Der Soldat als gesellschaftlicher Außenseiter in Georg Büchners Woyzeck und Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür


Bachelorarbeit, 2013
36 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Büchner: Woyzeck
1.1 Vorbemerkung zur Textgrundlage
1.2 Der gesellschaftliche Außenseiter Woyzeck
1.3 Der historische Entstehungskontext
1.4 Das Militär und die Figur des Woyzeck

2 Fazit und Überleitung

3 Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür
3.1 Die Figur des Beckmann
3.2 Der historische Entstehungskontext

4 Vergleich der Figuren

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

Einleitung

„ Ich hoffe noch immer, daß ich leidenden gedrückten Gestalten mehr mitleidige Blicke zugeworfen, als kalten, vornehmen Herzen bittere Worte gesagt habe."[1]

Mit der Figur des Woyzeck entwirft Georg Büchner Anfang des 19. Jahrhunderts einen radikal neuen Protagonisten. Als einfacher Soldat entstammt er der untersten Schicht gesellschaftlicher Rangordnung. Andere überlegene Mitmenschen nutzen ihn gnadenlos aus und behandeln ihn menschenunwürdig. Woyzeck kann sich diesem Verhalten nicht widersetzen und sein Leben ist gekennzeichnet durch seine Handlungsunfähigkeit. Determiniert durch diese sozialen Umstände kann er sich nicht wehren und wird zum Mörder der Mutter seines einzigen Kindes.

Georg Büchner hinterlässt mit seinem Fragment eine innovative Art von Literatur, die sich den strengen Vorschriften des klassischen Dramas widersetzt. Weder die literarische Gestaltung noch die Handlungsweise der Protagonisten orientieren sich am antiken Ideal. Es steht nicht mehr die moralische Überlegenheit eines Helden im Vordergrund, sondern das Alltagsleben der verarmten Unterschicht und die großen sozialen Unterschiede seiner Zeit. Der dort beschriebene Prototyp Woyzeck, der abseits der Gesellschaft lebt, weil er weder seine Lebensumstände beeinflussen noch sein eigenes Leben frei bestimmen kann, findet seither oft Einzug in die Literatur verschiedenster Epochen. Ein äußert prägnantes Beispiels sind die Außenseiterfiguren der Nachkriegsliteratur. Gerade in dieser literarischen wie historischen Epoche des Neuanfangs nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches tritt diese elende Außenseiterfigur wiederholt auf. Das Scheitern der vergangenen, nationalsozialistischen Ideologie, welche die Figur des (deutschen) Helden maßlos überhöhte, ruft literarische Gestalten hervor, die sich auffallend konträr zu diesem Ideal verhalten und keineswegs heroisch oder vorbildlich handeln. Exemplarisch soll hier die Figur des Beckmann in Borcherts Drama Draußen vor der Tür betrachtet werden: Der Kriegsheimkehrer, der seinen alten Platz in der Gesellschaft sucht, aber nicht mehr einnehmen kann, weil der unmenschliche Krieg zwischen ihn und die Gesellschaft gerückt ist. Beckmann ist somit zugleich Repräsentant der Nachkriegsjahre als auch eine Außenseitergestalt, die sich jeder heroischen Überhöhung entzieht. Weder Woyzeck noch Beckmann haben die Möglichkeit, ihr Leben positiv zu beeinflussen und sich in eine Gesellschaft zu integrieren. Sie verbleiben so zwangsläufig außerhalb der Gesellschaft. Die folgende Arbeit wird die unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexte dieser beiden Außenseiterfiguren betrachten und so Gründe für ihre Rolle aufzeigen. Im Zentrum stehen dabei die Fragen, aus welchen (unterschiedlichen) Faktoren diese beiden Protagonisten zu Außenseitern der Gesellschaft werden und weshalb sie außerhalb der Gesellschaft verbleiben müssen.

