E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann". Der Zusammenhang von Auge und Automat


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Sandmann – ein Nachtstück

2. Zur Geschichte des Automaten-Menschen

3. Die Augen der Figuren
3.1 Clara
3.2 Coppola/Coppelius
3.3 Olimpia

4. Auge und Automat

5. Augenangst

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Der Sandmann – ein Nachtstück

Angelehnt an Bildkunst und Musik wird um 1800 auch die literarische Gestaltung einer nächtlichen Szene mit ,Nachtstück‘, seltener ‚Vigilie’, bezeichnet. Nachtstücke entsprechen dem Interesse der Romantik an Geistererscheinungen, Träumen oder auch Magnetismus. Material und gedankliches Rüstzeug lieferte dazu die romantische Naturphilosophie.[1] Der Sandmann ist das erste von E. T. A. Hoffmanns Nachtstücken, einem zweiteiligen Zyklus, der Ende 1817 erschien. Allgemein war der Begriff im 15. Jahrhundert für Gemälde eingeführt worden, die eine Szene in einem nächtlichen Innenraum oder der Natur darstellten und stets einen starken Hell-Dunkel-Kontrast aufweisen. Dieses Prinzip des Zwielichts ist auch für Hoffmanns Sandmann maßgeblich. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff des Nachtstückes ebenfalls für literarische Werke verwendet, die in der Nacht spielten oder eine schauerliche Stimmung vermittelten.[2]

Tatsächlich spielt Der Sandmann vor allem nachts, doch der eigentliche Grund, weshalb er als Nachtstück bezeichnet werden kann, ist die unheimliche Gestalt des Sandmanns. Sie verleiht der Geschichte die gruselige Stimmung. Coppelius/Coppola erscheint als eine dunkle Macht; ob er jedoch wirklich der von Nathanael so gefürchtete Sandmann ist, bleibt ungeklärt. Dadurch, dass die Geschichte mit Briefen von Nathanael und Claras beginnt, kann der Leser sich in Figuren hineindenken. Er kann jedoch nicht wissen, ob Nathanael sich als Wahnsinniger in seiner Geistesgestörtheit den Sandmann nur einbildet, oder ob dieser wirklich existent und nur für die anderen fiktiven Figuren nicht sichtbar ist.[3]

Die Thematik des Unheimlichen behandelte Sigmund Freud in seinem gleichnamigen Aufsatz, der unter Punkt fünf behandelt wird. Danach wurde Der Sandmann zum meistinterpretierten Werk Hoffmanns.

Neben dem „Unheimlichen“, das in der Arbeit in das Thema der Augenangst mit einbezogen wird, befasst sie sich hauptsächlich mit dem Thema der Augen. Um einen Einstieg in die Thematik der Augen und auch der Automaten zu finden, wird zu Beginn über die Geschichte der Automaten berichtet; danach werden die Augen der (Haupt-) Figuren und das, was sie aussagen, näher beschrieben. Anschließend geht es um die Problematik Auge und Automat, wobei der Blick auf die zentralen Begriffe wie Organismus/Mechanismus,

Perspektiv oder die Liebe zwischen Nathanael und Olimpia gelenkt wird.

Schlussendlich soll geklärt werden, ob Nathanael wirklich verrückt ist oder sich doch alles nur einbildet.

2. Zur Geschichte des Automaten-Menschen

Automaten an sich gibt es seit der Antike. Diese werden durch einen Antrieb bewegt, wofür Uhren, aber auch Nachahmungen von Menschen oder Tieren in Betracht kommen. Besonders die Erfindung der Taschenuhr in der Renaissance brachte den Bau von Automaten voran; Bewegungen sollten täuschend echt nachgeahmt werden. Ein weiterer wichtiger Antrieb war die Aufklärung mit ihrer Philosophie und ihrem Menschenbild. De La Mettrie vertrat die Vorstellung vom Menschen als perfekter Maschine und griff so Descartes Gedanken auf, dass das Tier eine Maschine sei und der Mensch sich bloß durch seine Seele von einem Automaten unterscheide.[4]

Im Jahre 1738 erregte Jacques de Vaucanson großes Aufsehen mit seinem Flötenspieler, welcher jedoch kein Mensch, sondern ein Automat bzw. Android war.[5] Man machte sich Gedanken um die vermeidliche Verwandtschaft von Mensch und Maschine und die Menschen waren gefesselt von den ausgestellten Automaten, da sie ein Wesen ohne Geheimnisse waren. Jeder, der Vaucansons Beschreibung gelesen hatte, wusste, wie sie funktionierten. Weitere Automaten-Menschen erschufen Pierre Jaquet-Droz und Wolfgang von Kempelen, dessen Schachautomat jedoch eine Täuschung war, weil er innen von einem Mann bewegt wurde.

