Die Schlacht von Tours und Poitiers steht unmittelbar mit der Person Karl Martells in Verbindung. In der populärwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, wird die Schlacht oft als Entscheidungsschlacht gegen die Expansionswelle der Muslime im 8. Jahrhundert gedeutet und der fränkische Herrscher Karl Martell dabei als Heldenfigur dargestellt. Die vorliegende Arbeit untersucht einige Quellen und vergleicht die verschiedenen Rezeptionen der Schlacht, sowie einige historische Zusammenhänge, die zu der Schlacht führten. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht zunächst ein kurzer Einblick in die Deutung der Person Karl Martells im Hinblick auf seine Herkunft und der historischen Wahrnehmung. Die Ummayaden, die im 8. Jahrhundert bis nach Spanien expandierten und deren Ausläufer später in der Schlacht von Tours und Poitiers gegen Karl Martell aufs Feld zogen, werden im zweiten Kapitel näher betrachtet. Dabei wird auch die traditionalistische spanische Geschichtsschreibung hinterfragt, und dargelegt auf welche Annahmen diese Konstrukte zur Eroberung Spaniens, basieren. Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Arbeit auf Karl Martells Weg zur Macht, auf seine Familienverhältnisse und auf das Erbe seines Vaters. Es soll geklärt werden, welchen erblichen Rechte er hatte und welche Hürden er überwinden musste, um sich als fränkischer Herrscher zu etablieren. Danach wird der Konflikt und das Bündnis zwischen Karl Martell und Eudo erläutert. Hier stellt sich die Frage, welche Ereignisse den Konflikt geschürt haben und wie es schließlich zum Bund zwischen den beiden kommt, der dann bei der Schlacht von Tours und Poitiers zutage tritt. Beim Schlachtverlauf dienen unter anderem die Quellen der Fredegar Fortsetzungen und die mozarabische Chronik für die Schilderungen des Ereignisses. Hinterfragt werden dabei auch die verschiedenen Deutungen der Schlacht und die dazu überlieferten Quellen in der Vormoderne und in der aktuellen Forschung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Person Karl Martells in der historischen Überlieferung
3. Der Eroberungszug der Umayyaden
4. Die Ummayaden stehen vor Spanien
5. Karl Martell wird Hausmeier
5.1 Karl Martell und der Bund mit Eudo von Aquitanien
5.2 Die Schlacht von Tours und Poitiers
6. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Hintergründe und die quellengestützte Rezeption der Schlacht von Tours und Poitiers im 8. Jahrhundert. Das primäre Ziel ist es, die Rolle Karl Martells kritisch zu hinterfragen und die populärwissenschaftliche Stilisierung als "Entscheidungsschlacht" gegen die islamische Expansion anhand zeitgenössischer Quellen sowie aktueller Forschungsergebnisse auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.
- Historische Einordnung von Karl Martell und seinem Aufstieg zum Hausmeier
- Analyse der umayyadischen Expansion und der Eroberung Spaniens
- Untersuchung des Bündnisses zwischen Karl Martell und Eudo von Aquitanien
- Kritische Rekonstruktion des Verlaufs der Schlacht von Tours und Poitiers
- Hinterfragung der historiographischen Konstruktion und Ideologisierung der Schlacht
Auszug aus dem Buch
5.2 Die Schlacht von Tours und Poitiers
Die Truppen Abdarrahmans und Karl Martells trafen sich im Oktober 732 in einer nicht eindeutig bekannten Ortschaft nahe von Tours und Poitiers. Abdarrahman zielte auf die Martinskirche in Tours ab, um dort die wertvollen Schätze zu erbeuten, nachdem zuvor die Kirche des heiligen Hilarius in seine Hände fiel. Abdarrahman wurde wohl bei seinem Beutezug mit dem herbeigeeilten Karl Martell überrascht. Dieser befand sich zu dieser Zeit auf dem bereits genannten Feldzug in der Loire. Laut Paul K. Davis, der unter anderem auch den Isidor-Fortsetzer zur Interpretation der Schlacht in betracht nahm, betrug die Anzahl der Truppen Abdarrahmans etwa 20.000 bis 80.000 Mann, wobei Karl Martell gerade mal 30.000 Mann, vorwiegend Infanteristen im Aufgebot hatte. Davis ergänzt aber, dass die Quellen bei der Anzahl der Franken variieren und diese nicht unbedingt immer auf eine Unterzahl deuten. Äxte und Schwerter, waren die Standartbewaffnung der Franken. Die Araber hingegen, so beschreibt er, seien primär Krieger auf Pferden gewesen, deren Kavallerieattacke die Hauptstrategie war mit der sie den Gegner überrannten. Die Schwäche sei die Defensive gewesen, die praktisch nicht existiert habe. Eine genau Schilderung des Schlachtvorgangs ist nicht möglich, dennoch liefern einige der verfügbaren Quellen verschiedene Einzelheiten, die eine grobe Rekonstruktion möglich machen. Die mozarabische Chronik von 754 berichtet von einer Überzahl der Franken, die eng beieinander standen und an denen sich die Araber aufrieben und getötet wurden. So auch ihr Anführer Abdarrahman.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Relevanz der Schlacht von Tours und Poitiers ein und umreißt die methodische Herangehensweise der Untersuchung, insbesondere die kritische Quellenarbeit.
