"Luhmanns Theorie ist Magie. Sie jongliert mit einem kleinen, genau bestimmten Satz von Grundbegriffen – wie Sinn, System, Umwelt, Kommunikation – und bietet eine scharfe und eiskalte Sicht der modernen Gesellschaft". Ein Zitat aus einem Nachruf zum im November 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann, das kurz und prägnant seine Betrachtungsweise darstellt. Ebenso nüchtern betrachtete Luhmann in seinem 1981 erschienenen 'Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat' den Wohlfahrtsstaat, wobei er sich auch nicht mit Kritik zurückhält. Dabei ist Luhmanns Kritik selbst nicht frei von Kritik. So sagt Lutz Leisering, Professor der Sozialpolitik an der Universität Bielefeld: "Luhmanns Wohlfahrtsstaatskritik ist dezidiert immanent". Und Leisering ist nicht der einzige Soziologe, der Luhmanns Kritik als ein Produkt seiner Systemtheorie bezeichnet. Doch ist Luhmanns Kritik nur mit Hilfe der Systemtheorie zu erklären? Daraus ergibt sich die Kernfrage dieser Arbeit: ist Luhmanns Kritik am Wohlfahrtsstaat gerechtfertigt?
Der Begriff des Wohlfahrtsstaates zieht sich wie ein roter Faden durch diese Arbeit, deshalb muss an dieser Steller gesagt sein, dass sich dieser Begriff im weiteren Verlauf der Arbeit an der Klassifizierung nach Gøsta Esping-Andersen orientiert. Esping-Andersen unterscheidet drei Grundtypen, den liberalen, den konservativen und den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat. Der liberale Wohlfahrtsstaat ist durch relativ geringe soziale Sicherheit durch die Politik, aber Rechtssicherheit am Markt gekennzeichnet. Der konservative Wohlfahrtsstaat dagegen bietet mehr soziale Sicherheit durch Pflichtversicherungen, und der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat bindet eine stärkere soziale Sicherheit an das Bürgerrecht. Die BRD und weitere West- und Mitteleuropäische Staaten fallen nach dieser Klassifizierung in den Typ des konservativen Wohlfahrtsstaates. Wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit vom Wohlfahrtsstaat gesprochen, ist, nach der Esping-Andersen Klassifizierung, vom konservativen Wohlfahrtsstaat die Rede.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Luhmanns Systembegriff
3. Der Wohlfahrtsstaat nach Luhmann
4. Luhmanns Kritik am Wohlfahrtsstaat
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politikwissenschaftliche Kritik von Niklas Luhmann am modernen Wohlfahrtsstaat. Dabei wird analysiert, inwieweit Luhmanns systemtheoretische Einordnung des Wohlfahrtsstaates als "realisierte politische Inklusion" sowie seine Kritik an dessen strukturellen Problemen, wie etwa der mangelnden Finanzierung und der systembedingten Instabilität, berechtigt sind und wie sich diese Befunde im Vergleich zu anderen politikwissenschaftlichen Perspektiven einordnen lassen.
- Grundlagen der Systemtheorie nach Niklas Luhmann
- Historische Entstehung und soziologische Einordnung des Wohlfahrtsstaates
- Systemimmanente Legitimationsprobleme und Inkompetenzkompensationskompetenz
- Finanzierungsdefizite und Auswirkungen politischer Entscheidungen
- Vergleich der Systemtheorie mit anderen sozialwissenschaftlichen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
4. Luhmanns Kritik am Wohlfahrtsstaat
Wie in Kapitel zwei bereits angeschnitten, gibt es, den Wohlfahrtsstaat betreffend, viele begriffliche Abweichungen. Hier sieht Luhmann eines der ersten Probleme, eine mangelnde Begriffsdefinition. Bisherige Ansätze beschreiben den Wohlfahrtsstaat anhand seiner Tätigkeiten, vernachlässigen dabei aber den Wandel von persönlichen Präferenzen, sowie die Individualität der Bürger und deren Lebensumstände, was wiederum die Grenzen des Wohlfahrtsstaates überschreitet und ein Legitimationsproblem zur Folge hat. Die Definition lässt den Schluss zu, dass Kompensation sozialer Nachteile die Legitimationsgrundlage des Wohlfahrtsstaates sei. Dieses Prinzip der Kompensation ist zu universell, wo auf der einen Seite Unterschiede Kompensiert werden, entstehen auf der anderen Seite wieder neue Unterschiede. Das Problem, dass die Kompensation ihrerseits wieder kompensiert werden muss, beschreibt Luhmann höflich mit dem Begriff „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Dass sich der Wohlfahrtsstaat ständig auf sich selbst zurück bezieht, bringt eben diesen dazu sich selbst aufzulösen und unter diesen Umständen ist nach Luhmann keine Theorie über den Wohlfahrtsstaat haltbar. In diesem Zusammenhang sieht Luhmann weiter eine Veränderung der Bedeutung der politischen Inklusion, vom Annehmen der Wohltätigkeit hin zur Forderung einer Wohltat.
