Kontrastive Analyse des Subjonctif und der P-V-I/V-P-I Konstruktion bei Palsgrave und Vaugelas


Seminararbeit, 2013

21 Seiten, Note: Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historisch-soziale Kontextualisierung
2.1 Palsgraves Lesclarcissement de la langue francoyse
2.2 Vaugelas’ Remarques sur la langue françoise

3. Strukturell-inhaltliche Unterschiede zwischen Palsgrave und Vaugelas

4. Kontrastive Analyse des Subjonctif und der P-V-I/V-P-I Konstruktion in Palsgraves Lesclarcissement de la langue francoyse und Vaugelas’ Remarques sur la langue françoise
4.1 Der Subjonctif
4.2 P-V-I und V-P-I

5. Conclusio

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Eine wichtige Rolle bei der Normierung des Französischen spielten die zahlreichen Grammatiken, die im Laufe des 16. Jh. publiziert wurden“ (Kolboom 2002: 32) und zu welchen John Palsgraves Lernergrammatik Lesclarcissement de la langue francoyse aus dem Jahre 1530 zählt, die Goebl (2008: 232) als „die erste umfassende Grammatik“ nennt. Obwohl sie „nur eine Auflage“ erlebte und in Frankreich „kaum bekannt“ (2008: 233) war, scheint dieses Werk neben der erläuterten Normierungsfunktion auch in didaktischer Hinsicht, wie in Kapitel 2.1 klar wird, ein sehr wichtiges in England gewesen zu sein.

In Frankreich einen großen Erfolg geerntet hat hingegen Vaugelas mit seinen Remarques sur la langue françoise (1647) im 17. Jahrhundert, die eine Art Wortschatzlexikon (vgl. Kolboom 2002: 33) auf seiner berühmten Formel des bon usage basierend bilden und „die Sprache einer gesellschaftlichen Elite zum Kriterium einer gehobenen Norm“ (2002: 33) definieren.

Diese beiden wichtigen Werke des 16. und 17. Jhdts. sollen in Kapitel 4 zu einer kontrastiven Analyse zweier grammatischer Aspekte bzw. Phänomene[1] zur Ermittlung grammatischer Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowohl in struktureller als auch semantischer Hinsicht herangezogen werden, um ein besseres Verständnis für die noch näher zu ermittelnden, abweichenden Werkkonzeptionen bzw. -sorten zu entwickeln. Die vorangehenden Kapitel sollen hingegen auf die nachfolgende Analyse hinarbeitend diese transparenter erleuchten, indem sie sprachgeschichtliche und soziale Einflüsse in Palsgraves und Vaugelas‘ Zeit vertiefen und auf einige allgemeine strukturell-inhaltliche Unterschiede in ihren Werken eingehen.

2. Historisch-soziale Kontextualisierung

Um die in Kapitel 3 zu erläuternden strukturell-inhaltlichen Unterschiede zwischen Palsgraves Lesclarcissement de la langue francoyse und Vaugelas‘ Remarques sur la langue françoise verständlicher zu skizzieren, ist zunächst eine historisch-soziale Einordnung beider Werke empfehlenswert. Hierbei möchte ich das Augenmerk auf die externe Sprachgeschichte richten, um zu klären, welche historisch-sozialen Einflüsse Palsgrave dazu bewegt haben, sein Lesclarcissement de la langue francoyse zu einer „englisch geschriebene[n] Lernergrammatik für Ausländer“ (Kolboom 2002: 32) zu verfassen, um „die Erlernung des Französischen [zu ermöglichen]“ (Ernst 2006: 1837) und welche historisch-sozialen Umstände Vaugelas anregten, die Remarques sur la langue françoise zu „eine[r] Art Lexikon des galanten Wortschatzes seiner Zeit“ (Kolboom 2002: 33) zu entwickeln.

