Die Darstellung der Delawaren in "Ein Brief" von William Penn

„Die Indianer und Englischen müssen in Liebe zusammenleben, solange als die Sonne Licht gebe“


Hausarbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Ein Brief von William Penn
2.1 Autor und Entstehungshintergrund
2.2 Der Brief als Werbepamphlet

3. Darstellung der Ureinwohner
3.1 Beschreibung der Indianer
3.2 Die Indianer als Gegenmenschen

4. Tatsächliche Verhältnisse im Pennsylvania des Jahrhunderts
4.1 Beziehungen zwischen Siedlern und Delawaren vor der Ankunft William Penns
4.2 Beziehungen zwischen Siedlern und Delawaren unter William Penns Einfluss

5. Schlussbetrachtung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 28. Februar 1681 erhielt der englische Quäker William Penn (1644-1718) eine Charter von König Karl II. von England, die ihn zum Eigentümer eines sehr großen Gebietes auf dem nordamerikanischen Kontinent machte. Dies war der Beginn eines Kolonisations- und Siedlungsprozesses, der eine neue, florierende Kolonie namens Pennsylvania hervorbrachte. William Penn, der Gründer dieser Kolonie, wird heute hauptsächlich mit seiner Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Quäker in Verbindung gebracht und in diesem Zusammenhang denken viele Menschen sofort an sein „heiliges Experiment“[1], das er in Nordamerika verwirklichen wollte. Doch William Penns religiöse Ideale machen nur einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Ebenso erwähnenswert ist sein toleranter und respektvoller Umgang mit den Menschen, die bei seiner Ankunft bereits in seiner Provinz lebten: die Delaware - Indianer.

Wie William Penn die Ureinwohner der Neuen Welt betrachtete und wie er sich das Zusammenleben mit ihnen vorstellte, hat er vor und während seines ersten Aufenthaltes in Pennsylvania von 1682 bis 1684 in mehreren Schriften dargestellt. Die wohl ausführlichste Beschreibung der Ureinwohner Amerikas enthält Penns Brief an die Society of Free Traders aus dem Jahre 1683. Dieser Brief ist im Original, das heißt in englischer Sprache, im 20. Jahrhundert zum ersten Mal 1937 von Albert Cook Myers herausgegeben worden.[2] Eine Edition der deutschen Übersetzung hat Emil Heuser 1910 auf Grundlage eines im Münchener Geheimen Staatsarchiv befindlichen Manuskripts herausgegeben.[3]

Bei William Penns Brief handelt es sich um eine Werbeschrift. Mit dieser Quellenart und ihren Besonderheiten hat sich Heiko Diekmann sehr detailliert auseinander gesetzt.[4] Er hat sich dabei auf deutschsprachige Werbeschriften für Nordamerika im Zeitraum 1680 bis 1760 spezialisiert. Seine Arbeit dient als hilfreiche Grundlage für die Analyse des Penn- Briefes, da er auch speziell die deutsche Version des Dokuments behandelt.

Die Beziehungen zwischen Indianern und europäischen Siedlern, und speziell William Penn, sind in verschiedenen Arbeiten erörtert worden. Sherman P. Uhler entwirft in Pennsylvania’s Indian Relations to 1754[5] ein veraltetes Bild der Ureinwohner Nordamerikas, und seit der Veröffentlichung des Werkes im Jahre 1951 hat es einige neue wissenschaftliche Erkenntnisse gegeben. Steven Craig Harper geht zum Beispiel in seinem 2006 veröffentlichten Werk Promised Land[6] auf das Zusammenleben der Siedler und der Indianer von der „Entdeckung“ Pennsylvanias durch die Europäer bis in die 1760er ein.

Diesem Thema widmet sich auch der Sammelband Friends and Enemies in Penn’s Woods, wobei hier besonders der Aufsatz von James O’Neil Spady[7] von Interesse ist. Spady setzt sich kritisch mit Penns Indianerverträgen und dem Mythos von Penn als mildtätigem Indianerfreund auseinander.

Im Folgenden soll es darum gehen, den Entstehungshintergrund und die Besonderheiten der deutschen Version von Penns Brief zu betrachten und festzustellen, wie in diesem Schriftstück die Ureinwohner Nordamerikas dargestellt werden. Um Penns Ausführungen besser einordnen und beurteilen zu können, werden dann die tatsächlichen Verhältnisse im Pennsylvania des 17. Jahrhunderts geschildert, bevor es zu einer abschließenden Einschätzung und Bewertung von Penns Brief kommen wird.

