Als Menschen leben wir ganz alltäglich mit dem Phänomen, zugleich einerseits Subjekt unseres Bewusstseins zu sein und andererseits „als Natur, als Ding, als Objekt kausaler Determination“ (Plessner 1928, S. 40) zu erscheinen. Auch in den Humanwissenschaften bestehen die beiden Perspektiven auf den Menschen nebeneinander, gibt es einerseits Messungen, Werte und Modelle von Wirkungszusammenhängen, andererseits das Erleben und die Erfahrung eines Ich. Und doch greifen beide Aspekte ineinander. Plessners nahe an der Biologie gehaltene phänomenologische Analyse erweist sich in den modernen Geistes- & Humanwissenschaften als äußerst fruchtbar, um verschiedene Phänomene wie Geist, Körper, Räume und unbelebte Dinge in einer gemeinsamen Kategorie zu verbinden und die Subjekt-Objekt-Trennung zu überwinden.
In „Vom Lachen und vom Weinen“ (1941, S.44) schreibt Plessner: „Ich gehe mit meinem Bewußtsein spazieren, der Leib ist sein Träger, von dessen jeweiligem Standort der Ausschnitt und die Perspektive des Bewußtseins abhängen; und ich gehe in meinem Bewußtsein spazieren, und der eigene Leib mit seinen Standortveränderungen erscheint als Inhalt seiner Sphäre.“
Helmuth Plessner nennt dies den Doppelaspekt sowohl des Menschen als auch eines jeden Dinges, das in der Wahrnehmung ein Innen und ein Außen hat. Plessners erklärte Absicht ist es, die Subjekt-Objekt-Trennung in der Wesensbestimmung des Menschen aufzuheben und die Kategorie des Geistes wieder in die Kategorie des Lebens einzufügen.
Gliederung
1. Einleitung
2. Positionalität: Die Kategorie des Lebendigen
2.1. Offene Positionalität
2.2. Geschlossene Positionalität
2.3. Zentrische Positionalität
2.4. Exzentrische Positionalität
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner, mit dem Ziel, die Trennung zwischen Subjekt und Objekt zu überwinden und den Geist als Teil der Kategorie des Lebens zu bestimmen. Dabei wird analysiert, wie Plessners Theorie der Positionalität die menschliche Existenz zwischen Natur und Kultur verortet.
- Helmuth Plessners phänomenologische Anthropologie
- Die Grundkategorie der Positionalität
- Differenzierung der Stufen des Organischen (Pflanze, Tier, Mensch)
- Das Verhältnis von Leib, Körper und Bewusstsein
- Der Doppelaspekt des menschlichen Wahrnehmungsdings
Auszug aus dem Buch
2.4. Exzentrische Positionalität
Auch dem Mensch ist in seinen Organen die offene und als Leib die zentrische Organisationsform zu eigen. Sein intentionales und emotionales Erleben ist weiterhin an das leibliche „Hier-Jetzt“ gebunden. Aber darüber hinaus ist es ihm in einer mentalen Repräsentation auch bewusst geworden. Der Mensch besitzt nicht nur Objekt- und Gegenstandsbewusstsein, sondern darüber hinaus ein Selbstbewusstsein.
„Während sich an der Pflanze die Positionalität nur ereignet und das Tier sie nur vollzieht, entwickelt der Mensch eine (reflexive) Distanz zu ihr. [...] Nur Mensch besitzt eine reflexive Form des Bewusstseins, die ihm eine Distanz zu sich selbst und seinem Verhalten erschließt.“
Wie der in sich repräsentierte Körper eine Zwischenschicht und eigene Realität zwischen Leben und Positionsfeld bildet, so bildet das Bewusstsein eine weitere Zwischenschicht und Realität. Was als verborgene Mitte der frontal gegen die Umwelt gestellten tierischen Leibexistenz entzogen bleibt, wird dem Menschen in einem reflexiven Schritt selbst zum Gegenstand. Er „ist in das in die eigene Mitte hineingesetzt sein gesetzt.“ Aus subjektiver Perspektive beschreibt Plessners die Stufung von Pflanze über Tier zum Mensch mit „er lebt und erlebt nicht nur, sondern er erlebt sein Erleben.“ Im Unterschied zum Tier, das sich in der zentrischen Position befindet und die Umwelt als konzentrisch auf das leibliche Selbst organisiert erfährt, sind Menschen aus diesem direkten Umweltbezug herausgesetzt. Seine Wahrnehmung ist nun nicht mehr durch seinen Leib vermittelt frontal auf sein Positionsfeld gerichtet, sondern zusätzlich durch sein Bewusstsein vermittelt, in dem sich der Doppelaspekt dem Subjekt selbst zeigt. Im Bewusstsein wird der Doppelaspekt des lebendigen Leibseins und des dinglichen Körperhabens für das Subjekt erfahrbar und sogar konstitutiv.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Plessners Kritik an der traditionellen Subjekt-Objekt-Trennung ein und skizziert das Vorhaben, den Geist durch eine bio-phänomenologische Analyse wieder in die Kategorie des Lebens zu integrieren.