2.1 Palsgraves Lesclarcissement de la langue francoyse

Der englische Gelehrte John Palsgrave, der von Burke (2004: 30) als englischer Schulmeister[2] und von Platts (1826: 304) als gelernter Schreiber mit absolviertem Bachelorstudium in Philosophie in Cambridge und Masterstudium in Paris beschrieben wird, der aufgrund seiner dort exzellent angeeigneten Französischkenntnisse und einem Hochzeitsvertrag zwischen Louis XII und Prinzessin Mary die Tochter Henrys dem Achten in Französisch unterrichten durfte[3], publizierte 1530 in London seine Grammatik Lesclarcissement de la langue francoyse, welche von Benoist (1877: 3) als die erste französische Grammatik mit einem gewissen Wert[4] bezeichnet wird. Auch Kolboom (2002: 32) bewertet Palsgraves Werk als „eine erste französische Grammatik im engeren Sinne“, fügt aber hinzu, dass der Drucker Geoffrey Tory mit dem Werk „Campleury“ den Beginn der im 16. Jhdt. publizierten Grammatiken festlegt und damit eine „Vereinheitlichung der Orthographie für den Buchdruck“ zu bewirken versucht. Ernst (2006: 1837) legt in seiner Romanische[n] Sprachgeschichte den Anfang der französischen Sprachlehre in Frankreich und England im Zeitraum von 1450-1650 fest und ordnet Palsgraves Werk in den „sechsten Schub eines französischen Einflusses“ im Frühneuenglischen ein. Obwohl sich der Anstieg französischen Lehngutes bereits in der von ihn skizzierten „fünfte[n] Welle“ französischen Spracheinflusses seit Ende des 13.Jhdts. bei den berühmten englischen Autoren Langland, Gower und Chaucer in schriftlicher Form bemerkbar macht und prozentuell nachweisbar ist, wurde in dieser Zeitperiode keine englischsprachige Grammatik für Französisch verfasst, weswegen der Anlass für die Publikation einer solchen Grammatik gegeben war. Verstärkt wurde der Bedarf nach einer französischen Grammatik vermutlich durch die noch früher datierten englisch-französischen Sprachkontakte, welche die späteren englisch-französischen Beziehungen im 16. Jhdt. massiv prägen und welche Ernst in seinen verständlich erläuterten vier Wellen und Schüben französischen Spracheinflusses im Alt- und Mittelenglischen konkretisiert:

Die erste große Welle eines französischen Spracheinflusses ist in den Zeitraum 1066-1250 eingeordnet (vgl. Ernst 2006: 1835) und umfasst anglonormannischen Fremd- und Lehnwortschatz „anglonormannische[r] Kernbereiche, wie Hof und Herrschaft, Adel, militärische Dienststränge, Kirche und Geistlichkeit […]“ etc., welche von dem normannischen Adelsstand nach der Battle of Hastings im Jahre 1066 (Eroberung Englands) aus Frankreich mitgebracht wurde. Selbst diese sprachlichen Einflüsse erweisen sich nicht als die frühesten, da Ernst das 9. Jahrhundert für die anfänglichen Anzeichen einer Präsenz französischer Fremdwörter nennt, deutlich nachweisbare Anzeichen allerdings im späten 10. Jhdt. lokalisiert, als „Angelsächsische Mönche und Schreiber […] im Kloster Fleury [lernten]“.

Wie die zweite Einflusswelle im 11. und 12. Jhdt. (vgl. Ernst 2006: 1835) verdeutlicht, verblassen die englisch-französischen Sprachkontakte nicht, sondern erfahren eine Verstärkung durch höfischen Kultur- und Literaturinput aus dem „nordfranzösischen Raum von Bretagne, Normandie und Pikardie.“ Diese höfischen Elemente umfassen zahlreiche Themenbereiche rund um die höfische Lebensweise und das Rittertum und integrieren themenbezogenes Vokabular im Mittelenglischen. Auch die „Vortragsdichtung der Helden- und Ritterepik“ (Ernst 2006: 1836) nimmt eine zentrale kulturelle und sprachliche Integrationsfunktion im Vermittlungsprozess höfischen Kulturguts und galloromanischen Wortschatzes ein.

Themenspezifisch verlagert sich dieser höfische Wortschatz zwischen 1130-1300 auf die Seefahrt und den damit verbundenen Handels- und Verwaltungswesen, welche für Ernst (2006: 1836) die „dritte Welle nordfranzösischen Lehneinflusses“ darstellen. Galloromanisches Wortgut, wie „cable/Kabel, dozen/Dutzend, fine/fein [oder] place/Platz“ wird in diesem Zeitraum besonders häufig verwendet und weitergegeben.

Im darauffolgenden Zeitraum 1100-1400 „blühen die Universitäten Reims und Paris auf“ (Ernst 2006: 1836), weswegen englische Gelehrte wie Robert Grosseteste und Roger Bacon nach Paris reisen und das Eindringen mehrerer tausend französischer Fremd- und Lehnwörter in England fördern. Aufgrund dem hohen Kultur- und Sozialprestige galloromanischen Wortguts entstehen zudem zahlreiche Lehnwortkataloge in den Kernbereichen Klöstern, Schulen und verschiedenen Wissenschaftszweigen und enthalten Lehnwörter, wie „calculation, case, cause, chapter [oder] existence.“ (Ernst 2006: 1836) Außerdem erfährt Ernst zufolge das Anglonormannische in dieser Periode als schlechtes Französisch einen äußerst negativen Ruf, weswegen das Anglofranzösische dieses allmählich ersetzt.

