Systemische Beratung. Theorie und Praxis der Hilfe zur Selbsthilfe


Seminararbeit, 2011

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Geschichte der systemischen Beratung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Der Begriff System
2.2 Strukturmerkmale von sozialen Systemen
2.3 Das Konzept der Autopoiese
2.4 Systemische Weltanschauung: der Konstruktivismus
2.5 Das systemische Problemverständnis

3 Praxis
3.1 Handlungsleitende Prinzipien und Grundhaltungen
3.2 Phasen der systemischen Beratung
3.3 Systemische Interventionen
3.4 Anwendungsbereiche

4 Kritische Bemerkungen

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Das Ganze ist immer mehr

als die Summe seiner Teile.“

(Aristoteles) [1]

Die moderne Leistungsgesellschaft verlangt den Menschen immer mehr Kompetenzen und Fähigkeiten ab, sowohl am Arbeitsplatz als auch im Alltag. In allen Schultypen begegnet man Schülern, die dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten. Darunter leiden nicht nur die Schüler, sondern auch deren Eltern, die solchen Herausforderungen meist nicht gewachsen sind. Ein Kreislauf, dem viele Betroffene nicht entfliehen können.

Doch oft ist das größte Problem des Klienten die Unfähigkeit, mit dem Problem an sich umzugehen und es aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Der systemische Beratungsansatz, mit dem sich die vorliegende Seminararbeit beschäftigt, öffnet dem Klienten neue Sichten und Perspektiven und verhilft ihm so zur Selbsthilfe – nach dem Motto: von einem Problem-Zustand zu einem Nicht-Problem-Zustand gelangen.

Die Seminararbeit trägt einen deskriptiven Charakter und verfolgt das Ziel, auf Basis der dargestellten theoretischen und praktischen Grundlagen, den systemischen Beratungsansatz zu beleuchten und die Relevanz der systemischen Beratung als eine Form der Hilfe zur Selbsthilfe aufzuzeigen. Es soll folgenden zentralen Fragen nachgegangen werden:

1. Was ist „systemisch“ an der systemischen Beratung?
2. Was sind die Besonderheiten der systemischen Beratung?
3. Welche Handlungsmöglichkeiten eröffnet ein systemischer Beratungsansatz?
4. Welche Rolle kommt dem Berater dabei zu?

Diese vier zentralen Fragen liefern den Handlungsrahmen für die vorliegende Arbeit und werden implizit abgehandelt. Zunächst wird ein Überblick über die Geschichte der systemischen Beratung gegeben. Danach erfolgt eine Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen. Dabei wird der Begriff „System“ erklärt und das dem systemischen Beratungsverständnis zugrunde liegende Konzept der Autopoiese sowie die konstruktivistische Weltanschauung dargestellt. Das nächste Kapitel befasst sich mit der Frage, was in der systemischen Beratung unter einem Problem verstanden wird. In den darauf folgenden Kapiteln erfolgt die Beschäftigung mit der Praxis, wobei Prinzipien und grundlegende Haltungen des Beraters sowie der Ablauf systemischer Beratung und ausgewählte Interventionen beleuchtet werden. Darüber hinaus soll die Rolle des Beraters in Augenschein genommen werden. Die Anwendungsbereiche, in denen ein systemischer Ansatz immer mehr Beliebtheit findet, sind Inhalt des nächsten Kapitels. Nach dem praktischen Teil sollen einige kritische Bemerkungen dargelegt werden. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse.

1 Geschichte der systemischen Beratung

Die folgende kurze Übersicht soll einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der systemischen Beratung vermitteln. Ihre Wurzeln reichen weit in die Geschichte der Psychotherapie hinein. In den 50er Jahren begannen erste Pioniere, das Feld der Einzel- und Gruppentherapie zu verlassen und mit Familien zu arbeiten. Auf solche Weise entstand die Familientherapie, die immer mehr Anhänger fand. Zugleich rückte die Bedeutung einer systemischen Perspektive, die Welt in einer bestimmten Weise zu sehen, immer mehr in den Vordergrund (vgl. Schlippe/Schweitzer 2002: 17). Diese Art Weltsicht geht auf die Atomphysik sowie die sogenannte „Unschärferelation“ zurück, die von Werner Heisenberg formuliert wurde, und besagt, dass beobachtete subatomare Teilchen während einer Beobachtung immer in Beziehung zum Beobachter stehen und durch diesen beeinflusst werden (vgl. Capra 1999: 82). Daraus entwickelte sich eine neue Theorie, in der Beziehungen zwischen verschiedenen Objekten im Mittelpunkt stehen.

