Der Geist in der Kategorie des Lebens bei Helmuth Plessner


Ausarbeitung, 2013

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Positionalität: Die Kategorie des Lebendigen
2.1. Offene Positionalität
2.2. Geschlossene Positionalität
2.3. Zentrische Positionalität
2.4. Exzentrische Positionalität

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

Als Menschen leben wir ganz alltäglich mit dem Phänomen, zugleich einerseits Subjekt unseres Bewusstseins zu sein und andererseits „als Natur, als Ding, als Objekt kausaler Determination“[1] zu erscheinen. Auch in den Humanwissenschaften bestehen die beiden Perspektiven auf den Menschen nebeneinander, gibt es einerseits Messungen, Werte und Modelle von Wirkungszusammenhängen, andererseits das Erleben und die Erfahrung eines Ich. Und doch greifen beide Aspekte ineinander. In „Vom Lachen und vom Weinen“ schreibt Helmuth Plessner:

„Ich gehe mit meinem Bewußtsein spazieren, der Leib ist sein Träger, von dessen jeweiligem Standort der Ausschnitt und die Perspektive des Bewußtseins abhängen; und ich gehe in meinem Bewußtsein spazieren, und der eigene Leib mit seinen Standortveränderungen erscheint als Inhalt seiner Sphäre.“[2]

Helmuth Plessner nennt dies den Doppelaspekt sowohl des Menschen als auch eines jeden Dinges, das in der Wahrnehmung ein Innen und ein Außen hat. Plessners erklärte Absicht ist es, die Subjekt-Objekt-Trennung in der Wesensbestimmung des Menschen aufzuheben und die Kategorie des Geistes wieder in die Kategorie des Lebens einzufügen.

Ich möchte Helmuth Plessners Forderung aufgreifen, dass die anthropologische Charakterisierung des Menschen weder ausschließlich mit den begrifflichen Instrumenten der Naturwissenschaft, noch nur mit denen der Psychologie oder Bewusstseinsphilosophie erfolgen dürfe. Denn weder eine Konzentration auf die Bewusstseinsvorgänge des Menschen, die seine Gebundenheit an das Körperliche vernachlässigt, noch eine naturwissenschaftliche Herangehensweise, die die Körperlichkeit auf vermessbare, quantitative Größen reduziert, kann dem Menschen gerecht werden. Und da weder der Geist mit Hilfe metaphysischer Kategorien oder eines idealistischen, sich selbst setzenden Ich die Verknüpfung von Physis und Psyche erklären kann, noch andersherum die geistige Dimension durch Biologie, Evolutionstheorie oder auch heute durch die Hirnforschung „naturalisiert“ werden kann, versucht Helmuth Plessner eine Perspektive zu entwickeln, die sowohl körperliche als auch geistige Ebene des Menschen zusammenschließt. Als Methode, um die gemeinsame Grundlage hinter den in Metaphysik und Wissenschaft getrennten Perspektiven zu finden, wählt Helmuth Plessner eine bio­phänomenologische Strukturanalyse der menschlichen Lebensform.

Für seine philosophische Anthropologie setzt Plessner an der Eigenschaft des Menschen an, belebt zu sein. Denn diese Eigenschaft führt dazu, dass der Mensch den der Subjekt-Objekt-Trennung zu grunde liegenden Doppelaspekt von Innen und Aussen selbst realisiert. So fragt Plessner zum einen nach der Kategorie des Lebendigen und zum anderen, welche Form der Realisierung des Doppelaspektes und der eigenen Grenze den Menschen ausmacht und wie der Geist in seine biologischen Grenzen eingebunden werden kann. Das Phänomen Leben gesteht den verschiedenen Lebensformen sowohl physische als auch darüber hinaus dynamische Eigenschaften zu, die nicht nur koexistieren sondern eine gemeinsame Existenz bilden. Das Geistige soll sich also ebenso am Physischen zeigen wie andersherum das Physische am Geistigen. Letztlich will Plessner „die naturgewachsene Existenz des Menschen in der Welt als Organismus in der Reihe der Organismen“[3] einordnen.

Plessners Untersuchung beginnt mit dem oben erwähnten Doppelaspekt „des gewöhnlichen Wahrnehmungsdinges“, führt über den Begriff der Grenze zur Grundkategorie des Lebendigen, der Positionalität. Entsprechend dem phänomenologischen Vorgehen wird Positionalität anhand der Lebensformen bzw. den „Stufen des Organischen“ unterschieden, woraus sich aufeinander aufbauend die Kategorien der offenen Positionalität der Pflanze, der zentrischen Positionalität des Tieres und schließlich der exzentrischen Positionalität des Menschen und drei anthropologische Grundgesetze für ihn ergeben. Aus der grundlegenden Eigenschaft belebt zu sein leitet Plessner sowohl Bedingungen der menschliche Verfasstheit als auch eine Perspektive ab, um die Subjekt-Objekt-Trennung zu überwinden und den Menschen als einheitliches Ganzes, als Individuum, zu behandeln. Da es Plessners ausdrückliches Ziel ist, den Menschen als Lebewesen in der Kategorie Leben zu verorten, werden in dieser Arbeit in der Kategorie des Lebendigen die auf einander aufbauenden Stufen des Organischen genauer betrachtet, aus denen heraus die Kategorie des Menschen erwächst. Was taugt also als Kategorie des Lebendigen, die alle Formen der Lebendigkeit auszeichnet?

