Differenzierung von fakultativen und obligatorischen Ergänzungen in der Valenztheorie


Seminararbeit, 2010

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Valenztheorie
2.1 Definition der Valenz
2.2 Differenzierung von „actants“ und „circonstants“

3. Ergänzungen
3.1 obligatorische Ergänzungen
3.2 fakultative Ergänzungen
3.2.1 Fakultative Ergänzungen im engeren Sinne
3.2.2 Fakultative und elliptische Ergänzungen

4. Testverfahren zur Unterscheidung obligatorischer und fakultativer Ergänzungen

5. Ergänzungsklassen im Deutschen und im Französischen

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

l.Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit stehen die Ergänzungen als ein wesentlicher Bestandteil der Valenztheorie im Mittelpunkt der Untersuchung.

Der Blickwinkel meiner Ausarbeitung soll auf einen Teilbereich der Valenzgrammatik gerichtet sein, der sich mit der grundlegenden Problematik beschäftigt, mit der die Va­lenztheorie konfrontiert ist, nämlich, inwiefern obligatorische von fakultativen Ergän­zungen zu unterscheiden sind. Doch bevor man sich mit dieser Unterscheidung ausein­andersetzen kann, stellt sich die Notwendigkeit heraus, in dieser Arbeit zunächst einen Einblick in die Valenztheorie zu geben und insbesondere auf die Definition der Valenz nach Tesnière, dem Begründer der modernen Valenzgrammatik, einzugehen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Abgrenzung von Ergänzungen (ac­tants) und Angaben (circonstants), auf die ich eingehen werde. Doch vor allem möchte ich meinen Blickwinkel auf die Differenzierung von obligatorischen und fakultativen Ergänzungen legen. Das Ziel meiner Arbeit ist es, die Probleme bei der Abgrenzung der beiden Ergänzungsformen darzustellen und im Anschluss daran einen Überblick über die verschiedenen Ergänzungsklassen im Deutschen und im Französischen geben.

Bei meiner Untersuchung ist es wichtig, die einzelnen Schwerpunkte mit konkreten Beispielen zu belegen, um eine präzise Vorstellung von der Problematik zu bekommen und sie auch besser verstehen zu können. Mit Hilfe von verschiedenen Beispielen, so­wohl in deutscher als auch in französischer Sprache, sollen die dargelegten Theorien nä­her erläutert werden.

In dieser Hausarbeit ist das Thema der Ergänzungen längst nicht in vollem Maße behan­delt wurden. Dennoch gebe ich einen Überblick über die wichtigsten Themenbereiche bezüglich der Ergänzungen in der Valenztheorie.

2 Einführung in die Valenztheorie

2.1 Die Definition der Valenz

Der ursprünglich aus der Chemie stammende Begriff der Valenz wurde vom französi­schen Linguisten Lucien Tesnière in die Sprachwissenschaft eingeführt.

Tesnière gilt als Begründer der modernen Valenzteorie mit seinem postum erschienen Hauptwerk "Elements de syntaxe structurale" 1959 (dt. "Grundzüge der strukturalen Syntax" 1980).[1] An dieser Stelle ist wichtig zu betonen, dass ihm als Erstem der Ausbau der Valenzidee zu einer grammatischen Teiltheorie zu verdanken ist. Des weiteren ist zu erwähnen, dass er laut Vilmos Agel der Erste war, der seine Valenztheorie aus einer Grammatiktheorie ableiten konnte. Tesnière untersuchte die Beziehungsstruktur des Sat­zes und kam zu dem Ergebnis, dass das Verb das wichtigste Satzglied darstellt.[2] „Ein Verb, das ist so, wie wenn man im dunklen Raum das Licht anknipst. Mit einem Schlag ist eine Szene da.“[3]

Mit diesem Zitat wird auf die bedeutende Funktion des Verbs verwiesen, welches im Vordergrund der Valenztheorie steht. Es dient sozusagen als „Steuereinheit“ und diktiert in seinem Modell die Satzstruktur.[4] Mit der Auffassung, dass das Verb eine übergeord­nete Stellung im Satz einnimmt, hebt sich Tesnière von der aristotelischen Auffassung ab. Denn diese besagt, dass der Satz in ein Prädikat und ein gleichberechtigtes Subjekt zerfalle.[5] Tesnière definiert den Begriff der Valenz als die Eigenschaft eines Verbs, eine bestimmte Zahl von Aktanten an sich zu binden und Ergänzungen zu verlangen. Diese Fähigkeit vergleicht er mit der Wertigkeit eines Atoms, welches ebenfalls nach be­stimmtes Bindungen strebt, und bezeichnet sie als Valenz.[6]

