Endstation Piratenbucht. Eine Ethnographie über Aussteiger in Spanien


Masterarbeit, 2011

111 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Themenwahl und Zugang
1.2 Rezeption des Themas
1.3 Erkenntnisinteresse

2 Methodik
2.1 Meine Rolle als Forscher
2.2 Die unstrukturierte, teilnehmende Beobachtung
2.3 Das Ero-epische Gespräch
2.4 Die Protokolle

3 Die Piratenbucht
3.1 Topographie einer Insel
3.2 Hippies und Aussteiger: Überlegungen zu einer Randkultur

4 Biographien
4.1 Harry
4.2 Carlos
4.3 Rick
4.4 Breiti
4.5 Andreas
4.6 Anna.

5 Das Verhältnis zu Touristen

6 Das Verhältnis zu Behörden

7 Überlebensstrategien

8 Die Bedeutung von Alkohol und Drogen...

9 Symbole und Techniken der Selbststigmatisierung.
9.1 Verwegenheit
9.2 Provokation und Spontanität
9.3 Askese

10 Conclusio

11 Ausblick...

12 Anhang
12.1 Quellenverzeichnis
12.2 Zusammenfassung
12.3 Abstract

1 Einleitung

1.1 Themenwahl und Zugang

Durch Zufall erzählte mir ein Freund von San Pedro - einem kleinen Strand im spanischen Andalusien, sehr versteckt, in einer idyllischen Bucht in der Nähe von Almeria. Ein ehemaliges Fischerdorf, in dem sich seit den 90er Jahren einige deutschsprachige und spanische Hippies angesiedelt haben und dort in Höhlen und Hütten leben. Mit langen Haaren und Bärten, nur mit Lendenschurz bekleidet, leben sie in den Tag hinein, nur von dem, was die Natur ihnen gibt.

Mein Interesse war sofort geweckt, ein paradiesisches Leben geprägt von Freiheit und Unabhängigkeit schwebte mir vor, ohne Frustrationen des Alltags, ohne Strafzettel, Staus und Arbeitsstress. Schon als Kind interessierte ich mich für Menschen, die ein scheinbar wildes Leben führen. Ich las Mark Twain, liebte Geschichten vom Wilden Westen - umherstreifende Cowboys, Vagabunden, Aussteiger[1] hatten es mir angetan.

Doch was steckt wirklich hinter einem Aussteiger-Leben? Da ich zu dieser Zeit auf der Suche nach einem geeigneten Thema für meine Master-Arbeit gewesen bin und ich mich besonders für kultursoziologische Themen interessiere, entschloss ich mich, den Strand und das Phänomen des Aussteigens unter die Lupe zu nehmen.[2]

Kurz entschlossen packten mein Freund und ich unsere Rucksäcke. Wir kauften ein kleines Zelt, verstauten Schlafsäcke und ein paar Sachen zum Wechseln und stiegen ins Flugzeug für einen Besuch in San Pedro. Mit dabei hatte ich ein Feldtagebuch, in das ich meine Beobachtungen und Eindrücke eintrug. Mein Ziel war es, eine ethnographische Studie über die Aussteiger durchzuführen, wobei der Begriff Arssteiger (so wie ich die Bewohner nenne) einer Arbeits-Definition bedarf: Als Arssteiger definiere ich die Bewohner San Pedros, weil sie ein Leben abseits von nine to five führen, weil sie es vorziehen, an einem versteckten Strand, inmitten von Felsen und Kakteen, zu leben, unter brütend heißer Sonne, in zugigen, spartanisch eingerichteten Hütten und Höhlen. Arssteiger werden oft mit Arswanberern gleichgesetzt, tatsächlich schließt das Eine das Andere nicht zwangsläufig aus. Der Unterschied, den ich zwischen diesen beiden Typen jedoch sehe, ist die Tatsache, dass der Arswanberer lediglich die Systeme wechselt. Er tauscht sein altes Werte- und Normengeflecht gegen ein Neues ein, das dem Alten in nichts nachsteht. Er begibt sich auch in dem neuen Land seiner Wahl wieder in seine gewohnten Tagesabläufe – er wohnt, arbeitet und zahlt Steuern etc. Der Arssteiger hingegen verzichtet auf die Werte und Normen seiner Ursprungs-Gesellschaft. Er ist auf der Suche nach etwas Neuem, nach einer Alternative, nach alternativen Normen und Werten – er steigt ars.

Auch der Begriff Hippie ist irreführend. Gemeinhin als Hippiestranb bekannt, zieht San Pedro gerade in den Sommermonaten zahlreiche Touristen an. Hippie-Watching ist eine gängige Bezeichnung für die Motivationen der Touristen, San Pedro zu besuchen. Hippi e ist ein Modewort geworden, unter das sämtliche alternativ- lebenden Menschen und Randkulturen subsumiert zu werden scheinen, und es wird oft in einem parodistischen, teilweise abschätzenden Kontext gebraucht, der mit der ursprünglichen Bedeutung der Flower-Power - Bewegung der 60er Jahre, die von Amerika über London nach Europa vordrang, nichts mehr zu tun hat - wie wir vor Ort auch rasch feststellten. Zwar hängen einige der (vor allem älteren) Bewohner immer noch Idealen der 68er Bewegung nach, auch mögen diese Bewohner damals ein Leben als Hippie, Beatnik, Gammler, Provo [3] geführt haben. Die zeitliche Dimension, die aber meiner Meinung nach untrennbar mit diesen Begriffen verankert ist, verbietet es die Bezeichnung Hippie-Stranb auf die Aussteiger-Kolonie anzuwenden; schon allein deshalb, weil ein Großteil der Bewohner San Pedros bestenfalls in den 70er Jahren geboren wurde. Die Althippies, die San Pedro bevölkern, bilden jedoch lediglich einen kleinen, wenn auch nicht unerheblichen Kreis unter den Bewohnern.

Ich erreichte also San Pedro während der Hauptsaison, im August 2010. Mein Kommilitone, der schon einige Male dort gewesen war, erleichterte den Zugang enorm, da er bei vorherigen Besuchen bereits Kontakte hergestellt hatte und sich einige der Aussteiger an ihn erinnerten. So kamen wir rasch ins Gespräch, ich erhielt Einblicke in ihr Leben, ihre Tagesabläufe, ihre Motivationen.

Auf meinen Besuch im August 2010, bei dem ich etwa 14 Tage in San Pedro verbrachte, folgte ein weiterer, zehntägiger Besuch im März 2011, der es mir ermöglichte, meine Beobachtungen und Thesen, die ich bei meinem ersten Besuch gewonnen hatte, zu vertiefen. Als Zeitraum für meinen zweiten Besuch wählte ich bewusst den Frühling, da zu dieser Zeit, in der Nebensaison, die Touristendichte am geringsten ist. So erlebte ich die Aussteiger zu zwei unterschiedlichen, für diese Arbeit nicht unwesentlichen Zeitpunkten: Gerade im Sommer ist die Touristenfülle besonders hoch, Bade-Urlauber, Wanderer, Backpacker und Bootstouristen tummeln sich am Strand von San Pedro, sie bleiben für einen Tag, manche für mehrere Wochen. Eine regelrechte Zeltstadt entsteht, so zählte ich bei meinem ersten Besuch im August mehr als 150 Zelte. Das ist eine große Zahl an Besuchern, wenn man bedenkt, dass sich die Zahl der konstanten Aussteiger, also derjenigen, die sich das ganze Jahr über dort aufhalten, zwischen 25 und 40 bewegt. Während unseres Besuches im Frühling zählten wir dagegen nicht mehr als zehn Zelte.

Die hohe Fluktuation von Touristen und ihre Auswirkungen auf das Verhältnis der Aussteiger zu den Besuchern wird in dieser Arbeit näher zu untersuchen sein.