2. Positionalität: Die Kategorie des Lebendigen

Da Leben der erlösende Begriff seiner Zeit sein soll wollen wir uns zunächst diesem zentralen Ausgangspunkt widmen. Helmuth Plessner knüpft an das phänomenologische Vorgehen seines Lehrers Edmund Husserl an und beginnt nicht beim wahrnehmenden Subjekt, sondern beim „gewöhnlichen Wahrnehmungsding“ und dessen Eigenschaften, dem Doppelaspekt und der Grenze. Der Doppelaspekt begegnet uns wie eingangs beschrieben sehr anschaulich bereits unmittelbar an uns selbst. Er ist für uns in der Innen- und Außenperspektive erfahrbar, in denen wir ganz alltäglich gleichzeitig sowohl denkend und fühlend unser Innenleben erleben als auch beispielsweise als Patient, vor dem Spiegel stehend oder im sozialem Kontakt unsere Äußerlichkeit wahrnehmen. Innerlichkeit und Äußerlichkeit bilden den Doppelaspekt, wobei der innere Substanzkern der Träger der von außen wahrnehmbaren Merkmale ist, der äußeren Wahrnehmung aber verborgen bleibt. Die wahrnehmbaren und naturwissenschaftlich beschreibbaren Eigenschaften des äußeren Aspektes wie Räumlichkeit, Temperatur, Leitfähigkeit, Dichte, Farbe, Oberflächenstruktur, usw. machen in der Wahrnehmung nur Sinn, wenn sie als Eigenschaften von einem „etwas“ wahrgenommen werden können.[4] Dieses „etwas“ bildet den inneren Aspekt, den von außen nicht wahrnehmbaren Substanzkern. Plessner spricht hier auch von der „Kernhaftigkeit der Dinglichkeit“[5]. Der Doppelaspekt betrifft also ebenso wie Menschen jedes andere abgegrenzte, als Einheit wahrnehmbare Ding. Der Doppelaspekt ist also Belebtem wie Unbelebtem zu eigen und kein Merkmal des Lebendigen. Er führt lediglich die Unterscheidung von Innen und Außen ein, deren Umsetzung dann für das Lebendige konstitutiv wird. Dinglichkeit und die Unterscheidung in Innen und Außen erfordern ein trennendes, das Ding zu einer Einheit abschließendes Element. Dieses Element findet Plessner in der Grenze. „Anschauliche Grenzen liegen bei allen Dingkörpern da, wo sie anfangen oder zu Ende sind. Die Grenze des Dinges ist sein Rand, mit dem es an etwas anderes, als es selbst ist, stößt.“[6] Hier unterscheidet Plessner allerdings grundlegend und auch begrifflich zwischen dem Rand eines unbelebten und der Grenze eines belebten Dinges. Der Unterschied zwischen unbelebten und belebten Dingen besteht darin, ob diese Grenze als konstitutives Element zum Ding gehört oder nicht - und dies ist nur bei belebten Dingen der Fall. Ein unbelebter, anorganischer Körper ist, soweit er reicht und dort endet er auch schlichtweg. Belebte, organische Körper hingegen, die nur mit ihrer Grenze existieren können, so wie bereits die Zelle ihre unverletzte Membran zum leben braucht, schließen ihre Grenze als Eigenschaft und Teil ihrer Lebensform ein. „Der physische Rand wird zur Grenze, insofern er als Aspekt erscheint und über seine physische Realität hinausgehend auf etwas verweist, was er verkörpert.“[7] Die Grenze eines belebten Dinges verweist auf ein Innen, das sie nach außen verkörpert. Sie gehört zum Organismus, schließt ihn zu einer ganzheitlichen Einheit ab und gibt ihm seine körperliche Ausprägung, seine Gestalt. Hier bietet Plessner bewusst Anschluss für die Gestalttheorie, ohne jedoch weiter darauf einzugehen. Denn die Kategorie des Lebendigen speist sich nicht aus der Gestalt, sondern aus dem Verhalten zur Grenze, und Verhalten ist immer ein Überschuss über das Gestaltmäßige in Form von Sinn, Beobachtung oder Interpretation. Das Verhalten gestaltet sich analog zum Doppelaspekt in einer gleichzeitigen Wechselwirkung der aufeinander gerichteten Aspekte Außen und Innen. So stehen Lebewesen einerseits passiv in einer Beziehung zum auf sie wirkenden Raum um sie herum, andererseits setzen sich auch in ein Verhältnis zu ihm, dementsprechend sie auf ihn einwirken können. Aber der Reihe nach, denn um ein Bezogensein von Ding und Umwelt zu beschreiben, muss eine grundlegende Eigenschaft belebter Körper geklärt werden. Denn die Grenze schließt das Ding nicht nur zu einem räumlich von der Umwelt differenzierbaren Ganzen zusammen, sondern sie verortet den Vollzug der qualitativen Unterscheidung zwischen Innen und Außen im Körper.