Dieses Denken blieb nicht nur auf Physik beschränkt, sondern fand schnell auch in anderen Bereichen wie Kybernetik und Informatik Anwendung. In die Psychotherapie wurde die systemische Betrachtungsweise in den 50er Jahren in den USA einbezogen. Mehrere Gruppen beschäftigten sich mit Familien und leiteten daraus Regelzusammenhänge innerhalb der Familien ab. Sie verstanden die „Krankheit“ eines Familienmitgliedes (z.B. seine schizophrenen Symptome) nicht mehr als individuelles Problem, sondern als Ausdruck der vorherrschenden Beziehungsstruktur in der Familie und zogen daher bei der Behandlung die gesamte Familie mit ein. Die Kernidee der Familientherapie besteht also darin, das Problem eines einzelnen Mitgliedes nicht isoliert, sondern im Gefüge des Familien-Ganzen zu betrachten.

Bei der systemischen (Familien-) Therapie kann also nicht von einem Begründer gesprochen werden. Die Liste ihrer Vorläufer ist lang. Zu diesem Personenkreis gehörten vor allem Virginia Satir, die als Mutter der Familientherapie bezeichnet wird, Paul Watzlawick, Salvador Minuchin sowie Jay Haley. Auch in Psychologie und Psychotherapie sind einige Namen zu nennen, die den Weg in die systemorientierte Sichtweise bereiteten, z.B. Kurt Lewin mit seiner Feldtheorie, Jakob Moreno, der Begründer des Psychodramas, welcher den Menschen und sein soziales Umfeld als unauflösliche Einheit betrachtete, sowie Alfred Adler mit seiner Theorie der sozialen Determinierung menschlichen Verhaltens (vgl. Schlippe/Schweitzer 2002: 18).

Zunächst entwickelte sich die Familientherapie in verschiedene Richtungen, aus denen unterschiedliche Modelle erwachsen sind. Zu erwähnen sind zum einen das „Mental Research Institute“ in Palo Alto in Kalifornien, kurz MRI genannt, welches einen großen Einfluss auf die Entwicklung der systemischen Therapie hatte. In der Familientherapie wird dieses Modell als „Kommunikationsschule“ bezeichnet, da es die Kommunikationsmuster in Familien ins Zentrum der Arbeit rückte. Zu den MitbegründerInnen dieses Konzeptes gehörten unter anderem Don Jackson, Jules Riskin und Virginia Satir, später arbeiteten unter anderem Jay Haley, Paul Watzlawick, John Weakland und Richard Fisch dort (vgl. ebd.: 20). Besonderes Aufsehen erregte dieses Institut vor allem durch seine Studien zur Schizophrenie als Kommunikationsstörung in sozialen Gefügen (vgl. Kriz 2001: 243).

Zum anderen hatte das „Mailänder Modell“ für die Entwicklung der systemischen Therapie eine immense Bedeutung. Ihm sind die Begriffe Zirkularität, Neutralität sowie Methoden wie zirkuläres Fragen zu verdanken, die aus dem systemischen Werkzeugkasten nicht mehr wegzudenken sind. Zu den vier Therapeuten der Mailänder Gruppe gehörten Mara Selvini Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata (vgl. Schlippe/Schweitzer 2002: 26). Ihr erstes Arbeitsfeld waren Familien mit magersüchtigen Mitgliedern. Später begannen sie mit schizophrenen Mitgliedern zu arbeiten. In diesem Modell wird die Familie als ein regelgeleitetes System betrachtet: Wie bei jeder anderen Gruppe entwickeln sich Regeln auch in Familien. Diese beschreiben und begrenzen die Verhaltensspielräume der einzelnen Mitglieder. Die Macht liegt in den Spielregeln. Von daher ist jede Veränderung – so sehr die Familie auch darunter leidet – nicht unbedingt zum Vorteil der Familie, da das Spiel weitergehen muss (vgl. ebd.: 29).