1.2 Rezeption des Themas

Wenn ich Freunden und Bekannten von meinem Vorhaben erzählte, an einem Aussteigerstrand zu forschen, bekam ich unterschiedliche Meinungen zu hören. Manche konnten es nicht nachvollziehen, warum ich mich gerade für solche Menschen interessiere: „Das sind doch alles Penner“, war ein Extrem der Meinungen. Viele konnten es nicht verstehen, dass Menschen freiwillig leben würden „wie Obdachlose“. Meine Erläuterungen über die Strukturen des Strandes, den Drogenkonsum, das Leben in Armut, ein Leben ohne Konzept etc., ließen sie die Nase rümpfen. Ob ich nicht Angst hätte, dort für eine Weile zu leben, fragten mich viele - schließlich wären das doch sicher alles Kriminelle.

Eine zweite Gruppe zeigte sich komplett indifferent. Sie schien generell kein Interesse an alternativen Lebensformen zu haben. Als völlig ihrer Wahrnehmung entrückt schien die Tatsache, dass es ein Leben fernab von nine to five geben mag, dass es Menschen gibt, die anders als sie selbst keine festen Strukturen brauchen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Eine dritte Gruppe zeigte ein großes Interesse an meinen Forschungen: Ich solle ihnen unbedingt eine Kopie meiner Arbeit senden, wenn ich sie fertiggestellt habe. Sie wollte genau wissen, was das für Menschen sind: Woher kommen sie? Was haben sie vorher gemacht? Wo genau liegt dieser Ort? Wie kommt es, dass sie in Ruhe gelassen werden? Einige bedauerten, nicht mitkommen zu können, um sich selbst ein Bild vor Ort zu machen, einige schwärmten sogar von der romantischen Vorstellung vom „Leben im Paradies“, ohne Arbeit und Verantwortung. Vergleiche wurden gezogen, zu Jack Kerouacs On the Roab oder der Geschichte des Aussteigers Christopher McCandless in dem Film Into the wilb.

Vor allem dieser Gruppe von Menschen und natürlich den Aussteigern selbst widme ich diese Arbeit.

1.3 Erkenntnisinteresse

Forschungsziel dieser Arbeit ist, das Phänomen Piratenbrcht zu untersuchen und für weitere soziologische Forschungen fruchtbar zu machen, wobei ich nicht den Anspruch erhebe, eine geschlossene Theorie zu generieren - vielmehr ist es mein Anliegen, einen nützlichen Ansatz zu schaffen, eine explorative Studie über Aussteiger und ihr Dorf San Pebro, auf deren Basis das Phänomen erklärt und verstanden werden kann. So ging ich prinzipiell offen ins Feld hinein, ließ mich aber von folgenden Fragen leiten: wie schaffen es die Bewohner, ihre Existenz zu sichern, wie schaffen sie es, sozial zu überleben und eine soziale Gruppe zu finden, in die sie sich integrieren können und die ihnen soziale Identität gibt, wie ist das Zusammenleben unter den Bewohnern beschaffen und wie sehen die Kontakte zu den zahlreichen Touristen aus, die alljährlich San Pedro besuchen? Schließlich fragte ich mich, wie das Verhältnis zu den Behörden, der Polizei, usw. beschaffen sein muss, die die illegale Besiedlung San Pedros dulden.

Hierbei ging ich im Rahmen der freien Feldforschung offen vor und ließ mich vom Feld leiten. Wichtig erschien mir, meinen Fokus auf die sozialen Situationen, die sich im Feld ergeben, zu richten; sowie den Alltag, der das Leben der Bewohner prägt, zu beobachten.

Hierbei ist es mir ein wichtiges Anliegen, eine Arbeit zu schreiben, die nicht nur für Sozialwissenschaftler, sondern auch für interessierte Laien verständlich ist. In diesem Sinne werde ich mich bemühen, auf eine soziologische Geheimsprache, wie sie von einigen Kollegen gerne gepflegt wird, zu verzichten und stattdessen in Tradition meines geschätzten Betreuers Prof. Dr. Roland Girtler eine Sprache zu verwenden, die hilfreich ist, das bestehende Problemfeld zu erhellen, statt es zu verschleiern.

2 Methodik

Zu Beginn meiner ersten Reise ins spanische Andalusien stellte sich mir die Frage, welche Methodik am besten geeignet wäre, die Kultur der Aussteiger zu erforschen. Ich ging eine Reihe von Möglichkeiten durch, unter anderem überlegte ich, einen Leitfaden für ein Interview zu entwerfen. Dieses Interview würde ich dann mit jedem einzelnen Aussteiger führen. Schon bald verwarf ich diesen Gedanken wieder – ich hatte Zweifel daran, ob die Aussteiger ohne weiteres für ein soziologisches Interview zur Verfügung stehen würden. Ich hatte von meinem Freund gehört, dass sie ein Leben führen, das sich stark von gesellschaftlichen Konventionen und moralischen Zwängen abgrenzt. Ein Leitfaden-Interview hielt ich in diesem Kontext für unpassend. Außerdem hatte ich Sorge, mich im schlimmsten Fall lächerlich zu machen und mir so den Zugang zu den Menschen im Dorf gleich von Anfang an zu verbauen.

Außerdem fragte ich mich, wie ich meine Reise am besten organisieren könnte – sollte ich ein nächst gelegenes Hotel beziehen und täglich für meine Forschungen zu den Bewohnern San Pedros herüber wandern oder mich gar per Boot chauffieren lassen, um dann nach vollendeter Arbeit auf demselben Wege wieder zurück zu kehren in die angenehme Atmosphäre einer Herberge? Diese Möglichkeit erschien mir nach kurzer Überlegung genauso abwegig wie respektlos. Wie sollte ich die Lebenswelt und die Probleme, mit denen die Bewohner konfrontiert sind, begreifen, wenn ich nicht selbst ein Leben wie sie führen würde - wie sollten mich die Menschen als Forscher respektieren, wenn ich sie wie Tiere im Zoo täglich besuchen und abends verlassen würde?

Mir wurde klar, dass ein ethnographischer Zugang der am besten geeignete sein würde, um die Handlungsweisen und Motivationen der Bewohner zu ergründen. Aufgrund ihrer methodischen Zwanglosigkeit offenbarte sich mir die freie Feldforschung, so wie sie von Roland Girtler geprägt wurde, als am besten geeignet, um die Kultur und die Lebenswelt der Bewohner in all ihren Details und Facetten, mit ihren Problemen und ihren Freuden, zu erfassen. Diese beinhaltet das Prinzip der Offenheit und Kommunikation; in ihrem Rahmen führte ich unstrukturierte, teilnehmende Beobachtungen durch, führte ero-epische Gespräche und hielt die Ergebnisse protokollarisch fest.[4]

Neben den beiden Haupt-Methoden, der unstrukturierten, teilnehmenden Beobachtung und dem ero-epischen Gespräch, ist auch die Sammlung von historisch wertvollem Material, wie z.B. Zeitungsartikeln, Fotos, Interneteinträgen usw. von großer Bedeutung, um ergänzende, wichtige Informationen im Rahmen einer freien Feldforschung ans Tageslicht zu bringen.[5] So waren die Suche nach Archivmaterial vor allem im Internet, Einträge in Foren, auf yortrbe usw. hilfreich, um einen Einblick in die Kultur der Aussteiger, aber auch über ihr ambivalentes Verhältnis zu den Touristenscharen, die alljährlich San Pedro bevölkern und die ein eigenes Bild von San Pedro haben, zu gewinnen.

