Semantisch pluralistische Erscheinungsformen der Alcools


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontrastive Gedichtinterpretation

3. Conclusio

4. Bibliographie

1. Einleitung

« Chez Apollinaire, il s’agit surtout d’art, tableaux, poemes, d’y faire, autrement qu’on n’avait fait, autre chose qu’on n’avait fait jusque-la. Les surrealistes reprennent pour mot d’ordre: changer la vie. La changer en effaqant les normes logiques, en cessant de voir le monde selon la perception qui nous cache la vision du vrai, en desensibilisant, derealisant, de faqon a ce que la nature se devoile en surnaturel. » (Durry 1979: 243)

Die asthetisch- moderne Realitat im Rahmen der literarischen Bewegung des Surrealismus, so wie sie von Durry geschildert wird, ist ein zentrales Merkmal der avantgardistischen Lyrik von Apollinaire, welches als Forschungsobjekt dieser Hausarbeit in einem moglichst differenzierten analytischen Essay naher diskutiert werden soll. Daruber hinaus und aus diesem thematischen Rahmen erschlieBend soll der Wahrheitsanspruch der Hypothese, dass der Titel von Apollinaires Gedichtband, Alcools, auBerst positive als auch negative semantische Konnotationen besitzt, an einigen herausgegriffenen Gedichten abgewogen und gepruft werden. Dass das von Jauss behandelte Konzept der Simultaneitat in seiner Abhandlung Die Epochenschwelle von 1912 ebenfalls eine semantische Zweiseitigkeit oder Pluralitat aufweist, ware in dieser Arbeit analog zu untersuchen, unter Einbeziehung gewagter, aber moglichst plausibler Bezuge zu Apollinaires zwiespaltiger Lebensgeschichte.

Um dieses umfassende Programm zu uberblicken und zu vereinfachen, soll eine inhaltliche Ordnung der Fragestellung nach den von Bernard Lecherbonnier herausgearbeiteten semantischen Bereichen vorgenommen werden, welche eine inhaltliche Kategorisierung bzw. Unterteilung des Gedichtbandtitels, Alcools, vorschlagen, und meines Erachtens sehr hilfreich fur die anschlieBende Analyse sind. Im Einzelnen waren diese Bereiche:

1. « 1. La soif, le desir, l’aspiration a...: c’est l’attitude meme d’Apollinaire devant la vie. Il boit les villes, les cultures, les legendes, tout ce qui ce presente a lui.

2. L’excitant, ce qui permet d’atteindre le paroxysme: attitude souvent liee a la passion du modernisme. Le moderne est l’homme qui va jusqu’au bout des choses, qui outrepasse les interdits, les tabous.

3. L’enthousiasme: en ce sens la poesie est un alcool. L’enthousiasme entraine frequemment l’image conjointe de l’ivresse et du feu.

4. L’ouverture sur un autre monde: la rupture avec notre monde logique, l’exploration du chaos, prometteuse de merveilleux. » (Lecherbonnier 1983: 13f)

Zur Konkretisierung des oben skizzierten Themengebiets ware abschlieBend zu erwahnen, dass das Hauptaugenmerk der nachfolgenden Analyse auf das von Jauss analysiertem Gedicht Zone liegt, in welchem die soeben zitierten Interpretationsbereiche vom Titelterminus Alcools identifiziert und erst daraus ergebend als kontrastive Erganzung inhaltliche Parallelen zu anderen Gedichten hergestellt werden. Nochmals zu betonen ware die Tatsache, dass ein GroBteil der nachfolgenden thematischen Bezuge zu Apollinaires Lebensgeschichte reine Vermutungen sind, die sich lediglich auf moglichst plausiblen Schlussen menschlicher Logik stutzen. Dass diesbezuglich in erster Linie Literaturkritikern Vertrauen geschenkt werden kann, liegt meines Erachtens auf der Hand, da die Alcoolsgedichte groBteils chronologisch ungeordnet zusammengefugt wurden und nur viel Wissen uber das Leben Apollinaires diese Unordnung, wenn uberhaupt, aufzuklaren vermag: « Dans Alcools sont reunis des poemes ecrits de 1898 a 1913. L’ordre chronologique n’est pas respecte. Les poemes ne sont pas non plus regroupes par types. Tous les tons, toutes les formes, tous les genres se melent. On ne saurait toutefois parler de desordre. D’ailleurs Apollinaire, des 1904, a entrepris divers projets de groupements. » (Lecherbonnier 1983: 13) Diesem Schlusszitat Glauben schenkend soll der folgende analytische Hauptteil dieses Essays vorsichtig an das beschriebene Forschungsgebiet herantasten und eine hoffentlich zufriedenstellende kontrastiv-vergleichende Analyse in den Alcools bewerkstelligen.