2. Die Person Karl Martells in der historischen Überlieferung: Hier werden der Mangel an zeitgenössischen Belegen über Karl Martells Leben und die Stilisierung seiner Person in späteren Quellen wie der Liber historiae Francorum kritisch beleuchtet.
3. Der Eroberungszug der Umayyaden: Dieses Kapitel thematisiert den Aufstieg des umayyadischen Großreichs und die Dynamik ihrer militärischen Expansion in Richtung Nordafrika und Europa.
4. Die Ummayaden stehen vor Spanien: Der Fokus liegt auf der Eroberung der iberischen Halbinsel im Jahr 711 und der Widerlegung nationalistisch geprägter Thesen, die die historische Faktizität dieser Eroberung infrage stellen.
5. Karl Martell wird Hausmeier: Dieses Kapitel behandelt den Aufstieg Karl Martells trotz familiärer Hindernisse sowie die komplexen machtpolitischen Konstellationen innerhalb des Frankenreichs.
5.1 Karl Martell und der Bund mit Eudo von Aquitanien: Untersucht wird das belastete Verhältnis und die taktische Allianz zwischen den beiden Herrschern vor dem Hintergrund der drohenden muslimischen Expansion.
5.2 Die Schlacht von Tours und Poitiers: Eine kritische Rekonstruktion des Schlachtgeschehens, die insbesondere die Diskrepanz zwischen historischen Gegebenheiten und späterer heroisierender Überlieferung aufzeigt.
6. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Schlacht keine entscheidende Wende im Sinne einer endgültigen Abwehrschlacht war, sondern im Kontext einer nationalistischen Geschichtsschreibung des 18. und 19. Jahrhunderts überhöht wurde.
Schlüsselwörter
Karl Martell, Schlacht von Tours und Poitiers, Umayyaden, islamische Expansion, Frankenreich, Eudo von Aquitanien, Historiographie, Quellenkritik, Karolinger, Hausmeier, Mittelalter, Geschichtsmythos, Reconquista, Abendland, sarazenische Expansion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Bedeutung und die historiographische Aufarbeitung der Schlacht von Tours und Poitiers (732) und hinterfragt kritisch die Rolle Karl Martells sowie die verbreitete Deutung der Schlacht als entscheidenden Wendepunkt der Geschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Aufstieg der Karolinger, die umayyadische Expansion nach Europa, die komplexe politische Bündnissituation im 8. Jahrhundert und der kritische Umgang mit historischen Quellen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch eine quellengestützte Untersuchung die populäre Heldenverehrung Karl Martells zu dekonstruieren und die Schlacht historisch realistisch statt ideologisch verfärbt einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse angewandt, indem zeitgenössische Berichte und spätere Chroniken miteinander verglichen und auf ihre Verlässlichkeit sowie ihre ideologische Intention hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der umayyadischen Eroberungszüge, den persönlichen Aufstieg Karl Martells, das Bündnis mit Eudo von Aquitanien und eine detaillierte Rekonstruktion sowie Einordnung der Schlacht von Tours und Poitiers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter wie Quellenkritik, Historiographie, Karolinger, Umayyaden und die kritische Distanz zur populärwissenschaftlichen Darstellung prägen den Kern der Untersuchung.
Warum wird die Rolle von Plektrud als zentral für Karl Martells frühen Werdegang gesehen?
Plektrud wird als Gegenspielerin dargestellt, deren Bestreben, Karl als uneheliches Kind von der Macht fernzuhalten, ihn maßgeblich in die politische und militärische Opposition drängte.
Inwiefern hat die nationalistische Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts das Bild der Schlacht beeinflusst?
Autoren dieser Zeit nutzten die Schlacht, um Narrative über kulturelle Überlegenheit und die "Rettung des Abendlandes" zu konstruieren, wodurch die historische Realität eines militärischen Beutezuges in einen religiösen Entscheidungskampf umgedeutet wurde.
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- Burak Altun (Author), 2013, Karl Martell – Die Schlacht bei Tours und Poitiers in Überlieferung und Rezeption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230202