2. Positionalität: Die Kategorie des Lebendigen: Dieses Kapitel erläutert den Grundbegriff der Positionalität als Verhältnis des Organismus zu seiner Grenze, unterteilt in die verschiedenen Stufen des Organischen.
2.1. Offene Positionalität: Beschreibt die Organisationsform der Pflanze, die unmittelbar in ihre Umgebung eingebettet ist und über keine differenzierten Organe zur Umweltunterscheidung verfügt.
2.2. Geschlossene Positionalität: Analysiert Organismen, die durch einen eigenen Stoffwechselkreislauf von der Umwelt abgegrenzt sind, wobei hier insbesondere die dezentrale Stufe betrachtet wird.
2.3. Zentrische Positionalität: Untersucht tierische Lebewesen mit zentralem Nervensystem, bei denen der Körper zum Leib wird und eine erste Form des subjektiven Erlebens möglich ist.
2.4. Exzentrische Positionalität: Erörtert die spezifisch menschliche Form der Existenz, die durch Selbstbewusstsein und eine reflexive Distanz zur eigenen leiblichen Gegebenheit gekennzeichnet ist.
3. Fazit: Das Fazit fasst Plessners Ansatz zusammen, der den Menschen als ein zwischen Natur und Kultur stehendes Wesen begreift, das seine eigene Position reflektieren kann.
Schlüsselwörter
Helmuth Plessner, Philosophische Anthropologie, Positionalität, Stufen des Organischen, Doppelaspekt, Leib, Körper, Subjekt-Objekt-Trennung, Lebensphilosophie, Bewusstsein, Exzentrizität, Zentrische Positionalität, Offene Positionalität, Grenzrealisierung, Daseinsformen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner und dessen Konzept, den Geistbegriff durch die Analyse des lebendigen Organismus neu zu bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der phänomenologischen Struktur des Lebendigen, dem Verhältnis von Körper und Leib sowie der Differenzierung menschlicher und tierischer Existenzweisen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Aufhebung der metaphysischen Trennung von Körper und Geist durch die Einbettung des Menschen in die biologische Kategorie des Lebens.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird eine bio-phänomenologische Strukturanalyse angewandt, die Plessners eigene philosophische Methode nachvollzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Untersuchung der verschiedenen Stufen des Organischen, von der Pflanze bis hin zum exzentrisch positionierten Menschen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die Positionalität, der Doppelaspekt, die Grenze des Lebendigen sowie die Begriffe Leib und Körper.
Wie unterscheidet Plessner zwischen der offenen und der zentrischen Positionalität?
Die offene Positionalität (Pflanze) ist direkt in die Umwelt eingebettet ohne eigene Instanz zur Unterscheidung, während die zentrische Positionalität (Tier) durch ein zentrales Nervensystem eine Mitte ausbildet, die zwischen Organismus und Umwelt differenziert.
Was bedeutet bei Plessner der "Doppelaspekt" des Menschen?
Der Doppelaspekt beschreibt die menschliche Erfahrung, sowohl ein Körper zu sein (als Ding unter Dingen) als auch einen Leib zu haben (als Subjekt des Erlebens), ohne dass diese beiden Ebenen vollständig voneinander getrennt werden können.
Warum nennt Plessner die menschliche Position "exzentrisch"?
Sie wird exzentrisch genannt, weil der Mensch aus dem unmittelbaren Umweltbezug herausgetreten ist und sich durch Reflexion zum eigenen Sein in Distanz setzen kann; er existiert sozusagen außerhalb seines eigenen Zentrums.
- Citation du texte
- Wanja von der Felsen (Auteur), 2013, Der Geist in der Kategorie des Lebens bei Helmuth Plessner, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230714