Der Traum eines geradlinigen Fortschritts wurde durch all diese Automaten im 18. Jahrhundert beflügelt. Durch sie schien es möglich zu sein, alles Ideale und Schöne als reine technische Verfeinerung des Menschen zu betrachten. Im damaligen Barock und Rokoko war man gewillt, die ganze Welt mit den Prinzipien der Mechanik zu erklären. Die Androiden waren deshalb so reizvoll, da man ihnen ‚unter die Haut‘ schauen und auf diese Weise ihren Mechanismus freilegen konnte. Ihr perfektes Aussehen und ihr Räderwerk, das ein Gleichnis für das Lebendige war, machten sie anziehend.[6] Das fortschrittoptimistische und technikbegeisterte Publikum hatte sich gefreut, die Funktionsweise der Automa-ten gänzlich durchschauen zu können und in ihnen eine Projektionsfläche für einen optimierten Menschen zu haben.

Der Gesellschaft wurden die Automaten auf Jahrmärkten vorgeführt und ihre Leistungen lebhaft diskutiert. Was die Menschen des Rokoko faszinierend fanden, war für jene im Zeitalter der Romantik umso unheimlicher. Die Bürger glaubten wohl nicht mehr daran, dass die Technik den Menschen ähnlich werden könnte, deshalb sollte sich der Mensch von sich aus von der Technik unterscheiden. Die Umwertung des Automatenmotivs in der Romantik gründet auf der Industrialisierung, deren Prozesse zunehmender Mechanisierung sowie Automatisierung auf die arbeitende Bevölkerung übergriffen.

Anstelle von Wunschträumen wurde die Technik bei den Bürgern durch Alpträume angeregt. Vor allem der Zwang in den Fabriken, sich der Maschine anzupassen – das war das Umfeld, in welchem romantischen Künstlern Maschinen unheimlich wurden, da sie oft das Gefühl vermittelten, menschenähnlich zu sein.[7] Nicht die menschenähnlichen Maschinen vermehrten sich, sondern die maschinenähnlichen Bewegungen der Menschen in den Fabriken. So kam es, dass der Automaten-Mensch jetzt nicht mehr ein Gebilde aus Rädern und Federn, sondern ein normaler Bürger war, welcher seine Gefühle kritisierte, sich seine Genüsse vorschrieb und sich seine Zeit sorgfältig einteilte.[8] Es wäre seine größte Sünde, nicht erfolgreich zu sein. Alles kann geopfert werden – das Glück, die Lust, die Spontaneität – nur nicht der Erfolg. Ein eindeutiges Zeichen für dieses Automaten-Verhalten ist der Zeitmangel, welcher die Lust als Vorbedingung für den Erfolg ausschaltet.

Das Automatenmotiv diente den Literaten der Romantik als Darstellungsmedium ihrer Gesellschaftskritik. Diese bezog sich zwar weniger auf die Prozesse der Industrialisierung, sondern das Bürgertum wurde vielmehr als Verkörperung einer automatenhaften fremdbestimmten, unfreien Existenz betrachtet.

Heutzutage gibt es zeitweise Situationen, in denen der Erfolg auch dann nicht mehr zu haben ist, wenn man die Lust entmachtet. So müssen z.B. bei den olympischen Spielen chemische Stoffe eingesetzt werden, um mit dem menschlichen Körper Erfolg zu sichern. Ausgerechnet in den härtesten Disziplinen ist der Erfolg nicht einmal mehr sichtbar, son-

dern nur noch messbar.

