Motive im Minnesang. Gewalt und Augen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt und bedrohliche Minne

3. Augenmetaphorik und „schouwen“

4. Friedrich v. Hausen "Wâfenâ, wie hat mich minne gelâzen"
4.1 Überlieferung und Aufbau
4.2 Inhalt und Erscheinungsform von Gewalt
4.3 Zusammenfassung

5. Heinrich v. Morungen "Von der elbe wirt entsehen"
5.1 Überlieferung und Aufbau
5.2 Inhalt und Augenmotiv
5.3 Zusammenfassung

6. Schluss

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

„Die Konzeption der ,Hohen Minne‘ ist an Unerfülltheit geknüpft. Der Sänger begründet seine aussichtslose Werbung mit der Unverbrüchlichkeit seiner Liebe und der Authentizität seiner Klage, doch ist ihm die Ablehnung der Dame gewiss.“[1] So schildern Braun und Herberichs prägnant das wesentliche Schema des sogenannten Minneparadoxons. Der Minnesänger umwirbt eine höfische Dame mit anmutenden Liedern und Gleichnissen, nur um letztendlich festzustellen, dass seine Liebe trotz staete unerfüllt bleibt und er abgewiesen wird.

Doch was ist die Konsequenz dieses aussichtslosen Werbens und Kämpfens im Verhalten des Minnesängers? Schließlich lässt sich bei zahlreichen Liedern eine signifikante Stimmungs-veränderung des Minnenden feststellen, die nicht selten auf die bittere Kehrseite des Minneparadoxes zurückzuführen ist. Häufig neigen Minner und Leser dazu, in der umworbenen Dame eine regelrechte Antagonistin zu sehen. Diese neue Rollenzuweisung lässt sich sogar noch überspitzen, sodass man von einer allegorischen „Frau Minne, diu gewaltaerinne minne[2] sprechen kann. Das Wort gewalte soll daher in dieser Arbeit eine wichtige Rolle spielen, viel mehr die Frage, inwiefern von Gewalt im Minnesang die Rede sein kann. Leider wurde dieser Aspekt in der Forschung der Mediävistik bisher vernachlässigt, sodass nur wenige, aber informative Beiträge dieser Arbeit zugrunde liegen. Hierbei liefert Frau Kellner aufschlussreiche Erkenntnisse in diesem Gebiet. Nach einem Kapitel, das einen knappen Umriss um das Phänomen Gewalt in Minneliedern geben soll, folgen später Überlegungen an ausgewählten Textbeispielen.

Ein weiteres Element dieser Arbeit wird das Motiv von Augen bzw. schouwen sein. Die Augen des Menschen sind im Minnesang ein besonderes Element, denn nur durch sie ist der optische Austausch zwischen Minner und Dame gewährleistet. Überdies stellen die Augen eine Art Portal dar, durch welches die Dame in der Lage ist, in das Herz des Sängers zu gelangen und umgekehrt.[3] Gemeinsam mit dem Herz bilden die Augen folglich die ausdrucksstärksten, aber auch mit Abstand die verwundbarsten Körperstellen. Eben diese Motivgeschichte bzw. Metaphorik soll anhand eines Kapitels näher umschrieben werden. Morungen liefert mit seinem Textbeispiel für diese Arbeit hierbei viele Anregungen. Da die Forschung sich mit Morungen schon ausgiebig beschäftigt hat, muss der Interpretationsschwerpunkt auf die Motive von schouwen und gewalte reduziert werden, um den gesetzten Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen.

Zunächst erscheint es wichtig, dass bei beiden Beispielliedern die Textüberlieferung geprüft werden soll. Anschließend folgt natürlich eine Interpretation des Inhalts, woraufhin die geschilderten Motive die Analyse abrundet. Begleitend zu der Analyse wird jeweils ein Beitrag herangezogen, der die angestrebten Überlegungen untermauern oder kontrastieren vermag.