Obgleich offensichtlich ist, dass beide Werke in unterschiedlichen gesellschaftlich-sozialen Kontexten entstanden sind, gibt es neben Unterschieden auch Gemeinsamkeiten, die anhand der ähnlichen Figuren des Woyzeck und Beckmann beschrieben werden können. Der Fokus liegt dabei auf dem Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Außenseitertum beider Protagonisten und ihrer Tätigkeit als einfache Soldaten, die Befehle ausführen und dabei gleichzeitig außerhalb der Gesellschaft stehen und von ihr ausgegrenzt und sogar geächtet werden. Diese Situierung in den soldatischen Kontext erfüllt bei diesen Außenseiterfiguren nämlich eine entscheidende Funktion. Um die Grausamkeiten eines Krieges aus dem gesellschaftlichen Zentrum auszusparen, muss auch die Verkörperung dessen, nämlich der (einfache) Soldat, außerhalb der Gesellschaft verweilen. Der Soldat wird so als ein Grenzgänger gezeigt, der zwar einerseits ein fester, unverzichtbarer Baustein der Gesellschaft ist, andererseits aber auf Grund seiner Tätigkeit wenig geschätzt und gerne isoliert wird. Diese These soll im Folgenden untersucht werden. Zum einen wird die Figur des Woyzeck als Vorlage betrachtet, die den Soldaten als unterste Stufe des Menschen zeigt, der die unangenehmen, aber notwendiger Pflichten erfüllt, einer gesellschaftlichen Mitte jedoch nicht angehören darf. Das Dramenfragment Büchners stellt den einfachen Soldaten als Opfer der gesellschaftlichen Determination zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Literatur so radikal dar. Zum anderen soll die Figur des Beckmann betrachtet werden, der als Kriegsheimkehrer sinnbildlich „draußen vor der Tür“ verweilen muss und nicht etabliert werden darf. Er ist ein Repräsentant für den Versuch, die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges aus der Gesellschaft auszusperren, um sie nicht zu thematisieren. Niemand will sich mit seinem schlechten Gewissen auseinandersetzen, das ihn, ausgelöst durch das Bewusstwerden seiner eigenen Verantwortung, lebensmüde macht.

Die Figuren des Woyzeck und des Beckmann sowie deren sozial-gesellschaftlicher Entstehungskontext werden zunächst in separaten Kapiteln untersucht und in ihrer Außenseiterrolle manifestiert. Der literarische Vorgänger Woyzeck steht dabei im Fokus und dient als Vorlage für die Untersuchung Beckmanns. Abschließend werden beide Figuren anhand ausgewählter Merkmale vergleichend gegenübergestellt.

1 Büchner: Woyzeck

1.1 Vorbemerkung zur Textgrundlage

Bevor der Blick auf die Figur des Woyzeck in Büchners gleichnamigem Drama gerichtet wird, soll ein kurzer Überblick über den verwendeten Text gegeben werden. Da es sich bei diesem letzten literarischen Werk vor dem Tode Büchners um ein Fragment handelt, das in vier Handschriften überliefert ist, die jeweils unterschiedliche Arbeitsschritte widerspiegeln, muss bei der Frage nach dem Inhalt auch immer die Frage nach dem zugrunde gelegtem Text erläutert werden. Die folgende Arbeit orientiert sich auf Grund der guten Lesbarkeit in allen Zitaten und Verweisen an der Lese- und Bühnenfassung der Studienausgabe[2], der, ediert von Thomas Michael Mayer und herausgegeben von Burghard Dedner, auf Grund der Mitwirkung dieser beiden ausgesprochenen Büchner-Experten ein hoher Grad an Zuverlässigkeit zugeschrieben werden darf. Dennoch sollen einige Anmerkungen zu der Gestalt dieser Fassung eingefügt werden. Die zugrunde gelegte Lese- und Bühnenfassung folgt bis zur 17. Szene der letzten Entwurfshandschrift H 4, danach der ersten Entwurfshandschrift H 1. Daneben sind zwei Szenen mit Hilfe von H 1 und H 2 aufgefüllt worden.[3] Meiner und der Ansicht der meisten Büchner-Forscher nach ist es äußert plausibel der letzten überlieferten Entwurfshandschrift H 4 so weit wie möglich zu folgen. Die in der Studienausgabe vorgenommenen Ergänzungen werden dagegen in der Forschung kontrovers diskutiert[4], was an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben soll, aber für den Fokus dieser Arbeit, nämlich der Charakterisierung des Woyzeck, vernachlässigt werden darf, denn diese Arbeit konzentriert sich auf die Figur des Woyzeck als Außenseiter. Für diesen Zweck soll möglichst die letzte überlieferte Handschrift betrachtet werden, da dieser am ehesten zu unterstellen ist, dass sie der fiktiven endgültigen Fassung des Autors am nächsten kommt. Ein Vergleich der Darstellung des Woyzeck in den verschiedenen Handschriften wird indes nicht vorgenommen, da dies für den Vergleich der beiden Außenseiterfiguren Woyzeck und Beckmann unerheblich ist.

