Wer bei Google in die Suchmaske „Migranten als Bildungsverlierer“ eingibt, findet
90800 Ergebnisse. Gibt man „Migranten als Bildungsgewinner“ ein, zeigt das World
Wide Web gerade mal 791 Ergebnisse an.
Ein Unterschied, der sich nicht nur in Zahlen niederschlägt, sondern auch in den
Meinungen der Öffentlichkeit. So betitelt der Politiker Thilo Sarrazin, in seinem
umstrittenen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“, Migranten als unqualifiziert
und wenig integrationswillig. Auch Prominente wie Frauenrechtlerin Alice
Schwarzer beklagten 2010 öffentlich, das Zwei-Klassen-System innerhalb der
Bildung und Qualifizierung zwischen Deutschen und Migranten. Eine
Stigmatisierung erfolgt schnell. Die Pisa-Studie 2009, der
Integrationsindikatorenbericht der Bundesrepublik 2011 und der UNICEF Bericht
zur Lage der Kinder in Deutschland 2008 stützen diese Thesen. Doch stellt sich bei
genauerer Betrachtung nicht nur die Frage nach der gegenwärtigen Situation,
sondern auch wie diese entstanden ist und welche Faktoren sie bedingen. Vor allem
jedoch, wie die Problematik der Migranten im Bildungsbereich behoben werden
kann. Wie kann der zweiten und dritten Generation von Einwanderern geholfen
werden und können sie zu Bildungsgewinnern werden?
Ein erster Schritt hierfür ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die
Rechte von Menschen mit Behinderungen, das 2007 von Deutschland ratifiziert
wurde. Es stützt das im Grundgesetz verankerte Recht auf Bildung und fordert die
gleichberechtige Teilhabe aller Menschen innerhalb der Gesellschaft und im
Bildungssystem. Artikel 24 impliziert eine inklusive Bildung und eine Schule für
alle. Somit sollen alle Kinder, ungleich ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer
Behinderung oder ihrer Fähigkeiten zusammen unterrichtet werden.
Bei genauere Betrachtung stellt sich die Frage, wie eine Umsetzung der Inklusion
von statten gehen soll. Ist die in Artikel 24 erwähnte Inklusion tatsächlich auch auf
Schüler mit Migrationshintergrund anwendbar und welche Chancen, aber auch
Grenzen bietet das Übereinkommen der Vereinten Nationen?
Wie dies aussehen kann, was die Schule dafür leisten muss und welche
Möglichkeiten und Grenzen sich hierbei auftun, soll in der vorliegenden
Zulassungsarbeit zum ersten Staatsexamen gezeigt werden.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. UN-BEHINDERTENRECHTSKONVENTION