„Man kann so das Verb mit einem Atom vergleichen, an dem Häkchen angebracht sind, so da[ss] es - je nach der Anzahl der Häkchen - eine wechselnde Zahl von Aktanten an sich ziehen und in Abhängigkeit halten kann. Die Anzahl der Häkchen, die ein Verb aufweist, und dementsprechend die Anzahl der Aktanten, die es regieren kann, ergibt das, was man die Valenz des Verbs nennt.“[7]

'Valenz' ist also bei Tesnière eine theoriebedingte Notwendigkeit, die sich aus dem Grammatikmodell seiner Dependenzgrammatik ergibt.[8] So wie der Begriff der Valenz von Tesnière geprägt worden ist, betrifft er Akkusativ-, Dativ-, und Genitivobjekt, sowie präpositionale Objekte, valenznotwendige Adverbialbestimmungenund das Subjekt.[9]

Die Ergänzungsbedürftigkeit der Verben als ein besonderer Fall der Verknüpfung von Wörtern stellt den Grundgedanken der Valenztheorie dar. Nach der Auffassung von Welke ist die Valenztheorie mit der Sichtweise auf das einzelne Wort und seine Verbin­dung mit anderen Wörtern eine „gebrauchsbasierte Theorie“[10]

Die Valenztheorie hat sehr früh die Frage der Differenzierung von Ergänzungen und Angaben in Augenschein genommen, wohingegen in den meisten syntaktischen Theori­en von einer Unterteilung in Prädikate, Argumente und Modifikatoren ausgegangen wird.[11]

2.2 Differenzierung zwischen „actants“ und „circonstants“

Tesnière bezeichnet die Satzglieder, die von der Valenz des Verbs verlangt werden als „Actants“ (Aktanten/Ergänzungen) und die übrigen als „Circonstants“ (Umstände).[12] Er versucht den Unterschied zwischen Ergänzungen und Angaben mit Hilfe einer Bühnen­metapher zu verdeutlichen. Dabei vergleicht er den Satz mit einem Drama, wobei das Verb das Geschehen auf der Bühne darstellt, die Aktanten als die am Bühnengeschehen Beteiligten auftreten, und die Kulissen gewissermaßen durch die Zirkumstanten wieder­gegeben werden.[13]

Die Abgrenzung von Ergänzungen und Angaben ist zum Hauptproblem der Valenztheo­rie geworden. Mittels des Valenskonzepts ist esjedoch möglich, zwischen diesen beiden Satzgliedern im Satz zu differenzieren.[14] Dieses Konzept arbeitet mit der Metapher 'Va­lenz'. Im sprachwissenschaftlichen Valenzkonzept ist das Pendant zu den Valenzen die semantische Unvollständigkeit. Das bedeutet, Verben, jedoch auch andere Valenzträger, suchen nach semantisch-syntaktischer Komplettierung.[15] In neueren Arbeiten, die sich mit der Verbvalenz auseinandersetzen, werden valenzgebundene Glieder als Ergänzun­gen bezeichnet. Ludgar Hoffmann hat diese definiert als: „ (...) semantisch und mor- phosyntaktisch vordefinierte(n) Mitspieler einer im Verb bzw.

Subklasse von Verben angelegten Szene und somit valenzgebunden bzw. -de­terminiert".[16] Als Pendant hierzu werdenjene Satzbestandteile, die aus dem Satz heraus gelöst werden können, ohne dass dieser in seiner Grammatikalität eingeschränkt wird, als Angaben bezeichnet.[17]

Wolfgang Boettcher weist daraufhin, dass Subjekte, Objekte und Adverbien zu den Er­gänzungen zählen. Wobei das Subjekt eine Sonderrolle als Nominativergänzung unter den Satzgliedern einnimmt. Er meint damit in distributorischer Hinsicht. Fastjeder Satz beinhaltet ein obligatorisches Subjekt. Daher wird dieses laut Boettcher nicht als Ergän­zung bezeichnet, sondern als Subjektsnominativ.[18] Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass das Subjekt im Italienischen und bis ins 16. Jahrhundert auch im Französischen in der Personalform des Verbs enthalten ist.[19]