2. Kontrastive Gedichtinterpretation

„Da [dem Leser] der situationsbedingte AnlaB der kaleidoskopartig wechselnden Einstellungen entzogen bleibt, muB er als ,dritte Person‘, gleichsam in der Rolle eines Fremden, auf den das evozierte Geschehen nicht zugeordnet ist, selbst standig Sinnhypothesen erstellen und die irritierende Textwirklichkeit in immer wieder anderen Ansatzen ordnen, um in verschiedenen Lekturen oder ,parcours‘ durch den Text dem Simultanen der von Ort zu Ort springenden neuen Erfahrung modernen Lebens ansichtig zu werden.“ (Jauss 1986: 12)

Die Relevanz dieses von Jauss festgestellten analytischen Ansatzes lasst sich sogleich in der Eingangspassage von Zone verdeutlichen, in der Apollinaire, wie auch Jauss ganz klar beschreibt, eine „Absage an die alte Welt“ (Jauss 1986: 8) kundtut. Folglich wirft Jauss die Frage auf, ob „die griechische und romische Antike nicht ferner geruckt [seien] als je, wo selbst die unlangst erfundenen Automobile nun schon 'alt' erscheinen konnen?“ (Jauss 1986: 8)

Dieser Exegese zufolge entwickelt Jauss meines Erachtens nichts anderes als eine dieser „Sinnhypothesen“, die einen sich ansonsten moglich auftuenden semantischen Widerspruch aufzulosen scheint:

« Tu en as assez de vivre dans l'antiquite grecque et romaine Ici meme les automobiles ont l'air d'etre anciennes »[1]

Wie diese beiden Verse suggerieren, handelt es sich in Zone teilweise um reine Assertionen, die einzelne (Gefuhls-) Zustande beschreiben, zudem in sprachwissenschaftlicher Hinsicht zwar durch semantische Wortfelder gegenseitige Kohasion und partielle Koharenz aufweisen (l’antiquite ^ anciennes), aber keine eindeutige und vor allem sinnvolle Koharenz durch fehlende kohasive Konjunktionen und Verbindungsworter vorhanden ist. Wieso wurde sich Apollinaire namlich im, ihn spater so faszinierenden, modernen Paris uberhaupt wohlfuhlen, wenn er sich von der griechischen und romischen Antike heftigst abwendend konstatiert, dass die Autos das Flair des Alten aufzeigen?

Semantisch lasst sich ohne klaren Kontext also nicht klaren, welche sinnergebende Aussage diese beiden, durch das soeben genannte semantische Wortfeld doch eindeutig zusammengehorigen, aber kohasiv nicht ausreichend verbundenen Verse, gemeinsam aufweisen.

Dass es gar nicht Sinn und Sache der avantgardistischen, modernen und simultanen Asthetik (und vermutlich der Lyrik im Allgemeinen) sein kann, dem Leser klar ausgedruckte und eindeutige Bedeutungen offenzulegen, beobachtet Jauss bereits bei Delaunay: « Le simultanisme litteraire peut etre donne par l'emploi des contrastes des mots. » (Jauss 1986: 15) Demzufolge scheint Jauss die Verszeilen und Worter in einer Weise kombinieren und kontrastieren zu mussen, die eine gegenseitige logische Kompatibilitat im Gesamtkontext von Zone ermoglicht und bettet, wenn auch in Form einer aufgeworfenen hypothetischen Frage, aber in einer durchaus nachvollziehbaren Begrundung, diese Zeilen in seinem analytischen Essay kontextuell ein.