2. Gewalt und bedrohliche Minne

Einleitend macht Hildegard Keller darauf aufmerksam, dass das mhd. Wort gewalte in seiner Bedeutung sowohl mit Macht bzw. Herrschaft, als auch mit Gewalt im Sinne der heutigen Semantik, sprich Aggression und gewalttätiges Handeln, übersetzt werden kann.[4] In ihrem Beitrag überträgt die Autorin diese Doppelsemantik auf die, von Gottfried v. Strassburg zur Allegorie stilisierten, Frau Minne: Einerseits herrscht bzw. gebietet die angehimmelte Dame über ihren Minner wie ein Fürst über sein Volk, andererseits wird die schmerzhafte Kehrseite des Minneparadoxes gleichgesetzt mit widerfahrener, körperlicher Gewalt als Resultat der unerfüllbaren Liebe des Sängers zur Dame, die ein allegorisches Abbild der Minne per se ist. Überhaupt scheint die personifizierte Minne, welcher nahezu die Macht über Leben und Tod attestiert wird, eine sehr geläufige Chiffre für den Minnesang zu sein.[5]

An dieser Stelle ergibt sich die Frage, welche Motivation hinter dem Vorhaben der Minnedame dahinter steckt, den Sänger schaden bzw. sogar töten zu wollen. Auch die Gewalt- und Brandphantasien auf Seiten des Minners bedürfen einer Erklärung. Die Antwort muss in der Personifikation der Minne in Gestalt der Dame liegen und in der abstrakten oder körperlichen Gewalt, die von ihr ausgeht. Denn wie eingangs kurz angeschnitten, ist die „semantische Grenze zwischen körperlichem Schmerz und einem nur abstrakten Leiden an unerwiderter Minne […] zumeist fließend“[6]. Ferner scheint in der Tat das Prinzip der unerfüllbaren Liebe ein wichtiger Indikator für die daraus resultierenden Gewaltstrukturen zu sein.

Beate Kellner schreibt der Gewalt in Minneliedern eine herausragende Rolle zu. Auch sie gesteht der Dame die gewalte ein, den Sänger jederzeit in ihre Gewalt bringen, verletzen oder gar töten zu können. Ein wichtiges Kriterium ist überdies die regelrechte Ohnmacht ihres Gegenübers, des Werbers. Oftmals sieht er sich von der Minnedame gefangen und gedemütigt wieder und verharrt in Resignation und Wehrlosigkeit. Daraus folgt meist der Wunsch nach Rache als ein weiterer Bestandteil des Gewalt-Konzeptes im Minnesang.[7]

Grundsätzlich lässt sich diese auftretende Gewalt bzw. Aggression in den Liedern in drei Grundstrukturen einteilen: Basierend auf den Argwohn, der sich gegen die Gesellschaft richtet, kann entsprechenden Gruppen oder sogar auch Konkurrenten Gewalt entgegengebracht werden. Gewalt kann allerdings auch gezielt auf den Antagonisten fixiert sein, also von der Dame bzw. Minneprinzip auf den Sänger oder umgekehrt. Ferner ist eine auto- und fremdbezogene Form der Gewalt möglich.[8] Es sei allerdings vermerkt, dass Gewalt von der Frau weit seltener ausgeht als vom Mann und diese dann in separaten Frauenstrophen aufgeführt wird.[9]

Für die Textarbeit und Interpretation sollte jedoch explizit erwähnt werden, dass diese Gewaltvorstellungen des Sängers meistens lediglich Phantasiegebilde bleiben und daher im Text als Konjunktiv wiedergegeben werden, auch wenn sie sich inhaltlich durch mehrere Strophen ziehen.[10]

3. Augenmetaphorik und „schouwen“

Die Möglichkeit der Tötung ist für den Minnesänger meist die letzte Instanz der Rache- und Gewaltphantasie. Viel eher beschränkt sich seine Aggression auf das Verletzen des Gegenübers. Interessanter Weise ist das Auge oder das Herz häufig Ziel des Aggressors. Der Grund hierfür liegt in der mittelalterlichen Vorstellung, dass Auge und Herz eine sehr wichtige Verbindung für den Zugang zu der Seele darstellen.