Die Problematik bei der Abgrenzung zwischen Ergänzungen und Angaben liegt vor al­lem „in den betroffenen Einheiten ( auf welche Einheiten Bezug genommen wird), in ihrer Beschreibung und Charakterisierung unter formalen [und] strukturellen Kriterien (...).“[20] Laut Wolfgang Teubert liegen zwei Kriterien für Ergänzungen vor:

1. Das Kriterium der Sinnotwendigkeit:

Wenn ein Satz durch das Auslassen eines Satzgliedes ungrammatisch wird oder sich dadurch seine Bedeutung strukturell verändert, wird dieses Satzglied als Ergänzung be­zeichnet.

Demnach sind Ergänzungen sinnotwendig und dürfen nicht weggelassen werden, anders als bei Angaben, denn diese sind frei hinzufügbar.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:

(1a) Stuttgart liegt am Neckar. gegenüber: (1b) * Stuttgart liegt[21]

2. Das Kriterium ist die Subklassenspezifik

Ergänzungen wirken subkategorisierend im Gegensatz zu Angaben. Das bedeutet, dass durch die Hinzufügung von Ergänzungen die Verben in Untergruppen aufgeteilt werden bzw. subkategorisiert werden. Ergänzungen sind nur bei bestimmten Verben möglich. Demzufolge würde eine Hinzufügung zu anderen Verben zu einem sinnlosen und somit auch ungrammatischen Satz führen.[22]

Beispiel: (2a) Nathalie liest einen Brief.

(2b) *Nathalie schläft einen Brief.

Die Differenzierung von Ergänzungen und Angaben verdeutlicht der folgende Beispiel­satz:

(3) Maria besucht ihren Vater heute in Staßfurt.

Stemma: besucht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand dieser Darstellung wird die wichtige Funktion des Verbs sichtbar. Denn das Verb besucht lenkt sowohl die Ergänzungen Maria und Vater, als auch die Angaben heu­te und in Staßfurt.[23]

Doch auch wenn es zahlreiche Kriterien zur Abgrenzung von Ergänzungen und Anga­ben gibt, ist diese Problematik für einige Linguisten, wie beispielsweise Jacobs, unge­löst. Günther Öhlschläger, Professor für Germanistische Linguistik, nimmt gar keine Trennung von Ergänzungen und Angaben vor. Er ist der Auffassung, dass alle vom Prä­dikat selegiert werden und Ergänzungen demgemäß eine Sonderklasse der Angaben dar­stellen.[24]

Die Ergänzungen können wiederum in zwei Klassen untergliedert werden, zum einen in obligatorische und zum anderen in fakultative Ergänzungen.

[...]


[1] Vgl. Ágel (2000: 32)

[2] Ebd.S.32

[3] Heringer (1984:49)

[4] Vgl. Sokol (2007: 141)

[5] Vgl. Ramers (2007: 77)

[6] Vgl. Welke(1988: 11)

[7] Tesnière (1980: 161) übersetzt von Ulrich Engel

[8] Vgl. Ágel (2000: 32)

[9] Vgl. Welke(1988: 11)

[10] Vgl. Welke (2009: 81)

[11] Ebd. S. 93

[12] In dieser Arbeit werden Aktanten, Mitspieler und Ergänzungen synonymisch verwendet.

[13] Vgl. Pittner/Bermann (2004: 43) und Ramers (2007: 77)

[14] Vgl. Hoffmann (2007: 871)

[15] Vgl. Boettcher (2009: 112)

[16] Hoffmann (2007: 871)

[17] Vgl. Dürscheid (2007: 112)

[18] Vgl. Boettcher (2009: 131f.)

[19] Ebd. S. 132

[20] Vgl. Domínguez Vázquez (2005: 32)

[21] Vgl. Teubert(1979: 35)

[22] Vgl. Welke (1988: 40f.)

[23] Vgl. Ramers (2007: 8o)

[24] Vgl. Eroms (1981: 29)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Differenzierung von fakultativen und obligatorischen Ergänzungen in der Valenztheorie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V230716
ISBN (eBook)
9783656471066
ISBN (Buch)
9783656471288
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
differenzierung, ergänzungen, valenztheorie
Arbeit zitieren
Josephin Arend (Autor), 2010, Differenzierung von fakultativen und obligatorischen Ergänzungen in der Valenztheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230716

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