So setzen sich oft unterdrückte Künstler zur Wehr, indem sie zeigen, wie die Menschen ihrem technischen Ideal – dem Automaten – ähnlicher werden. Die Puppe Olimpia bei Hoffmann ist nur die Doppelgängerin der Bürgerin Clara.[9]

Als Hoffmann seine Erzählungen Die Automate und Der Sandmann s chrieb, war die Faszination, die von Ausstellungen menschenähnlicher Automaten ausging, nichts Neues mehr. Bei ihm erscheinen sie dann auch nicht lediglich als Schauobjekte zur Belustigung, sondern die Möglichkeit ihres Vorhandenseins verändert die Selbstbeschreibung der Gesellschaft in größerem Ausmaß, als zunächst angenommen werden könnte. Bei Hoffmann und seinem Interesse an den Automaten steht immer die Möglichkeit ihrer Kommunikation mit den Menschen im Vordergrund.[10]

3. Die Augen der Figuren

3.1 Clara

Nathanaels Verlobte Clara ist eine bodenständige normale Frau, die ihren Sitz im bürgerlichen Leben inne hat, und betrachtet so die Zusammenbrüche ihres Zukünftigen als Krankheit. Das Bürgertum, dessen eingeschränkte Lebensweise auch ihre Ratschläge für Nathanael prägt, setzt in allem auf Regelmäßigkeit und Mäßigung. Sie versteht nicht, was Nathanael bewegt und belastet. Außerdem tut ihre stereotype Beschreibung ein Weiteres, um die Repräsentanz der Aufklärung durch sie zu ironisieren.[11] Clara ist reduziert auf Kindlichkeit und Aussehen. Ihre intellektuelle und emotionale Begrenztheit – „geistige Schläfrigkeit“, „kaltes prosaisches Gemüt“[12] – vergrößert die Entfernung zu ihrem Geliebten. Wegen ihrer Argumentation entzieht er sich noch mehr. In ihr sieht er das Phantastische verleugnet, das er stattdessen in Olimpia zu erkennen meint.[13]

Schon anhand des Namen ‚Clara‘ kann man auf den Charakter der jungen Frau schließen; er bedeutet soviel wie ‚klar’ oder ‚rein’. Ihre Augen werden mit einem See, in dem sich der Himmel spiegelt, verglichen.[14] Ihre körperliche Erscheinung drückt Klarheit aus; dadurch kann man sagen, dass ihre klaren Augen ein äußerliches Zeichen für eine klare Seele und klares Denken sind – was für Rationalismus steht.

Sie hat einen hellen Blick und ihre Augen werden weiter als „helle holdlächelnde Kinderaugen, aus denen der Geist oft wie ein lieblicher süßer Traum hervorleuchtet“[15] , beschrieben . Trotzdem sind es gerade diese holden Augen, die wie blutige Funken sengend und brennend in Nathanaels Brust springen. Danach schaut ihn der Tod mit Claras Augen freundlich an und blickt ihm mit starrem Blick ins Auge.[16]

Sie verinnerlicht Religiöses, Reines, unnahbare Schönheit und verkörpert den Verstand.

[...]


[1] Vgl. Meyers Lexikon (1976), S.712

[2] Vgl. Ebd., S.711

[3] Vgl. Bogdal/Kammler (1999), S.21

[4] Vgl. Grobe (2002), S.90

[5] Vgl. Wawrzyn (1994), S.99

[6] Vgl. ebd., S.101

[7] Allerdings sei zu erwähnen, dass kaum ein romantischer Künstler eine Fabrik von kannte.

[8] Vgl. Wawrzyn (1994), S.107

[9] Vgl. ebd., S.110

[10] Vgl. Vogel (1998), S.57

[11] Vgl. Grobe (2002), S.39

[12] Hoffmann (1985), S.27

[13] Vgl. Hoffmann (1985) , S.80

[14] Vgl. ebd., S.27

[15] Ebd., S.27

[16] Vgl. Ebd., S.30

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann". Der Zusammenhang von Auge und Automat
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V229901
ISBN (eBook)
9783656453086
ISBN (Buch)
9783656454113
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hoffmann, sandmann, zusammenhang, auge, automat
Arbeit zitieren
B.A. Viktoria Heitz (Autor), 2012, E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann". Der Zusammenhang von Auge und Automat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229901

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