Religiöse Rituale und Soziale Ordnung

Politische Hexenjagd als Ritual


Forschungsarbeit, 2011

26 Seiten, Note: 12.Semester


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Bergesens Theorie der politischen Hexenjagd

3. Zusammenfassung

4. Diskussion

5. Kurzer Überblick über den Fichenskandal

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Einer der provokativsten Ansätze der Soziologie stammt von Emile Durkheim, der sich mit der Frage beschäftigte, was gewisse Handlungen kriminell macht. Dabei kam Durkheim zum Schluss, dass die Bestrafung durch die Gesellschaft nicht Ausdruck der Gefährlichkeit sei, welche von einer gewissen illegalen Aktivität ausgehen würde. So wird beispielsweise Wirtschaftskriminalität nicht entsprechend ihrer Gefährlichkeit für die Gesellschaft bzw. für das Funktionieren der Gesellschaft bestraft, während gering gefährliche Aktivitäten, wie beispielsweise Diebstahl überproportional zu ihrer Gefährlichkeit für die Gesellschaft bestraft werden. Durkheim kommt zum Schluss, dass die Gesellschaft nicht auf gewisse Handlungen reagiert, weil sie kriminell sind, sondern sie werden kriminell weil die Gesellschaft auf sie reagiert. Gewisse Aktivitäten sind also kriminell, weil sie Sitten und Moral der Gesellschaft verletzen oder sozusagen das öffentliche Gewissen schockieren. Das heisst kein Handeln ist von „Natur“ aus kriminell, sondern es wird durch die Gesellschaft als kriminell bezeichnet. Es stellt die Verletzung einer Gesellschaftsnorm dar. Dabei, sagt Durkheim, hat die Bestrafung nicht den Zweck den Kriminellen zu bessern, sondern die Gesellschaft zu vereinen und rituell die normative Ordnung zu bestätigen, welche verletzt wurde. „ Das Verbrechen bringt (...) das Bewusstsein aller ehrbaren Leute enger zusammen und verdichtet sie (...) (Bergesen 19772: 264). Das Vorhandensein von Verbrechen für eine Gesellschaft ist daher alles andere als disfunktional, sondern im Gegenteil stark funktional. Denn die periodische Unterbrechung des sozialen Lebens durch Normverletzungen verbindet die Gesellschaft und stärkt rituell die gemeinsame moralische Ordnung.

Erikson übernahm diese Annahme zur Funktionalität von Verbrechen und fügte eine weitere Überlegung hinzu. Wenn das Vorhandensein von Abnormalität funktional ist, wieso sollte eine Gesellschaft auf die periodische Verletzung der gesellschaftlichen Sitten und Moral warten. Erikson argumentiert, dass eine Gesellschaft nicht darauf warten müsse, bis Individuen ihre moralische Grenzen übertreten würden, um daraus ihre moralische Ordnung rituell zu bestärken. Sie könne diese Abnormalität auch selbst schaffen. Abnormalität kann sich also auf zwei Arten äussern: Entweder können Individuen die moralischen Grenzen übertreten. Oder, wie Erikson argumentiert, können die Grenzen auch selbst von der Gesellschaft verschoben werden und Gruppen und Individuen werden dabei neu als Abnormal bzw. Abweichler klassifiziert. Jede Gesellschaft besitzt eine Anzahl von Institutionen, welche diese Definitionsmacht der moralischen Grenzen und somit der Definition von Abnormalität inne haben. Dies sind beispielsweise die Polizei, Gerichte oder auch Kliniken für

