„Was meine Natur ist, bestimme ich immer noch selbst, IHR VERDAMMTEN FICKSÄUE!“ Mit diesem Slogan warb das Staatstheater Stuttgart für René Polleschs Stück „Smarthouse 1+2“. Er lotet darin anhand von vier hysterischen Subjekten der Globalisierung die Grenzen der Identität, bzw. Subjektivität aus und stellt die Frage nach ihrer Penetrier- und Lenkbarkeit im Zeitalter von Medien, Globalisierung und Turbokapitalismus. Die Gegenwart erfordert ihm zufolge ne ue „Darstellungsformen von Subjektivität“ 1 . Zu untersuchen, wie eine Kultur charakterisiert werden könnte, dessen Diskursteilnehmer zwischen User-Profilen switchen, anstatt ihre Identitäten gegen die Medien zu vertreten, soll Ziel dieser Hausarbeit sein. D ie Frage nach Identität, Individualität und Subjektivität wird auf der Folie der Diskussion um die hyperreale, beschleunigte Postmoderne und ihrer Gesellschaft kulturkritisch reflektiert, wodurch sich eine mitunter pessimistische Diagnose ergibt: Ihre Kult ur verkommt zum Trash, wenn sie sie lediglich performt (Pollesch). In diesen Diskurs sind werbe - psychologische, theatertheoretische, (architektur- und kunst-) soziologische sowie gesellschafts- und kulturkritische Aspekte aufgenommen, die wiederum im Werk Polleschs ihren Widerklang finden, und exemplarisch in diesem diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Alles ist käuflich: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich.“
2.1. Die Postmoderne – Ende der Moderne?
2.2. Medialität - Tod der Kunst: Hyperrealität?
2.3. „Alles was du hast, hat irgendwann dich!“ – Normativität und Identität
3. Generation @: Schleichende Übernahme des Subjekts?
3.1. Nationen, Konzerne, Marken, Subjekte
3.2. Identität, Individualität, Subjektivität
3.3. Soziale Mimesis: Denn sie wissen, was sie nicht leben wollen
4. René Polleschs (postdramatisches) Theater: „Perform Normativität!“
4.1. „Verdammte Scheiße. Ich bin in einer Soap gelandet!“
4.2. smarthouse: Die Ekstase der Kommunikation
4.3. Kokain und Mascara: ICH WILL DAS NICHT LEBEN!
5. Schlussbetrachtung
6. Bildanlagen: Daniele Buetti
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion von Identität und Subjektivität im Kontext einer globalisierten, von Medien und Konsum geprägten Postmoderne. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie das Subjekt in einer hyperrealen Welt, in der Lebensstile zunehmend durch markenorientierte Vorgaben und mediale Inszenierungen determiniert sind, seine Autonomie bewahren oder – im Sinne von René Polleschs Theater – als Form der Negation neu definieren kann.
- Kulturkritische Reflexion der hyperrealen Postmoderne
- Der Einfluss von Massenmedien und Konsum auf die Identitätsbildung
- Die Rolle des Theaters als Reflexionsinstanz bei René Pollesch
- Machtstrukturen und Überwachung durch markenorientierte Lebensstile
- Strategien der Subjektivitätsbehauptung gegenüber dem Turbokapitalismus
Auszug aus dem Buch
3.1. Nationen, Konzerne, Marken, Subjekte
Wenn wir in einer Welt ohne Klassenbewusstsein und bar von Traditionen leben, wie werden wir sozialisiert, wie bildet sich dann unsere Identität, in einer „noch nie dagewesenen Wirklichkeit“, die insbesondere „Amerikaner und Europäer aufgebaut haben“? Der Verlust von Ideologien, auch als Ersatzreligionen oder „inzestuöse Symbiose“ - wie Erich Fromm in Anlehnung an Freud die symbiotische Einbettung des Einzelnen in eine Volksmasse bezeichnet - verstanden, hinterlässt im Rahmen der Diskussion um Postmoderne und Globalisierung ein Subjekt, dem sein Verschwinden, bzw. seine Entleerung attestiert wird. Ist es uns trotz der negativen Freiheit (Freiheit von totalitären Regimen) nicht gelungen, eine positive Freiheit (individuelle Lebensentwürfe zu entwickeln und auszuleben) als Subjekte zu vertreten?