2.1. ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
2.2. AUFBAU
2.3. ZIELE
3. BEGRIFFSERKLÄRUNG UND ABGRENZUNG
3.1. INKLUSION
3.1.1. ENGER INKLUSIONSBEGRIFF
3.1.2. WEITER INKLUSIONSBEGRIFF
3.2. EXKLUSION
3.3. INTEGRATION
3.3.1. INTEGRATION VON EINWANDERERN ALS SPEZIALFALL
3.4. MIGRANTEN UND MIGRATION
3.4.1. PUSH-FAKTOREN
3.4.2. PULL-FAKTOREN
4. SITUATION VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN DEUTSCHLAND
4.1. MENSCHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
4.2. GESCHICHTE DER MIGRATION
4.3. HEUTIGE SITUATION
4.3.1. RECHTSSTATUS
4.3.2. ARBEITSMARKT UND EINKOMMEN
4.3.3. GESELLSCHAFTLICHE INTEGRATION UND BETEILIGUNG
5. SITUATION VON JUGENDLICHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN DEUTSCHLAND
5.1. MIGRANTEN ALS BILDUNGSVERLIERER!?
5.2. DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE
5.2.1. SPRACHENTWICKLUNG
5.2.2. MANGEL AN KONTAKT MIT DER MEHRHEITSSPRACHE
5.3. ELTERNHAUS
5.4. INSTITUTION SCHULE
5.5. GENDER-SPEZIFITÄT
6. INKLUSIVE BILDUNG AN SCHULEN
6.1. VORAUSSETZUNGEN
6.1.1. INSTITUTIONELL
6.1.2. PERSONELL
7. INDEX FÜR INKLUSION
7.1. ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
7.2. AUFBAU
7.3. ZIELE
7.4. AUSARBEITUNG AUSGEWÄHLTER INHALTE ANHAND VON JUGENDLICHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
7.4.1. DER INDEX-PROZESS
8. INKLUSIVER UNTERRICHT
8.1. GRUNDLAGEN
8.2. MULTIKULTURELLE PERSPEKTIVEN AUF UNTERRICHTSINHALTE- „WIE IST DAS DENN BEI EUCH TÜRKEN?“
8.3. INNERE DIFFERENZIERUNG- „DAS HABEN WIR SCHON MAL DURCHGENOMMEN!“
8.3.1. DIDAKTISCHE MATERIALIEN UND METHODEN
8.3.2. OFFENE UNTERRICHTSFORMEN
8.4. SPRACHUNTERRICHT- DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE
8.4.1. DIE WICHTIGKEIT DER MUTTERSPRACHE BEIM SPRACHERWERB
8.4.2. SCHULISCHE BEDINGUNGEN DER SPRACHBILDUNGSARBEIT
8.5. RESPEKTVOLLE BEZIEHUNGEN
8.5.1. LEHRER-SCHÜLER BEZIEHUNG
8.5.2. TEAMTEACHING UND MULTIPROFESSIONELLE TEAMS
9. EMPIRISCHER TEIL: INTERVIEW MIT REKTORIN CHRISTINE SENGER
9.1. DIE KERSCHENSTEINER-WERKREALSCHULE
9.2. INTERVIEW
9.3. KOMMENTAR
10. INTEGRATION VS. INKLUSION
11. SCHLUSSWORT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bildungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem unter dem Aspekt der Inklusion. Dabei wird analysiert, inwieweit inklusive Konzepte – ausgehend von der UN-Behindertenrechtskonvention – auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund anwendbar sind, welche Chancen und Grenzen hierbei bestehen und wie eine inklusive Unterrichtspraxis zur Überwindung bildungsbezogener Benachteiligungen beitragen kann.
- Analyse der bildungsbezogenen Situation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
- Untersuchung der Relevanz und Umsetzung der Inklusion im deutschen Schulkontext
- Kritische Gegenüberstellung der Begriffe Inklusion und Integration
- Empirische Fallstudie mittels Experteninterview an einer Werkrealschule
- Erörterung von Lösungsansätzen wie multiprofessionelle Teamarbeit und Sprachförderung
Auszug aus dem Buch
8.5.1. Lehrer-Schüler Beziehung
„Zahlreiche Forschungsrichtungen belegen immer wieder aus Neue, dass sich die Qualität pädagogischer Beziehungen auf die leibliche, psychische, soziale und kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirkt.“234 Vor allem in einer heterogenen Klasse brauchen Schüler eine feste Bezugsperson und eine Halt gebende Beziehung zu den Lehrpersonen. Diese Beziehung kommt dann zustande, wenn die personellen Voraussetzungen 235 erfolgt sind. Beispiele sind Ritualisierungen, wie jedes Kind persönlich begrüßen und verabschieden, oder wöchentliche Stuhlkreise in denen jeder Schüler seine Probleme vortragen kann. Wenn der Lehrer die Schüler wert schätzt, bildet dies den Rahmen der Inklusion.
Auch die Vorbildfunktion ist hierbei wichtig. So bedingt dies, dass sich Schüler untereinander schätzen und respektvoll miteinander umgehen. Gerade wenn unterschiedliche Kulturen, oder behinderte und nicht behinderte Menschen aufeinander treffen ist der Umgang untereinander besonders wichtig. „Die inklusive Schule verspricht ein bereicherndes Zusammensein der Kinder und Jugendliche untereinander, das allerdings nicht von selbst zustande kommt.“236
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Arbeit thematisiert die Diskrepanz in den Bildungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und untersucht, ob das inklusive Konzept der UN-Behindertenrechtskonvention hierfür Lösungswege bieten kann.
2. UN-BEHINDERTENRECHTSKONVENTION: Dieses Kapitel erläutert die Entstehungsgeschichte, den Aufbau und die zentralen Ziele der Konvention, insbesondere mit Fokus auf das Recht auf inklusive Bildung.