Die skizzierten sprachlichen Einflüsse dieser vierten Welle schließen an den bereits erwähnten fünften Schub an, in dem vorwiegend „französische Literaturgattungen und Fachbegriffe“ (Ernst 2006: 1837) in das Spätmittelenglische eindringen, französisches Vokabular von berühmten englischen Autoren zunehmend verwendet wird und die Notwendigkeit der französischen Sprachlehre in England ansteht.

Wie stark die Hochzeit zwischen der englischen Prinzessin Mary und dem französischen Louis XII die englisch-französischen Beziehungen symbolisch prägte, bleibt ungewiss und ist nur mit Vorsicht mit der Notwendigkeit einer französischen Grammatik in Verbindung zu bringen, da Louis XII kurz nach seiner Hochzeit verstarb (vgl. Platts 1826: 304) und Mary wieder nach England zurückkehrte. Die Tatsachen hingegen, dass sie nach ihrer Rückkehr erneut Palsgraves Schülerin war und dass Palsgrave dem jungen englischen Adel Französisch lehrte, lassen darauf schließen, dass einerseits die französische Sprache ihren Prestigestatus in England bewahrt hat und andererseits für Palsgrave als Französischlehrer eine englischsprachige Grammatik für Französisch aus didaktischen Gründen mit großer Wahrscheinlichkeit praktisch und erforderlich erschien. In didaktischer Hinsicht macht Palsgrave in seinen einleitenden Worten auch auf die Schwierigkeit der französischen Sprache aufmerksam, die u.a. auf der Diversität der französischen Aussprache und der Verschiedenheit französischer Phrasen zum Englischen beruht.[5]

Abschließend wäre zu erwähnen, dass Palsgrave mit den englisch-französischen Sprachkontakten im Mittelenglischen bestens vertraut, ihm die Wichtigkeit und Resonanz französischer Spracheinflüsse bewusst war und ihn entsprechend auch sprachgeschichtliche Gründe zum Erstellen einer französischen Grammatik bewegten. So nimmt Palsgrave Goebl (2008:48) zufolge zum „gestoppten Lautwandel“ Stellung, indem er die unregelmäßige Variation von – r - und – z - im Mittelfranzösischen in Wörtern wie Paris und Mary bekräftigt:

„…they of Parys sounde sometime R lyke z / saying Pazis for Parys / pazisien for parisyen / chaize for chayre / Mazy for Mary / and such lyke: … (Lesclarcissement 1530, fol. 13v)”

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Palsgraves Verweise auf mittelfranzösische Sprachaspekte als Grammatiker und auf sprachliche Schwierigkeiten als Französischlehrer in jungen Adelskreisen Gründe sind, die die Notwendigkeit einer französischen Grammatik unterstreichen und berechtigen. Entsprechend erklären auch die nachgezeichneten sprachgeschichtlichen Einflüsse in England die beachtlichen sprachlich-kulturellen Wirkungen, die sich im englischsprachigen Raum immer mehr ausweiteten und das Erstellen einer ersten solchen Grammatik im 16. Jhdt. begründeten.

2.2 Vaugelas’ Remarques sur la langue françoise

Während Palsgraves Lesclarcissement de la langue francoyse Kolbooms (2002: 32) Beschreibungen zufolge als „Lernergrammatik für Ausländer“ gedacht war, die Goebl (2008: 232) wie andere erste Darstellungen der französischen Sprache im Ausland als reines „Hilfsmittel zur Spracherlernung“ charakterisiert, scheinen Vaugelas‘ R emarques sur la langue françoise Revols (Ernst 2006: 2010) Ansicht nach nicht für das ganze französische Volk verfasst, sondern den Schriftstellern und Rednern[6] im Sinne einer Sprachpflege und Sprachreinigung gewidmet worden zu sein. Entsprechend handelt es sich nicht um eine Grammatik (vgl. Kolboom 2002: 33), wie schon im einleitenden Paragraph angedeutet wurde, sondern um eine Art Lexikon des kultivierten Wortschatzes auf dem französischen Hof. Interessant in Hinblick auf Vaugelas‘ großen Erfolg mit seinen R emarques sur la langue françoise ist seine Herkunft, die von Ayres-Bennett (1987: XII) als teilweise ungünstig und teilweise erfolgversprechend gewertet wird. Ayres-Bennett bemängelt Vaugelas‘ langen Aufenthalt während seiner Kindheit in Savoy, das bis 1860 kein Teil Frankreichs war und wo Vaugelas als Kind mit großer Sicherheit die meisten Regionalismen hörte, die er später so kritisch beäugelte[7] . Allerdings weist die Autorin auf Vaugelas‘ solide Bildung hin, die er seinem Vater, einem Juristen und Lateingelehrten, Dramatiker und Lyriker verdankt, der seinen Sohn mit berühmten Intellektuellen, wie Honoré d’Urfé und Fran ç ois de Sales bekannt machte und ihm mehrere Reisegelegenheiten bot.