Die Benutzung der Studienausgabe ist auch dadurch zu legitimeren, dass alle Einschübe deutlich sichtbar und nachvollziehbar gekennzeichnet sind. Ebenso wie Beise[5] teile ich die Ansicht, dass die Überlieferung als unfertiges Fragment, dessen geplante Fassung eben wegen der Unabgeschlossenheit nicht zu rekonstruieren ist, als spezifisches Faktum dieses Dramas angenommen werden muss. Deshalb müssen entweder alle Entwurfsstadien für sich betrachtet werden oder, falls dies nicht geleistet werden soll, ein plausibler Vorschlag, der in weiten Teilen der letzten überlieferten Handschrift folgt, zu Hilfe genommen werden.

1.2 Der gesellschaftliche Außenseiter Woyzeck

Zur folgenden Manifestierung des Woyzeck als gesellschaftlicher Außenseiter werden vor allem jene Szenen betrachtet, in denen der Protagonist selbst handelt oder andere Personen von ihm sprechen. Dabei soll aus genannten Gründen die letzte überlieferte Handschrift H 4 im Vordergrund stehen.[6] Um der Interpretation des Werkes als Zusammenstellung von Einzelszenen gerecht zu werden, soll die Charakterisierung des Woyzeck als gesellschaftlicher Außenseiter anhand einzelner Kriterien vorgenommen werden.

Das vordergründigste Merkmal seiner gesellschaftlichen Außenseiterrolle ist seine Herkunft aus der niedrigsten sozialen Schicht. Zwar definiert diese Woyzeck im Grunde als Teil einer Gesellschaft. Seine Außenseiterrolle manifestiert sich jedoch schon dadurch, dass er zwar seinen gesellschaftlichen Pflichten nachkommen muss, aber keinerlei Vorteile durch die Gesellschaft erfährt, weil er ausschließlich damit beschäftigt ist, sein eigenes und das Überleben seiner Familie zu sichern. Er ist aus diesem Grund von dem gesellschaftlich-sozialen Leben ausgeschlossen. Selbst bei einem Wirtshausbesuch wird er mit seiner Außenseiterrolle konfrontiert, indem er dem sozial besser gestellten Tambour-Major in einer physischen Auseinandersetzung unterliegt. Ein grundlegendes Merkmal seiner niedrigen sozialen Stellung ist seine Tätigkeit als einfacher Soldat: Woyzeck ist nach eigenen Angaben „geschworener Füsilir“.[7] Er steht also in der strengen militärischen Rangordnung auf einer der untersten Stufen.[8] Die abwertende Beurteilung dieses soldatischen Rangs wird zum Beispiel in der Behandlung durch die Vorgesetzten deutlich, die noch genauer thematisiert wird. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass sein Beruf ihm und seiner Familie kaum die Existenz sichert. Eine allgemeine Bewertung des Soldatenberufs im Drama fällt ebenfalls äußert negativ aus: „Der Aff’ ist schon ein Soldat, s’ist noch nit viel, unterst Stuf von menschliche Geschlecht.“ (Büchner, H 2, Szene 3, S. 13, V. 4-6) Mit diesem Vergleich wird deutlich, dass Woyzeck als Soldat lediglich zu gehorchen hat und keine eigenen Gedanken entwickeln soll. Die Tatsache, dass er seine Identität von einem Zettel abliest (Büchner, S. 34, V. 4-8), verstärkt diesen Eindruck. Woyzeck ist als Soldat kein eigenständig agierendes Individuum, sondern Befehlsempfänger: „Er steht unter dem Druck der Militärdisziplin und unterliegt der abstumpfenden Routine des Dienstes, dem Exerzieren mechanisierter Griffe und Schritte, dem öden Wacheschieben, Antreten zum Appell “.[9] Deutlich werden dieser unterdrückende Zwang und Drill, dem Woyzeck in seinem Beruf ausgesetzt ist, an der Reaktion seines Kameraden Andres auf einen Trommelwirbel, der sie vermutlich zum Appell ruft: „Hörst du? Sie trommeln drin. Wir müssen fort“ (Büchner, S. 10, V. 4-5, eigene Hervorhebung). Obwohl Woyzeck gerade noch unter einer Wahnvorstellung litt, reagiert Andres sofort und unreflektiert auf das militärische Signal. Der militärische Drill hat also beide Soldaten auf die reflexartige Ausführung von Befehlen reduziert. Woyzecks Außenseiterrolle drückt sich ebenso dadurch aus, dass er keine Möglichkeit hat, seine Lage zu verbessern, denn er ist vermutlich nicht freiwillig in die Armee eingetreten oder kann zumindest nicht ohne existenzielle Konsequenzen austreten. Die einfache militärische Tätigkeit bietet ihm und der Familie die einzige Möglichkeit, zu überleben. An Insubordination und Befehlsverweigerung, also Ausdrücke von Selbstbestimmung, ist in seiner Situation nicht zu denken. Obwohl das Einkommen sehr gering ist, bildet es zugleich seine Existenzgrundlage. Glück bringt diese Zwangsituation auf den Punkt, wenn er die Möglichkeiten auf drei reduziert, die Woyzeck blieben, wenn er nicht den Befehlen gehorchte: Er könnte mit Marie und dem Kind betteln, seine Familie verlassen oder Marie zur Prostitution zwingen.[10] Die Entmenschlichung und Entwürdigung, die Woyzeck in dem militärischen Bereich erfährt, sind ein wesentlicher Teil seiner gesellschaftlichen Isolation.