„Besteht das Wesen der Grenze im Unterschied zur Begrenzung darin, mehr als die bloße Gewährleistung des Übergehens zu sein, nämlich das Übergehen selbst, so muß ein Ding, welchem Reich des Seins es auch zuzurechnen sei, wenn es die Grenze selbst hat, dieses Übergehen selbst haben.“[8]

Halten wir fest, dass der qualitative Übergang von Subjekt zu Umwelt in der Grenze und dem Körper, dessen elementarer Bestandteil sie ist, selbst ist.[9] Der Doppelaspekt, der beim unbelebten Ding lediglich dessen Erscheinung bedingt ohne selbst sichtbar zu werden, wird am belebten Körper in Form der Grenze wahrnehmbar. Zum anderen halten wir fest, dass dieser Übergang nicht nur im Verhältnis der Grenze nach außen besteht, sondern auch im Verhältnis der Grenze nach innen. Der belebte Körper steht also nicht nur in einem Verhältnis zur Umwelt, sondern auch zu sich selbst. In den Worten Plessners ist er (nach außen) über sich hinaus und (nach innen) sich entgegen.[10]

„Die von Plessner bereits auf der Stufe des unbelebten Wahrnehmungsdings festgestellte Aspekt- bzw. Richtungsdivergenz zwischen einem nicht erscheinenden Innen bzw. dem Substanzkern und dem erscheinenden Außen bzw. den Eigenschaften wird verdoppelt, wenn es sich um lebendige Körper handelt: sie erscheint als Eigenschaft des Körpers. Der Körper reicht dieser Überlegung folgend weiter, als er rein physisch gesehen reicht, er geht weiter, als seine Konturen reichen, er geht in das ihn umgebende Medium über.“[11]

Wichtig ist an dieser Stelle aber auch zu beachten, dass dementsprechend die Umwelt ebenso in den Körper hinein reicht. Und hier nun kommt die Positionalität als das Verhältnis eines lebendigen Körpers zu seiner Grenze ins Spiel.[12] „Positional sind Dinge, die in und gegen ein Umgebungsfeld gesetzt sind, in eine Lage gestellt, zu der sie präreflexiv Stellung beziehen müssen.“[13] Mit der Kennzeichnung Positionalität für lebende Dinge ist die Position bereits mit angesprochen. Positional bezeichnet eine Eigenschaft des Körpers über seine Position hinaus. Etwas, das in Raum und Zeit ist, behauptet sich als Raum, und als Zeit. Der lebende Körper hat in seiner Positionalität eine grenzrealisierende Eigenräumlichkeit und Eigenzeitlichkeit. Die Grenze verbindet das Subjekt mit seiner Umgebung, die Plessner als Positionsfeld bezeichnet. Welche Beziehung Körper und Positionsfeld eingehen hängt davon ab, wie sie zu einander gestellt sind.

Es reicht freilich nicht, das Verhältnis zur Umwelt logisch zu beschreiben, sondern es muss dem Körper mit seinen physischen Mitteln real möglich sein. „Ganzheit ist vermittelte Einheit. Wodurch vermittelt? Durch die Teile, welche die Einheit unmittelbar bilden.“[14]

[...]


[1] Plessner 1928,S.40

[2] Plessner 1941.S.44

[3] Plessner 1928, S. 75

[4] Losgelöste Wahrnehmung kann man sich vielleicht am ehesten am Beispiel eines latenten Gefühls während eines Traumes vorstellen, das objektlos in die Traumwelt transzendiert ist (und nicht mehr intersubjektiv geteilt werden kann).

[5] Plessner 1928, S.150

[6] Plessner 1928, S. 151

[7] Haucke, S. 66

[8] Plessner 1928, S. 127

[9] In den Stufen des Organischen bezieht sich Plessner zwar nicht explizit auf Hegel, doch in diesem Punkt erinnert sein Begriff der Grenze an Hegels idealistische Bestimmung als zugleich verbindendes und trennendes Element.

[10] Plessner 1928, S. 127

[11] Jäger, S. 120

[12] Fischer, S. 70

[13] Plessner 1928

[14] Plessner 1928, S. 187

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Details

Titel
Der Geist in der Kategorie des Lebens bei Helmuth Plessner
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Wissen und Darstellung
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V230714
ISBN (eBook)
9783656464426
ISBN (Buch)
9783656466420
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geist, kategorie, lebens, helmuth, plessner
Arbeit zitieren
Wanja von der Felsen (Autor:in), 2013, Der Geist in der Kategorie des Lebens bei Helmuth Plessner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230714

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