So gesehen hat der Leser nicht mehr mit der Frage zu kampfen, warum sogar die Autos in der doch technisch modernen Stadtmetropole Paris ,alt‘ erscheinen, wenn verhaltnismaBig doch nur die griechische und romische Antike als ,alt‘ bezeichnet werden konnten. Vielmehr scheint Jauss einen logischen situationsrelevanten Sinngehalt zusammenzureimen oder aber die beiden Verse in ihrer Reihenfolge umzudrehen - als kame die zweite Verszeile vor der ersten, wodurch sein erarbeiteter Interpretationsansatz, in eigenen Worten paraphrasiert „da selbst die unlangst erfundenen Autos ,alt‘ erscheinen, kommen einem die griechische und romische Antike erst recht alt und fern vor“, meines Erachtens etwas leichter schlusszufolgern ware als in der ursprunglichen Reihenfolge.

Damit wird dem Leser auch klar, dass sich die moderne Welt tatsachlich so schnell entwickelt, dass alles noch soeben modern Erscheinende bereits alte Zuge annimmt - dieser Ansatz ware im Sinne der modernen Asthetik bereits durchaus positiv und sinnvoll, da sich alles Moderne unaufhorlich weiterentwickelt. Dass dennoch keine begrundende Konjunktion oder wie bei Jauss, ein entscheidendes „wo selbst“, den oben geschilderten semantischen Widerspruch im Gedicht auflost, liegt meines Erachtens auf der Hand, ist folglich und vermutlich ausschlaggebend fur die aufklarende hypothetische Frage von Jauss und verdeutlicht, wie viel Sinn diverse Literaturkritiker und Leser dem Gedicht noch beimessen mussen, um es annahernd verstehen und analysieren zu konnen.

Aufgrund der trotz fraglich nachvollziehbaren Logik dieser Erklarungen sollte an dieser Stelle betont werden, dass prinzipiell alle moglichen Interpretationswege in Zone „gegangen“ werden konnen, soweit eine situationsadaquate Begrundungsbasis (wie bei Jauss) vorliegt, die die individuelle Exegese begrundet.

Denn das „neue Prinzip der Simultaneitat muB sich in der unabschlieBbaren [!] Bewegung der suchenden, destruierenden und wieder rekonstruierenden asthetischen Wahrnehmung bewahren.“ (Jauss 1986: 15f) Da dementsprechend der Leser gezwungen ist, sich selbstandig mit dem Gedicht auseinanderzusetzen, um zumindest den Grundton des asthetischen Modernismus zu erhaschen, waren im Rahmen des festgelegten Hausarbeitsthemas bereits in den ersten sechs Versen dieser Eingangspassage, zwei der oben zitierten Kategorien von Lecherbonnier, zu isolieren.

Einerseits scheint Apollinaire die Rolle des Beobachters und Aufklarers wahrzunehmen, indem er festlegt, welche Dinge fur ihn alt sind (« l’antiquite greque et romaine, les automobiles » (S.7)) und was fur ihn zur modernen Welt gehort (« la religion » (S.7)). Diese Funktion des lyrischen Analytikers konnte sich unter dem zweiten Aspekt als « homme qui va jusqu’au bout des choses » (Lecherbonnier 1983: 13) einordnen und mit seinen negativen emotionalen Zugen in Bezug auf das Alte (« Tu en as assez de vivre dans l’antiquite grecque et romaine » (S.7)) auch die vierte Kategorie « L’ouverture sur un autre monde » (Lecherbonnier 1983: 14) miteinschlieBen. Verwunderlich und etwas widerspruchlich erscheint allerdings die Tatsache, dass Apollinaire in dieser Passage ausschlieBlich die Religion, welche „einfach“ geblieben ist, als modern einstuft, wahrend der Leser annehmen musste, dass die komplizierten technischen Fortschritte (Autos) genauso, ja wenn nicht mehr, den Hang zum Modernen aufweisen. Allerdings lieBe sich dieser scheinbare Widerspruch sowohl durch den obigen Interpretationsansatz von Jauss, der besagt, dass die Autos sehr wohl modern sind, bloB im Vergleich zu den neuesten Ergebnissen ,alt‘ erscheinen (Wodurch man zu dem Schluss kame, dass die Religion per se vollkommen ist und nicht, wie das Auto, einer kontinuierlichen Weiterentwicklung bedarf.), als auch durch die Begrundung auflosen, dass selbst die einfach aussehenden Schuppen auf dem Flugplatz dem modernen Zeitalter angehoren, da sie hochtechnisierte Flugzeuge beherbergen, und somit das Einfache nicht unbedingt ,alt‘ sein muss.