Geisteskranke. Solche Institutionen haben die Aufgabe anormales Verhalten zu definieren und dabei die Grenze, welche das Normale vom Abnormalen trennt, festzusetzen. Diese Grenze ist jedoch nicht statisch sondern einer steten Veränderung unterworfen. Somit wird durch die Gesellschaft immer ein gewisses Mass an Abnormalität „geschaffen“. Die moralische Solidarität einer Gesellschaft wird also nicht nur gestärkt indem ihre Mitglieder Verbrechen begehen, sondern die Gesellschaft kann von sich aus Abnormalität schaffen, indem sie gewisse Gruppen oder Individuen durch ihre Institutionen als abnormal definiert. Sie bestärkt dadurch öffentlich den Charakter und die Definition ihrer eigenen moralischen Ordnung. Erikson sieht den Ursprung dieses Vorgangs im Auftreten einer Krise wodurch die moralischen Grenzen einer Gesellschaft bedroht werden. Nimmt also das Ausmass an Abnormalität zu, durchläuft die Gesellschaft eine soziale Krise. Die Institutionen der öffentlichen Kontrolle (Gerichte etc.) antworten auf diese soziale Krise, indem sie Abnormalität schaffen um so die moralischen Grenzen und der Zusammenhalt der Gesellschaft wieder zu stärken. Eine Krise in einer Gesellschaft kann so eine Zunahme an Abnormalität erklären (Bergesen 19772: 264-265).

2. Bergesens Theorie der politischen Hexenjagd

Bergesens Theorie der politischen Hexenjagd stellt eine Weiterentwicklung Eriksons Thesen dar. Er geht dabei wie Erikson von der Annahme aus, dass politische Abnormalität nicht eine Individuen oder ihren Handlungen innewohnende Eigenschaft ist, sondern etwas was durch die breitere Öffentlichkeit zugeschrieben wird. Autorisierte Bevollmächtigte schaffen durch Prozesse, Anklagen, Untersuchungen, Säuberungsaktionen oder Reinigungskampagnen subversive Individuen, indem sie diese als solche bezeichnen. Ebenso ist Bergesen mit Durkheim und Erikson einig, dass die Schaffung solcher politischer Abnormalität in Zusammenhang mit der Frage nach sozialer Solidarität steht. Jedoch widerspricht Bergesen Eriksons Annahme, dass sie mit dem Auftauchen sozialer Krisen einhergeht und das Schaffen von Abnormalität zur Wiederherstellung instabiler moralischer Grenzen diene. Bergesen nimmt an, dass Abnormalität in Gruppenbeziehungen permanent und dauerhaft ist. Bergesen untersucht dabei in seiner Studie, welche rituelle Bedeutung die Schaffung politischer Abnormalität hat. Bergesen beruft sich hierbei auf Durkheim. Gemäss Durkheim schaffen Rituale eine symbolische Zweiteilung der Welt in Heiliges und Profanes. Damit bestätigen öffentliche Rituale periodisch die wahre Heiligkeit der betreffenden symbolischen Objekte. Indem sie definieren, was heilig ist, definieren sie gleichzeitig auch dessen Gegenteil. Die

symbolische Unterteilung bestätigt und definiert durch ihr Handeln immer wieder neu, was heilig und profan ist. Durkheim sagt, dass positive und negative Rituale das Verhalten der Individuen regeln. Bergesen argumentiert, dass die Schaffung politisch Subversiver durch die Gesellschaft eine rituelle Praktik sei. Die Schaffung politischer Abnormalität durch die Gesellschaft macht die gleiche symbolische Einteilung wie religiöse Rituale. Jedoch teilt die Schaffung politischer Abnormalität die Welt in Normales und Abnormales anstatt in eiliges und profanes. Die rituellen Trennungen, welche Heiligkeit oder Abnormalität schaffen, schaffen gleichzeitig auch ihr Gegenüber, die Profanität oder die Normalität. Fast alle Bereiche des sozialen Lebens können so rituell klassifiziert und kategorisiert werden. Die rituelle Funktion ist dabei dieselbe. Wie das Heilige des Profanen bedarf, so bedürfen die Vorstellungen darüber, was die nationalen Interessen eines Landes ausmachen, der Präsenz von Elementen, die in Opposition zu ihnen stehen. Das heisst, genauso wie die Reinheit zu ihrer Wirklichen Existenz des Schmutzes bedarf und das Heilige das Profane, genauso bedürfen die Vorstellungen darüber was die nationalen Interessen seien, eine Vorstellung davon, was jene unterdeterminiert. Genauso wie das Sakrale das Profane benötigt, benötigen Handlungen mit einem Sakralen Zweck auch jene, welche diese Handlungen zu untergraben versuchen (Bergesen 19772: 267-269; Bergesen 19771: 220).