3. BEGRIFFSERKLÄRUNG UND ABGRENZUNG: Hier werden zentrale Fachbegriffe wie Inklusion, Exklusion und Integration definiert, um ein theoretisches Fundament für die weitere Analyse zu schaffen.
4. SITUATION VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN DEUTSCHLAND: Der Abschnitt beleuchtet den geschichtlichen Hintergrund sowie die heutige soziale und rechtliche Lage von Migranten in Deutschland.
5. SITUATION VON JUGENDLICHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN DEUTSCHLAND: Es werden spezifische Probleme wie Sprachdefizite, der Einfluss des Elternhauses und institutionelle Diskriminierung an Schulen analysiert.
6. INKLUSIVE BILDUNG AN SCHULEN: Dieses Kapitel diskutiert die institutionellen und personellen Voraussetzungen, die für eine erfolgreiche Umsetzung inklusiver Bildung notwendig sind.
7. INDEX FÜR INKLUSION: Es wird ein Instrument zur Schulentwicklung vorgestellt, das Schulen bei der Umsetzung inklusiver Prozesse unterstützen soll.
8. INKLUSIVER UNTERRICHT: Hier werden methodische Ansätze und die Gestaltung von Unterricht behandelt, um der Heterogenität in Klassen gerecht zu werden.
9. EMPIRISCHER TEIL: INTERVIEW MIT REKTORIN CHRISTINE SENGER: Das Kapitel bietet Einblicke in die Schulpraxis einer Werkrealschule und reflektiert die Umsetzung von Inklusionsgedanken im Schulalltag.
10. INTEGRATION VS. INKLUSION: Eine zusammenfassende Abgrenzung beider Konzepte verdeutlicht die theoretischen Unterschiede in der Bildungsansatzorientierung.
11. SCHLUSSWORT: Die Arbeit fasst zusammen, dass Inklusion eine Chance für bildungsbenachteiligte Jugendliche darstellt, sofern die Rahmenbedingungen und die Haltung der Beteiligten entsprechend angepasst werden.
Schlüsselwörter
Inklusion, Integration, Migration, Bildungsverlierer, Schule für Alle, Sprachdefizite, UN-Behindertenrechtskonvention, Pädagogik der Vielfalt, Schulentwicklung, Interkulturelle Bildung, Heterogenität, Bildungschancen, Institutionelle Diskriminierung, Teamteaching, Schulpraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Bildungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem und analysiert, ob inklusive pädagogische Ansätze dazu beitragen können, Bildungsbenachteiligungen abzubauen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretische Einordnung von Inklusion und Integration, die Analyse bildungspolitischer Rahmenbedingungen, sprachliche Herausforderungen und die Rolle von Institutionen wie dem Elternhaus und der Schule.
Welche Forschungsfrage steht im Zentrum?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwieweit das inklusive Konzept der UN-Behindertenrechtskonvention auf Schüler mit Migrationshintergrund anwendbar ist und welche Chancen sowie Grenzen dabei in der Schulpraxis auftreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Neben der theoretischen Fundierung durch Literaturanalyse wird ein empirischer Teil in Form eines Experteninterviews mit einer Schulleiterin genutzt, um die praktische Umsetzung von Inklusionskonzepten zu veranschaulichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Begriffsklärung, die Darstellung der aktuellen Situation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie eine ausführliche Diskussion der notwendigen Voraussetzungen (institutionell und personell) für gelingende inklusive Bildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Inklusion, Migration, Bildungsbenachteiligung, Schulentwicklung und Heterogenität beschreiben.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen dem engen und weiten Inklusionsbegriff?
Der enge Begriff konzentriert sich primär auf die Eingliederung von Menschen mit Behinderung gemäß der UN-Konvention, während der weite Begriff auch strukturell diskriminierte Gruppen wie Kinder aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund in den Inklusionsgedanken einbezieht.
Warum wird im Interview der Begriff „Schule für Alle“ bevorzugt?
Die befragte Schulleiterin assoziiert mit dem Begriff „Inklusion“ eine abstrakte, wissenschaftliche Ebene, während „Schule für Alle“ ihre tägliche Praxis beschreibt, in der jedes Kind willkommen ist und individuell gefördert werden soll.
- Citation du texte
- Kathrin Burkhardt (Auteur), 2013, Bildungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229573