Ein weiteres Problem sieht Luhmann in der Dynamik der modernen Gesellschaft und damit einhergehend ein Finanzierungsdefizit durch kurzfristige Planung. Dass der Wohlfahrtsstaat seit seiner Entstehung in mehr und mehr Lebensbereiche eingedrungen ist, zeigt schon dessen Geschichte. Luhmann nennt als Ursache dafür die Motivationen der jeweiligen Generationen, die unter anderem durch die wirtschaftlichen Situationen weiter ansteigen. So wie sich die Semantik der politischen Inklusion änderte, änderte sich auch die Einstellung der Bürger bezüglich des Wohlfahrtsstaates, aus Dankbarkeit gegenüber der Politik wird eine Selbstverständlichkeit. Somit sind Politiker dazu angehalten, da langfristige und komplexe Entscheidungen kein hohes Ansehen genießen, durch kurzfristige Entscheidungen die Gunst der Bürger des Wohlfahrtsstaates zu erlangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk Niklas Luhmanns ein, definiert den methodischen Rahmen der Wohlfahrtsstaatsklassifizierung nach Esping-Andersen und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der Rechtfertigung der Luhmannschen Kritik.
2. Luhmanns Systembegriff: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Konzepte der Luhmannschen Systemtheorie, wie Systemgrenzen, Kommunikation, Differenzierung und die Funktionsweise binärer Codes in sozialen Systemen.
3. Der Wohlfahrtsstaat nach Luhmann: Hier wird der Wohlfahrtsstaat aus historischer Sicht und als Produkt der Industrialisierung dargestellt, wobei der Begriff der Inklusion als zentraler Schlüssel zu Luhmanns Verständnis der gesellschaftlichen Integration hervorgehoben wird.
4. Luhmanns Kritik am Wohlfahrtsstaat: Dieses Kapitel analysiert die Hauptkritikpunkte Luhmanns, insbesondere die mangelnde Legitimationsbasis, das Problem der Inkompetenzkompensationskompetenz und die destabilisierende Wirkung kurzfristiger politischer Entscheidungen auf die Finanzierung.
5. Schlussbetrachtung: Die Abschlussbetrachtung synthetisiert die Erkenntnisse, setzt Luhmanns Sichtweise in Bezug zu zeitgenössischen Wissenschaftlern wie Lütz und Schmidt und reflektiert die methodischen Grenzen der systemtheoretischen Problemanalyse.
Schlüsselwörter
Niklas Luhmann, Wohlfahrtsstaat, Systemtheorie, politische Inklusion, soziale Sicherheit, Sozialpolitik, Finanzierungsdefizit, Kompensation, Inkompetenzkompensationskompetenz, soziale Desintegration, Instabilität, moderne Gesellschaft, Funktionssysteme, politische Theorie, Regierungsführung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Niklas Luhmanns kritische Perspektive auf den modernen Wohlfahrtsstaat im Kontext seiner soziologischen Systemtheorie.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf Luhmanns Verständnis sozialer Systeme, der historischen Einordnung des Wohlfahrtsstaates, den Problemen der politischen Steuerung sowie der Finanzierbarkeit sozialer Leistungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Luhmanns systemtheoretisch begründete Kritik am Wohlfahrtsstaat als gerechtfertigt angesehen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine systemtheoretische Analyse und stellt Luhmanns Thesen aktuellen politikwissenschaftlichen Erkenntnissen von Autoren wie Susanne Lütz und Manfred G. Schmidt gegenüber.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil werden Luhmanns Systembegriff, sein Verständnis des Wohlfahrtsstaates als "realisierte politische Inklusion" sowie spezifische Kritikpunkte wie Legitimationsprobleme und systemische Instabilität dargelegt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Systemtheorie, politische Inklusion, Inkompetenzkompensationskompetenz und der binäre Code in der Politik.
Was versteht Luhmann unter dem Begriff der "Inkompetenzkompensationskompetenz"?
Dieser Begriff beschreibt das systemtheoretische Dilemma, dass der Wohlfahrtsstaat bei der Lösung sozialer Probleme durch Kompensation meist neue Probleme erzeugt, die wiederum kompensiert werden müssen.
Warum sieht Luhmann kurzfristige Politik als Gefahr für den Wohlfahrtsstaat?
Luhmann argumentiert, dass politische Akteure aufgrund des Wahlzyklus zu kurzfristigen Entscheidungen neigen, welche jedoch langfristige, unvorhersehbare finanzielle Kosten und gesellschaftliche Instabilität verursachen können.
- Quote paper
- Stefan Fischer (Author), 2012, Niklas Luhmanns Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229870