In Deutschland lehnten sich die frühen Konzepte eng an die Psychoanalyse an, z.B. das familientherapeutische Modell Horst Eberhard Richters in Gießen, der 1971 die „Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung und Familientherapie“ gründete. Aus dieser ging später die „Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie“ (DAF) hervor, die bis heute als familientherapeutischer Verband aktiv ist. Ferner zählt die Arbeitsgruppe um Eckhard Sperling in Göttingen ebenfalls zu den psychoanalytisch ausgerichteten Pionieren. Auch das Heidelberger Modell der Arbeitsgruppe um Helm Stierlin entstand aus der Tradition psychoanalytischen Denkens. Weit verbreitet ist zudem das Konzept des Instituts für Familientherapie Weinheim, das 1975 von Maria Bosch gegründet wurde und von der Humanistischen Psychologie sowie vom Ansatz Virginia Satirs ausgeht. Zu nennen ist darüber hinaus die Hamburger Arbeitsgruppe um Kurt Ludewig, der 1992 unter Bezugnahme auf die Theorie Humberto Romesín Maturanas ein Konzept der „allgemeinen systemischen Therapie“ entwarf (vgl. Schlippe/Schweitzer 2002: 22).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das systemtheoretische Gedankengut keiner einzelnen Person zuzuschreiben, sondern als Ergebnis mehrerer hervorragender Persönlichkeiten zu betrachten ist, die alle einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der systemischen Beratung geleistet haben.

2 Theoretische Grundlagen

In den folgenden Kapiteln werden die theoretischen Grundlagen systemischer Beratung dargestellt, angefangen von dem Begriff System sowie Strukturmerkmalen von sozialen Systemen über das Konzept der Autopoiese und die konstruktivistische Theorie bis zum systemischen Problemverständnis, das dieses Kapitel beschließt.

2.1 Der Begriff System

Systemisch ist vom griechischen Wort to systema abgeleitet. Ursprünglich bedeutet ein System das „aus mehreren Teilen zusammengesetzte und gegliederte Ganze“. Gemeint ist dabei nicht nur die systematische Ordnung von Dingen, sondern vielmehr ihre geordnete Vernetzung (vgl. Brunner 2007: 655). In diesem Sinne kann systemische Beratung als ganzheitliche bzw. vernetzende Beratung bezeichnet werden.

Der Systembegriff hat sich darüber hinaus im Laufe der Jahre mit den theoretischen Konzepten, denen er entspringt, verändert. So unterscheiden Schlippe/Schweitzer (1996: 55) zwischen lebenden und nichtlebenden Systemen. Dabei gelten in beiden unterschiedliche Dynamiken. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass sich lebende Systeme durch eine besondere Eigendynamik auszeichnen, die sie aktiv aufrechterhalten. Dies geschieht beispielsweise durch ein bestimmtes Verhalten. In diesem Zusammenhang führte Heinz von Foerster (1988: 33, zitiert in ebd.: 56) für diese Unterscheidung den Begriff der „trivialen“ und „nichttrivialen Maschinen“ ein. Während Erstere für einen Beobachter potenziell vollständig durchschaubar und von ihm steuerbar sind, befinden sich Letztere im ständigen Wandel und weisen eine Eigendynamik auf, die sich der genauen Analyse und Beeinflussung von außen entzieht. Lebende, dynamische Systeme sind infolgedessen so komplex, dass sie über eine potenziell unendlich große Bandbreite von Verhaltensmöglichkeiten verfügen. Daraus ergibt sich die These der Unmöglichkeit, ein nichttriviales System zu berechnen. Aus dieser Komplexität folgt die Unmöglichkeit der Vorhersage der verschiedenen Möglichkeiten einer Reaktion oder Handlung. Dies hat zur Folge, dass Elemente eines Systems und deren Verknüpfung nicht mehr gänzlich, sondern nur zu einem Bruchteil erfasst werden können, da vieles kontingent bleibt (vgl. Miller 2001: 47). Wenn beispielsweise ein Berater den Klienten mit seiner Sicht eines bestehenden Problems konfrontiert, kann er nie sicher sein, wie dieser darauf reagieren wird. Dies verkompliziert sich insbesondere bei Klienten mit anderem kulturellen Hintergrund.

[...]


[1] http://www.zitate-online.de/, letzter Zugriff am 15.09.2011.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Systemische Beratung. Theorie und Praxis der Hilfe zur Selbsthilfe
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Grundlagen der Diagnostik und Beratung
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V230400
ISBN (eBook)
9783656458968
ISBN (Buch)
9783656459866
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische Beratung, Psychologische Beratung, Psychologie
Arbeit zitieren
M.A., B.A. Natalia Lemdche (Autor), 2011, Systemische Beratung. Theorie und Praxis der Hilfe zur Selbsthilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230400

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Systemische Beratung. Theorie und Praxis der Hilfe zur Selbsthilfe



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden