architekturbetrachtung durch die Augen von Hegel und Derrida: Dieses Kapitel verknüpft die philosophischen Thesen mit der Architekturgeschichte, von der symbolischen Architektur Ägyptens bis hin zur dekonstruktivistischen Architektur der Moderne.
10. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Literaturquellen.
Schlüsselwörter
Hegel, Derrida, Zeichentheorie, Semiologie, Dekonstruktion, Schacht, Pyramide, Weltgeist, Architekturphilosophie, Einbildungskraft, Arbitrarität, Phonetische Schrift, Metaphysik, Symbolik, Selbstpräsenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung der hegelschen Zeichentheorie und deren dekonstruktivistischer Analyse durch Jacques Derrida, insbesondere im Kontext von Architektur und der teleologischen Entwicklung des Weltgeistes.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Metaphysik des Zeichens, dem Unterschied zwischen Zeichen und Symbol, der Hierarchie der Schriftsysteme sowie der architekturtheoretischen Anwendung dieser philosophischen Konzepte.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Derrida Hegels semiologische Struktur dekonstruiert und wie diese philosophischen Auseinandersetzungen unser Verständnis von architektonischen Formen und Raum prägen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine dekonstruktivistische Textanalyse angewandt, die primär auf Derridas Werk "Der Schacht und die Pyramide" sowie begleitender philosophischer Literatur basiert, um Argumentationsstränge und deren Lücken aufzudecken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Stadien der Zeichenbildung (vom Schacht zur Pyramide), die Kritik an verschiedenen Schriftsystemen und die Gegenüberstellung von traditioneller, symbolischer Architektur zu dekonstruktivistischen Entwürfen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Rückkehr der Idee zur Selbstpräsenz", "Dislokation des Zeichens", "Relève" und die "Arbitrarität des Zeichens" sowie deren Bezug zur architektonischen "Materialität" geprägt.
Warum spielt die Pyramide eine so zentrale Rolle für Derridas Argumentation?
Die Pyramide dient Derrida als Urbild der "sperrigen Materie", die den Anspruch der Metaphysik auf eine reine, unbehinderte geistige Selbstaneignung als gescheitert entlarvt.
Wie unterscheidet sich die dekonstruktivistische Architektur von der traditionellen Architektur nach dieser Lesart?
Während traditionelle Architektur auf Stabilität, Harmonie und Ordnung ausgerichtet ist, bricht die dekonstruktivistische Architektur mit diesen Werten und nutzt gezielt Instabilität und Spannung, um institutionelle Hemmungen zu überwinden.
- Citation du texte
- Julia Sterzer (Auteur), 2012, Die Zeichentheorie und ihre Verbindung zur Architektur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229569