2.1 Meine Rolle als Forscher

Mit der Entscheidung San Pedro zu besuchen und ethnografisch zu erforschen musste ich mir darüber Gedanken machen, wie ich mit meiner Rolle als Forscher umgehen sollte. Ich malte mir aus, dass nicht alle der Bewohner begeistert davon sein würden in einer soziologischen Studie aufzutauchen. Außerdem wurde mir bewusst, dass meine Vorstellung von San Pedro durch die Erzählungen meines Freundes, der schon einige Male dort gewesen ist, vorgeprägt waren. Ich erwartete eine Ansammlung von Hippies (oder das, was man sich normalerweise darunter vorstellt). Eine Gruppe von Menschen jedenfalls, die sich von bürgerlichen Normen und Werten abzugrenzen versucht, die einen Gegenentwurf zur Leistungsgesellschaft lebt und die dementsprechend auf bürgerliche Ideale und Wertvorstellungen verzichtet, im wahrscheinlichen Fall diese sogar verachtet. Wie sollte ich diesen Leuten mein Forschungsvorhaben schmackhaft machen, ohne selbst dafür verachtet zu werden? Ich fragte mich, ob gerade mein Ziel, eine Master- Arbeit zu schreiben, um einen akademischen Grad zu erwerben, bei den Bewohnern feindselige Gefühle auslösen könnte. Schließlich würde mich die Offenlegung meines Vorhabens eindeutig als Mitglied gerade dieser verhassten Leistungsgesellschaft ausweisen. Dieser Gedanke gefiel mir nicht im geringsten. Trotzdem teile ich die Auffassung von Roland Girtler, dass ein verdecktes Vorgehen im Rahmen der Forschung grundlegend unfair ist.[6] So klärte ich den Großteil der Bewohner über mein Forschungsvorhaben auf, vor allem jedenfalls die, mit denen ich am meisten Kontakt hatte und die mir als wichtige Informanten dienten. Aufgrund der hohen Fluktuation der dauerhaft Anwesenden in San Pedro war es schon allein technisch nicht möglich, alle in die Beobachtung und Gespräche involvierten Anwesenden, denen man tagtäglich begegnete, über das Forschungsvorhaben aufzuklären.

Durch die Offenlegung meines Forschungsinteresses jedenfalls wurde mir vor allem schnell deutlich, dass meine Vorannahmen bezüglich San Pedro größtenteils falsch waren: Die meisten standen einem Forschungsvorhaben generell offen gegenüber, wobei gesagt werden muss, dass sich viele nichts unter den Begriffen Soziologie, Ethnologie, geschweige denn Ethnografie vorstellen konnten. Meine Erklärungsversuche diesbezüglich lösten eher Desinteresse als Neugierde aus. Ein Auszug aus meinem Protokoll zeigt eine der typischen Reaktionen, die ich bei der Offenlegung meiner Forschertätigkeit auslöste:

„Während Carlos mit uns redet sortiert er riesige Mengen Fleisch, die er am Vormittag in Las Negras gekauft hat und nun einfrieren will. Dabei hackt er das Fleisch in kleine Stücke und packt es in Tupperdosen, die er dann ins Eisfach pfeffert (...). Ich erzähle ihm von meiner Studie, dem Zweck unseres Aufenthaltes. Er kommentiert das nicht besonders, er sagt immer nur 'Mhm, mhm' und nickt dabei. Dann erzählt er auf einmal etwas ganz anderes, dass er ja der Bürgermeister San Pedros sei, usw. Ich glaube er hat nicht richtig verstanden, was wir ihm erzählten. Ich deutete seine Reaktion als Zustimmung zu forschen. Es war ihm schlicht egal.“[7]

Diese Reaktion von Carlos[8] kann als typisch bezeichnet werden. Wieder andere zeigten sich besorgt über das, was wir über sie schreiben würden:

„Im folgenden Gespräch klärten wir die beiden über unser Forschungsvorhaben auf. Wir erzählten ihnen, dass wir in Wien studieren (...). Wir interessieren uns für den Strand aus soziologischer bzw. ethnologischer Sichtweise. Ich bemerkte, dass die beiden Schwierigkeiten hatten zu verstehen, worum es uns ging. Ich bemerkte auch, dass sie misstrauisch wurden. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts von unserem Vorhaben erzählt. Im Laufe des Abends tranken wir viel und die beiden kamen immer hin und wieder auf das Thema zu sprechen. Es schien sie nicht loszulassen. Malte und ich klärten sie immer wieder auf und versuchten, sie zu beruhigen. Harry sagte, er sieht keinen Sinn darin, über San Pedro zu schreiben, denn 'über San Pedro ist schon so viel geschrieben worden'. Außerdem ist er misstrauisch, denn er hat gehört, dass er schon im Internet bekannt sei. Das gefällt ihm nicht so gut, weil er nicht weiß, was dort über ihn geschrieben wird. Er mag es auch nicht, wenn Leute ihn fotografieren, vor allem nicht, wenn sie ihn nicht vorher fragen. Und das kommt oft vor, sagt er. Die Leute machen Fotos von seiner Höhle, auch von innen, und von ihm. Das findet er sehr unhöflich. Ich versichere ihm, dass ich für meine Arbeit alle Personen anonymisieren und dass ich nichts über ihn im Internet schreiben werde. Rick kommt auch noch öfter auf das Thema zu sprechen. Als alle schon einige Biere geleert haben sagt er uns: 'Sicher könnt ihr über uns schreiben. Ihr könnt über alles schreiben. Wenn es San Pedro hilft.' Ich merke, wie wichtig es beiden ist, dass ich keinen Quatsch schreibe. Ansonsten habe ich das Gefühl, dass es ihnen eigentlich egal ist, ob ich etwas schreibe, oder warum wir überhaupt dort sind. Ich merke vor allem, dass sie sich gerne unterhalten.“[9]

Meine Besorgnis bezüglich der Reaktionen der Bewohner erwiesen sich also als unbegründet. Diese Erfahrung veranlasste mich, die Vorannahmen, die ich von San Pedro hatte, neu zu überdenken. Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, während der Forschung seine eigenen Vorstellungen und Vorurteile ständig zu reflektieren und seine selbstgesponnen Bedeutungsgewebe zu überprüfen.[10] Es wurde mir klar, dass diese Menschen keineswegs andere verachten, weil sie ein anderes Lebenskonzept bevorzugen. Vielmehr ist es ihnen wichtig, mit Würde und Respekt behandelt zu werden, wie es der vorherige Protokoll-Ausschnitt verdeutlicht. Ich war gleichermaßen froh, dass ich dieses Thema angesprochen hatte. Auch war die Offenheit, mit der ich die Bewohner über mein Vorhaben aufklärte, sehr wichtig für das Aufbauen eines Vertrauensverhältnisses. Vor allem Harry und Rick wurden für mich wichtige Informanten, zu denen ich eine freundschaftliche Beziehung aufbauen konnte. Durch das Vertrauen, dass mir die beiden entgegen brachten, erfuhr ich mehr, als ein standardisiertes Leitfaden-Interview je zu Tage befördert hätte. Gerade bei heiklen Themen hilft ein gutes Vertrauensverhältnis, das Eis zu brechen. Rössler bemerkt dazu: „Ein sehr gutes Vertrarensverhältnis mit der untersuchten Gruppe ist (...) wichtig, denn gerade Konflikte, abweichendes Verhalten etc. stellen einen höchst sensiblen Bereich dar, den man unter Umständen dem fremden Ethnographen gegenüber möglichst verheimlichen will.“[11] Der intensive Kontakt zu den Bewohnern ist nicht nur der Schlüssel zu ihren Sichtweisen, Motivationen und Einstellungen, er führt auch zur unbedingt notwendigen Distanzierung von eigenen Vorurteilen.[12]

2.2 Die unstrukturierte, teilnehmende Beobachtung

Durch die unstrukturierte, teilnehmende Beobachtung erfuhr ich viel über das ambivalente Verhältnis der Bewohner zu den zahlreichen Saisontouristen. Die Methode ermöglichte mir auch, die Interaktionen der Bewohner untereinander deutend zu verstehen. So war es mir nach einer Weile (als ich bereits mehr oder weniger Teil der Gruppe war) vergönnt, an Gesprächsrunden teilzunehmen, in denen das bloße Zuhören und Beobachten sehr aufschlussreiche Details über Konflikte zwischen den Bewohnern, Normen und Werte sowie gewisse Rituale, die die Bewohner pflegen, um sich von Außenstehenden abzugrenzen und ihren inneren Zusammenhalt zu stärken, ans Tageslicht brachte.

