Das Theorem des Demokratischen Friedens

Eine Analyse der Gründe für die Friedlichkeit und Unfriedlichkeit von Demokratien


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Grundannahmen des demokratischen Friedens nach Kant

3. Der empirische Doppelbefund

4. Die klassischen liberalen Erklärungsansätze
4.1. Der strukturell-institutionalistische Ansatz
4.1.1. Die monadische Analyseebene
4.1.2. Die dyadische Analyseebene
4.2. Der normativ-kulturelle Ansatz
4.2.1. Die monadische Analyseebene
4.2.2. Die dyadische Analyseebene

5. Gründe für die Unfriedlichkeit von Demokratien
5.1. Institutionelle Gründe
5.2. Normative Gründe
5.3. Politische Gründe

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schon Philosophen wie Kant oder Machiavelli beschäftigten sich mit dem Zusammen- hang zwischen Demokratie und Frieden (Czempiel 1986: 117, zitiert nach: Rauch 2005: 19). Kant verfasste daraufhin seine Schrift „Zum ewigen Frieden“, die auch heute noch als Grundlage zur Theorie des demokratischen Friedens Verwendung findet (Rauch 2005: 19-20).

Die aktuelle politische Stabilität der westlichen Demokratien lässt die Annahme zu, dass sich das Theorem der Friedlichkeit, basierend auf Grundlage demokratischer Staatstrukturen, erfüllt hat.

„ […] Simply stated, there is no doubt that Saddam Hussein now has weapons of mass destruction. There is no doubt he is amassing them to use against our friends, against our allies, and against us. And there is no doubt that his aggressive regional ambitions will lead him into future confrontations with his neighbors -- confrontations that will involve both the weapons he has today, and the ones he will continue to develop with his oil wealth […]”( Dick Cheney 2002)

Dieses Teilzitat vom damaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney steht stellvertretend für die offizielle Rechtfertigung der USA für den Angriff auf den Irak 2003. Gleichzei- tig verdeutlicht es einen der ältesten Konflikte der zwischenmenschlichen Beziehungen, das Misstrauen. Das Misstrauen zeigt sich auch auf staatlicher Ebene in einem realisti- schen Konstrukt, dem „Sicherheitsdilemma“ (siehe Waltz: 1979). Das Sicherheitsdi- lemma stellt eine Ursache für die Entstehung gewaltsamer Konflikte dar. Schon Kant erkannte dies und sah in dieser Konstellation eine Bedrohung des von ihm konzipierten

„ewigen Frieden“ (Czempiel 1996: 85). Es wäre einfach jeden Krieg mit Beteiligung eines demokratischen Staates durch das Sicherheitsdilemma zu erklären. Nach dem ak- tuellen Stand der Forschung und unter Verwendung liberaler Erklärungsansätze und Antinomien, lassen sich weitere Gründe für das unfriedliche Verhalten von Demokra- tien finden. Ziel dieser Arbeit ist es einen Überblick über die Gründe für die Friedlich- keit, sowie die Unfriedlichkeit von Demokratien zu finden und zu analysieren.

Als Grundlage für die Erarbeitung wird zunächst in Kapitel zwei ein Überblick über die Grundtheorie Kants und den daraus von Czempiel abgeleiteten Thesen gegeben. An- schließend wird im dritten Kapitel der empirische Doppelbefund und das von ihm ver- ursachte Erklärungsproblem erläutert. Diese beiden Kapitel sind auf die wichtigsten Annahmen beschränkt, da der Fokus dieser Arbeit auf dem vierten und fünften Kapitel liegt und eine tiefergehende Bearbeitung den Rahmen dieser Arbeit überschreiten wür- de. In Kapitel vier folgt eine Darstellung der zwei klassischen liberalen Erklärungsan- sätze zur Lösung des Erklärungsproblems aus Kapitel drei. Dies sind der strukturell- institutionalistische und der normativ-kulturelle Ansatz. Hierbei werden jeweils die mo- nadische und die dyadische Sicht veranschaulicht. Der Dritte, der sozial- konstruktivistische Ansatz wird in dieser Arbeit nicht bearbeitet, weil dies im Umfang dieser Arbeit leider nicht möglich ist. Im fünften und letzten Kapitel werden Gründe für die Unfriedlichkeit von Demokratien unter Einbeziehung der liberalen Erklärungsansät- ze dargestellt. Dies geschieht, wie schon im Kapitel davor, auf der institutionellen und normativen Ebene. Ergänzend spielt in diesem Kapitel auch die politische Ebene eine Rolle.

2. Die theoretischen Grundannahmen des demokratischen Friedens nach Kant

Um die Theorie des demokratischen Friedens hinreichend erläutern zu können, ist es notwendig einen Blick auf Kants Konzeption von Frieden und Demokratie in seinem Werk „Zum ewigen Frieden“ zu werfen. Drei Definitivartikel bilden bei Kant die Grundlage für seine Theorie des „ewigen Frieden“, wobei nur die ersten beiden beson- ders ausschlaggebend für die Konzipierung des Theorems zum demokratischen Frieden sind und in dieser Arbeit vorgestellt werden (Rauch 2005: 20).

Im ersten Definitivartikel von Kant heißt es: „ Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch sein“ (Kant 1984: 10). Kants Begriff der Republik, ist mit un- serem heutigen Verständnis von Demokratie in dieser Arbeit gleichzusetzen, da die re- publikanische Verfassung Kants der aktuellen demokratischen Verfassung gleicht. Dar- aus lässt sich die erste Grundannahme für den demokratischen Frieden ableiten. Das durch die Staatsform vorgeschriebene Mitspracherecht der Bürger in wichtigen staatli- chen Belangen, wird laut Kant zur Ablehnung eines Krieges durch die Bürger führen.

Den Grund dafür sieht er in der rationalistischen Abwägung zwischen dem Nutzen und den Kosten eines Krieges für die Bürger. Da die Bürger das Heer stellen und sie es sind, die die Leiden des Krieges am eigenen Leib erfahren, liegt dieser Gedanke Kants nahe. (Kant 1984: 12- 13; Rauch 2005: 20).

„Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein“ (Kant 1984: 16), so lautet der zweite Definitivartikel Kants. Kant fordert mit dieser Prämisse die Entstehung eines Friedensbundes (foedis pacificum) zwischen den einzelnen Republi- ken. Dieser Bund soll als Zusammenschluss der Staaten ähnlich einer internationalen Organisation verstanden werden. Einen Grund für die Entstehung dieser Gemeinschaft sieht Kant in der Vorbildfunktion anderer, starker Republiken, die Impulse an andere Staaten senden ihre Verfassung anzugleichen und Teil des Friedensbundes zu werden (Rauch 2005: 20). Der Friedensbund ist in keinem Fall mit einem Friedensvertrag (pac- tum pacis) gleichzusetzen. Während der Friedensbund das Ende aller Kriege bedeuten würde, beendet ein Friedensvertrag nur einen einzelnen Krieg. Die Existenz dieses Staa- tenbundes ist von enormer Wichtigkeit, da er die Entstehung eines Sicherheitsdilemmas in den zwischenstaatlichen Beziehungen verhindert (Kant 1984: 18).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Theorem des demokratischen Friedens auf zwei Grundbausteinen basiert. Zum einen sind das die demokratische Mitbestimmung der Bürger bei außenpolitischen Entscheidungen des Staates und zum anderen die Gründung einer Gemeinschaft aus demokratischen Staaten die ein friedliches Zusam- menleben ermöglicht (Czempiel 1996: 96).

Auf Grundlage dieser Annahmen lassen sich zwei Thesen konzipieren. Die erste stellt einen Zusammenhang zwischen steigender Partizipation und Mitbestimmung der Bür- ger und dem Sinken der gewaltsam gelösten Konflikte dar. Die zweite These zeigt auf, dass Staaten die in einem organisierten Verbund existieren, seltener gewalttätige Kon- flikte gegeneinander führen (Czempiel 1996: 97).

3. Der empirische Doppelbefund

Die Theorie des demokratischen Friedens setzt sich aus zwei verknüpften Annahmen zusammen. Die erste Annahme geht davon aus, dass Demokratien von Grund auf fried- licher sind als andere Staatsformen. Diese Sichtweise wird als „monadische Theorie des demokratischen Friedens“ bezeichnet. Die „dyadische Theorie des demokratischen Friedens“ besagt, dass nur das Verhältnis zwischen Demokratien untereinander friedlich abläuft (Müller 2002: 46-47).

Auf Basis dieser theoretischen Annahmen ergibt sich für die Praxis folgendes. Erstens geraten Demokratien (fast) nicht in Form gewaltsamer Konflikte aneinander. Zweitens sind Demokratien genauso häufig wie andere Staatstypen in kriegerische Auseinander- setzungen involviert. Somit können sie nicht als inhärent friedlicher bezeichnet werden. Diese Thesen werden in der Forschung zum demokratischen Frieden auch als „empiri- scher Doppelbefund“ bezeichnet. Der erste Teil des Befundes wird von Jack Levy sogar als einziges empirisches Gesetz des Forschungsfeldes der Internationalen Beziehungen bezeichnet (Geis 2001: 282).

Sucht man nach Zahlen für Kriege zwischen zwei Demokratien, sucht man diese verge- bens. Allerdings stößt man auf Daten, die eine große Anzahl von militärischen Konflik- ten und Krisen zwischen Demokratien und Autokratien belegen. Somit bestätigt sich der dyadische Theoriensatz, dass nur demokratische Staaten untereinander ein friedliches Verhältnis pflegen. Zeitgleich stützen diese Zahlen den daraus abgeleiteten Befund, dass Demokratien genauso häufig wie Nicht-Demokratien in kriegerischen Auseinan- dersetzungen verwickelt sind. Diese quantitative Betrachtung widerspricht gleichzeitig der monadischen Sichtweise, da sie die grundlegende Friedfertigkeit von demokrati- schen Staaten in Frage stellt. Dennoch sind es vor allem demokratische Herrschaftssys- teme, die in Konfliktsituationen auf die friedliche Vermittlung dritter reagieren. Die Frage nach der Art der Kriegsbeteiligung ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der den monadischen Ansatz bekräftigen kann. Denn im Falle eines Verteidigungskrieges wäre die Friedfertigkeit einer Demokratie objektiv nicht verletzt. (Rauch 2005: 21-24).