2. Ein Brief von William Penn

2.1 Autor und Entstehungshintergrund

William Penn, der Sohn eines gleichnamigen, verdienstreichen Admirals, bat den englischen König im Mai 1680 in einer Petition um die Verleihung eines Landstreifens zwischen den bereits bestehenden Kolonien Maryland und New Jersey.[8] Sein Vater, Admiral Sir William Penn, hatte gute Beziehungen zu Jakob II., dem Bruder des Königs, gepflegt und sollte durch den König für seine Verdienste in den Kriegen der 1660er Jahren belohnt werden. Aus diesem Grund kam Karl II. der Bitte des jüngeren Penns nach und vermachte ihm das heutige Pennsylvania und das heutige Delaware.[9] Die Vergabe von königlichen Charter - Verträgen an Privatleute war in den frühen 1680er Jahren üblich, da sich durch die Gründung von Eigentümerkolonien für das englische Königreich neue Handelsmöglichkeiten ergaben und der König auf diese Weise seine Schulden abtragen konnte.[10]

William Penn war Anhänger der Society of Friends, heute besser bekannt als Quäker, die ab 1645 in England als lose religiöse Gemeinschaft existierten und bereits zu Lebzeiten ihres Begründers George Fox (1624-1691) von den einflussreichen Puritanern verfolgt wurden.[11] Nachdem er bereits in den 1670er Jahren in Deutschland und Holland für die Besiedlung der Quäkerkolonie New Jersey geworben hatte, gründete Penn nun seine eigene Kolonie, die Karl II. ihm zu Ehren Pennsylvania nannte. In dieser Kolonie wollte Penn sein bereits erwähntes holy experiment und auch seine eigenen politischen Vorstellungen verwirklichen.[12] Da reiche Quäkerkaufleute, die der so genannten Free Society of Traders angehörten, viel Land in der neuen Kolonie kauften, konnte das Gebiet rasch in den atlantischen Handel eingebunden werden, und so entwickelte sich die Siedlung wirtschaftlich sehr positiv. Zudem entschlossen sich in den ersten vier Jahren nach der Gründung der Kolonie ungefähr 8000 Europäer, nach Pennsylvania auszuwandern, und die Hauptstadt Philadelphia wuchs zu einer beachtlichen Stadt.[13]

Am 16.8.1683[14], ungefähr zwei Jahre nach der Gründung Pennsylvanias, verfasste William Penn einen Brief an potenzielle europäische Auswanderer, in dem er für seine Kolonie warb. Laut Heiko Diekmann wollte Penn aus ökonomischen Gründen neue Siedler anwerben. Um seine hohen Schulden abtragen zu können, wollte er die Mitglieder der bereits erwähnten Free Society of Traders, an die der Brief direkt adressiert ist, dazu bewegen, noch mehr in seine Kolonie zu investieren. Um seine Provinz zu bevölkern, beabsichtigte er, Siedler aus ganz Europa von seinem Unternehmen zu überzeugen und nach Pennsylvania zu locken.[15] Auch Hermann Wellenreuther betont, dass Penn in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei, denn durch den Transport und die Versorgung der bis dahin in Pennsylvania eingetroffenen Siedler und durch Landkäufe seien Penns Schulden stark angestiegen.[16]

Dem Beispiel Heiko Diekmanns folgend beschäftigt sich diese Arbeit mit der bereits erwähnten, von Emil Heuser veröffentlichten Version des Penn – Briefes. Der Originalbrief wurde von William Penn in englischer Sprache verfasst, jedoch wurde er ins Deutsche, Niederländische und Französische übersetzt. Die deutsche Übersetzung stammt von Penns Freund Benjamin Furly (1636-1714), der als Quäkerkaufmann in Rotterdam tätig war und deutsche, niederländische und französische Auswanderer anwarb.[17] Die erste gedruckte deutsche Ausgabe ist nicht erhalten, jedoch existiert eine Abschrift und eine zweite Auflage des Briefes findet sich im Anhang des 1704 erschienenen Pastorius - Pamphlets.[18]

Auf Penns Argumentationsweise in seinem Brief und auf seine Intentionen soll im Folgenden genauer eingegangen werden.

2.2 Der Brief als Werbepamphlet

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Penns Brief um eine Werbeschrift und aus diesem Grund muss das Werk quellenkritisch besonders gründlich untersucht werden. Laut Heiko Diekmann waren Werbeschriften aus Nordamerika in der frühen Siedlungsphase ein verbreitetes Phänomen. Oft gaben die Oberhäupter der einzelnen Kolonien den Auftrag für solche Werbeschriften, denn sie wollten ihre Provinzen bevölkern, um den „Aufbau administrativer, politischer und kirchlicher Strukturen in den neugewonnenen Gebieten“[19] voranzutreiben und sich gegen die Ureinwohner Nordamerikas behaupten zu können.[20] Penns Brief bildet den Anfang eines regelrechten Booms von Werbeliteratur, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts seinen Höhepunkt fand.