Ich verstehe teilnehmenb in diesem Sinne als nicht bloß anwesenb. Gerade die aktive Teilnahme und nicht bloße Anwesenheit ist unabdingbar, um wirklich in eine Gruppe eintauchen zu können und von ihr akzeptiert zu werden, um so direkt, ars erster Hanb [13] zu erfahren, worum es den Menschen geht. Somit befinde ich mich in Tradition von Roland Girtler, der bemerkt: „Durch das 'Miterleben' des fremden Handelns vermag das andere Ich, z.B. der Forscher, das fremde Handeln in seinem Entwurf und seinen Konsequenzen zu erfahren. Es besteht eine gewisse Chance dafür, dass der beobachtende andere, der in eine bestimmte Kultur sich integriert hat (...), die Handelnden einigermaßen versteht.“[14]

Wie sah also die teilnehmende Beobachtung am Strand von San Pedro aus? Wichtig erschien es mir, im Sinne einer aktiven Teilnahme, an den Ritualen der Gruppe teilzunehmen. Dazu gehörten vor allem zahlreich stattfindende Zusammenkünfte, bei denen Alkohol getrunken und Cannabis konsumiert wurde. Diese Gelage fanden regelmäßig statt, d.h. es wurde jeden Tag getrunken und mitunter permanent geraucht. Ich fand es daher wichtig, wenigstens ansatzweise zu versuchen, bei diesen Ritualen mitzumachen und hielt mich an das erste Gebot der Feldforschung: „Du sollst einigermaßen nach jenen Sitten und Regeln leben, die für die Menschen, bei denen du forscht, wichtig sind. Dies bedeutet Achtung ihrer Rituale und heiligen Zeiten, sowohl in der Kleidung als auch beim Essen und Trinken.“[15]

Selbstverständlich achtete ich darauf, meinen eigenen Konsum in Maßen zu halten, um in der Lage zu sein, anständige Beobachtungen durchzuführen sowie Beobachtungs-Protokolle verfassen zu können, was mir, bis auf wenige Ausnahmen, auch gelang.

Auch hinsichtlich der Kleidung und Hygiene hielt ich mich an die Bräuche im Forschungsfeld. Da es im Ort lediglich einen öffentlichen Brunnen gibt, der auch als Dusche dient und dessen Erreichbarkeit vom Strand aus mit einem zeitaufwendigen Aufstieg verbunden ist, unterließ ich übertriebene Körperpflege und begnügte mich mit einer täglichen Abkühlung im Meer. Für das Notwendigste (Zähne putzen, Gesicht waschen, etc.) benutzte ich einen fünf Liter fassenden Wasserkanister, den ich neben dem Zelt positionierte. Auf Grund der großen Hitze im Sommer ist das Tragen von Kleidung überflüssig, Schwimm-Shorts bzw. eine kurze Hose und festes Schuhwerk (in meinem Fall Turnschuhe) sind ausreichend, um die Tage in San Pedro zu überstehen und im Feld nicht übermäßig aufzufallen (die meisten Bewohner bevorzugen FKK). Im Winter und Frühling hingegen, wenn die Temperaturen nachts unter 10 Grad Celsius fallen und tagsüber selten über 20 Grad klettern, empfiehlt es sich, eine warme und robuste Hose mit vielen Taschen zu tragen, da man so nützliche Dinge wie ein Taschenmesser, Kugelschreiber und Notizblock, Aufnahmegerät, Fotoapparat usw. gleich nach dem Aufstehen verstauen kann und nicht jedes Mal zum Zelt zurückkehren muss, wenn man eines der entsprechenden Dinge vermisst. Zusätzlich erwies es sich als sinnvoll, eine windabweisende Jacke sowie eine wärmende Kopfbedeckung wie eine Mütze, dabei zu haben, da der Körper bekanntlich über den Kopf besonders viel Wärme abgibt.

Mit der Körperpflege verhält es sich im Winter wie im Sommer. Eine durchschnittliche Tagestemperatur von 15 bis 20 Grad mag dem Leser nicht als bedrohlich erscheinen. Dazu sei aber gesagt, dass wenn man sich tagelang im Freien aufhält und das Zelt, in dem man lediglich gebückt stehen oder knien kann, den einzigen Rückzugsort darstellt, die angegebene Temperatur sehr wohl zu schaffen machen kann. Ungern trennt man sich von seiner Jacke oder Hose, der Wechsel von Kleidung ist jedes Mal ein ungemütliches Unterfangen. Handgriffe, die normalerweise Routine sind, versucht man weitestgehend zu vermeiden, um Energie zu sparen. So unterließ ich es, mich regelmäßig zu rasieren, Kleidungsstücke wechselte ich nur notgedrungen. So konnte ich mich rein optisch unauffällig ins Feld integrieren.

Natürlich war es nicht möglich, sämtliche Vorgänge zu beobachten. Aus diesem Grund musste ich, ob ich wollte oder nicht, eine Auswahl treffen. Ich beschloss somit am Anfang der Forschung meinen Fokus auf die Bewohner zu legen, die am längsten in San Pedro wohnen und die Touristen, die sich am Strand tummeln, weitestgehend außer Acht zu lassen. Diese Einstellung revidierte ich allerdings nach einer Weile wieder. Es wurde mir bewusst, dass die Grenzlinie zwischen alteingesessenen Bewohnern, Saisontouristen und Tagestouristen usw. unmöglich zu ziehen ist. Vielmehr bilden viele der Touristen den Nachwuchs für die Aussteiger- Kolonie, die durch ihren Besuch in San Pedro erstmals Einblick in die Kultur der Aussteiger bekommen und sich somit, ob sie wollen oder nicht, mit dem Gedanken des eigenen Ausstiegs auseinandersetzen: Das krltrrelle Moment[16], die Existenz der Möglichkeit auszusteigen, wird den Besuchern durch ihren Aufenthalt bewusst – viele der Touristen, die San Pedro lediglich für einige Tage besuchen wollten, bleiben länger dort, manche für einige Wochen, andere für Monate, wieder andere für Jahre. Aus diesem Grund ist eine strikte Grenzziehung zwischen Besuchern und Aussteigern nicht möglich. Aus dieser Erkenntnis ergab sich für mich die Notwendigkeit, sowohl die alteingesessenen Höhlenbewohner, als auch die Touristen, die nur für wenige Tage in San Pedro verweilten, in die Forschung aufzunehmen.

Zu Beginn meiner Forschung versuchte ich mir ein Bild von der geographischen Lage San Pedros zu machen.[17] Ich kletterte auf einen Berg, machte Ausflüge ins Landesinnere und per Luftmatratze erkundete ich die Örtlichkeiten vom Seewege aus. Dies war notwendig, denn San Pedro verfügt über keine städtische Infrastruktur. Es gibt keine Straßen, nicht einmal Wege. Lediglich auf Pfaden lässt sich die zerklüftete, bergige Küsten-Landschaft erkunden. So wurde mir bewusst, dass sich das Leben in San Pedro keineswegs ausschließlich am Strand abspielt. Viele Bewohner haben ihre Hütten und Höhlen tief im Landesinneren und auf den angrenzenden Bergen bezogen. Vom Strand aus eröffnet sich dem Besucher demnach lediglich die halbe Wahrheit.

