Der Titel dieser Arbeit ist bewusst als vermeintliches Under-Statement abgefasst. Im Kontext der Diskussion um Narrative als Eckpunkte der Identitätsfindung wäre dieser Titel wohl am gemäßigten Ende eines Maßstabs abzulesen, dessen Gegenpol möglicherweise mit der Wendung „The narrative is us, our identities“ zu markieren ist. Kategorisierung ist aber nicht das Ziel dieser Abhandlung. Wo viele Ansätze aus einer psychologischen oder psychoanalytischen Richtung zu kommen scheinen, die sich dann mit Thesen aus der Erzählforschung paaren mögen, soll in diesem Rahmen ein Vorschlag gemacht werden, der, grob gesagt, einige Analogien zu unterbreiten versucht, die Narratologisches mit Verhaltensforschung und Anthropologie verbinden.
Dazu wird es einiger grundlegender Punkte bedürfen. Natürlich muss das Begriffsfeld Erzählen bzw. Erzählung und Narrativ eingegrenzt werden. Darauf folgt eine Darstellung des menschlichen Heranwachsens mit Verweis auf kulturelles Lernen und dessen Wurzeln. Neben Autoren aus der deutschsprachigen philosophischen Anthropologie werden die Erkenntnisse Michael Tomasellos maßgeblich sein um die andere Seite der Prämissen zu bilden. Der Transfer muss so der größte und maßgebliche Teil werden, in dem sich die Beantwortung der These vollkommen entfalten soll, das Erzählen als dem Menschen einzigartig zu definieren. Wie erwähnt ist die Blickrichtung hierbei analog zu einer Anthropologie, die das Heranwachsen des Menschen mit der Genese eines Kulturbewußtseins gleichstellt. Sich anschließende Ideen kreisen, um einen kurzen Blick nach vorn zu werfen, um die Frage nach Identität durch Erzählen – als erstes Beispiel tauchte ja bereits das obige Zitat von Oliver Sacks auf. Auch an dieser Stelle gilt der Entwurf einer Analogie, die das frühkindliche Heranwachsen mit narrativer Selbstfindung zu korrelieren versucht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Anthropologisches/Grundlegendes
Narratologisches/Grundlegendes
Die Erstürmung der erzählerischen Exklusivität
Repräsentation
Intention
Kohärenz
Schluss: Erzählen und Identität
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die anthropologischen Grundlagen menschlichen Erzählens, indem sie verhaltenspsychologische Erkenntnisse von Michael Tomasello mit narratologischen Theorien verknüpft. Ziel ist es, die Entwicklung der menschlichen Fähigkeit zum Erzählen als einzigartiges Merkmal im Kontext der Identitätsfindung und des Kulturbewusstseins zu begründen.
- Anthropologische Voraussetzungen der Narrativität (Neun-Monats-Revolution)
- Die Rolle von Abstraktion und gemeinsamer Aufmerksamkeit
- Intention und Kommunikation als konstitutive Elemente des Erzählens
- Narrative Identitätskonstruktion und Kohärenz
Auszug aus dem Buch
Die Erstürmung der erzählerischen Exklusivität
Das obige Wort lässt einen wohlmöglich an größte historische Umwälzungen denken. Über diese Assoziation kommen wir jedoch genauso schnell an den Begriff der Revolution. Laut Michael Tomasello ereignet sich diese in einem ungefähren Zeitraum von neun Monaten, denken wir an die menschliche Entwicklung. Meine These ist, dass mit diesem Wechsel der Grundstein gelegt wird für die bloße Möglichkeit zu erzählen. So lässt sich auch gleich vorweg schließen, dass Erzählen dem Menschen genauso einzigartig ist wie das Auftauchen der besagten Neun-Monats-Revolution.
Zu dieser Konklusion folgen nun einige anmerkende Prämissen. Am Ende soll dann der Versuch gemacht werden diesen Schluss umzukehren, das Ausbleiben oder der Verlust der narrativen Fähigkeiten im anthropologisch-psychischen Sinne zu verorten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung steckt den theoretischen Rahmen ab, indem sie Ansätze der Erzählforschung mit der Verhaltensforschung und philosophischen Anthropologie verbindet.
Anthropologisches/Grundlegendes: Dieses Kapitel erläutert die "Neun-Monats-Revolution" nach Tomasello und setzt sie in Bezug zu anthropologischen Konzepten der Weltoffenheit und Abstraktionsfähigkeit.
Narratologisches/Grundlegendes: Hier werden zentrale Begriffe wie Repräsentation, Intention und Kommunikation als formale Grundlagen des Erzählens analysiert.
Die Erstürmung der erzählerischen Exklusivität: Dieses Kapitel führt die These ein, dass die Entwicklung der narrativen Fähigkeit untrennbar mit der menschlichen Evolution verknüpft ist.
Repräsentation: Es wird dargelegt, dass Abstraktionsfähigkeit die Grundvoraussetzung für das Verstehen von Erzähltem als Repräsentation der Realität ist.
Intention: Das Kapitel verknüpft die Fähigkeit zur Intentionalität mit der narrativen Gestaltung von Geschichten als Form intersubjektiver Kommunikation.
Kohärenz: Es wird untersucht, wie durch die Evaluation von Ereignissen in einem bestimmten Kontext Kohärenz und damit Struktur entsteht.
Schluss: Erzählen und Identität: Die Arbeit schließt mit einer Betrachtung, wie Identität durch die narrative Konstruktion und das dialektische Verhältnis von Erzählung und Individuum geformt wird.
Schlüsselwörter
Narrativität, Erzählen, Anthropologie, Michael Tomasello, Neun-Monats-Revolution, Identität, Repräsentation, Intention, Kohärenz, Kommunikation, Abstraktion, Selbstbewusstsein, Intersubjektivität, Kultur, Entwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die anthropologischen Ursprünge der menschlichen Erzählfähigkeit und ihre Bedeutung für die Identitätsbildung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit verknüpft die Verhaltensforschung, insbesondere die Entwicklungspsychologie von Kleinkindern, mit narratologischen Theorien und philosophischen Überlegungen zum Selbst.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu begründen, dass das Erzählen eine einzigartig menschliche Fähigkeit ist, die eng mit der Entwicklung eines Kulturbewusstseins und der Abstraktionsfähigkeit zusammenhängt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit verwendet eine theoretisch-analytische Methode, bei der empirische Befunde aus der Verhaltensforschung (Tomasello) mit narratologischen Konzepten (Currie, Kraus) korreliert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe Repräsentation, Intention und Kohärenz definiert und als notwendige Voraussetzungen für das Erzählen innerhalb der menschlichen Entwicklung hergeleitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Narrativität, Neun-Monats-Revolution, Intentionalität, Identitätskonstruktion und Abstraktionsfähigkeit.
Wie steht die "Neun-Monats-Revolution" mit dem Erzählen in Verbindung?
Die Arbeit postuliert, dass mit dem Erreichen der gemeinsamen Aufmerksamkeit im Alter von etwa neun Monaten die grundlegende Fähigkeit entsteht, die Welt und sich selbst als intentional und repräsentationsfähig zu begreifen, was das Erzählen erst ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung zwischen formalen und inhaltlichen Aspekten der Erzählung?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Erzählen zwar formal auf Kommunikation und Intentionalität beruht, die Identitätsbildung jedoch durch eine dialektische "Sequenz- und Erhaltungslogik" erfolgt.
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- Florian Risch (Author), 2013, Erzählen als anthropologisches Merkmal, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230147