Caesarbilder moderner Althistoriker im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Ablehnung der Königswürde in den antiken Quellen

3 Theodor Mommsen und die Apotheose Caesar

4 Caesar-Bilder moderner Althistoriker am Beispiel der Ablehnung der Königswürde
4.1 Christian Meier und der „Diktator ohne Alternative“
4.2 Martin Jehne und der “un-institutionalisierte“ Monarch
4.3 Luciano Canfora und der „Scheinrepublikaner“

5 Mommsens Caesar - ein umstrittenes Erbe

6 Schlussbemerkungen

7 Bibliographie
7.1 Primärquellen
7.2 Literatur

1 Einleitung

Gaius Iulius Caesar ist eine der umstrittensten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte. Die Urteile über ihn reichen vom „schöpferischen Genie“1 bis hin zum „Totengräber der Republik“.2 Da niemand den wahren Caesar kennt, zeichnet jede Epoche, jeder Autor und jeder Historiker sein eigenes Bild des dictator perpetuus.

Eines der entscheidenden Kriterien für die Darstellung Caesars in der althistorischen Forschung ist spätestens seit Theodor Mommsen die Frage nach der Königswürde und deren Ablehnung durch Caesar. Nur wenige Begebenheiten in seinem Leben bieten ähnlichen Anlass zu solch intensiven Spekulationen.

In der Forschung gibt es kontroverse Diskussionen, die sich um die Interpretation der Ablehnung des Königsdiadems drehen: War es eine abgesprochene Inszenierung? Ein Test, um die Zustimmung des Volkes zu einer Monarchie zu bestimmen? Aufrichtige Empörung über diesen offenen Traditionsbruch? Jeder Historiker zeichnet mit seiner Interpretation der Ereignisse jeweils ein spezifisches Bild von Iulius Caesar.

In dieser Arbeit sollen vier dieser Bilder - von Theodor Mommsen, Christian Meier, Mar- tin Jehne und Luciano Canfora - herausgearbeitet werden. Wie beurteilten moderne Historiker die Zurückweisung der Königswürde und wie sahen sie den Diktator? Es wird zu zeigen sein, dass sich die Caesar-Bilder der hier untersuchten Historiker teilweise stark voneinander unter- scheiden.

Bei den Analysen der Autoren zur Königsfrage sind mehrere Ereignisse von zentraler Be- deutung, bei denen Caesar direkt mit der Monarchie konfrontiert wurde: seine Reaktion auf die rex-Rufe bei seiner Rückkehr aus Alba, sein Verhalten bei der Bekränzung seiner Statuen sowie der Krönungsversuch beim Luperkalienfest3 im Jahre 44 v. Chr. Um die Argumentation der Autoren nachvollziehen zu können, wird zu Beginn der Arbeit auf die Darstellung dieser drei Szenen in den antiken Quellen eingegangen. Anhand der Charakterisierung Caesars in diesen drei Situationen soll ein Caesar-Bild des jeweiligen Autors herausgearbeitet werden. Am Ende soll mittels eines Vergleichs mit dem Caesar von Theodor Mommsen gezeigt wer- den, welche Differenzen zwischen den Darstellungen Caesars in der althistorischen Forschung bestehen und wie unterschiedlich seine umstrittene Person gesehen wird.

Dass die Diskussionen um die Königsfrage so langanhaltend und kontrovers geführt wer- den, hängt zum Teil mit den knappen Informationen zusammen, die uns durch die antiken Quellen überliefert sind. Die Hauptgrundlage der untersuchten Autoren in Bezug auf diese Ereignisse sind die Beschreibungen von Cicero, Plutarch, Sueton und Cassius Dio.

Die Forschungsliteratur über Caesar und die Königsfrage ist, im Gegensatz zu den Quellen, äußerst ausführlich. Caesar ist aufgrund seiner Taten, seiner Persönlichkeit und seiner Rolle für das endgültige Ende der römischen Republik eine der am meisten untersuchten Personen der althistorischen Forschung. Auch der Frage der Caesar-Darstellungen haben sich bereits einige Historiker, wie beispielsweise Karl Christ, gewidmet.4

2 Die Ablehnung der Königswürde in den antiken Quellen

Von den drei Ereignissen, die für Caesars Ablehnung des Königstitels am aussagekräftigsten sind, berichten hauptsächlich die Überlieferungen Ciceros, Cassius Dios, Suetons und Plutarchs, die sich im Wesentlichen gleichen, aber jeweils wichtige Details liefern.

