Wenn das Geld nicht mal fürs Kopftuch reicht

Armut von Kindern mit Migrationshintergrund


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Begriffsbestimmungen
1.1 Armutsdefinitionen und -konzepte
1.2 Migrationshintergrund

2 Ausmaß der Kinderarmut in Deutschland
2.1 Armutsgefährdungsquoten
2.2 Mindestsicherungsquoten

3 Folgen von Armut bei Kindern mit Migrationshintergrund

4 Mögliche Ursachen für ein erhöhtes Armutsrisiko von Kindern mit Migrationshintergrund

5 Resümee

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

"Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte,

solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt."

~ Albert Einstein ~

Nicht nur in den unterentwickelten Industrieländern, sondern auch in unserer heutigen Gesellschaft scheint es leider immer noch viele unglückliche Kinder zu geben, worauf zumindest die seit einigen Jahren diagnostizierte "Infantilisierung der Armut" (Hauser 1989, S. 126 zit. n. Holz 2006, S.3) schließen lässt. Demnach sind Kinder hierzulande wesentlich häufiger als Erwachsene arm und armutsgefährdet. Zwar sind arme Kinder in Deutschland verglichen etwa mit dem Elend in den Dritte Welt-Ländern recht kom-fortabel ausgestattet, sie leiden in der Regel weder Hunger noch Durst, haben ein eigenes Bett und gehen zur Schule. Doch sie sind arm, weil sie ausgeschlossen sind aus einer Lebenswelt, die sich nur den einigermaßen Situierten entfaltet. Medien-darstellungen, besonders jene im öffentlich-rechtlichen Nachmittagsfernsehen à la "Familien im Brennpunkt" oder "Mitten im Leben", erwecken diesbezüglich den Eindruck, dass hauptsächlich eine Bevölkerungsgruppe betroffen ist: die deutsche Großfamilien mit mehr als drei Kindern. Hingegen werden etwa Familien mit Migrationshintergrund selten in den Blick genommen, vermutlich aus Furcht vor Diskriminierungsvorwürfen.

Für mich hat sich daraus für die vorliegende Arbeit das Interesse ergeben, zu ermitteln, wie sich in Wirklichkeit Kinder mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland hinsichtlich ihrer Armutsbetroffenheit unterscheiden. Es soll also herausgefunden werden, ob der Migrationshintergrund hierzulande womöglich sogar einen Risikofaktor für Kinderarmut darstellt.

Dazu möchte ich nach der Klärung grundlegender Begrifflichkeiten im ersten Gliederungspunkt zunächst das Ausmaß der Kinderarmut in Deutschland anhand ausgewählter statistischer Daten betrachten. Anschließend werden mögliche Folgen von Armut, die sich besonders für Kinder mit Migrationshintergrund ergeben, in den Blick genommen. Im vorletzten Gliederungspunkt soll der Versuch unternommen werden, eventuelle Ursachen für ein höheres Armutsrisiko von Kindern mit Migrations-hintergrund gegenüber ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund aufzuzeigen. Das abschließende Resümee fasst die gewonnenen Erkenntnisse im Hinblick auf die Eingangs aufgeworfene Fragestellung zusammen und gibt einen Ausblick auf noch offene Aspekte der Thematik.

1 Begriffsbestimmungen

In diesem Kapitel werden die in der vorliegenden Arbeit zentralen Begriffe "Armut" und "Migrationshintergrund" unter Verwendung entsprechender Fachliteratur definiert.

1.1 Armutsdefinitionen und -konzepte

Die Definition von Armut stellt eine soziale Konstruktion dar und ist verbunden mit sich ständig wandelnden gesellschaftlichen Werte- und Normvorstellungen. Demnach unterliegt die Bestimmung der Bedingungen, unter denen eine Person in der jeweiligen Gesellschaft als arm gilt, einem fortwährenden gemeinschaftlichen Aushandlungs-prozess. Armut lässt sich folglich nicht objektiv definieren, sondern muss stets als normatives Konstrukt gesehen werden. Im sozialwissenschaftlichen Diskurs existieren heute mehrere Konzepte zur Bestimmung von Armutslagen und damit auch unter-schiedliche Definitionen von Armut. Diese sollen nachfolgend in Anlehnung an die von Christian Palentien (vgl. dazu Palentien 2004, S. 61ff.) gegebene Übersicht dargestellt werden.

Es kann diesbezüglich zunächst in (I.) absolute versus relative Armutsdefinitionen, (II.) normative versus konsensuelle Armutsdefinitionen sowie (III.) direkte versus indirekte Armutsdefinitionen unterschieden werden.