Nach dieser Argumentation wird das Paradoxon des Doppelbefundes deutlich. Die Theorie des demokratischen Frieden geht von friedlichen Demokratien aus. Der Beweis dafür könnte das gewaltlose Verhalten von Demokratien untereinander sein. Doch eini- ge Fragen müssen in diesem Zusammenhang gestellt werden. Warum verhalten sich

Demokratien gegenüber Nicht-Demokratien so different? Welche Erklärungsansätze bietet der Liberalismus und welche Gründe für die Unfriedlichkeit von Demokratien lassen sich aus ihnen ableiten? Zur Beantwortung dieser Fragen werden im folgenden Kapitel zwei der klassischen liberalen Erklärungsansätze vorgestellt.

4. Die klassischen liberalen Erklärungsansätze

Im Folgenden werden zwei theoretische Ansätze zur Erklärung des Doppelbefundes vorgestellt. Die Darstellung bezieht sich auf den monadischen, sowie den dyadischen Blickwinkel. Die monadische Analyseebene untersucht den einzelnen Staat. Ein weite- res wichtiges Charakteristikum dieser Variante ist die von Interaktionen anderer Staaten unabhängige Betrachtung der Außenwirkung des Einzelstaates. Aus dieser Sicht lässt sich schließen, dass die Ursache für das friedliche Verhalten von Demokratien, anderen Staaten gegenüber, ein bestimmtes Merkmal der Demokratie selbst ist. Die dyadische Version analysiert die Interaktionsbeziehung zweier Staaten. Die Außenwirkung kommt auf dieser Ebene erst durch die Interaktion der beiden Staaten zustande. Dieser Argu- mentationslinie folgend, ist das friedliche bzw. unfriedliche Außenverhalten von Demo- kratien abhängig vom Staatstyp des Gegenübers. In dieser Arbeit werden unter dem dyadischen Ansatz das Verhältnis zwischen zwei Demokratien und das Verhältnis zwi- schen einer Demokratie und einer Autokratie untersucht. Diese Vorgehensweise er- möglicht einen ständigen Bezug zu den Thesen des Doppelbefundes (Geis 2001: 286; Schmidt 2007: 24).

4.1. Der strukturell-institutionalistische Ansatz

4.1.1 Die monadische Analyseebene

Grundlegend basieren die Erklärungen des strukturell-institutionalistischen Ansatzes auf drei Faktoren: dem Kosten/Nutzen-Kalkül der Bürger, dem Kosten/Nutzen-Kalkül der Regierung und den sogenannten „checks and balances“ (Rauch 2005: 31-33).

Das Kosten/Nutzen-Kalkül der Bürger stellt, wie in Kapitel 2 dargestellt, schon bei Kants Konzeption „zum ewigen Frieden“ einen wichtigen Grund für die Friedlichkeit von Demokratien dar. Auch im strukturell-institutionalistischem Erklärungsversuch wird davon ausgegangen, dass die partizipatorische Mitbestimmungsmöglichkeit für die Bürger und ihre Ablehnung eines Krieges die Grundlage für die friedliche Außenwir-kung von Demokratien sind. Der Grund für die Kriegsabneigung der Bürger ist nicht nur moralischer Natur. Er ist getrieben von rationalen Überlegungen über die möglichen Folgen eines Krieges. Die Aussicht auf Hunger, Zerstörung und Tod stehen im Gegen-satz zu dem Wunsch nach einer wohlfahrtsgenerierenden Innenpolitik. Die logische Konsequenz dieser Abwägung, kann nur die Kriegsablehnung durch die Betroffenen, in diesem Falle die Bürger, sein. Eine Ausnahme bildet der Verteidigungsfall, da die Kos-ten/ Nutzen-Abwägungen auf einer anderen Ausgangssituation basieren und sich so die Kosten eines Nichtkrieges erhöhen während der Nutzen einer Entscheidung für einen Kriegt steigt (Czempiel 1996: 86,90; Geis 2001: 287; Rauch 2005: 31).

[...]

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Details

Titel
Das Theorem des Demokratischen Friedens
Untertitel
Eine Analyse der Gründe für die Friedlichkeit und Unfriedlichkeit von Demokratien
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführungsseminar: Internationale Beziehungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V229830
ISBN (eBook)
9783656450634
ISBN (Buch)
9783656450788
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Demokratischer Frieden, Frieden, Demokratie, Czempiel
Arbeit zitieren
Cäcilia Enke (Autor), 2012, Das Theorem des Demokratischen Friedens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229830

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