Ebenfalls notwendig war es, die Beobachtung auf den nächst gelegenen Ort Las Negras auszudehnen, denn dort befindet sich die Bushaltestelle, die das Tor der meisten Besucher und Bewohner zur Außenwelt darstellt. In Las Negras befindet sich auch ein kleiner Supermarkt, in dem die Menschen einkaufen und sich mit dem Nötigsten versorgen. Es gibt Hotelanlagen, Gaststätten, Internet usw. Aus diesen infrastrukturellen Annehmlichkeiten ergibt sich, dass viele Bewohner regelmäßig in Las Negras anzutreffen sind. Folglich bot es sich auch für mich an, wenn ich hin und wieder selbst zum Einkaufen nach Las Negras herüber ging, meine Beobachtungen dort fortzuführen. Hierbei beobachtete ich beispielsweise, was die Bewohner einkauften, wie sie im Supermarkt Preise verglichen, wie einige von ihnen die Gaststätten aufsuchten und ähnliches.

2.3 Das Ero-epische Gespräch

Neben der teilnehmenden Beobachtung war es vor allem das ero-epische Gespräch, das sich als sehr geeignet erwies, um an wertvolle Informationen zu gelangen.

Zentral bei dieser Form des Gespräches ist der Umstand, dass sich der Forscher selbst in das Gespräch mit dem zu Erforschenden einbringt und somit eine einseitige Frage-Antwort-Konstellation, wie sie bei anderen Befragungstechniken, z.B. einem Leitfaden-Interview, üblich ist, vermeidet. Der Forscher versucht, eine gleichberechtigte Situation zu schaffen, durch die der Befragte von sich aus zum Erzählen von relevanten Anekdoten und Informationen über seine Kultur angeregt wird. Diese Situation kann nur geschaffen werden, wenn der Forscher bereit ist, (quasi im Austausch) Informationen privater Natur in das Gespräch mit einzubringen. Nur auf diese Weise kann ein Vertrauensverhältnis entstehen, in dessen Rahmen der Forscher in tiefer gehende Schichten der jeweiligen Kultur eingeweiht wird. Roland Girtler bemerkt zu Recht, dass für diese Art des Gesprächs ein Zugang nötig ist, dessen Schaffung mit harter Arbeit verbunden ist.[18]

So merkte ich schnell, dass sich ein Vertrauensverhältnis mit den Bewohnern nicht in Kürze aufbauen ließ, vielmehr kostete es große Mühen und auch Überwindung, eigene Vorurteile und Ängste bezüglich der neuen Lebens-Situation zu reflektieren und in den Griff zu bekommen. Hinzu kamen in meinem Fall die anstrengenden äußeren Bedingungen, die sich teilweise negativ auf die Forschungsmotivation im Feld auszuwirken drohten: der harte Untergrund des Zeltes, das zudem der einzige Rückzugsort war, die ständige Hitze im Sommer bzw. Kälte im Frühling, der Verzicht auf warme und regelmäßige Mahlzeiten, dafür aber ein rituell vorgegebener Alkohol- und Drogenkonsum – kurzum die Konfrontation mit seinen eigenen Grenzen. Es kostete einige Überwindung, in dieser ungewohnten Situation weitere Energie für das eigentliche Forschungsvorhaben zu mobilisieren, da es am angenehmsten gewesen wäre, einfach nur im sicheren Zelt zu bleiben und die Kräfte zu schonen.

Die Bereitschaft sich zu überwinden, permanent das Gespräch mit den Bewohnern zu suchen und geduldig zu sein, zahlte sich schließlich aus. Gerade durch meine Standhaftigkeit verschaffte ich mir bei den Bewohnern Respekt, weil sie merkten, dass ich es ernst meinte - dass ich wirklich an ihrem Leben interessiert bin. So wurden unsere Gespräche immer tiefgründiger – die Bewohner gaben mir nicht nur Tipps, wie man mit dem Leben am Strand am besten fertig wird, sondern öffneten sich auch hinsichtlich ihrer Biographien, ihrer Regeln des Zusammenlebens und ihrer Einstellungen.

Trotzdem war das Gesprächsklima nicht durchwegs positiv. Oftmals genügte eine unbedachte Bemerkung, ein falsches Wort, um eine zornige Reaktion eines Bewohners hervor zu rufen. Der raue Umgangston, der unter einigen (deutschen) Bewohner gepflegt wird und den auch wir zu spüren bekamen, verunsicherte uns vor allem am Anfang unserer Forschungen. Eine beispielhafte Begebenheit enthält der folgende Protokollausschnitt:

„Mit der Zeit hat Rick immer mehr gekifft und war mittlerweile auch schon ziemlich betrunken und man hat schon wieder gemerkt, dass Rick gern aggressiv wird, wenn er trinkt, indem er mich als Blödmann beschimpft hat. Ich hatte ihm beiläufig gesagt, dass heute Sonntag ist. Kurz darauf ist Rick aufgestanden, um sich noch ein Bier zu holen und hat dabei laut gegrummelt: 'Irgend so ein Blödmann hat mir gesagt, dass heute Sonntag ist. Das März ist wusste ich ja, aber Sonntag nicht.' Das ist typisch für Rick (...), dass man auf der einen Seite immer Zuneigung erfährt, dass man auf der anderen Seite aber immer damit rechnen muss, beleidigt zu werden. Als so eine Art Abgrenzung, symbolischer Aggression, gegen das, was du (...) repräsentierst.“19

Als wichtig erwies es sich oftmals, sich während der Gespräche in Geduld zu üben und nicht zu vergessen, sein Gegenüber ausreden zu lassen. Dazu gehört auch, dem Gesprächspartner die Freiheit zu lassen abzuschweifen und sich Dinge, die von scheinbar geringerem Interesse für die Studie sind, ebenso geduldig anzuhören. Gerade am Strand von San Pedro ist man an der völlig falschen Adresse, wenn man glaubt, mit übertriebenem Arbeitseifer und ständigem A rf-bie-Uhr-grcken etwas zu erreichen. Oftmals ergaben sich wichtige Informationen aus den Ausführungen von Bewohnern, die von selbst auf diese Themen zu sprechen kamen. Wichtig war es während eines langen Gespräches konzentriert zu bleiben und gut zuzuhören, damit man den richtigen Moment nicht verpasst, in dem der Gesprächspartner von selbst relevante Themen anspricht und dort gegebenenfalls nachzuhaken.

Eine gute Möglichkeit, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen, war für mich die Tatsache, dass ich einigermaßen passabel Gitarre spielen kann. Hin und wieder lieh ich mir eine alte Gitarre eines Bewohners aus und spielte ein bisschen vor mich hin. Somit trug ich zur allgemeinen Unterhaltung bei - Bewohner wie Besucher setzten sich zu mir und hörten mir zu, einige fühlten sich animiert, zu singen. Auch sprach es sich im Dorf anscheinend herum, dass ein Musiker anwesend ist. Eines Tages kam ich mit einem der Bewohner ins Gespräch, der gehört hatte, dass ich Gitarre spielen könnte. Er lud mich zu sich ein und berichtete mir, dass auch er einige alte Gitarren in seiner Höhle lagert. Er erkundigte sich, welchen Stil ich spiele und erzählte, dass er Flamenco-Gitarrist ist. Als ich ihm sagte, dass ich hauptsächlich Blues spiele, schlug er mir vor, mir das Flamenco spielen zu zeigen, wenn ich ihm im Austausch eine Blues-Tonleiter beibringen würde. Mir wurde durch diese Begebenheit nicht nur deutlich, dass am Strand von San Pedro (wie zugegebenermaßen fast überall auf der Welt) Live-Musik gern gesehen und gehört wird, sondern dass auch ein Währungs-System des Tauschens und Handelns besteht. Es wird nicht nur Arbeit gegen Ware getauscht, wie wenn z.B. ein Bewohner einem anderen dabei hilft seine Höhle zu renovieren und dafür von ihm Verpflegung oder ein paar Bier spendiert bekommt, auch ist es üblich sich gegenseitig zu lehren und zu unterrichten. Die Tatsache, dass ich Gitarre spielen kann und auch bereit bin, andere darin zu unterrichten kam in San Pedro gut an und erleichterte mir den Zugang zu den Bewohnern und gab mir die Möglichkeit, eine auf Vertrauen und Freundschaft basierende Beziehung aufzubauen

2.4 Die Protokolle

Hinsichtlich der Protokollierung der Begebenheiten und Beobachtungen sind dem Forscher generell keine Grenzen gesetzt. In meinem Fall erwies es sich jedenfalls als hilfreich, Protokolle anzufertigen, die nicht nur die Beobachtungen umfassten, sondern in die ich auch Interpretationen und Gedanken, die mir bei der Aufzeichnung durch den Kopf gingen, einfließen ließ.

Bei meinem ersten Aufenthalt zog ich mich jedes Mal für die Protokollierung ins Zelt zurück. Ich fertigte handschriftliche Protokolle an. Schon bald vermisste ich meinen Schreibtisch und einen Stuhl, denn im Zelt war es nur möglich, in der Hocke sitzend oder auf dem Bauch liegend zu schreiben. Auch wäre es sicher sinnvoll gewesen, meinen Laptop mitzubringen, um schneller schreiben zu können. Ich fürchtete aber (nicht zu Unrecht), dass die Hitze, der Sand usw. das Gerät zerstören würden - im schlimmsten Falle hätte ich nicht nur den Verlust der Protokolle riskiert, sondern auch den meines Computers. Das handschriftliche Protokollieren erwies sich also als unumgänglich.

Da ich die Bewohner nicht verunsichern wollte, vermied ich es, die Protokolle in ihrer Anwesenheit – in aller Öffentlichkeit - zu verfassen. Ich vermutete, dass es für sie, auch wenn sie von meiner Forschertätigkeit wussten, befremdlich erscheinen würde, wenn sie mich täglich mehrere Stunden dabei beobachten müssten, wie ich alles, was ich so erlebe, aufschreibe. Ich wollte ungern riskieren, dass mir einer der Bewohner über die Schulter schaut und sich in einer Anekdote wiederfindet, die ich (möglichst detailliert) festgehalten habe. Zwar halte ich mich prinzipiell an das dritte Gebot der Feldforschung von Roland Girtler: „Du sollst niemals abfällig über deine Gastgeber und jene Leute reden und berichten, mit denen du Bier, Wein, Tee oder sonst etwas getrunken hast.“20 Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass einer der Bewohner eine Beschreibung seines Handelns, auch wenn sie der Realität entspricht, als abfällig oder unwahr interpretiert, weil sie ihn im entsprechendem Protokoll-Ausschnitt in einem für ihn unvorteilhaften Lichte erscheinen lässt. Dieses Dilemma versuchte ich zu vermeiden. So blieb mir, um meine Protokolle zu schreiben, nur das Zelt als Rückzugsort übrig.

Bei meinem zweiten Aufenthalt führte ich ein kleines, digitales Aufnahmegerät mit, auf das ich, in regelmäßigen Abständen, meine Beobachtungen aufzeichnete. Die Sequenzen transkribierte ich sofort, als ich meine Reise abgeschlossen hatte. Während des Aufenthaltes im Feld fertigte ich zwar auch handschriftliche Protokolle an, diese waren aber kürzer und weniger detailliert, als bei meinem ersten Aufenthalt. Der Vorteil dieser Technik lag vor allem darin, Zeit zu sparen, die ich für weitere Beobachtungen hatte, während ich bei meiner ersten Reise (die ich noch ohne das Aufnahmegerät durchführte) viel Zeit für die detaillierte, handschriftliche Protokollierung der Ereignisse brauchte. Allerdings brachte diese Technik (das Sprechen der detaillierten Beobachtungen auf Band) nicht nur Vorteile mit sich, wie mir am Ende unserer zweiten Reise nach San Pedro plötzlich bewusst wurde:

„Es ist unser letzter Tag und wir sind früh aufgestanden, um den Bus in Las Negras rechtzeitig zu erwischen. Wir haben das Zelt abgebaut, die Sachen gepackt und sind hoch zu Harry, um uns zu verabschieden. Er war wie immer beschäftigt mit seiner Höhle, diesmal fummelte er an seinem CD-Player rum. Wir stellen unsere Rucksäcke ab und setzen uns noch eine Weile zu ihm. Rick gesellt sich auch dazu. Er hat von seinem Haus aus gesehen, dass wir unser Zelt einpacken und ist gekommen, um sich zu verabschieden. Mir wurde in dem Moment bewusst, dass unser Zeltplatz vielleicht doch nicht so gut gewählt war, denn wir befanden uns die ganze Zeit mitten im Tal, wo uns alle ständig sehen konnten, wir aber nicht sie. Vor allem, wenn wir abends Feuer machten, müssen uns alle Bewohner wie auf dem Präsentier-Teller beobachtet haben können. Ich äußerte meine Gedanken. Rick sagte, dass dies richtig ist. Er konnte immer genau sehen, was wir da unten so treiben. Auch sagte er, wir sollen das nächste mal leiser sprechen, weil im Tal wird Schall unglaublich leicht weitergetragen, es liegt wohl an der Form des Tales und den Bergen links und rechts. Wenn es ganz still ist im Tal und zwei Leute unterhalten sich, dann kann man das kilometerweit hören, so sagt er. Mir wird ein bisschen mulmig, weil ich ja jeden Tag mehrmals meine Beobachtungen auf mein Aufnahmegerät gequatscht habe und mich dabei an eine normale Lautstärke gehalten habe. Ich frage mich, wie viele der Bewohner ständig damit konfrontiert waren, was ich da so gerade alles erzähle. Ich bin in dem Moment froh, das Tal an diesem Tag zu verlassen.“21

Im Nachhinein betrachtet bin ich mir sicher, dass Rick mir keinen Vorwurf machen wollte, er gab mir lediglich einen nützlichen Tipp für zukünftige Forschungsreisen.

Wie ich bereits erwähnte transkribierte ich die handschriftlichen und auf Band gesprochenen Protokolle jeweils sofort nach meiner Rückkehr. Bei der Verschriftlichung der Protokolle ließ ich rechts neben dem Text einen ca. drei bis vier Zentimeter großen Abstand frei, um die wichtigen Aspekte stichwortartig festzuhalten. So musste ich bei der Auswertung der Protokolle nicht lange nach den

für mich relevanten Themen suchen.[19]

Um die Protokolle zu ergänzen fotografierte ich reichlich; vor allem selbstgemalte Schilder, die die Bewohner aufgestellt haben, um die Touristen davon abzuhalten, ihren Müll in San Pedro liegen zu lassen oder ihr Geschäft überall im Tal zu verrichten, waren interessante Motive. Zurückblickend betrachtet, lieferten sie wertvolle Informationen über den Umgang der Bewohner mit Konflikten, die sich aus der hohen Fluktuation von Besuchern ergeben. Auch die verschiedenen Höhlen und Häuser fotografierte ich, allerdings werde ich auf eine Abbildung dieser in der Studie verzichten, denn die wenigsten Bewohner mögen es, wenn Fotos von ihnen veröffentlich werden, wie die vorher beschriebene Reaktion von Harry zeigt, und diese Einstellung möchte ich respektieren. Ich werde mich allerdings bemühen, die Behausungen und auch die Topographie San Pedros so genau wie möglich zu beschreiben.