Woyzeck fühlt sich verantwortlich für seine Familie und geht deshalb seinem Dienst als Soldat pflichtbewusst und ohne einen wirklichen Versuch des Aufbegehrens nach. Seine elende Situation verstärkt sich dadurch, dass sein Sold trotzdem nicht reicht, um sich und seiner Familie eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen.[11] Sie müssen in Armut leben. Diese Armut zeigt sich beispielsweise daran, dass Woyzeck sich mit dem Kollegen Andres ein Bett teilen muss (Büchner, S. 30, V.12). Seine Geliebte Marie bezeichnet sich darüber hinaus selbst als ein „arm Weibsbild“ (Büchner, S. 15, V. 20) und sehnt sich nach einer reichen Existenz: „Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel […]“ (Büchner, S. 15, V. 14-15). Besonders deutlich wird diese Sehnsucht nach einem materiell besser gestellten Leben in ihrem Verhalten dem Tambourmajor gegenüber. Der materielle Wert jener Ohrringe, die Marie von ihm als Geschenk erhalten hat, versetzt sie in Entzückung: „Was die Steine glänzen!“ (Büchner, S, 15, V. 5) „S’ ist gewiß Gold!“ (Büchner, S. 15, V. 14). Schließlich betrügt sie Woyzeck mit dem Tambourmajor, weil sein höherer gesellschaftlicher Rang und sein Reichtum einen sexuellen Reiz auf die verarmte Marie ausüben und ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben ein Stück weit lindert: „Geh einmal vor dich hin.- ueber die Brust wie ein Stier und ein Bart wie ein Löw…So ist keiner…Ich bin stolz vor allen Weibern“ (Büchner, S. 19, V. 16-19). Es wird deutlich, dass Woyzeck seiner Geliebten keine derartigen Geschenke machen und ihr kein gesellschaftlich angesehenes Leben bieten kann, obwohl er sich für die Familie verantwortlich fühlt und für sie von Tätigkeit zu Tätigkeit hetzt. Er kann sich nicht dagegen zur Wehr setzten, dass er sein „Liebstes“ mit Anderen teilen muss und ihm so seine soziale Existenz genommen wird, indem ihm nichts Eigenes mehr bleibt.

