Aufgrund der Kürze der Arbeit soll lediglich am Beispiel der Bahā'ī-Pilgerstätte untersucht werden, welche Rolle Erinnerung bei und nach der Zerstörung spielte. Dazu werde ich nach einer kurzen Einführung zum Thema Pilgerorte als Orte der Erinnerung auf die Rolle des Hauses des Bāb in der Bahā'ī-Theologie und seiner Stellung zu drei weiteren Bahā'ī-Pilgerorten eingehen. Weiterhin sollen die Umstände der Zerstörung dargestellt und schließlich ihre Folgen für die iranische und die weltweite Bahā'ī-Gemeinde anhand von Primärliteratur und einer Zeitzeugenaussage analysiert werden. In diesem letzten Kapitel soll vorallem die Praxis des Erinnerns thematisiert und eventuelle Veränderungen derselben durch die Zerstörung herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Pilgerorte als Orte der Erinnerung
2 Pilgerreisen in der Bahā'ī-Religion
2.1 Theologische Aspekte
2.2 Die Bahā'ī-Pilgerstätten im Überblick
2.2.1 Die „Zwillingsorte“ Shiraz und Baghdad
2.2.2 Der Schrein Bahā'u'llāhs in Bahjí
3 Das Haus des Bāb
3.1 Medium der Erinnerung: Geschichte und Bedeutung
3.2 Gegenstand der Erinnerung: Die Zerstörung der Stätte
4 Erinnern an das Haus und seine Zerstörung
4.1 In den Schreiben des Universalen Hauses der Gerechtigkeit
4.1.1 Darstellung der Zerstörung und der Zerstörer
4.1.2 Handlungsanweisungen für die Bahā'ī-Gemeinde
4.2 In Literatur von Bahā'ī am Beispiel „Klage des Herzens“
4.2.1 Darstellung der Hauses des Bāb
4.2.2 Darstellung der Zerstörung und der Zerstörer
4.2.3 Der Orangenbaum
4.2.4 Zukunftsvisionen
4.3 In der iranischen Bahā'ī-Gemeinde
4.4 Forschungsergebnisse: Erinnerung und das Haus des Bāb
5 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Erinnerung im Kontext der bewusst herbeigeführten Zerstörung von Pilgerstätten am Beispiel des Hauses des Bāb in Shiraz. Ziel ist es, unter Anwendung des kulturwissenschaftlichen Konzepts des kulturellen Gedächtnisses nach Assmann zu analysieren, wie die Zerstörung des Ortes die Erinnerungspraxis der Bahā'ī-Gemeinde beeinflusst und verändert hat.
- Kulturwissenschaftliche Analyse von Pilgerorten als Orte der Erinnerung.
- Die Rolle des Hauses des Bāb im Gründungsmythos der Bahā'ī-Religion.
- Untersuchung der Rezeption der Zerstörung in Briefen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit und der Literatur.
- Praxis des Erinnerns innerhalb der iranischen Bahā'ī-Gemeinde trotz physischer Zerstörung.
- Wechselwirkung zwischen Zerstörung, Identitätsbildung und Machtrepräsentation.
Auszug aus dem Buch
3.1 Medium der Erinnerung: Geschichte und Bedeutung
Das kulturelle Gedächtnis richtet sich auf ganz bestimmte Punkte in der Vergangenheit, die in der Erinnerung zu symbolischen Figuren werden und so das erinnerte Ereignis und den dadurch konstituierten Sinn stabilisieren. Sie entstehen durch „die Verbindung von einem Bild und einem Begriff oder Narrativ“ (Erll 2011, 31) und sind unabhängig von Unterscheidungen zwischen 'wirklich' Geschehenem oder Mythos. Jan Assmann stellt daher fest, dass bspw. der Exodus, „völlig unabhängig von der Frage seiner Historizität, der Gründungsmythos Israels [ist]: als solcher wird er im Pessach-Fest begangen und als solcher gehört er ins kulturelle Gedächtnis des Volkes“ (Assmann 1992, 52). Die Erinnerungsfigur 'Exodus' erhält auf diese Weise einen religiösen Sinn und wirkt identitätsstiftend für die soziale Gruppe 'Volk Israels'.
