Jan De Vries Fleißtheorie - Eine belegbare Theorie?


Hausarbeit, 2013

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung des Arbeitseinsatzes im Verhaltnis zur Entwicklung des Reallohnes zwischen 1750 und 1800
2.1 Methode und Quellenlage
2.2 Ergebnisse der Zeugenaussagen des Old Bailey

3. The Industrious Revolution als Erklarung der „Mehrarbeit"?
3.1 Definition von „Industrious Revolution" und Verortung in der Forschung
3.2 Definition und Verhalten des Haushaltes nach De Vries wahrend der FleiBrevolution
3.3 Veranderungen des Konsummusters und des Marktes
3.4 Veranderung des Arbeitsangebotes
3.5 „Ergebnisse" der FleiBrevolution

4. Ein kritischer Blick auf das Konzept der FleiBrevolution von De Vries
4.1 Kritik am Beispiel der Ubertragung des Konzeptes auf Deutschland
4.2 Allgemeine Kritik

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt auf der einen Seite die Entwicklung der Arbeitskraft ab 1600 entlang Voths Untersuchung und auf der anderen Seite die Theorie der FleiBrevolution an Hand der Hypothese von Jan de Vries. Es wird dargestellt, wie sich das Verhaltnis von Arbeitseinsatz und der Entwicklung der Reallohne gewandelt hat, um anschlieBend mittels der Theorie der FleiBrevolution eine mogliche Erklarung fur die ambivalente Entwicklung zu geben. Es wird herausgearbeitet welche Argumenta- tionsstruktur De Vries verfolgt, um seine These zu belegen. Im Anschluss wird kritisch untersucht, in wieweit das Konzept auf Deutschland ubertragen werden kann, bevor das Konzept zu guter Letzt kritisch betrachtet wird. Kern der Hausarbeit ist die Frage, wie das Konzept der FleiBtheorie in der Forschung zu bewerten ist.

2. Die Entwicklung des Arbeitseinsatzes im Verhaltnis zur Entwicklung des Reallohnes zwischen 1750 und 1800

2.1 Methode und Quellenlage

Im Folgenden geht die Arbeit auf die Entwicklung des Verhaltnisses zwischen der Arbeitszeit und der Entwicklung des Reallohns ein. Voth stellt in seinem Aufsatz[1]die These auf, dass die Arbeitszeit am Anfang des 19. Jahrhunderts zunahm und der „Saint Monday" verschwand. Mit dem „Saint Monday" ist in diesem Zusammenhang weniger ein klassischer Feiertag gemeint, als vielmehr einfach ein Tag an dem man nicht der Arbeit nachgeht. Des Weiteren untersucht er die Ergebnisse von Freuden- berger und Cummin. Diese zeigen am Beispiel von Exchequer, dass die Arbeitsstun- den eines erwachsenen Mannes zwischen 1850 und 1900 von 3000 auf 4000 Arbeits- stunden gestiegen waren. Den Grund fur den Anstieg sehen Freudenberger und Cummin in der hoheren Verfugbarkeit von Nahrung. Dadurch musste weniger Zeit fur die Erholung aufgebracht werden, so dass mehr gearbeitet werden konnte. Voth un­tersucht folglich die Ergebnisse von Freudenberger und Cummin und kritisiert, dass die Quellenlage keine klaren Aussagen zulasst.[2]

Voth nutzt als Quelle die Gerichtsberichtserstattungen des Old Baileys[3]in London. Aus den verschiedenen Zeugenaussagen erhalt er einen ungefahren Tagesablauf, bzw. Nennungen, was zu welcher Zeit getan wurde. Die Qualitat der Berichtserstat- tungen nahm ab 1720 zu und wird ab 1748 als Quelle fur Historiker brauchbar. Voth untersucht 7650 Falle und leitet daraus 2000 Annahmen ab. Problematisch zu bewer- ten ist, dass die Daten teilweise ungenau sind, und, dass bedacht werden muss, dass die Zeugen vor Gericht ein Idealbild konzipieren wollten.[4]Voth stellt fest, dass die Verbrechen zu jeder Tages- und Nachtzeit, sowie zu jeder Jahreszeit stattfanden, also auch an Feiertagen.[5]Dieser Punkt ist ausschlaggebend, was die Aussagekraft der Daten betrifft. Erst dadurch, dass zu jeglichen Zeitpunkten des Jahres Daten vor- handen sind, werden diese auch reprasentativ. Andernfalls waren es immer nur Tei- leinblicke in die Lebenswelt und deren zeitliche Gestaltung gewesen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die untersuchten Zeugenaussagen in der Regel damit im Zusammenhang standen, was die Zeugen in dem jeweiligen Moment taten. Zum Bei- spiel, dass sie beschrieben, was sie auf dem Weg zur Arbeit gesehen hatten.[6]Dadurch, dass die Zeugen aus allen sozialen Schichten kamen, wird die Qualitat der Aussagen als Quelle verbessert. Voth Daten beschranken sich somit nicht nur auf einen ausgewahlten Kreis, sondern decken sowohl die Unter-, Mittel-, und Ober- schicht ab.