Das uneheliche Kind isoliert darüber hinaus sowohl Marie als auch Woyzeck unwiderruflich von der Gesellschaft. Es wird sehr deutlich, dass ein außerehelicher Nachkomme den geltenden Moralvorstellungen widerspricht:

„Woyzeck, er hat keine Moral! Moral ist, wenn man moralisch ist, versteht er. Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind, ohne Segen der Kirche, wie unser hochehrwürdiger Herr Garnisonsprediger sagt, ohne den Segen der Kirch, es ist nicht von mir.“[12]

Weder Woyzeck noch Marie können sich also an die moralischen Gesetzte der Gesellschaft halten. Für eine Akzeptanz und moralische Legalisierung des Kindes wäre zumindest eine Heirat von Nöten. Diese ist aber auf Grund der materiellen Not nicht durchführbar. Es bleibt ihnen also nur die Möglichkeit, in der Amoralität zu verweilen. Es zeigt sich so ein großes Gefälle zwischen den gesellschaftlichen Profiteuren und dem Außenseiter Woyzeck. Woyzeck führt einen täglichen Überlebenskampf. Für moralische Bedenken um ein außereheliches Kind und gesellschaftliche Werte wie Ehrwürdigkeit fehlen ihm das Auskommen, die Zeit und die sozialen Möglichkeiten.

Darüber hinaus wird seine soziale Außenseiterstellung dadurch noch verstärkt, dass Woyzeck zahlreiche entwürdigende Aufgaben für besser gestellte Mitglieder der Gesellschaft übernehmen muss, um sein eigenes und das Überleben seiner Familie zu sichern. Er ist einem permanenten Zeitdruck ausgesetzt, um weitere Einnahmequellen zu erfüllen bzw. zu erschließen. Es wird zum Beispiel gezeigt, wie er einen Hauptmann rasiert (Büchner, S. 5, V. 18- ). Inwieweit diese Tätigkeit zu den Aufgaben eines Füsiliers gehört, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Sie ist unter Umständen auch nicht per se als unwürdig zu beurteilen, dennoch wird die elende Existenz Woyzecks durch die Behandlung, die er durch den Hauptmann erfährt, deutlich. Der Hauptmann führt quasi einen Monolog und Woyzeck reagiert lediglich auf die sinnleeren, pseudophilosophischen Tiraden, meist mit einem vorschriftsmäßigen „Ja wohl“. Eigene Impulse bringt Woyzeck in das Gespräch kaum ein: „Wenn er auch nur im Geringsten aus der Rolle fällt und dazu ansetzt, ungefragt und von sich aus zu reden, wird ihm sogleich das Wort abgeschnitten, wie vom Doktor, der ihn in H4, 8 zusammenstaucht […]“.[13] Während er ihn rasiert, spricht der Hauptmann Woyzeck durchgehend indirekt an, so z.B. Büchner, S. 17. V. 1-2: „Theil er sich ein, Woyzeck“. So wird deutlich, wie wenig der Hauptmann ihn als würdigen Gesprächspartner, geschweige denn als Teil seiner Gesellschaft wahrnimmt. Diese entwürdigende Behandlung wird besonders deutlich mit der „pfiffigen“ List des Hauptmann, indem er behauptet, der Wind komme aus „Süd- Nord“ (Büchner, S. 17, V. 24). Woyzeck reagiert gewohntermaßen mit einem „Ja wohl“ und wird daraufhin vom Hauptmann als „abscheulich dumm“ (Büchner, S. 17, V. 27) verspottet. Es ist eindeutig, dass Woyzeck zum einen darauf konditioniert ist, einem Vorgesetzten nicht zu widersprechen, auch wenn dieser offensichtlich törichten Unsinn redet, zum anderen dass er dem Hauptmann gar nicht richtig zuhört, da er zu sehr mit dem eigenen Existenzkampf beschäftigt ist. Er hetzt von Einnahmequelle zu Einnahmequelle, nur um seine magere Existenz zu sichern. Da Woyzeck in ständiger Eile ist, ist es ihm überhaupt nicht möglich, mit anderen in Kommunikation zu treten. Seine Vorgesetzten bringen ihm keinerlei Verständnis entgegen. Da ein Großteil zwischenmenschlicher Beziehungen aber erst durch Kommunikation entstehen kann, ist seine Isolierung von der Gesellschaft absolut.