Herz oder Auge sind beispielsweise oft begehrte Ziele eines Liebespfeils. Dieser Pfeilschuss kann durchaus zweideutig gesehen werden: Abgefeuert durch Amor oder Venus erhält dieses Symbol eine durchaus positive Konnotation, der Pfeilschuss lässt den Betroffenen wahre Liebe und die Inspiration zur Minne erfahren. In den gewaltbereiten Händen der Frau Minne erhält dieser Pfeilschuss im Rahmen des Minneparadoxes jedoch einen negativen Beigeschmack.[11] Auch anhand einer Autorminiatur, bei der ein männliches Opfer seiner angebeteten Dame sein vom Pfeil durchbohrte Herz präsentiert, verdeutlichen Braun und Herberichs diese „Motivgeschichte des wunden Herzens‘“[12]

Wie oben erwähnt, ist neben dem Herz die Verletzung des Auges ein favorisiertes Ziel von Gewalt. Das menschliche Auge repräsentiert im Minnesang primär ein wesentliches Schönheitsmerkmal. Zusammen mit dem Mund trägt es entscheidend zur Schönheit der Minnedame bei und fällt darunter meist unter besonderer Betrachtung des Sängers.[13] Sekundär sind Augen allerdings nicht nur Merkmale von Schönheit, sie sind auch notwendig, um Schönheit überhaupt registrieren und aufnehmen zu können. Da Schönheit als äußeres Idealtopos begriffen wird, ist Blickkontakt ein wichtiger Bestandteil, denn nur durch sehen und schouwen kann sie wahrgenommen werden.[14]

Ferner fällt dem Auge noch eine ganz besondere Aufgabe zu, die mit dem mythischen Wahrnehmungskonzeptes des Mittelalters einhergehen. Beate Kellner hat diesbezüglich festgestellt, dass dieses Konzept aus der Antike entlehnt wurde und sich an der platonischen Sehtheorie orientiert. Sie besteht aus der Annahme, aus dem Auge würde eine gebündelte Strahlung aus Licht oder Feuer entweichen und sich mit Tageslicht zu einem Lichtkörper fusionieren.[15]

Kombiniert mit der Fähigkeit, die Schönheit der Dame erfassen und begreifen zu können, entfaltet dieses Optikkonzept nun eine weitere, mystische Komponente in Form eines Spiegels. Einerseits ist das Auge in der Lage, das innerste des Menschen, dessen Sehnsüchte und Wünsche der Umwelt mitzuteilen. Andererseits dient es beim schouwen als eine Art Portal: Die Augen ermöglichen es, das Innerste des Gegenübers zu betreten und sich Zugang zu dessen Herz zu verschaffen, um sich dort einen festen Platz zu sichern.[16]

Gerade diese stringente Verbindung von Auge und Herz verdeutlicht, weshalb eine dortige Verletzung, abgesehen von dem selbsterklärenden medizinischen Aspekt, sich so fatal auf den Minner oder auf die Dame auswirken kann: Ohne Herz vermag man weder Leben noch Lieben, ohne Auge ist der Zugang zu ersterem verwehrt und schouwen wiederum nicht möglich.

4. Friedrich v. Hausen "Wâfenâ, wie hat mich minne gelâzen"

Als erstes Textbeispiel soll ein Lied Friedrichs von Hausen dienen, bei welchem sowohl die Auge- als auch und vor allem die Gewaltmotive eine gewichtige Rolle spielen. Die vorangestellten Überlegungen werden daher in der Inhaltsanalyse integriert, nachdem zunächst Form und Tradierung behandelt werden.