Als absolute Armut wird ein Mangel an den zur Sicherung der physischen Existenz einer Person notwendigen, materiellen Gütern (z.B. Ernährung oder Kleidung) bezeichnet. Demgegenüber beziehen sich relative Armutsdefinitionen auf Mangel-zustände, "die sich am allgemeinen bzw. durchschnittlichen Lebensstandard einer festgelegten Population orientieren" (Palentien 2004, S. 62). Hiermit sind also nicht ausschließlich existenzsichernde, materielle, sondern gleichsam immaterielle Güter (z.B. Bildung) gemeint. Diese Definition von Armut als Nicht-Teilhabe an der üblichen sozio-kulturellen Lebensweise bzw. des gesellschaftlichen Wohlstandsniveaus eignet sich daher besonders für die Betrachtung entwickelter Gesellschaften. Aufgrund der Normativität der Bestimmung von Armut ergibt sich die Notwendigkeit weiterer Differenzierungen etwa in normative oder konsensuelle Armut. Nach dem Konzept der normativen Armut erfolgt die Armutsmessung mit Hilfe von subjektiven Werturteilen bzw. Standards, die von Experten oder Forscher bestimmt werden. Wird der notwendige Lebensstandard hingegen in "einem autonomen Entscheidungsprozesses von einer größeren Population von Personen" (ebd.) bestimmt, spricht man von einer konsensuellen Armutsdefinition. Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit in direkte oder indirekte Armutsdefinitionen basiert auf dem zentralen Begriff der "Ressource". Während indirekte Armutsdefinitionen ­ auch als sog. "Ressourcen-Ansatz" bezeichnet ­ den individuellen Zugang zu bestimmten, meist finanziellen, Ressourcen (im Sinne von Einkommen und Vermögen) untersuchen, geht es bei der direkten Bestimmungen von Armut um die tatsächliche Verwendung zugänglicher Ressourcen. Nach dem Ressourcen-Ansatz gilt demzufolge als arm, wer "über ein so geringes Einkommen verfügt, dass dieses nur zur Deckung eines Minimallebensstandards ausreicht" (ders., S. 63). In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff der "Einkommensarmut" verwendet.

Unabhängig von diesen verschiedenen Bestimmungen des Armutbegriffs besteht im gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Diskurs weitgehend Konsens darüber, dass absolute Armut in der Bundesrepublik Deutschland in der Regel nicht mehr vorkommt. Hingegen werden bezüglich der Erfassung relativer Armut noch immer unterschiedliche Messmethoden diskutiert und verwendet. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um vier grundsätzliche Ansätze. Das ist zum Einen das politisch-normative Konzept zur Bestimmung von Armut, nach welchem in der Bundesrepublik Deutschland diejenigen Personen als arm eingestuft werden, die laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (Sozialhilfe) beziehen und damit nur über ein Einkommen unterhalb der Sozialhilfe-schwelle verfügen. Hingegen wird bei der Herangehensweise des Durchschnitts-Äquivalenzeinkommens Armut am verfügbaren und bedarfsgewichteten Äquivalenz-einkommen einer Person bzw. eines Haushaltes gemessen. Wenn dieses "unterhalb von 50% ­ unterhalb von 40% bei 'strenger' und von 60% bei 'weiter' Armutsdefinition ­ des durchschnittlichen und bedarfsgewichteten Äquivalenzeinkommens aller Haushalte liegt" (ders., S. 68), spricht man demnach von Armut. Diese beiden Ansätze orientieren sich an den monetären Dimensionen von Armut. Demgegenüber nennt Palentien zwei weitere gängige Methoden der Armutsmessung als Beispiele für nicht-monetäre Armutskonzepte: den Lebenslagenansatz sowie den Ansatz der subjektiven Deprivation. Beide stellen Versuche dar, der Multidimensionalität von Armut gerecht zu werden, indem sie neben Einkommen und Vermögen einer Person bzw. eines Haushaltes auch weitere non-monetäre Ressourcen betrachten. Nach dem Lebens-lagenansatz wird Armut als "kumulative Unterversorgung in zentralen Lebens-bereichen" (ders., S. 73) wie Bildung, Wohnen, Arbeit oder Gesundheit verstanden. Eine noch genauere Beschreibung der Lebenssituation von Personen bzw. Haushalten versucht der Ansatz der subjektiven Deprivation[1] vorzunehmen. Dabei werden über repräsentative Befragungen zunächst notwendige Merkmale des gesellschaftlichen Lebensstandards aus Sicht der Befragten ermittelt. Verfügen Personen bzw. Haushalte dann nicht über eine bestimmte Anzahl dieser von ihnen selbst zuvor genannten Merkmale, sind sie als arm zu bezeichnen.