Ein weiteres Merkmal seiner Isolation ist die sinnbildliche „Ver-rücktheit“ Woyzecks, die ihn eindeutig außerhalb der gesellschaftlichen Norm ansiedelt. Bezeichnenderweise stammt eine wesentliche Ursache dieser „Ver-rücktheit“ von einem angesehenen und damit äußert festen Mitglied der Gesellschaft, dem Doktor. Ziemlich wahrscheinlich ist dessen Erbsen-Experiment nämlich Auslöser der Wahnvorstellungen Woyzecks, denn diese sind Symptome der einseitigen Diät.[14] Gleich zu Beginn des Dramas wird beschrieben, wie Woyzeck sich von Stimmen verfolgt fühlt, die er Freimaurern zuschreibt (vgl. Büchner, S. 9). Offensichtlich handelt es sich hier um eine Wahnvorstellung, denn die Ereignisse, die Woyzeck beschreibt, nimmt sein Gesprächspartner Andres nicht war. Eine unbekannte Macht scheint Woyzeck zu bedrohen, die er weder verstehen noch beeinflussen kann. Betrachtet man die gesellschaftlichen Folgen dieser Verrücktheit, wird deutlich, dass sie Woyzeck eindeutig von dem gesellschaftlichen Leben isoliert. Da die Gesellschaft ihn und sein abnormales Verhalten, das sich in den Wahnvorstellungen äußert, verachtet, muss er sich zwangsläufig außerhalb ihrer Normen bewegen. Der Doktor, der (teilweise) als Verursacher der Wahnvorstellungen gelten darf, symbolisiert und pervertiert diese gesellschaftliche Ablehnung gleichermaßen, indem er seine Nützlichkeit auf die eines Versuchsobjekt reduziert: „Er ist ein interessanter casus, Subject, Woyzeck er kriegt Zulage“ (Büchner, S. 23, V. 11-12). Woyzeck wird von ihm nicht einmal mehr als Teil der Gattung Mensch betrachtet. Auch auf seine Verirrung reagiert der Arzt nicht in seiner gesellschaftlichen Funktion als Heiler, sondern beurteilt sie lediglich als Aspekt seines Ernährungsexperimentes. Die gesellschaftliche Isolation korrespondiert hier mit seiner Entmenschlichung und Entwürdigung. Seine gesundheitlichen und sozialen Probleme finden keine Beachtung und niemand fühlt sich ihm gegenüber verantwortlich. Woyzeck leidet an den unmenschlichen Zuständen, durch die sein Leben determiniert ist. Sein Leid „manifestiert sich als Verrückt-Sein, als Anders-Sein“.[15] Die gesellschaftlichen Zustände bieten ihm keine andere Möglichkeit, und in der Person des Doktors ist die Gesellschaft aktiv beteiligt, ihn zu diskreditieren und zu isolieren. In einem Gespräch mit dem Hauptmann erkennt Woyzeck seine Lage selbst äußert genau: „Unsereins ist doch einmal unseelig in der und der andern Welt“ (Büchner, S. 18, V. 15-16) Die Tatsache, dass er sich trotzdem nicht aus seiner Lage befreien kann, manifestiert seine Außenseiterrolle.

Die mangelnde Akzeptanz und Inhumanität, die ihm von der Gesellschaft entgegengebracht wird, kann Woyzeck nur mit Hilfe seiner einzigen festen sozialen Bindung zu Marie und dem Kind ertragen. Sein Bestreben, für beide zu sorgen, begründet sein Hetzen von einer entwürdigenden Tätigkeit zur nächsten. Als Marie ihn dann aber mit dem sozial besser gestellten Tambourmajor betrügt, wird auch dieser letzter Halt ausgelöscht und es kommt zur Katastrophe. Wie Geltinger richtig feststellt, hätte der Betrug automatisch einen Ehrverlust zur Folge, wenn Woyzeck zumindest ein Mitglied der (bürgerlichen) Gesellschaft wäre. Er steht jedoch soweit unten, dass man ihm jede Ehre abspricht.[16] Den Betrug an seiner Marie kann er nur noch hilflos von außen durch ein Fenster beobachten und kann wegen seiner materiellen und physischen Unterlegenheit nicht eingreifen, um Vergeltung zu üben (Büchner, S. 28, V. 27-29). Woyzeck wird durch die Behandlung seiner Mitmenschen immer mehr in eine ausweglose Situation gedrängt. Schließlich verliert er durch seinen Mord an Marie auch das Letzte, was ihm sozialen Halt gegeben hat. Die Tötung kommt einer Selbstzerstörung gleich und manifestiert ihn gleichzeitig als einen isolierten Außenseiter der Gesellschaft. Der Mord ist der Höhepunkt seiner Tragödie und beraubt ihn endgültig und unwiderruflich aller Handlungsoptionen.