So verbrachte Vaugelas eine längere Zeit in Rom, um sich dort mit der italienischen Sprache vertraut zu machen und begleitete seinen Vater bereits mit 16 Jahren 1601 nach Paris, wo er Ayres-Bennett Hypothese zufolge das erste Mal mit den sprachlichen Gepflogenheiten und der kultivierten Lebensweise auf dem französischen Hof vertraut gemacht wurde.[8] Als wohl wichtigstes Jahr für Vaugelas‘ Karriere ist das darauffolgende, 1607, zu nennen, als er nach Paris zog und dem Duc de Nemours als officier domestique diente. Diese Entscheidung ermöglichte Vaugelas laut Ayres-Bennett weitere Reisen nach Turin und Spanien (vgl. 1987: XIV) und endgültigen Zugang zum französischen Hof bzw. den bekannten Salons der Madame de Rambouillet, Madame de Chaudebonne und Madame des Loges, deren Französisch er gemäß Burkes (2004: 35) Angaben als normativen Sprachgebrauch heranzog und aus diesem Grund besonders Frauen in die Salongruppe vereinigen ließ.[9] Nebenbei entwickelte sich ein beachtlicher literarischer Freundeskreis (bestehend aus Balzac, Faret, Malherbe u.a.) um Vaugelas, der für die Entwicklung seiner Ideen intellektuelle Unterstützung bot.

[...]


[1] Die Analyse beruht auf dem grammatischen Modus Subjonctif in Kapitel 4.1 und der P-V-I/V-P-I Konstruktion in Kapitel 4.2.

[2] Burke (2004: 30): “The English schoolmaster John Palsgrave […]“

[3] Platts (1826: 304): “[…] and acquired such excellence in the French language, that in 1514, when a treaty marriage was negotiated between Lewis XII., of France, and the princess Mary, sister of Henry VIII., of England, John Palsgrave was appointed to be her tutor in that language.”

[4] Benoist (1877: 3): « C’est en 1530 que Palsgrave fait paraitre en anglais son Éclaircissement de la langue française, c’est-à-dire la première grammaire française qui ait quelque valeur. »

[5] Palsgrave (1530: XV): „The diffyculte of the frenche tong, whiche maketh it so harde to be lerned by them of our nation, resteth chefely in thre thynges: […]”

[6] Ernst (2006: 2010): « Les remarques ne s’adressent pas au commun des Français mais bien aux écrivains et aux orateurs. »

[7] Ayres-Bennett (1987: XII): “Claude Favre de Vaugelas was born in Meximieux in 1585 and spent most of his early life in Savoy, which was not finally incorporated into France until 1860. The French he would have heard as a child would therefore have been full of the regionalisms of which he was so critical in later life.”

[8] Ebd. (1987: XII): “In 1601 he accompanied his father to Paris where he was probably introduced to the language and life-style of the Court for the first time.”

[9] Burke (2004: 35): “Vaugelas, who frequented the famous salon of Madame de Rambouillet in Paris, specifically included women in the language group whose language he took as normative.”

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kontrastive Analyse des Subjonctif und der P-V-I/V-P-I Konstruktion bei Palsgrave und Vaugelas
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Frz. SW SE: Etudes linguistiques (Französische Grammatikographie)
Note
Gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V230307
ISBN (eBook)
9783656464372
ISBN (Buch)
9783656466833
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kontrastive, analyse, subjonctif, p-v-i/v-p-i, konstruktion, palsgrave, vaugelas
Arbeit zitieren
Viktor Kocsis (Autor), 2013, Kontrastive Analyse des Subjonctif und der P-V-I/V-P-I Konstruktion bei Palsgrave und Vaugelas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230307

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