Eine Regierung ist eine Repräsentation struktureller Tätigkeit, durch die die Gemeinschaftsfähigkeit des Staates realisiert wird. Der Staat bietet Strukturen und Symbole, welche dem System als Ganzem erlauben, sich als über einzelnen Mitgliedern oder Subgruppen stehend zu repräsentieren. Eine Regierung stellt diesen Staatsapparat zu Verfügung um kollektive Entscheidungen zu treffen und kollektiv zu handeln. Das Volk ist dabei ein Symbol, sozusagen als kollektive Repräsentation des Nationalstaates. Mit dem Aufkommen des modernen Nationalstaates entstand gleichzeitig der Begriff des Volkes, der Nation oder der Masse, des Proletariats. Diese Symbole sind kollektive Repräsentationen sozialer Autorität bzw. des modernen Staates. Der Geist des Volkes wird als in die alltäglichen Dinge des sozialen Lebens eingreifend betrachtet. Der Geist des Volkes oder auch öffentliche Meinung wacht sozusagen über allen politischen Institutionen und stellt dabei eine einflussreiche Macht dar. Bergesen spricht auch von einem Nationalbewusstsein bzw. einem Gemeinschaftsgefühl. Dies lässt sich mit primitiven Glauben vergleichen, wo die Geister der Ahnen die gemeinschaftliche Organisation traditioneller sozialer Systeme symbolisieren. Die Macht der öffentlichen Meinung symbolisiert dabei die Organisation des Nationalstaates. Die öffentliche Meinung oder das Volk sind dabei nicht die einzigen

Symbolisierungen des gemeinschaftlichen Wesens moderner Gesellschaften. Auch Flaggen, Nationalhymnen oder nationale Feiertage dienen kollektiver Repräsentation. Doch nicht nur materielle Gegenstände symbolisieren kollektive Repräsentation, sondern sie können auch durch Ideensysteme bzw. Ideologien dargestellt werden, wie beispielsweise der Kommunismus, der Faschismus oder durch die Idee der amerikanischen Freiheit. Das heisst, wie primitive Gesellschaften stellen sich auch moderne Gesellschaften durch Symbole dar (Bergesen 19773: 272-273).

Bergesen sagt, dass die Schaffung politischer Abnormalität durch die Gesellschaft dazu dient kollektive Repräsentation als Teil nationaler Gesellschaften zu schaffen und beizuhalten. Gesellschaften mobilisieren such durch Riten in Bezug zu jenen Symbolen bzw. Versinnbildlichungen Es ist der rituelle Mechanismus zur Schaffung und Beibehaltung dessen, was im sozialen Leben heilig ist. Das, was heilig ist, entspricht im Nationalstaat der kollektiven Repräsentation dieser Gesellschaft. Der Nationalstaat stellt daher Subversives her um die wirkliche Bedeutung der Vorstellungen vom politischen Staat neu zu bestätigen. Dabei unterscheiden sich moderne Nationalstaaten nicht von primitiven Gesellschaften. Moderne Gesellschaften müssen also genauso wie primitive Gesellschaften auch periodisch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und dessen Bedeutung erneuern. Wurden einst Riten durchgeführt um seinen Stamm durch Symbole zu versinnbildlichen, so werden sie heute durchgeführt um den Staat zu versinnbildlichen. Genauso wie in jenen Gesellschaften Gemeinschaftsrituale die Bedeutung der Symbole des Stammes bestätigen, bestätigen sie im Nationalstaat die Symbolisierungen des modernen Staates. Bergesen spricht dabei von positiven Ritualen, wie beispielsweise Feierlichkeiten bei einem Amtsantritt, nationale Feiertage oder Gedenktage. Ebenso aber existieren Rituale mit negativem Charakter. Im modernen Nationalstaat entspricht dies der Schaffung politischer Abnormalität, welche in Opposition zu den kollektiven Repräsentationen der Nation steht.

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Details

Titel
Religiöse Rituale und Soziale Ordnung
Untertitel
Politische Hexenjagd als Ritual
Hochschule
Universität Zürich
Note
12.Semester
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V230719
ISBN (eBook)
9783656464600
ISBN (Buch)
9783656466178
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religiöse, rituale, soziale, ordnung, politische, hexenjagd, ritual
Arbeit zitieren
Dinah Truninger (Autor), 2011, Religiöse Rituale und Soziale Ordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230719

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