Im Dritten Reich war es noch gelungen, einen narzißtischen Chor zu etablieren, Wagner-Fan Hitler verstand die Inszenierung der Kultur aus dem Geiste der Musik: die Schaffung einer Gruppenidentität, eines Kollektiv-Subjekts der Nation mit dem Subjekt als „Zugrundeliegendes“. Wie Einar Schleef den Chor richtigerweise als krank, bzw. einer Droge bedürftig ausweist, bestand seine Droge in der Vorstellung seiner selbst als erlesen, rein und überlegen: auserwählt und metaphysisch beauftragt, mechanisch solidarisiert wie im archaischen Mythos: die Idealisierung des Arischen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den theoretischen Rahmen und die Forschungsfrage vor, die Identität und Subjektivität im Zeitalter von Globalisierung und Medien beleuchtet.
2. „Alles ist käuflich: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich.“: Dieses Kapitel diskutiert philosophische Grundlagen der Postmoderne, den Begriff der Hyperrealität und die Auswirkungen der Medialisierung auf die Gesellschaft.
3. Generation @: Schleichende Übernahme des Subjekts?: Hier werden die soziologischen Bedingungen der Identitätsbildung unter dem Einfluss von Marken und Konzernen sowie die Mechanismen der sozialen Mimesis analysiert.
4. René Polleschs (postdramatisches) Theater: „Perform Normativität!“: Der Hauptteil analysiert die ästhetischen Strategien von René Pollesch, der die Konsumgesellschaft mit theatralen Mitteln kritisch reflektiert und das Subjekt als programmierbaren Cyborg entlarvt.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Relevanz des Theaters als Institution, die sich der Verweigerung der Mimesis widmet.
6. Bildanlagen: Daniele Buetti: Dieses Kapitel präsentiert visuelle künstlerische Positionen, die das Thema der Kommerzialisierung von Körper und Identität veranschaulichen.
Schlüsselwörter
Postmoderne, Identität, Subjektivität, Globalisierung, Konsum, Hyperrealität, Medien, Kulturindustrie, René Pollesch, Performativität, Simulation, Simulakrum, Markenkultur, Entpersonalisierung, Widerstand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem Subjekt, den modernen Medien und dem Konsumverhalten in der heutigen post-ideologischen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Medientheorie, soziologische Identitätsforschung, Kulturkritik und zeitgenössisches postdramatisches Theater.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, ob und wie eine eigenständige Identität in einer Welt möglich ist, die von digitalen Codes, globalen Marken und konsumorientierter Selbstinszenierung durchdrungen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kulturwissenschaftliche Analyse, die philosophische und soziologische Thesen (u.a. von Lyotard, Baudrillard und Beck) mit einer detaillierten Interpretation des Werks von René Pollesch verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Machtstrukturen der Mediengesellschaft, die Inszenierung von Lebensstilen und die Strategien des postdramatischen Theaters als Form des künstlerischen Protests gegen Entfremdung und Konsumzwang analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind unter anderem Postmoderne, Hyperrealität, Simulation, Markenkultur, Identität und performative Kulturtechniken.
Inwiefern spielt der Film „Fight Club“ für die Argumentation eine Rolle?
Der Film dient als exemplarisches Beispiel für die Suche nach Identität in einer konsumkritischen, aber gleichzeitig in neue Gruppenideologien abgleitenden Subjektkultur.
Welche Rolle nehmen die künstlerischen Arbeiten von Daniele Buetti ein?
Buettis Arbeiten, wie etwa die digitale Bearbeitung von Modeaufnahmen, dienen als visuelle Illustration für die Durchdringung des menschlichen Körpers durch kommerzielle Codes und Branding.
- Quote paper
- Nils Wiegand (Author), 2003, Kultur als Beute - Identität durch Medien und Konsum im Hinblick auf René Pollesch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22959