[...]


[1] Brief Georg Büchners an die Familie vom Februar 1834.In: Büchner, Georg: Sämtliche Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentation und Kommentar (Marburger Ausgabe). Hrsg. v. Burghard Dedner und Thomas Michael Mayer. Band 10.Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2012 , S. 33.

[2] Vgl. Georg Büchner: Woyzeck. Studienausgabe. Nach der Edition von Thomas Michael Mayer herausgegeben von Burghard Dedner. Stuttgart: Reclam 1999.

[3] Ebd., S. 201-208.

[4] Vgl.: Dedner, Burghard: Die Handlung des Woyzeck: wechselnde Orte – »geschlossene Form«. In: Georg-Büchner-Jahrbuch 7 (1988/89) , S. 144-170.

[5] Vgl. Beise, Arnd: Einführung in das Werk Georg Büchners. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010, S. 116.

[6] Werden Zitate oder Belege anderer Handschriften verwendet, werden diese eigens gekennzeichnet.

[7] Büchner, Georg: Woyzeck. Studienausgabe, S. 34, V. 5. Im Folgenden wird der Nachweis kurzer Textbelege auf Grund der besseren Lesbarkeit jeweils direkt im Anschluss an das Zitat in Klammern angefügt.

[8] Vgl.: Borgards, Roland/ Neumeyer, Harald (Hrsg.): Büchner Handbuch, Leben-Werk-Dichtung. Stuttgart/Weimar: Metzler 2009, S. 188.

[9] Glück, Alfons: Militär und Justiz in Georg Büchners "Woyzeck". In: Georg-Büchner-Jahrbuch 4 (1984) , S. 230.

[10] Vgl.: Glück, Alfons: Militär und Justiz in Georg Büchners "Woyzeck", S.233.

[11] Vgl.: Borgards, Roland/ Neumeyer, Harald (Hrsg.), S. 188: „Der Sold der Mannschaften, zu denen

Woyzeck zählt, war dabei so knapp bemessen, dass er nur für den nötigsten Lebensunterhalt der Soldaten knapp ausreichte, nicht aber für den Unterhalt einer Familie.“

[12] Büchner, Georg: Woyzeck. Studienausgabe, S. 17, V. 29-32- S. 18, V.1-2.

[13] Glück, Alfons : Militär und Justiz in Georg Büchners "Woyzeck", S.230.

[14] Vgl.: Glück, Alfons: Der Menschenversuch. Die Rolle der Wissenschaften in Georg Büchners Woyzeck. In Georg-Büchner- Jahrbuch 5 (1985) , S. 147.

[15] Füllner, Karin: Wahnsinn als Anklage. Sozialkritik in Georg Büchners Woyzeck und Richard Huelsenbecks Azteken oder die Knallbude. Eine militärische Novelle. In: Georg-Büchner-Jahrbuch 5 (1985), S. 323.

[16] Vgl.: Geltinger, Kathrin: Der Sinn im Wahn.„Ver-rücktheit“ in Romantik und Naturalismus, Marburg: Tectum Verlag 2008, S. 75-76.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Der Soldat als gesellschaftlicher Außenseiter in Georg Büchners Woyzeck und Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
36
Katalognummer
V230524
ISBN (eBook)
9783656466345
ISBN (Buch)
9783656466604
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soldat, außenseiter, georg, büchners, woyzeck, wolfgang, borcherts, draußen
Arbeit zitieren
Sören Witt (Autor), 2013, Der Soldat als gesellschaftlicher Außenseiter in Georg Büchners Woyzeck und Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230524

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