In westlichen, modernen Gesellschaften scheint die Klassenzugehörigkeit für die Erklärung des Wahlverhaltens immer weniger von Bedeutung zu sein, wie zahlreiche Studien belegen. Eine Ursache dafür liegt in der zahlenmäßigen Abnahme der Arbeiterklasse, so dass sich eine „neue Linke“ für die neue Mittelschicht konstituiert. Der traditionelle, auf soziostrukturelle Unterschiede basierende Cleavage (zu Deutsch: Konfliktlinie) Arbeit vs. Kapital, der auf Lipset und Rokkan (1967) zurückgeht und die Grundlage für das klassische Class voting (Arbeiter wählen links, Unternehmer rechts) bildet, spielt in westlichen postindustriellen Ländern also kaum mehr eine Rolle.
Wie sieht die Situation jedoch in den postkommunistischen Staaten aus? Am Beispiel Tschechiens soll die Frage untersucht werden, ob eine traditionelle Form des Class votings auf der Grundlage einer Klassencleavage nachzuweisen ist. Ist der klassische Arbeit-Kapital-Konflikt noch wirksam? Oder hat sich im Zuge der Transformation eine neue Klassencleavage herausgebildet, indem die unteren Schichten wie die Arbeiterklasse beim Reformprozess auf der Strecke bleiben, während die neu entstehende Unternehmerschicht besonders von der Transition profitiert? Und wenn dem so wäre, ist dieser Klassen basierte Cleavage dann mit demografischen Variablen verbunden, also wählen Arbeiter tatsächlich links und Unternehmer rechts?
Diese Arbeit beschränkt sich auf die Untersuchung Tschechiens von der Wende bis zum Jahr 1998. Nach einem kurzen Überblick über die in diesen acht Jahren wichtigsten Wahlen wird das Cleavagemodell von Lipset und Rokkan auf Tschechien angewandt. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, ob die tradierten Cleavages, darunter vor allem die Arbeit-Kapital-Cleavage, die Entwicklung des Parteiensystems beeinflussten oder nicht. Im Anschluss daran wird untersucht, ob sich im Laufe der Transformation eine neue Cleavage herausgebildet hat, die der sozialen Klasse eine Rolle bei der Erklärung des Wahlverhaltens zuschreiben würde. Dabei wird vorwiegend auf die zunehmend dominierende soziökonomische Links-Rechts-Achse eingegangen sowie auf den Gegensatz zwischen Transformationsverlierern und -gewinnern. Im letzten Schritt werden dann empirische Studien herangezogen, die klären sollen, ob die Wahlpräferenzen wirklich von der Klassenzugehörigkeit abhängen. Im Zentrum soll dabei die Frage stehen, ob man anhand der Wahlanalysen feststellen kann, dass Arbeiter in der Tat links wählen und Unternehmer rechts.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Class voting in Tschechien von 1989/90-1998
1. Überblick: Wahlen, Parteien, Regierungen
2. Wirksamkeit der klassischen Cleavages nach Lipset und Rokkan in Tschechien?
2.1 Stadt-Land, Kirche-Staat, Zentrum-Peripherie
2.2 Arbeit vs. Kapital
3. Sozioökonomische Links-Rechts-Achse
3.1 Anfängliche Überdeckung durch Liberalismus-Achse
3.2 Zunehmende Dominanz der Links-Rechts-Achse
3.3 Zwischenfazit
4. Empirische Untersuchungen zum Class voting
4.1 Einfluss der Klasse bei den Wahlen 1992
4.2 Wahlerfolg der CSSD im Jahr 1996
4.3 Wahlen 1998
4.4 Interpretation der empirischen Daten: Wählen Arbeiter tatsächlich links und Unternehmer rechts?
III. Zusammenfassung
IV. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Relevanz des traditionellen Class votings im Kontext der postkommunistischen Transformation Tschechiens im Zeitraum von 1989/90 bis 1998, um zu klären, ob sich eine klassenspezifische Wahlentscheidung – insbesondere Arbeiter wählen links und Unternehmer rechts – etablieren konnte.