Teil einer solchen Erinnerungsfigur ist auch das Haus des Bāb, das den Ort für den Gründungsmythos der Bābī- und späteren Bahā'ī-Religion darstellt. Ein weiterer Teil ist das jährliche Fest am 23. Mai, die 'Erklärung des Bāb'. Beide sind verbunden mit dem Narrativ vom Bāb, wie er sich am 23. Mai 1844 seinem ersten Gläubigen gegenüber zu erkennen gab. Mullā Ḥusayn von Bushrūya gehörte zu einer Gruppe von Shaykhīs unter der Leitung von Sayyid Kāẓim Rashtī, der Ende Dezember 1843 verstorben war und zuvor seine Anhänger in alle Gegenden Persiens ausgesandt hatte, um den „Mahdī, the Ṣāḥibal-zamān“ (Bausani 2012) zu finden, der sich seiner Prophezeiung zufolge bald zu erkennen geben würde. Mullā Ḥusayn ging nach Shiraz und wurde dort vom Bāb, mit bürgerlichem Namen Sayyid ʿAlī Muḥammad, am Stadttor empfangen und in dessen Haus geführt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Zerstörung von Pilgerstätten als Machtdemonstration und Vorstellung des Untersuchungsgegenstands Haus des Bāb.
1 Pilgerorte als Orte der Erinnerung: Theoretische Grundlegung durch das Konzept des kulturellen Gedächtnisses nach Jan und Aleida Assmann im Kontext von Orten und Medien.
2 Pilgerreisen in der Bahā'ī-Religion: Untersuchung der theologischen und praktischen Bedeutung von Pilgerreisen sowie Definition der Bahā'ī-Pilgerstätten.
3 Das Haus des Bāb: Analyse der zweifachen Bedeutung des Hauses des Bāb als historisches Medium und als Gegenstand der Erinnerung nach der Zerstörung.
4 Erinnern an das Haus und seine Zerstörung: Empirische Untersuchung der Reflexion der Zerstörung in offiziellen Schreiben, der Literatur von William Sears und durch die Praxis iranischer Gläubiger.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Synthese der Forschungsergebnisse und Reflexion über die zukünftige Entwicklung der Erinnerung im Falle eines möglichen Wiederaufbaus.
Schlüsselwörter
Bahā'ī, Bāb, Haus des Bāb, Pilgerstätte, kulturelles Gedächtnis, Erinnerung, Zerstörung, Iran, Islamische Revolution, Mahdī-Moschee, Identität, Gründungsmythos, William Sears, Pilgerpraxis, Machtdemonstration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung des Hauses des Bāb in Shiraz als Pilgerort und Erinnerungsraum sowie die Folgen seiner bewussten Zerstörung für das kollektive Gedächtnis der Bahā'ī-Gemeinde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Bahā'ī-Religionsgeschichte, die Theorie des kulturellen Gedächtnisses, das Phänomen der Pilgerreise sowie der Umgang mit religiöser Verfolgung und Identität im Iran.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Zerstörung einer zentralen Pilgerstätte als Versuch gewertet werden kann, Macht auszuüben, und wie sich das Erinnern der Gemeinschaft an diesen Ort durch den Verlust verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, insbesondere die Definitionen des kulturellen und kollektiven Gedächtnisses nach Jan und Aleida Assmann, sowie eine Analyse von Primärtexten und Zeitzeugenaussagen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Bedeutung des Hauses als Gründungsort, die Zerstörung durch staatliche Stellen und die Reaktion darauf durch das Universale Haus der Gerechtigkeit, in der Literatur und durch die informelle Pilgerpraxis vor Ort analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Bahā'ī, Haus des Bāb, Erinnerungskultur, Pilgerorte, religiöse Unterdrückung und kulturelles Gedächtnis.
Wie interpretieren die Bahā'ī den Bau der Mahdī-Moschee auf dem Gelände ihres zerstörten Hauses?
Während die iranische Regierung die Moschee als Machtsymbol gegen den Bāb nutzt, deuten die Bahā'ī sie paradoxerweise als ein Zeichen dafür, dass der Ort weiterhin, wenn auch indirekt, eine Ehrung des Bāb darstellt.
Welche Rolle spielt der Orangenbaum aus dem Haus des Bāb in der Erinnerung der Gläubigen?
Der Orangenbaum dient als symbolisches Medium der Erinnerung; seine durch Pilger verbreiteten Ableger weltweit werden als Zeichen der Unzerstörbarkeit und als Hoffnung auf einen zukünftigen Wiederaufbau verstanden.
- Arbeit zitieren
- Hanna A. Langer (Autor:in), 2013, Das Haus des Bāb als Ort der Erinnerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230358