3 Die Piratenbucht

3.1 Topographie einer Insel

Die Piratenbucht San Pedro liegt an der andalusischen Küste im spanischen Nationalpark Cabo be Gata in der Provinz Almeria. Die Anreise aus Deutschland sei hier kurz wiedergegeben, denn durch sie lässt sich der Exil-Charakter der Aussteiger-Enklave am besten beschreiben: die nächst großen Städte, die über Flughäfen verfügen, sind die Touristenhochburgen Malaga und Alicante. Wer von Deutschland über Malaga anreist und kein Geld für ein Taxi ausgeben oder trampen will, unternimmt es (wie in unserem Fall) einen Platz in einem der mehrmals am Tag abfahrenden Überlandbusse der Firma ALSA zu reservieren. Die Fahrt nach Almeria, der Provinzhauptstadt, dauert in etwa dreieinhalb Stunden. Wenn man in Alicante landet, dauert die Fahrt bis Almeria fünf Stunden. Von Almeria aus fährt einmal am Tag, laut Fahrplan gegen 15.30 Uhr, ein Bus nach Las Negras, einem kleinen Fischerdorf, das San Pedro am nächsten gelegen ist. Normalerweise ist es notwendig, eine Nacht in Almeria zu verbringen, da man aufgrund der langen Anreise den einzigen Bus nach Las Negras um 15.30 Uhr nicht mehr erwischt. Die letzte Fahrt dauert in etwa anderthalb Stunden, so dass man Las Negras am späten Nachmittag bzw. in den frühen Abendstunden erreicht.

Bereits die lange Busfahrt in immer abgelegenere Gebiete lässt das Gefühl aufkommen, eine Fahrkarte ins Exil gelöst zu haben. Die Dörfer werden kleiner, die Landschaft karger und die Busse leerer. Teilt man sich am Anfang der Reise (von Malaga/Alicante aus) den Bus noch mit anderen Touristen, so fühlt man sich spätestens im Bus nach Las Negras als Außenseiter. Nordafrikanische Arbeiter, die in den zahlreichen Gewächshäusern Andalusiens arbeiten und die Busfahrt für ein kurzes Nickerchen nutzen, spanische Rentner und SchülerInnen, die nach einem Stadtbesuch zurück in ihre Dörfer kehren und einige wenige Low-Brbget -Backpacker sind die Mitfahrer.

Im kleinen Fischerdorf Las Negras angekommen, erreicht man San Pedro über einen steinigen, etwa fünf Kilometer langen Pfad, der sich durch die zerklüftete, hügelige Landschaft die Küste entlang schlängelt. Eine Überfahrt mit einem Wassertaxi, das

die örtlichen Fischer vor allem im Sommer den zahlreichen Badetouristen und Backpackern anbieten, kostet sieben Euro und dauert ca. zehn Minuten.

Unübersehbar am Rande des Dorfes am Berghang gelegen, findet sich die Ruine eines alten Wehrturmes, den Soldaten im Jahre 1583 unter Felipe II. errichteten, um die Bucht zu schützen, die aufgrund ihres Süßwasser-Vorkommens für Piraten interessant war und in der sie sich versteckten.[20] San Pedro war also schon immer ein Zufluchts-Ort für Geächtete und Verfolgte. Auch zeugen einige verfallene Häuser und Terrassen von einer Zeit, in der San Pedro bewohnt war. Gerüchten zufolge lebten die Vorfahren der Bewohner von Las Negras in San Pedro. Als die Fischer eines Tages nicht heimkehrten, verließen ihre Witwen San Pedro und erbauten in der Nachbarbucht das Dorf Las Negras. Las Negras bedeutet dementsprechend: die Trauernden.

Um einen besseren Einblick und eine Vorstellung der Topographie sowie der Bewohnung San Pedros zu vermitteln, sollen die folgenden Protokoll-Ausschnitte hilfreich sein, die meinen ersten Eindruck des Dorfes und seine abgeschiedene Lage beschreiben:

„Die Sonne ist extrem stark und die Hitze macht einem ordentlich zu schaffen. Ich hatte den Weg nicht so extrem eingeschätzt. Von Las Negras aus wanderten wir los. Der Weg ist sehr steinig und steil. Mit dem ganzen Gepäck ziehen sich die ca. 5 km enorm. Wir mussten unterwegs einige Pausen machen, nach ca. einem Kilometer zogen wir unsere vom Schweiß durchnässten T-Shirts aus und krempelten unsere Hosenbeine hoch. Auch überholten wir hin und wieder einige Touristen, die mit hinterherziehbaren Koffern unterwegs waren, was auf dem steinigen Boden überhaupt nichts bringt. Sie sahen sehr hilflos aus und ich war froh, meine Sachen anständig im Rucksack verpackt zu haben, so dass ich einigermaßen vernünftig wandern konnte. Als wir schließlich San Pedro erreichten war es spät nachmittags (...). Der Pfad nach San Pedro schlängelt sich durch die Felsen, die Küste entlang. Irgendwann wird er sehr steil an den Seiten, so dass er schon fast nicht mehr als Weg zu erkennen ist. Hin und wieder dachte ich daran, was passieren würde, wenn ich dort abstürze. Wenn ich den Sturz überlebe, dachte ich, würde ich mir sicher sämtliche Knochen brechen. Ich fragte mich, wie viele Leute schon darunter gefallen sind.“[21]

San Pedro besteht aus einem circa 300 Meter langem Strandabschnitt, der mit Geröll und herab gefallenen Steinen der angrenzenden Berge übersät ist. Der Strand selbst bildet die Mündung eines ausgetrockneten Flussbettes, das sich tief ins

Landesinnere frisst und die meiste Zeit des Jahres kein Wasser führt. Durch die starke Sonneneinstrahlung und das meist trockene Klima sind das Tal und die Hänge der anliegenden Berge stark zerklüftet. Steinige, unwegsame Pfade führen durch das Tal, das von teilweise tonnenschweren Felsen gespickt ist. Eine Süßwasserquelle, die das ganze Jahr über sauberes, trinkbares Wasser führt, bietet die Basis für längere Aufenthalte. Die felsige Landschaft spendet Schatten, das Geröll der anliegenden Berge dient den Bewohnern als Baumaterial für Hütten und kleine Häuser. Die zahlreichen Höhlen, die sich teilweise mehr als fünf Meter in die Berge fräsen, sind ebenfalls bevölkert. Sie bieten optimalen Schutz vor Wind und Sonne. Mein erster Eindruck der Höhlen und Hütten sowie des Süßwasser-Brunnens sei mit dem folgenden Protokoll-Auszug wiedergegeben:

„Plötzlich fingen dann an den Seiten an, Hütten zu stehen. Die erste Hütte, die man sieht, ist direkt am Pfad. Man läuft direkt auf ein großes Wohnzimmer-Fenster zu. Die Hütte ist etwa 3x4 m breit und lang, viereckig, mit großen Fenstern. Außerdem fiel mir sofort auf, dass die Hütte eingezäunt war. Durch das große Fenster, das direkt auf den Weg gerichtet ist, sah man einen runden Esstisch mit ein paar Stühlen drum herum, der direkt am Fenster steht. Auf dem Esstisch stand eine Schale mit Obst. Das fand ich irgendwie komisch. Die Hütte selbst ist von weitem nicht zu erkennen, da sie komplett aus den Steinen gebaut ist, die dort überall herum liegen, sie hat dieselbe Farbe, ist aber absolut symmetrisch gebaut. Mir wurde sofort klar, dass jemand diese Hütte gebaut haben muss, der sehr gut mauern kann, der sein Handwerk versteht. Das war nicht eine auf gut Glück zusammen gebauter Steinhaufen mit Dach, sondern hatte Konzept. Die Obstschale und die Umzäunung des Grundstückes wunderten mich ein bisschen. Ich dachte darüber nach, dass dieses Land ja eigentlich niemandem gehört, dass es ja ein Nationalpark ist. Der Aufenthalt dort, das wusste ich schon vorher, ist illegal. Der Strand ist ja, so wie ich gehört hatte, besetzt. Eine spießige Obstschale, eine Umzäunung des Grundstückes passte nicht so richtig dazu.