2.2 Ergebnisse der Zeugenaussagen des Old Bailey

Bei der Betrachtung der Daten zwischen 1750 und 1783 stellt Voth fest, dass Sams- tage, Sonntage und Montage Erholungstage waren. Dies anderte sich zwar, aber nicht signifikant, lediglich der Dienstag wurde zum vollen Arbeitstag. AuBerdem stan­den die Zeugen 1750 im Durchschnitt um kurz nach 6:00 Uhr auf und begannen um 6:50 Uhr mit der Arbeit. An politischen und religiosen Feiertagen, wurde in der Regel auch nicht gearbeitet. Bis 1800 anderte sich das lediglich tendenziell, was allerdings nur schwer zu belegen ist. Belegbar ist jedoch, dass die Zeugen um 1800 weniger schliefen. Dieses Minus an Schlaf ist allerdings durch spatere Zubettgehzeiten zu er- klaren und nicht durch mehr Arbeitzeit. Ganz im Gegenteil arbeiteten die Zeugen in beiden Perioden ca. 11 Stunden. Was sich aber radikal wandelte, war die Zeitvertei- lung. Der Montag war kein „day of rest" mehr, sondern zahlte als ganzer Arbeitstag. Auch der Einfluss von Feiertagen erlebte einen Schwund.[7]Die Aussage, die bis hier- hin getroffen werden kann, ist folglich, dass die Zeugen auf der einen Seite aufgrund des gestiegenen Nahrungsangebotes mehr Arbeitszeit zur Verfugung hatten, aber auf der anderen Seite, dass der ausschlaggebende Faktor in den hinzugekommenen Arbeitstagen liegt. Es ist somit nicht verwunderlich, dass die Arbeitsstunden von 2288/Jahr im Jahr 1750, auf 3366 Stunden/Jahr im Jahr 1850 stiegen.[8]

3. The Industrious Revolution als Erklarung der „Mehrarbeit“?

3.1 Definition von „Industrious Revolution“ und Verortung in der Forschung

Der Begriff der FleiBrevolution („The Industrious Revolution") geht auf Akira Hayami zuruck. Er verglich die Entwicklung der industriellen Revolution in Japan mit der Ent- wicklung in GroBbritannien. Dabei kam er zu der Beobachtung, dass es sich in Japan um arbeitsintensive Technologien handelte und in GroBbritannien um kapitalintensive Technologien. Daraus leitete er fur Japan ab, dass „there must have been a conver­sion from „horsepower" to ..manpower" in rural Japan [and] the term industrious revo­lution can be applied to this change.”[9]Hayami verdeutlichte mit dieser Aussage, dass die Menschen fleiBiger wurden und uber mehr Lohnarbeit Impulse fur die industrielle Revolution gaben.

Dieser These bedient sich De Vries und pragt den Begriff der .Industrious Revolution" fur Nordwest Europa und Nordamerika, zeitlich gliedert er sie in das spate 17. Jahr- hundert ein.[10]Die FleiBrevolution definiert sich nach De Vries als Neuverteilung haus- haltsbezogener Ressourcen. Diese Umverteilung erhohte auf der einen Seite das An- gebot von Lohnarbeit und auf der anderen Seite die Nachfrage von Marktgutern.[11]Im Mittelpunkt seiner These stehen die Institutionen des Haushaltes und des Marktes.

De Vries sieht die FleiBrevolution als wichtigen Vorlaufer fur die industrielle Revolu­tion. Sie fand somit nicht parallel zur industriellen Revolution statt, sondern bereits davor, vergleichbar mit anderen Veranderungen, z.B. der Transport- oder der Agrar- revolution. Durch die geanderte Einstellung gegenuber der Lohnarbeit war der Voll- zug der industriellen Revolution erst moglich. In diesem Kontext ist es laut De Vries als wichtiges Desiderat anzusehen, dass die industrielle Revolution genauer unter- sucht werden muss. Dies kann aber nur erfolgreich sein, wenn auch die Vorge- schichte besser untersucht worden ist.[12]Damit untermauert De Vries, dass in der ak- tuellen Forschung „die graduelle Veranderung betont und damit der evolutionare Cha- rakter der Industrialisierung"[13]verdeutlicht wird.

3.2 Definition und Verhalten des Haushaltes nach De Vries wahrend der Fleift- revolution

Ein zentraler Punkt der These der FleiBrevolution nach De Vries, ist die Veranderung im Verhalten des Haushaltes. Bis zum 16. Jahrhundert stellten Haushalte fast autarke Gemeinschaften dar, die Subsistenzwirtschaft betreiben. In der Regel besaBen die Haushalte eigenes Land, auf welchem sie Guter zur Selbstversorgung produzierten. Nur in seltenen Fallen wurden Guter am Markt gekauft, oder verkauft. De Vries beschreibt die Ausgangslage so, dass Haushalte, aus „men who were non-accumu- lative, non-aquisitive, accustomed to work for subistence, not for maximization of in­come”[14]bestanden. Die Haushalte waren bis zu diesem Zeitpunkt weder von der Wirt- schaft als Arbeitgeber, in Form von Lohn abhangig, noch partizipierten sie vom Markt in Form von Konsum, bzw. in Form von Massenkonsum.[15]Im Folgenden wird gezeigt, welche Veranderungen De Vries im Verhalten des Haushaltes sieht und warum Haus­halte sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts anders verhalten haben.

Der Haushalt wird fur die Fleissrevolution als eine Lebensgemeinschaft, die Produk- tion, Arbeitskraft, Konsum und Verteilung standig uber ihre Mitglieder reproduzierte, definiert.[16]Des Weiteren war er ein wichtiger Ort im Entscheidungsprozess. Der Haushalt entschied, ob er seine Arbeitskraft der Produktion fur den Markt oder der Haushaltsproduktion, zur Verfugung stellt. Je nach dem, fur was sich der Haushalt entschied, war der Lohn, bzw. das Ergebnis unterschiedlich. Haushaltsproduktion und Lohnarbeit sind waren identischen Faktoren. Wollte der Haushalt z.B. vom Markt kon- sumieren, benotigte er Geld, welches er wiederum durch Lohnarbeit bekam. Der Haushalt verteilte seine Zeit nun anders als in der vorhergegangen Zeit und konnte aktiv daruber entscheiden.[17]De Vries fuhrt die Entscheidungsfindung, uber Zeit und andere Ressourcen des Haushaltes, unter Anwendung der „Theory of the Allocationof Time“ von Gary Becker[18]aus.

[...]


[1]Voth, Joachim: Time and Work in Eighteenth-Century London, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), 1998 S. 29.

[2]Voth, Joachim: Time and Work in Eighteenth-Century London, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), 1998 S. 30.

[3] Das „Old Bailey" war fur die Gerichtsverhandlungen der Stadt London und des Countys Middlesex verantwortlich. Ab 1674 wurden die Gerichtsberichtserstattungen archiviert, sodass sie heute Historikern als Quelle dienen.

[4]Voth, Joachim: Time and Work in Eighteenth-Century London, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), 1998 S. 31.

[5]Voth, Joachim: Time and Work in Eighteenth-Century London, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), 1998 S. 32.

[6]Voth, Joachim: Time and Work in Eighteenth-Century London, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), 1998 S. 32 f..

[7]Voth, Joachim: Time and Work in Eighteenth-Century London, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), 1998 S. 33-37.

[8]Voth, Joachim: Time and Work in Eighteenth-Century London, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), 1998 S. 37.

[9] De Vries, Jan: The Indsutrious Revolution. Consumer Behaviour and the Houshold Economy, 1650 to the Present, Cambridge 2008, S. 78.

[10]Van der Werf, Ysbrand: Work in Progress? The Industrious Revolution, In: The Journal of Economic History (Bd. 58), Cambridge 1998, S. 830.

[11]De Vries, Jan: The Industrial Revolution and the Industrious Revolution, In: The Journal of Economic History (Bd. 54), Cambridge 1994, S. 249.

[12]De Vries, Jan: The Industrial Revolution and the Industrious Revolution, In: The Journal of Economic History (Bd. 54), Cambridge 1994, S. 249-254.

[13]Ziegler, Dietricht: Die industrielle Revolution, Darmstadt 2005, S. 1.

[14]Sidyney Pollard, zitiert nach: De Vries, Jan: The Industrial Revolution and the Industrious Revolution, In: The Journal of Economic History (Bd. 54), Cambridge 1994, S. 258.

[15]De Vries, Jan: The Industrial Revolution and the Industrious Revolution, In: The Journal of Economic History (Bd. 54), Cambridge 1994, S. 258.

[16]De Vries, Jan: The Industrial Revolution and the Industrious Revolution, In: The Journal of Economic History (Bd. 54), Cambridge 1994, S. 256.

[17]Mokyr, Joel: Editor's Introduction: The new Economic History and the Industrial Revolution, In: Mokyr, Joel (Hrsg.): The British Industrial Revolution. An Economic Perspective, San Francisco/Oxford 1993, S.42

[18]Becker, Gary: The Theory of The Allocation of Time, In: The Economic Journal (Bd. 75), o.O. 1965, S.493-517.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Jan De Vries Fleißtheorie - Eine belegbare Theorie?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V230250
ISBN (eBook)
9783656463481
ISBN (Buch)
9783656467762
Dateigröße
856 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vries, fleißtheroie, eine, theorie
Arbeit zitieren
Vincent Nikolai (Autor), 2013, Jan De Vries Fleißtheorie - Eine belegbare Theorie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230250

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