Cicero - der einzige der vier Autoren, der Zeitgenosse Caesars war - berichtet uns in seiner zweiten Philippischen Rede davon, wie Antonius beim Luperkalienfest Caesar das Diadem, das als Symbol der Könige galt, anbot. Er schildert, wie Caesar bei dem Luperkalienfest auf der Rostra saß, „in die purpurne Toga gehüllt, auf goldenen Sessel, den Kranz auf dem Haupt“5 und Antonius ihm das Diadem dargeboten habe. Das Volk habe entsetzt reagiert: „Ein Aufstöhnen geht über das ganze Forum.“6 Nach Cicero hatte Antonius das Diadem be- reits zum Fest mitgebracht: „…ein wohlüberlegter und sorgfältig ausgesonnener Frevel! Du versuchst ihm das Diadem aufzusetzen - das Volk bricht in Wehklagen aus. Jener weist es unter Beifallskundgebungen zurück.“7 Cicero bezichtigt Antonius in seiner Rede, dass er „als Stifter der Gewaltherrschaft“ aufgetreten sei und zugleich „die Probe machen [wollte, A.d.V.], was das römische Volk hinzunehmen bereit war.“8 Diese Meinung Ciceros, dass bei dem Krönungsversuch die Reaktion des Volkes bestimmt werden sollte, findet sich auch in der Forschung, u.a. bei Martin Jehne, wieder. Cicero gibt schließlich auch noch Auskunft dar- über, dass Caesar die Zurückweisung des Diadems im Festkalender des Luperkalienfestes festhalten ließ.9

Plutarchs Bericht deckt sich größtenteils mit dem Ciceros, bietet uns aber wesentlich mehr Details zu bestimmten Punkten. Er schreibt, dass der Hass auf Caesar vor allem seinem Stre- ben nach der Königswürde zu verdanken gewesen sei. Das Volk habe sich dadurch von ihm abgewandt und seine Feinde hätten einen Vorwand für seine Ermordung gefunden.10 Daran hätten auch Caesars Gefolgsleute Schuld getragen, was Plutarch mit der Streuung von Ge- rüchten begründet, nach denen ein Feldzug nach Parthien nur erfolgreich seien könne, wenn ein König ihn führe. „Und als Caesar eines Tages von Alba nach Rom zurückkehrte, wagten sie es, ihn laut als König zu begrüßen.“11 Plutarch lässt Caesar auf die rex-Rufe ungehalten reagieren: „Da aber das Volk nur Bestürzung zeigte, herrschte er sie unwillig an, er heiße Caesar, nicht König. Tiefe Stille folgte diesem Wort, er aber ging finster und ungnädig vo- rüber.“12 Plutarch gibt uns als einzige Quelle ein weiteres interessantes Detail: Er beschreibt, wie Caesar im Anschluss an seine Rückkehr vor seinen Freunden seinen Hals entblößte und ihnen zurief, wer Lust habe, solle zustoßen.13

In Plutarchs Caesar Vita finden wir auch eine Beschreibung des Luperkalienfestes 44 v. Chr., die sich weitgehend mit der Beschreibung Ciceros deckt. Die Reaktion des Volkes auf die Darbietung des Diadems schildert auch Plutarch als zurückhaltend, allerdings gibt er ein weiteres Detail, das sich als eine Theorie in der Forschung durchgesetzt hat: „Man hörte Hän- deklatschen, das aber dünn und schwächlich klang; denn es rührte von ein paar wenigen Leu- ten her, welche dazu bestellt worden waren.“14 Dass Plutarch an eine Inszenierung der Szene glaubte, zeigt auch folgender Auszug: „Da der Versuch so kläglich gescheitert war, stand Caesar auf und gebot, den Kranz aufs Kapitol zu bringen.“15 Auch bei Plutarch findet sich die begeisterte Zustimmung der Massen, als Caesar das Diadem zurückwies.