- Anwendung des Cleavage-Modells von Lipset und Rokkan auf den tschechischen Transformationsprozess.
- Analyse der Bedeutung von Parteien, Wahlen und Regierungsbildungen im Untersuchungszeitraum.
- Untersuchung der sozioökonomischen Links-Rechts-Achse und des Gegensatzes zwischen Transformationsgewinnern und -verlierern.
- Empirische Prüfung des Wahlverhaltens basierend auf Exit-Poll-Daten der Jahre 1992, 1996 und 1998.
- Bewertung der Stabilität und Kontinuität von Klassenbindungen bei politischen Präferenzen nach krisenhaften Ereignissen.
Auszug aus dem Buch
3. Sozioökonomische Links-Rechts-Achse
In der Literatur ist man sich weitestgehend einig, dass sich im Laufe der 90ger Jahre ein zentraler Cleavage durchgesetzt hat, nämlich die sozioökonomische Links-Rechts-Achse.5 Zunächst wurde sie aber von einer auf Werte und Symbole basierenden politischen Konfliktlinie überlagert, die im kommenden Abschnitt näher beschrieben werden soll.
Szelenyi et al. (1997: 210) gehen davon aus, dass in der ersten Phase nach der Wende Themen wie Freiheit, Identität und Gemeinschaft zentral waren. Die liberal-konservative Achse war dominant, während ökonomische Interessen und Klassenkonflikte nur im Hintergrund bestanden. Sie sprechen deshalb zunächst von einer Politik der Symbole.
Auch Kitschelt (1992: 14-15) identifiziert anfangs eine Achse, die nicht von sozioökonomischen Fragen geprägt war. Seine liberal-autoritäre Konfliktlinie stellt zwei Pole gegenüber: Der liberale Pol steht für Anarchismus, Syndikalismus und plebiszitäre Demokratie; der Gegenpol zeichnet sich durch Autoritarismus, begrenzte Demokratie und hierarchische Entscheidungsprozesse aus (Vlachova 1999: 252). In diesen Zusammenhang passt auch die Feststellung Klimas (1998: 72), der von einem anfänglichen „Regime-Cleavage“ spricht, die der Gründungswahl einen plebiszitären Charakter (Kommunismus-Antikommunismus) verlieh. Allerdings muss man sich bewusst machen, dass es sich hier, wie einleitend schon erwähnt, um eine auf Werte basierende, politische Konfliktlinie handelt, die deutlich von den traditionellen Cleavages nach Lipset und Rokkan abzugrenzen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage, ob das klassische Class voting in Tschechien während der Transformationsphase nach 1989 eine Rolle spielte.
II. Class voting in Tschechien von 1989/90-1998: Dieses Kapitel analysiert die politische Entwicklung Tschechiens, die fehlende Relevanz traditioneller Cleavages nach Lipset und Rokkan sowie die Etablierung einer sozioökonomischen Links-Rechts-Achse.
1. Überblick: Wahlen, Parteien, Regierungen: Dieser Abschnitt bietet einen chronologischen Abriss der wichtigsten Wahlen und Parteienentwicklungen zwischen 1990 und 1998.
2. Wirksamkeit der klassischen Cleavages nach Lipset und Rokkan in Tschechien?: Das Kapitel hinterfragt die Anwendbarkeit klassischer Konfliktlinien auf das postkommunistische Tschechien.
2.1 Stadt-Land, Kirche-Staat, Zentrum-Peripherie: Hier wird dargelegt, dass diese traditionellen Konfliktlinien in Tschechien aufgrund historischer Gegebenheiten kaum politisches Gewicht hatten.
2.2 Arbeit vs. Kapital: Dieser Teil erörtert, dass der klassische Arbeiter-Kapital-Konflikt unmittelbar nach dem Kommunismus mangels ausgeprägter Schichten keine Rolle spielte.
3. Sozioökonomische Links-Rechts-Achse: Es wird die Herausbildung der Links-Rechts-Dimension als dominanter Faktor im Parteienwettbewerb untersucht.
3.1 Anfängliche Überdeckung durch Liberalismus-Achse: Beschreibung der frühen Phase, in der Wertfragen und Symbole die ökonomische Dimension überlagerten.
