"Durch die zunehmende Pluralisierung unserer Gesellschaft nimmt die Kritik zu, was das kooperative System und damit verbunden den Einfluss der beiden großen Kirchen in unserem Gemeinwesen betrifft. Die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Kruzifixe in deutschen Klassenzimmern in den 90er-Jahren kündigte den Trend bereits an, aber auch der religiöse Bekenntnisunterricht und die Gottesklausel in der Präambel unserer Verfassung sind umstritten. Und wenn in den Weihnachtsansprachen deutscher Staatsoberhäupter von 'Gott' die Rede ist, wird hinter diesen Bezug meist der biblische Gott vermutet.
In dieser Hausarbeit soll untersucht werden, ob sich hinter dem – nicht grundlos - unterstellten christlichen Gottesbezug nicht eine übergeordnete Zivilreligion verbirgt. Dazu soll zunächst der Begriff selbst analysiert werden, seine Herkunft, verschiedenen Bedeutungen sowie seine Akzeptanz im wissenschaftlichen Diskurs. Die Vereinigten Staaten dienen als Beispiel, um einige Phänomene der Zivilreligion aufzugreifen und zu verdeutlichen. Doch war Amerika schon vor seiner Unabhängigkeit vom britischen Commonwealth ein Melting Pot und damit an kulturelle wie religiöse Pluralität gewöhnt, während erst im 20. Jahrhundert religiöse Vielfalt in Deutschland akzeptiert wurde. Kann das amerikanische Modell überhaupt auf deutsche Verhältnisse angewendet
werden? Inwiefern haben die historischen Zusammenhänge die Entwicklung einer
eigenen Zivilreligion begünstigt bzw. erschwert? Aufgrund der Überparteilichkeit, des Inhalts sowie des gleichen Anlasses erscheinen mir die Amtsantrittsreden von Staatsoberhäuptern geeignet, um die politische Rede als einen Teilaspekt der Zivilreligion zu vergleichen. Dafür werde ich zunächst auf die zivilreligiösen Elemente in der Antrittsrede des seit 2009 amtierenden US-amerikanischen Präsidenten Barack Obamas hinweisen und anschließend Analogien und Unterschiede in der Ansprache des kürzlich vereidigten Bundespräsidenten Joachim Gauck suchen."
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsgeschichte
2.1 Herkunft
2.2 Verschiedene Bedeutungen
2.2.1 Zivilreligion zur Legitimation
2.2.2 Zivilreligion als Wertekonsens
2.2.3 Zivilreligion zur Integration
2.3 Akzeptanz des Begriffs
3 Antrittsreden
3.1 Inaugural Address of Barack Obama
3.2 Amtsantrittsrede Joachim Gaucks
3.3 Vergleichbarkeit
4 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern sich im deutschen Kontext zivilreligiöse Praktiken nachweisen lassen und ob das amerikanische Modell der Zivilreligion auf deutsche Verhältnisse übertragen werden kann. Dabei wird analysiert, inwieweit politische Reden, speziell die Amtsantrittsreden von Barack Obama und Joachim Gauck, als Ausdrucksform einer solchen Zivilreligion dienen, wobei insbesondere die Rolle historischer Narrative und transzendenter Bezüge beleuchtet wird.
- Begriffsgeschichte der Zivilreligion von Rousseau bis Bellah
- Funktionen der Zivilreligion: Legitimation, Wertekonsens und Integration
- Analyse der zivilreligiösen Symbolik in der Inaugural Address von Barack Obama
- Vergleichende Betrachtung der Amtsantrittsrede von Joachim Gauck
- Einfluss nationaler Geschichte auf die Ausprägung von Zivilreligion
Auszug aus dem Buch
3.1 Inaugural Address of Barack Obama
Obama reiht sich mit seiner Antrittsrede in eine amerikanische Tradition ein. Wie seine Vorgänger prägt auch er „aktiv das Geschichtsbild und das Selbstverständnis der amerikanischen Gesellschaft“ (Magin 2007, 26-27). Fast in jedem Absatz finden sich Verweise zur Vergangenheit der Vereinigten Staaten. Die „Ideale“ der Vorfahren werden zu Motiven für zukünftiges Handeln: „America has carried on […] because We the People have remained faithful to the ideals of our forbearers, and true to our founding documents“.