Im Anschluss schildert Plutarch das dritte Ereignis, das für die Spekulationen um Caesars Ablehnung der Königswürde herangezogen wird. Als das Diadem zum Kapitol gebracht wur- de, sollen die Standbildern Caesars ebenfalls mit Diademen bekränzt gewesen sein. Die bei- den Volkstribunen Flavius und Marullus entfernten diese sofort und ließen auch diejenigen verhaften, die Caesar als rex begrüßt hatten. Caesar geriet darüber in solchen Zorn, dass er die Tribunen ihres Amtes enthoben.16

Suetons gibt uns die Ereignisse nüchterner wieder und lässt die Bekränzung der Caesarsta- tuen bereits bei dessen Rückkehr aus Alba stattfinden.17 Als die beiden Volkstribunen die Diademe entfernen und den Mann, der die Statuen mit dem Königssymbol ausgestattet hatte, abführen ließen, reagierte Caesar auch bei Sueton äußerst ungehalten und ließ beide absetzen, „either offended that the hint at regal power had been received with so little favour, or, as he asserted, that he had been robbed of the glory of refusing it.“18 Sueton bringt hier eine weitere Variante ins Spiel, die bei der Interpretation der Ereignisse in Frage kommen könnte: Caesar wollte jede Möglichkeit nutzen, um zu zeigen, dass er die Königswürde eben nicht annehmen wollte.

Sueton schreibt, dass Caesar seit dieser Szene den Verdacht nicht mehr losgeworden sei, dass er die Königswürde anstrebte, auch wenn er dem Volk, als es ihm als rex bejubelte, ant- wortete „I am Caesar and no king.“19 Auch die Zurückweisung des Diadems beim Luperkali- enfest befreite ihn, nach Sueton, nicht von diesem Verdacht. Auch von Sueton erfahren wir über die Gerüchte, nach denen angeblich nur ein König das Partherreich erfolgreich erobern könne und Caesar dieser Titel in der kommenden Senatssitzung angetragen werden solle.20

Die letzte der wesentlichen Quellen, Cassius Dio, lässt zunächst die Verschwörer gegen Caesar dem Diktator die Königswürde antragen, um dessen Freunde gegen ihn aufzubringen. Sie seien sogar so weit gegangen, ihn als König anzusprechen, um ihn dadurch offen zu verunglimpfen.21 Caesar hätte zwar den Titel immer wieder abgelehnt und die Verschwörer zurechtgewiesen. Aber da er nicht gezeigt habe, dass er darüber wirklich verärgert war, krönten sie im Geheimen seine Statue auf der Rostra. Als die beiden Tribunen Marullus und Flavius das Diadem entfernen ließen, sei Caesar sehr zornig geworden.22

Die Szene bei seiner Rückkehr aus Alba beschreibt Cassius Dio übereinstimmend mit Plutarch und Sueton. Allerdings lässt er Caesar nicht nur wütend, sondern auch sehr irritiert reagieren, "as if these very officials were really stirring up sedition against him.“23

Nach Cassius Dio war schon dieses Ereignis ein Beweis dafür, dass Caesar den Königstitel insgeheim begehrte, auch wenn er ihn in der Öffentlichkeit immer ablehnte. Einen weiteren klaren Beleg sieht Dio zudem in Caesars Reaktion auf dem Luperkalienfest. Bei Dio reagiert Caesar nicht verärgert. Er lässt das Diadem Jupiter weihen und die Zurückweisung der Kö- nigswürde schriftlich festhalten. Caesars Handeln ließ nach Dio Vermutungen aufkommen, dass die ganze Szene nur arrangiert gewesen sei und dass Caesar zwar Angst vor dem Namen rex gehabt habe, „but wished to be somehow compelled to take it.“24

Obwohl sich alle vier Darstellungen in den groben Abläufen gleichen, gibt doch jede Quelle ein weiteres Detail preis, was die Spekulationen um die Frage, warum Caesar die Königswürde abgelehnt hat, so kontrovers machen. Wie vielseitig die Deutungsmöglichkeiten der Szenen sind, wird in der unten behandelten Forschungsliteratur zu zeigen sein.