3.2 Zunehmende Dominanz der Links-Rechts-Achse: Analyse des Übergangs zu einer stärker interessengeleiteten Politik, die zunehmend klassenspezifisch strukturiert war.
3.3 Zwischenfazit: Zusammenfassung der Erkenntnisse zur Verschiebung von einer Wertekonsens-Politik hin zu einem Klassengegensatz zwischen Gewinnern und Verlierern der Transformation.
4. Empirische Untersuchungen zum Class voting: Präsentation und Auswertung der Exit-Poll-Daten zu den Wahlen 1992, 1996 und 1998.
4.1 Einfluss der Klasse bei den Wahlen 1992: Aufzeigen der schwachen Klassenbindung bei den ersten Wahlen nach der Wende.
4.2 Wahlerfolg der CSSD im Jahr 1996: Untersuchung der massiven Verschiebung der Arbeiterklasse hin zur CSSD als Reaktion auf die Reformpolitik.
4.3 Wahlen 1998: Analyse der Stabilität des Wahlverhaltens und der gefestigten Affinität der Arbeiterschicht zum linken Parteienspektrum.
4.4 Interpretation der empirischen Daten: Wählen Arbeiter tatsächlich links und Unternehmer rechts?: Abschließende Einordnung, wie sich klassenspezifische Wahlentscheidungen im Zeitverlauf nach einer Übergangsphase herausgebildet haben.
III. Zusammenfassung: Resümee über die Etablierung eines stabileren Klassenwahlverhaltens in Tschechien bis 1998.
IV. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Publikationen.
Schlüsselwörter
Class voting, Tschechien, Transformation, Lipset und Rokkan, Links-Rechts-Achse, Arbeiterklasse, Transformationsverlierer, Parteiensystem, Wahlverhalten, ODS, CSSD, Cleavage-Theorie, Postkommunismus, Wirtschaftsreformen, Sozialstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und inwieweit das in westlichen Gesellschaften schwindende Phänomen des Class votings (Klassenwahlverhalten) im postkommunistischen Tschechien zwischen 1989 und 1998 nachweisbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Felder sind die Anwendung des Cleavage-Modells von Lipset und Rokkan, die politische Transformation in Tschechien sowie die Entwicklung sozioökonomischer Konfliktlinien zwischen Arbeitern und Unternehmern.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob sich im Zuge der Transformation eine neue, klassenbasierte Konfliktlinie entwickelt hat, die dazu führt, dass Arbeiter bevorzugt linke und Unternehmer bevorzugt rechte Parteien wählen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Der Autor führt eine theoretische Analyse der Cleavage-Strukturen durch und stützt sich im empirischen Teil auf die Auswertung von Exit-Poll-Daten der Parlamentswahlen von 1992, 1996 und 1998.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil stehen die Entwicklung des tschechischen Parteiensystems, die Dominanz der Links-Rechts-Achse gegenüber traditionellen Konfliktlinien sowie der Gegensatz zwischen Transformationsgewinnern und -verlierern im Vordergrund.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Class voting, Transformationsprozess, Klassenbindung, Links-Rechts-Achse, ODS, CSSD und Cleavage-Strukturen.
Warum spielt die Wahl 1992 in der Analyse eine gesonderte Rolle?
Das Jahr 1992 dient als Vergleichspunkt für die nachfolgenden Wahlen, da sich zu diesem frühen Zeitpunkt noch kein ausgeprägtes Klassenwahlverhalten zeigte und das Parteienspektrum noch in der Konsolidierungsphase war.
Welche Rolle spielt die CSSD für die Arbeiterklasse im Untersuchungszeitraum?
Die CSSD etablierte sich insbesondere ab 1996 durch ihre Kritik an der sozialen Härte der Reformpolitik als Partei der Transformationsverlierer und konnte dadurch die Arbeiterklasse als ihre wichtigste Wählerbasis gewinnen.
- Arbeit zitieren
- Christian Lippl (Autor:in), 2007, Class voting in Tschechien von 1989/90-1998, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229602