Jedoch ergibt sich in dieser Passage ein weiterer Widerspruch, der meines Erachtens nicht entschlusselbar und etwas verwirrend ist. Es geht hierbei um die auf der einen Seite verurteilte griechische und romische Antike und nicht zuletzt um die auf der anderen Seite in die moderne Welt gerufene Religion, welche jedoch, genauso wie die Antike, weit in der Vergangenheit wurzelt. Dass diese trotzige, aber widerspruchliche Einstellung zur Vergangenheit in Zone ihren Ausdruck findet, konnte vorsichtig angenommen, eventuell daran liegen, dass Apollinaire eine neue und modernere Welt begehrt, die ihm eine festere Identitat verschafft, welche ihm aufgrund der fruhen Trennung seiner Eltern in seiner Kindheit moglicherweise verwehrt blieb, und die er nun durch die Abschuttelung vergangener Erinnerungen zu ergattern versucht. (Dieser Versuch sollte aber spatestens in der religionsverherrlichenden Phase des Gedichts scheitern, wo unter anderem Ikarus als griechische Mythenlegende in Erscheinung tritt.) Andererseits aber konnten diese Widerspruche auch nur die, bereits in der Einleitung angedeutete Idee der Anderung des Lebens und der logischen Normen im Sinne des Surrealismus von Durry, widerspiegeln und einen Bruch mit der logischen Welt (« la rupture avec notre monde logique » (Lecherbonnier 1983: 14)) laut Lecherbonnier, im Rahmen des asthetischen Modernismus, proklamieren. Immerhin wollte Apollinaire weitgehend Neues und bisher nie Dagewesenes schaffen (« autre chose qu’on n’avait fait jusque la » (Durry 1979: 243)), um moglicherweise Ansehen und Wurde zu erlangen, wofur der Grund ebenfalls bei Lecherbonnier gefunden werden konnte: « Humilie du caractere irregulier de sa naissance, Apollinaire ne cessera de compenser cette blessure en dotant son ascendance slave et latine de tous les prestiges. » (Lecherbonnier 1983: 3)

Dass Schmerzerfahrungen auch anderer Art ein besonderer AnstoB fur den Schaffensdrang bei Apollinaire sein konnen, durfte das courtpoeme Annie in Zusammenhang mit einigen biographischen Fakten des Dichters verdeutlichen. Claude Begue und Pierre Lartigue zufolge war Apollinaires Beziehung zu Annie « une tragique histoire d'amour »(Bégué 1972: 35), welche, bevor Annie für ihr restliches Leben nach Amerika verschwand,unter anderem durch erfolglose Versuche Apollinaires, ihr Herz zu erobern, geprägt war: « Un jour le jeune Apollinaire emmène Annie sur un rocher élevé au bord du Rhin et lui donne à choisir entre le mariage et la mort.

[...]


[1] Apollinaire, Alcools, France, Gallimard, 1920. S.7. Im Folgenden zitiere ich mit einfacher Seitenzahl im Text.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Semantisch pluralistische Erscheinungsformen der Alcools
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Frz. LW PS: Littérature, cinéma et autres médias (Guillaume Apollinaire)
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V230305
ISBN (eBook)
9783656457312
ISBN (Buch)
9783656457404
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
semantisch, erscheinungsformen, alcools
Arbeit zitieren
Viktor Kocsis (Autor), 2011, Semantisch pluralistische Erscheinungsformen der Alcools, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230305

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