4.1 Überlieferung und Aufbau

Das 15. Lied von Hausens Wâfenâ, wie hat mich minne gelâzen in der Fassung von Minnesangs Frühling liegt sowohl in der Weingartner als auch in der Manessischen Liederhandschrift vor. Bei der Variante B (Weingartner) fehlen jedoch die Strophen 1 und 2, welche mit Wâfenâ eingeleitet werden. Bei der Variante C (Manessische) hingegen liegen alle vier Strophen vor. Auffallend ist hier allerdings, dass nach den ersten beiden Strophen eine deutliche Zensur vorliegt. Laut MF finden sich bei C zwischen Strophe 2 und 3 mehr als zwei Dutzend andere Strophen, die einen vermeintlich anderen Zusammenhang haben.

Die Strophen von MF 53,31 – 17 C bis MF 51,23 – 44 C wurden folglich von den Editoren in diverse andere Lieder von Hausens eingebaut. Betrachtet man eben das auf Strophe 2 in MF folgende Lied 53,31 – 17 C, fällt eine Übereinstimmung mit dem Entschluss der Editoren leicht:

Si waenent dem tôde entrunnen sîn,

die gote erliegent sîne vart.

[…]

Swer daz kríuze nam und niender vert,

dem wirt <er> doch ze jungeste schîn,

[…] (MF 53,31-38, nach C 17)[17]

[...]


[1] Manuel Braun und Cornelia Herberichs: Gewalt im Mittelalter: Überlegungen zu ihrer Erforschung. In: Dies., Gewalt im Mittelalter. Realitäten – Imaginationen, München 2005, S. 7-37, hier: S. 342.

[2] Hildegard Elisabeth Keller: Diu gewaltaerinne Minne. Von einer weiblichen Grossmacht und der Semantik von Gewalt. In: Werner Besch u.a. (Hrsg.), Zeitschrift für Deutsche Philologie, Bd. 117, Berlin 1998, S.17-37, hier: S. 18.

[3] Braun/Herberichs: Gewalt, S. 347.

[4] Keller: Minne, S. 28.

[5] Braun/Herberichs: Gewalt, S. 347.

[6] Ebd., S. 342.

[7] Beate Kellner: Gewalt und Minne. Zu Wahrnehmung, Körperkonzept und Ich-Rolle im Liedcorpus Heinrichs von Morungen. In: Klaus Grubmüller u.a. (Hrsg.), Beiträge zur Geschiche der deutschen Sprache und Literatur, Bd. 119, Tübingen 1997, S. 33-66, hier: S. 35f.

[8] Ebd., S. 36.

[9] Will Hasty: Wâfenâ, wie hat mich minne gelâzen! On Gewalt and ist Manifestations in the Medieval German Love Lyric. In: Theodore Fiedler (Hrsg.), Colloquia Germanica, Bd. 26, Tübingen/Basel 1993, S. 5-15, hier: S. 10.

[10] Braun/Herberichs: Gewalt, S. 356.

[11] Keller: Minne, S. 26f.

[12] Braun/Herberichs: Gewalt, S. 343.

[13] Ebd., S. 353f.

[14] Kellner: Gewalt und Minne, S. 37.

[15] Ebd., S. 43.

[16] Ebd., S. 38f.

[17] Fortan zitiert nach: Moser, Hugo und Tervooren, Helmut: Des Minnesangs Frühling. I. Texte. Unter Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann und Moriz Haupt, Friedrich Vogt und Carl von Kraus. 38. erw. Aufl. Stuttgart 1988.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Motive im Minnesang. Gewalt und Augen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Früher Minnesang
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V229718
ISBN (eBook)
9783656453741
ISBN (Buch)
9783656454014
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnesang, Morungen, Gewalt Lyrik, Minneparadox, Augen, schauen, Minne
Arbeit zitieren
Maximilian Monsees (Autor), 2012, Motive im Minnesang. Gewalt und Augen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229718

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