Der Pfad schlängelte sich weiter. Etwa 20 m hinter Harrys Höhle ist eine Art Marktplatz. Marktplatz deshalb, weil sich dort viele Leute aufhielten und der enge Pfad in eine Art Platz endet. Dort gibt es eine Quelle, die von Süßwasser gespeist wird und die anscheinend von den Soldaten damals angezapft wurde. Jedenfalls ist dort so eine Art Brunnen. Ein Becken, wie eine riesige Badewanne. Oben kommt das Wasser raus und fließt in einen großen Bottich, in diesem schwimmen einige Schöpfquellen. Wir kamen um die Ecke und in dem Becken stand gerade eine Frau und ließ sich das Wasser über den Kopf laufen. Malte erklärte mir, dass das hier der einzige Ort wäre, wo man duschen könne. Es standen auch schon einige andere Schlange, die anscheinend auch unbedingt duschen wollten. Ich fand den Gedanken sehr amüsant, dass genau dort, wo man in das Dorf reinkommt, die öffentliche Dusche zu sein scheint. Wir blieben ca. 5 Minuten dort und schauten und das Treiben an. Der Marktplatz scheint ein wichtiger Knotenpunkt dort zu sein. Es kommen dort viele Pfade aus, dauernd kommen Leute um die Ecke und verschwinden wieder. Auch ist dort ein riesiges Schild aufgestellt. Auf dem Schild steht in etwa 'Willkommen in San Pedro. Bitte benutzen Sie die Toiletten und nehmen ihren Müll mit'. Und das in etwa 8 verschiedenen Sprachen. Auch waren dort ein Mann und eine Frau, die einen kleinen Stand aufgebaut hatten, an dem sie selbst gefertigten Schmuck, Armreife und Halsketten, verkauften. Wir gingen weiter bergab Richtung Strand (...).

Der Pfad war sehr zickizacki, überall Gestrüpp rechts und links, teilweise sehr steil und steinig. Auf dem Weg zum Strand kamen wir noch an sehr vielen Hütten und Höhlen vorbei. Ich glaube ich habe noch nicht mal alle bemerkt, weil es so viele zu geben scheint. Auf einmal hört man rechts neben sich im Gebüsch ein Geräusch. Man sieht hin und entdeckt wieder den Eingang zu einem kleinen Grundstück. Dort sitzen dann

Menschen, die Tee kochen oder Feuer machen. Sie sitzen auf alten, kleinen Stühlen, teilweise alten Autositzen. Mir fiel sofort auf, dass die Hütten und Höhlen durchaus mit Liebe gebaut sind. Sie sehen richtig urig aus. Es ist nicht einfach nur die Not-Unterkunft von jemandem, das sieht man. Die Leute leben richtig lange da drin und sie wollen es sich schön machen. Sie pflegen ihre Gärten, ihre Pflanzen. Sie haben sogar Gartenschläuche, mit denen sie die bewässern. Die Hütten sehen sehr spartanisch, aber dafür sehr liebevoll aus. Es liegt kein Müll herum oder sowas, irgendwie richtig spießig, habe ich so gedacht und mir fiel auf, dass das keine gewöhnlichen Obdachlosen sein können, die aus Not dort leben müssen. Die Leute wollen dort leben.“25

In San Pedro leben etwa [22] bis 40 Personen das gesamte Jahr über, davon sind in etwa zwei Drittel männlich. Die meisten sind spanischer Herkunft, die zweite Mehrheit bilden Bewohner aus dem deutschsprachigen Raum sowie aus anderen europäischen Ländern. Die meisten der alteingesessenen Bewohner leben in ihren Höhlen und Hütten im Landesinneren bzw. auf den Hängen der anliegenden Berge. Am Strand und im Tal tummeln sich die zahlreichen Saisontouristen und Backpacker:

„Bevor wir den Strand erreichten durchquerten wir das Tal. Überall sah man Zelte, Höhlen, Hütten. So viele Anwesende hatte ich nicht erwartet. Das Tal stank bestialisch nach Kot. Man musste aufpassen wo man hintritt. Überall sieht man Klopapier im Gebüsch hängen, benutzte Binden, teilweise Kondome. Ich schlug Malte vor das Zelt nicht unbedingt dort aufzuschlagen und er war einverstanden. Wir erreichten schließlich den Strand und bauten unser Zelt dort auf. Der Strand war voll mit Zelten. Es war gar nicht leicht einen vernünftigen Platz zu finden. Wir bauten es schließlich direkt in der Mitte vom Strand auf, so dachten wir, wir hätten von dort den besten Blick auf die umliegende Umgebung, könnten alles dort sehen. Der Strand ist extrem steinig. Es ist zwar ein Sandstrand, aber er ist gespickt mit Geröll. Bevor wir das Zelt aufschlugen, säuberte ich erst einmal den Sandboden von den großen Steinen, die ich nicht im Rücken haben wollte nachts.“[23]

San Pedro offenbart sich dem Besucher nach der strapaziösen Anreise als kleines Paradies, als eine versteckte, kleine Parallelgesellschaft. Die abgelegene geographische Lage, die schwierige Erreichbarkeit, die nur oberflächliche Anbindung an die Zivilisation unterstreichen den Exil-Charakter der Aussteiger-Enklave. Zwar ist San Pedro keine Insel in dem Sinne, dass das Dorf vollständig von Wasser umgeben ist. Trotzdem ist der Inselcharakter, den San Pedro zweifelsohne in jedem Besucher erweckt, als einer der Gründe zu nennen, der die Faszination dieses Ortes ausmacht, der jedes Jahr tausende von Backpackern erliegen. So haben Inseln auf Menschen magische Anziehungskraft. Vor allem ist es die psychologische Bedeutung, die eine Insel ausmacht: „Sie stehen als Metapher für das Paradies (...). Inseln sind imaginäre Orte, in die viele Menschen ihre Sehnsüchte nach Glück und

[...]


[1] Das Thema bezieht sich gleichermaßen auch auf Aussteigerinnen. Aufgrund der besseren Lesbarkeit und der Tatsache, dass die meisten Aussteiger männlichen Geschlechtes sind, verwende ich die männliche Form stellvertretend für beide Geschlechter.

[2] Die Forschungsreisen führte ich zusammen mit meinem Kommilitonen Malte Hüsing durch, der in der Disziplin der Europäischen Ethnologie an der Universität Wien forscht.

[3] Vgl. Fischer, 1980, S. 196ff.

[4] Girtler, 2010.

[5] Vgl. Ebd., S. 31.

[6] Vgl. Ebd., S. 77.

[7] Protokoll vom 22.08.10

[8] Die Namen der Bewohner wurden für die vorliegende Studie anonymisiert.

[9] Protokoll vom 21.08.10

[10] Vgl. Geertz, 1987, S. 9.

[11] Rössler, 2008, S. 195.

[12] Vgl. Girtler, 2010, S. 19.

[13] Girtler, 2010, zit.n. Filstead, 1979, S. 1.

[14] Ebd., S. 42.

[15] Girtler, 2004, S. 3.

[16] Girlter, 2003.

[17] Vgl. Girtler, 2004, S. 3.

[18] Vgl. Ebd., S. 147f.

[19] Vgl. Girtler, 2010, S. 143.

[20] Dies geht aus einer Informationstafel hervor, die von Behörden am Fuße des Wehrturmes errichtet wurde.

[21] Protokoll vom 20.08.10.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Endstation Piratenbucht. Eine Ethnographie über Aussteiger in Spanien
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
111
Katalognummer
V229968
ISBN (eBook)
9783656452959
ISBN (Buch)
9783656457107
Dateigröße
951 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethnographie, freie Feldforschung, Aussteiger, Kultursoziologie, Ethnosoziologie, abweichendes Verhalten, Subkultur, Hippies
Arbeit zitieren
M.A. M. Westen (Autor), 2011, Endstation Piratenbucht. Eine Ethnographie über Aussteiger in Spanien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229968

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