Bemerkenswert ist hier ebenso der Bezug auf die „heiligen Schriften“ (Bellah 1967, 27) der Zivilreligion, auf die er sich zu einem späteren Zeitpunkt nochmals bezieht, als er verkündet: „The time has come […] to carry forward […] that noble idea, passed from generation to generation: the God-given promise that all are equal, all are free, and all deserve a chance to pursue their full measure of happiness“ und damit die Menschenrechte in der Declaration of Independence in eigenen Worten wiedergibt.
Indem der Präsident das amerikanische Volk „auf allgemein verpflichtende Werte“ (Göhler 2006, 377) einschwört, bedient er sich einem weiteren Element der Zivilreligion, mit dem er ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt (vgl. ebd., 377-378). Mit der Erinnerung an die Vorfahren bewirkt er ebenso ein „Wir“-Gefühl. Er betont die Opfer der ersten Siedler, der Sklaven und Kriegsgefallenen, „these men and women struggled and sacrificed and worked till their hands were raw so that we might live a better life“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Zivilreligion ein und stellt die Forschungsfrage, ob hinter dem christlichen Gottesbezug in Deutschland eine Zivilreligion steht, die anhand von Amtsantrittsreden untersucht werden soll.
2 Begriffsgeschichte: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen der Zivilreligion, von Rousseaus Ursprungskonzept über die Funktionen der Legitimation und Integration bis hin zur akademischen Kritik am Begriff.
3 Antrittsreden: Hier werden die Inaugural Address von Barack Obama und die Amtsantrittsrede von Joachim Gauck hinsichtlich zivilreligiöser Symbolik analysiert und miteinander verglichen.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Zivilreligionen stark von der jeweiligen nationalen Historie und kulturellen Prägung abhängig sind.
Schlüsselwörter
Zivilreligion, Religion, Politik, Staatlichkeit, Amtsantrittsrede, Barack Obama, Joachim Gauck, Gemeinwohl, Wertekonsens, Integration, Geschichte, Nationalsozialismus, Erinnerungskultur, Legitimation, Transzendenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob und wie Zivilreligion als soziologisches Phänomen in der Bundesrepublik Deutschland existiert, insbesondere im Vergleich zum amerikanischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Religion und Staat, die Funktion von Zivilreligion zur gesellschaftlichen Integration und die Bedeutung politischer Rhetorik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse, ob sich zivilreligiöse Elemente, wie sie in den USA stark ausgeprägt sind, auch in deutschen Amtsantrittsreden finden lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Fundierung durch Literaturanalyse, gefolgt von einer inhaltlichen Analyse ausgewählter politischer Reden auf zivilreligiöse Symbolik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt zunächst die Begriffsgeschichte und -theorie, gefolgt von der Analyse der Reden Obamas und Gaucks sowie deren Vergleichbarkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Zivilreligion, Erinnerungskultur, Legitimation, Wertekonsens und politische Symbolik charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Obamas Rede von der Gaucks bezüglich des Gottesbezugs?
Während Obama den Gottesbezug als zentralen, integrativen Bestandteil der amerikanischen Zivilreligion nutzt, ist Gaucks Rede davon weitgehend befreit und beschränkt sich auf wenige konventionelle Formeln.
Welche Rolle spielt die deutsche Vergangenheit bei der Ausprägung der Zivilreligion?
Die deutsche Zivilreligion ist stark von der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geprägt, was den Begriff im Vergleich zu den USA deutlich defensiver und skeptischer gegenüber Nationalstolz macht.
- Arbeit zitieren
- Stefan Fuchs (Autor:in), 2012, Zivilreligion in der Bundesrepublik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229663