Als sich ab 1720 die wirtschaftliche Lage in den deutschen Territorien verschlechterte und viele Menschen wegen des herrschenden Nahrungsmangels und wegen hoher Verschuldung - verursacht durch die Realteilung - in Not gerieten, konnten die Machthaber der Kolonien gezielt deutsche Siedler anwerben. Dabei richteten sich die Werbeschriften immer an Zielgruppen, die die Konfession hatten, die in der betreffenden Kolonie verbreitet war.[21] Da die meisten Landesherren in den deutschen Territorien die Auswanderung ihrer Untertanen verhindern wollten, mussten Werbepamphlete auf illegale und unauffällige Weise verbreitet werden. Der offizielle Buchhandel kam für den Vertrieb der Schriften nicht in Frage und so wurden sie hauptsächlich durch Hausierer und auf Märkten verteilt.[22] Obwohl die Landesherren den Zufluss von Informationen aus den amerikanischen Kolonien häufig durch Zensur und Verbote verhindern wollten, blieben diese Versuche meist erfolglos, denn bis 1755 und nochmals nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges waren Werbepamphlete aus Nordamerika in den deutschen Territorien sehr verbreitet.[23]

Als Penn seinen Brief schrieb, war die Praxis des Verfassens von Werbeschriften noch nicht verbreitet, und er handelte auch nicht im Auftrag eines kolonialen Machthabers, sondern in seinem eigenen Interesse. Wie man dem Titel seiner Schrift entnehmen kann, ist Penns Brief adressiert an die Angehörigen der Free Society of Traders in London („zu denen Verordneten der Freien Gesellschaft in der Handlung derselben Landschaft wohnende in London“[24]), jedoch richtete Penn sich gleichzeitig an einen weiten Kreis von potenziellen Auswanderern. Einerseits wollte er „seinen verfolgten Glaubengenossen einen Zufluchtsort […] verschaffen“, andererseits legte er bei seinen Siedlern keinen Wert auf deren Konfession, solange sie Christen waren. In seinem Brief rief er also nicht nur Quäker und Widerständler zur Auswanderung auf, sondern er richtete sich an die Allgemeinheit der europäischen Christen.[25]

[...]


[1] Penn selbst sprach in einem Brief an James Harrison von einem “holy experiment”. Siehe: Jean R. Soderlund: William Penn and the Founding of Pennsylvania 1680-1684. A Documentary History. Philadelphia 1983, S. 77.

[2] Die neueste Ausgabe dieser Edition ist: Albert Cook Myers: William Penn’s Account of the Lenni Lenape or Delaware Indians. Revised Edition. Wilmington 1981.

[3] Penn, William: Ein Brief von William Penn. In: Emil Heuser (Hg.): Pennsylvanien im 17. Jh. und die ausgewanderten Pfälzer in England. Neustadt a. d. H. 1910, S. 5-27.

[4] Heiko Diekmann: Lockruf der Neuen Welt. Deutschsprachige Werbeschriften für die Auswanderung nach Nordamerika von 1680 bis 1760. Göttingen 2005.

[5] Sherman P. Uhler: Pennsylvania’s Indian Relations to 1754. Allentown 1951.

[6] Steven Craig Harper: Promised Land. Penn’s Holy Experiment, The Walking Purchase, and the Dispossession of Delawares, 1600-1763. Bethlehem 2006.

[7] James O’Neil Spady: Colonialism and the Discursive Antecedents of Penn’s Treaty with the Indians. In: William A. Pencak, Daniel K. Richter (Hgs.): Friends and Enemies in Penn’s Woods. Indians, Colonists, and the Racial Construction of Pennsylvania. University Park 2004, S. 18-40.

[8] Hermann Wellenreuther: Niedergang und Aufstieg. Geschichte Nordamerikas vom Beginn der Besiedlung bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts. Hamburg 2000 (= Geschichte Nordamerikas in atlantischer Perspektive von den Anfängen bis zur Gegenwart 1), S. 490.

[9] Diekmann, Lockruf, S. 23.

[10] Wellenreuther, Niedergang, S. 479f.

[11] Ebd., S. 362f.

[12] Ebd., S. 547.

[13] Ebd., S. 550.

[14] Albert Cook Myers: Introduction. In: Albert Cook Myers (Hg.): William Penn’s Account of the Lenni Lenape or Delaware Indians. Wilmington 1981, S. 13.

[15] Diekmann, Lockruf, S. 24.

[16] Wellenreuther, Niedergang, S. 554.

[17] Sally Schwartz: „A mixed multitude“: The struggle for toleration in colonial Pennsylvania. New York 1987 (= The American Social Experience Series 8), S. 19f. und S. 24.

[18] Diekmann, Lockruf, S. 24.

[19] Ebd., S. 1.

[20] Ebd., S. 2.

[21] Ebd., S. 6.

[22] Ebd., S. 7f.

[23] Ebd., S. 9ff.

[24] Penn, Ein Brief, S. 5.

[25] Diekmann, Lockruf, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Delawaren in "Ein Brief" von William Penn
Untertitel
„Die Indianer und Englischen müssen in Liebe zusammenleben, solange als die Sonne Licht gebe“
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V230248
ISBN (eBook)
9783656463504
ISBN (Buch)
9783656465409
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, delawaren, brief, william, penn, indianer, englischen, liebe, sonne, licht
Arbeit zitieren
Anna Poppen (Autor), 2009, Die Darstellung der Delawaren in "Ein Brief" von William Penn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230248

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