3 Theodor Mommsen und die Apotheose Caesar

Theodor Mommsens wissenschaftliche und wissenschaftsorganisatorische Leistungen sind unerreicht. Seine quelleneditorischen Arbeiten, die auch heute noch grundlegend für zahllose wissenschaftliche Studien sind, die durch ihn begonnene Historisierung des Altertums und seine Darstellung der römischen Geschichte modernisierten die althistorische Geschichtswis- senschaft.25 Doch trotz all seiner Leistungen hat Mommsen nichts berühmter gemacht, als sein Portrait des römischen Diktators Gaius Iulius Caesars. Sein Bild verdrängte frühere Cha- rakterisierungen fast vollständig. Dabei war das Besondere nicht einmal in seiner revolutionä- ren Umdeutung des Diktators zu sehen, sondern in der „Vereinheitlichung seines Wesens, seiner Taten und seiner Werke.“26

[...]


1 Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Band 5, München 1976, S. 127.

2 Gehrke, Hans-Joachim: Kleine Geschichte der Antike, 3. Auflage, München 2007, S. 135.

3 Das Luperkalienfest war ein am 15. Februar in Rom gefeierter Umgangsritus. Der zum Ritus gehörende Mythos verband es mit dem Urkönig Romulus, weshalb Caesar das Fest 44 v. Chr. politisch instrumentalisieren wollte. Vgl.: Baudy, Dorothea: Art. „Lupercalia“ In: Der Neue Pauly, hrsg. von Cancik, Hubert/Schneider, Helmuth, Band 7 Lef-Men, Stuttgart/Weimar, 1999, S. 509f.

4 Schuller, Wolfgang: Das erste Europa. 1000 v. Chr. - 500 n.Chr. Handbuch der Geschichte Europas. Band 1, Stuttgart 2004, S. 303-306 und Christ, Karl: Caesar. Annäherungen an einen Diktator, München 1994.

5 Cic. Phil. 2,85: Sedebat inrostris conlega tuus amictus toga purpurea, in sella aurea, coronatus.

6 Ebd.: Gemitus toto foro.

7 Ebd.: Non enim abiectum sustuleras, sed attuleras domo meditatum et cogitatum scelus. Tu diadema imponebas cum plangore populi; ille cum plausu reiciebat.

8 Ebd.: …idem temptares quid populus Romanus ferre et pati posset.

9 Cic. Phil. 2,87: At etiam ascribe iussit in fastis ad Lupercalia: ‘C. Caesari, dictatori perpetuo, M. Antonium consulem populi iussu regnum detulisse; Caesarem uti noluisse.’

10 Plut. Caes. 60.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Plut. Caes. 61.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Suet. Caes. 79

18 Ebd.: dolens seu parum prospere motam regni mentionem sive, ut ferebat, ereptam sibi gloriam recusandi.

19 Ebd.: quanquam et plebei regem se salutani Caesarem se, non regem esse responderit.

20 Ebd.

21 Cass. Dio 44, 9,1.

22 Cass. Dio 44, 9,2-3.

23 Cass. Dio 44, 10,1.

24 Cass. Dio 44, 11,3.

25 Christ, Karl: Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982, S. 73ff. und Rebenich, Stefan: Theodor Mommsen (1817-1903). In: Raphael, Lutz (Hrsg.): Klassiker der Geschichtswissenschaft. Band 1. Von Edward Gibbon bis Marc Bloch, München, 2006, S. 88-105, S. 100f.

26 Rebenich, S. 91.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Caesarbilder moderner Althistoriker im Vergleich
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Europäische Geschichte)
Veranstaltung
Caesar: Ruhm und Nachruhm
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V229614
ISBN (eBook)
9783656448709
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Caesar, Königswürde, Jehne, Meier, Mommsen
Arbeit zitieren
Stefan Schubert (Autor), 2012, Caesarbilder moderner Althistoriker im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229614

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