Die Bestimmung von Armut ist besonders bei Kindern und Jugendlichen problematisch, weil diese Armut als Unterversorgung in verschiedenen Dimensionen ihrer alltäglichen Lebenssituation erfahren und somit eine rein monetäre Armutsdefinition wenig Sinn macht. Ein weitgehend anerkanntes Armutskonzept bezogen auf Kinder haben die Autoren der AWO-ISS-Studie entwickelt. Es handelt sich hierbei um eine Verschmelzung von ressourcen- und lebenslagenorientierten Ansätzen. So geht dieses Kinderarmutskonzept zunächst von der materiellen Situation des Haushaltes bzw. der Familie aus, nimmt darüber hinaus aber besonders auch Dimensionen der kindlichen Lebenslage in den Blick. Demnach liegt Kinderarmut vor, wenn eine (relative) Einkommensarmut der Familie besteht und sich zudem "kindspezifische Erscheinungs-formen von Armut in Gestalt von materieller, kultureller, gesundheitlicher und sozialer Unterversorgung [zeigen]" (Holz 2010, S. 100). Entsprechend des Ausmaßes der Beschränkungen in den genannten Dimensionen (materielle und kulturelle Versorgung sowie soziale und gesundheitliche Situation) werden drei kindliche Lebenslagetypen unterschieden: ein Heranwachsen in "Wohlergehen", mit "Benachteiligung" oder in "multipler Deprivation". Die konkrete Betrachtung der Lebenslage von Kindern kann dann etwa zeigen, dass einige Kinder trotz der Armut ihrer Familie in Wohlergehen aufwachsen oder aber andere Kinder aus nicht-armen Familien auch unter vielfältigen Einschränkungen ihrer Lebenssituation leiden. (vgl. dies., S. 96ff.)

Abschließend sei an dieser Stelle noch die offizielle Armutsdefinition der Europäischen Union (EU) angeführt. Demnach wird der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung ­ die sogenannte Armutsgefährdungsquote ­ ermittelt, indem das (Nettoäquivalenz-) Einkommen jeder Person mit einem Schwellenwert für Armutsgefährdung verglichen wird. Jene Armutsschwelle ist in Abhängigkeit vom Einkommensdurchschnitt definiert, und zwar als Anteil von 60 Prozent des Median des gesamtgesellschaftlichen Netto-äquivalenzeinkommens im jeweiligen Land. (vgl. Statistische Bundesamt 2011, S. 12)

1.2 Migrationshintergrund

Der Begriff "Migrationshintergrund" wurde in den 1990er Jahren von der Migrations-forscherin Ursula Boos-Nünning geprägt und ist heute sowohl im sozialwissenschaft-lichen und -politischen als auch im alltagssprachlichen Bereich gebräuchlich. Die amtliche Statistik der Bundesrepublik Deutschland definiert als Personen mit Migrationshintergrund "alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle

in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil" (Statistisches Bundesamt 2011, S. 6). Dabei richtet sich die Unterscheidung zwischen "Ausländern" und "Deutschen" gemäß Artikel 116 Absatz 1 des Grundgesetzes nach dem Besitz der deutschen Staats-angehörigkeit. Im Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes, der im nächsten Gliederungspunkt unter anderem als Datenquelle zur Bestimmung des Ausmaßes der Kinderarmut in Deutschland verwendet wird, erfolgt darüber hinaus eine weitere Klassifikation von Personen mit Migrationshintergrund. Diese werden zunächst nach "Migrationshintergrund im weiteren Sinne" und "Migrationshintergrund im engeren Sinne" unterschieden. Für die Personen mit Migrationshintergrund im engeren Sinne wird außerdem folgende Abgrenzung vorgenommen:

[...]


[1] Der Begriff geht auf eine Studie von Townsend zurück und meint "den Ausschluss eines Teils der Bevölkerung von einem allgemein akzeptierten Lebensstandard" (Palentien 2004, S. 75).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wenn das Geld nicht mal fürs Kopftuch reicht
Untertitel
Armut von Kindern mit Migrationshintergrund
Hochschule
Hochschule Merseburg  (Soziale Arbeit.Medien.Kultur)
Veranstaltung
Sozialstruktur - Medienanalyse
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V230152
ISBN (eBook)
9783656461517
ISBN (Buch)
9783656461920
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Migration, Kinder, Sozialstruktur, Verarmung
Arbeit zitieren
Denise Krüger (Autor:in), 2012, Wenn das Geld nicht mal fürs Kopftuch reicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230152

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wenn das Geld nicht mal fürs Kopftuch reicht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden