Gerade einmal 225 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den KZ Gedenkstätten Dachau und Mauthausen. Beide Orte erinnern an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Dritten Reichs – und trotz ihrer relativen geographischen Nähe, erinnern sie daran auf sehr unterschiedliche Art und Weise. In der vorliegenden Arbeit soll es deswegen um die Frage gehen, wie sich die Erinnerungskultur an diesen zwei nationalsozialistischen Täterorten
entwickelt hat. Was waren die Hintergünde, was die (politischen) Voraussetzungen, die zur Gründung der KZ-Gedenkstätten führten? Und wie beinflussten diese Entwicklungsprozesse die NS-Erinnerungskultur vor Ort?
Um diese Fragen zu beantworten, habe ich zwei Thesen aufgestellt, die es im Folgenden zu beweisen oder zu widerlegen gilt: Die Entwicklung der Erinnerungskultur in der KZ-Gedenkstätte Dachau war religiös und kollektiv geprägt, die Entwicklung in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen hingegen nationalstaatlich und individuell.
Methodisch gibt es sehr viele Möglichkeiten, sich diesem vielschichtigen Thema zu widmen. In der vorliegenden Arbeit konzentriere ich mich auf die Denkmäler und Mahnmale, die heute auf dem Gelände der beiden KZ-Gedenkstätten stehen. Im Gegensatz zu den sich ständig im Wandel befindlichen Ausstellungen und Befreiungsfeiern oder den temporären Betreuungsangeboten sind diese Monumente quasi zeitlos und bis heute unverändert. Der Begriff Denkmal wird im Folgenden sehr breit definiert, da es in den beiden KZGedenkstätten eine Vielzahl von Memorialbauten gibt – vom einfachen Gedenkstein über traditionelle Mahnmale bis hin zu Kapellen oder Weiheräumen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erinnerungskultur in KZ-Gedenkstätten
3. Chronologische Entwicklung der KZ-Gedenkstätten
3.a. Das KZ Dachau
3.a.i. Entwicklung zur KZ-Gedenkstätte Dachau
3.a.ii. Die KZ-Gedenkstätte Dachau
3.b. Das KZ Mauthausen
3.b.i. Entwicklung zur KZ-Gedenkstätte Mauthausen
3.b.ii. Mauthausen Memorial – Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen
4. Denkmäler und Mahnmale in der KZ-Gedenkstätte Dachau
4.a. Die religiösen Gedenkorte
4.a.i. Die katholische Todesangst-Christi-Kapelle
4.a.ii. Die evangelische Versöhnungskirche
4.a.iii. Die jüdische Gedenkstätte
4.a.iv. Das Karmelitinnen-Kloster Heilig-Blut
4.a.v. Die russisch-orthodoxe Christi-Auferstehungs-Kapelle
4.b. Das Internationale Mahnmal
5. Denkmäler und Mahnmale in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
5.a. Totengedenktafel
5.b. Weiheraum und Kapelle
5.c. Der Internationale Denkmalhain
5.d. Votivtafeln
6. Konflikte in der Erinnerungskultur
6.a. Konflikte in der KZ-Gedenkstätte Dachau
6.b. Konflikte in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
7. Vergleich
8. Quellen und Literatur
9. Anhang
9.a. Anfrage an KZ-Gedenkstätte Dachau
9.b. Anfrage an KZ-Gedenkstätte Mauthausen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedliche Entwicklung der Erinnerungskultur an den nationalsozialistischen Täterorten Dachau und Mauthausen. Dabei wird analysiert, wie politische Voraussetzungen und Akteure die Gründung und Gestaltung der jeweiligen Gedenkstätten beeinflusst haben, wobei insbesondere die Rolle von Denkmälern und Mahnmalen beleuchtet wird.
- Vergleichende Analyse der Gedenkstätten Dachau und Mauthausen
- Einfluss politischer und religiöser Rahmenbedingungen auf die Erinnerungskultur
- Bedeutung von Denkmälern, Mahnmalen und Votivtafeln als Ausdrucksformen des Gedenkens
- Konfliktfelder und Auseinandersetzungen um die Anerkennung "vergessener" Opfergruppen
- Unterschiedliche Identitätsstiftung und nationale Repräsentation in der Erinnerungsarbeit
Auszug aus dem Buch
i. Die katholische Todesangst-Christi-Kapelle
Die katholische Todesangst-Christi-Kapelle wurde 1960 als erstes religiöses Mahnmal in nur vier Monaten errichtet, um rechtzeitig für den Eucharistischen Weltkongress fertig zu sein. Der fast 14 Meter hohe turmartige Rundbau soll laut Eigendefinition eine „Sühnekapelle“ sein und ist nach vorne hin offen. Dieses Aufbrechen des Zylinders ist für den Architekten Josef Wiedemann „ein Symbol für die Befreiung aus der Gefangenschaft durch Christus“. Die Kapelle besteht aus unbehauenen Steinen aus der Isar, auch der Altar ist ein einfacher Steinblock über dem ein großes Holzkreuz hängt. Das zentrale Gestaltungsmerkmal ist aber eine 550 Kilogramm schwere Dornenkrone aus Kupfer, die über dem Eingang der Kapelle „schwebt“ und sehr stark verbogen ist. Links vor der Kapelle befindet sich außerdem ein hohes Gerüst in dem die sogenannte „Gedächtnisglocke“ hängt. Sie läutet täglich um 14:50 Uhr (nach biblischer Angabe die Todesstunde Jesu). Passend dazu wurde auch der Name der Kapelle gewählt – die Todesangst der Tausenden Häftlinge im KZ Dachau soll dadurch mit der Todesangst Jesu am Kreuze in Verbindung gesetzt werden.
Auffallend ist, dass die Kapelle ohne jeglichen historischen Bezug auf die KZ-Zeit auskommt. Marcuse spricht hier von einer typisch katholischen „emphasis on salvation over history“, die historische Ereignisse uminterpretiert, um mit ihnen die Passion Christi darzustellen. Die Kunsthistorikerin Kathrin Hoffmann-Curtius betont in ihrem Aufsatz „Denkmäler für das KZ Dachau“ außerdem, dass die katholische Kirche mit dem Bau der Kapelle versuchte, „der KZ-Anlage eine andere Orientierung zu geben.“ Die Kapelle kann hierbei als Auslöser für die hohe Anzahl an religiösen Monumenten gesehen werden, die allerdings erst nach und nach errichtet wurden: von 1960 bis 1967 war die Todesangst-Christi-Kapelle das einzige Mahnmal am ehemaligen KZ-Gelände und die katholische Kirche damit als einzige Konfession vertreten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Ursachen und Voraussetzungen der unterschiedlichen Erinnerungskulturen an den KZ-Gedenkstätten Dachau und Mauthausen.
2. Erinnerungskultur in KZ-Gedenkstätten: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Erinnerungskultur im Kontext von ehemaligen Konzentrationslagern und betont deren Bedeutung als Lernorte und Quellen.
3. Chronologische Entwicklung der KZ-Gedenkstätten: Eine historische Aufarbeitung der Entstehung beider Gedenkstätten, von der Befreiung 1945 bis zur heutigen Struktur und dem internationalen Gedenken.
4. Denkmäler und Mahnmale in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Untersuchung der baulichen Gedenkzeichen in Dachau, wobei der Fokus auf dem religiös und kollektiv geprägten Charakter der dortigen Denkmäler liegt.
5. Denkmäler und Mahnmale in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen: Analyse der Gedenklandschaft in Mauthausen, die durch eine starke nationale, staatliche und individuell geprägte Erinnerungsstruktur gekennzeichnet ist.
6. Konflikte in der Erinnerungskultur: Auseinandersetzung mit der Problematik der "vergessenen" Opfergruppen und den internen Streitigkeiten bei der Gestaltung und Repräsentation innerhalb der Gedenkstätten.
7. Vergleich: Abschließende Synthese, in der die Thesen zur unterschiedlichen Ausrichtung (religiös/kollektiv vs. nationalstaatlich/individuell) bestätigt und die Ergebnisse reflektiert werden.
8. Quellen und Literatur: Aufstellung der für die wissenschaftliche Arbeit herangezogenen Primär- und Sekundärquellen.
9. Anhang: Enthält ergänzendes Material wie E-Mail-Korrespondenzen mit den Gedenkstättenleitungen.
Schlüsselwörter
Erinnerungskultur, KZ-Gedenkstätte Dachau, KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Nationalsozialismus, Mahnmal, Denkmal, Opfergruppen, Mauthausen-Schwur, Holocaust-Gedenken, Religiöse Gedenkorte, Internationale Solidarität, Gedenkstättenpädagogik, Historische Aufarbeitung, Opfermythos, individuelle Erinnerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die unterschiedlichen Ansätze der Erinnerungskultur an den beiden ehemaligen nationalsozialistischen Täterorten KZ Dachau und KZ Mauthausen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die historische Genese der Gedenkstätten, die Bedeutung architektonischer Mahnmale sowie der Umgang mit der Repräsentation verschiedener Opfergruppen.
Was ist die primäre Forschungsfrage oder Zielsetzung?
Ziel ist es zu untersuchen, wie sich die Erinnerungskultur an beiden Orten unterschiedlich entwickelt hat und welche (politischen) Voraussetzungen zu den spezifischen nationalen oder religiösen Prägungen führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Verfasserin nutzt eine vergleichende Analyse von Denkmälern und Mahnmalen, ergänzt durch die Auswertung von Quellen wie Zeitungsartikeln, Einweihungsreden und Korrespondenzen mit Gedenkstättenmitarbeitern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die chronologische Entwicklung, die detaillierte Beschreibung und Interpretation der Denkmaltypen sowie eine Untersuchung von Konfliktfeldern innerhalb der Erinnerungskultur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Erinnerungskultur, KZ-Gedenkstätten, Nationalsozialismus, Mahnmalgestaltung, Opfergruppen und Gedenkpolitik sind zentrale Begriffe der Arbeit.
Warum unterscheidet sich die Erinnerung in Dachau von der in Mauthausen?
Dachau ist durch eine starke religiöse und kollektive Prägung gekennzeichnet (u.a. durch das "Priesterlager"), während Mauthausen eine nationalstaatliche Ausrichtung aufweist, die eng mit dem österreichischen "Opfermythos" und der Eigendarstellung neu entstandener Staaten verbunden ist.
Welche Rolle spielen Votivtafeln im Gedenken an das KZ Mauthausen?
Votivtafeln stellen eine Besonderheit in Mauthausen dar, da sie eine sehr individuelle Form des Gedenkens an Einzelschicksale ermöglichen, die bei den Besuchern oft eine stärkere emotionale Wirkung erzielen als monumentale nationale Denkmäler.
- Arbeit zitieren
- Lilly Maier (Autor:in), 2013, Regionale Erinnerungskultur in NS-Täterorten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229686