"Er verbrannte alle seine Bücher und zog sich als Eremit in eine öffentliche Bibliothek zurück."
(Canetti 1973, S. 122.)
Bei diesem Zitat stellt sich die Frage: Warum verbrennt er die Bücher? Geht eine Gefahr von ihnen aus? Unfraglich ist, dass Bücher mächtig sind. Einerseits wurde schon seit Beginn der Schrift das Geschriebene als Mittel der Erlangung und Bewahrung von Macht benutzt, so dass Macht und Wissen, das durch die Schrift, später durch Bücher erworben und bestätigt wird, eine enge Verbindung eingehen. Schon im alten Ägypten hatte das Buch sakralen Charakter, und die Ägypter verehrten den Schriftgott Thot. Später, im Christentum, wurde das Buch in vielen Büchern als etwas Heiliges dargestellt. Andererseits aber können die Bücher auch aufgrund der ihnen innewohnenden Macht zu einer Gefahr für das Individuum werden.
Mit diesem letzten Aspekt beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Sie setzt sich mit dem Phänomen der innerliterarischen Bibliomanie auseinander. Die lesenden Helden gebrauchen das Buch als Schutz vor der Wirklichkeit, die nicht die gewünschte Gestalt hat und kompensieren durch das Buch eine in der realen Welt erlebte Mangelerfahrung. Das Buch wird als Medium, als zentrale Instanz, zwischen den Rezipienten und die Welt gestellt. Die Wahrnehmung der Welt erfolgt ausschließlich über das Buch, so dass das Buch letztendlich die Welt selbst ist und die Wirklichkeit im Gegenzug ignoriert wird. Die neu entstandenen Welten im Kopf sind demnach gelesene, fiktive Welten, die vom Protagonisten als reale empfunden werden.
Ein allen analysierten Beispielen immanenter Aspekt ist die Maßlosigkeit der konsumierten Büchermenge, die erst für den bibliomanen Wahn ausschlaggebend ist. So können die ausgewählten Beispiele Fälle darstellen, in denen sich der Leser gegenüber dem Buch nicht angemessen oder maßvoll verhält. Auch können sie die Konsequenzen einer direkten Referentialisierung der Literatur auf die alltägliche Welt aufzeigen. Nichtsdestotrotz soll die Arbeit keine Warnung vor dem Buch sein. Vielmehr handelt es sich um eine Thematisierung der innerliterarischen Bibliomanie und ein Aufzeigen der möglichen Reaktionen auf eine pathologische Literarisierung der Wirklichkeit.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Formen der Buchnutzung in der Literatur
1.1. Buch und Bibliotheken
1.2. Bibliophilie
1.3. Bibliomanie
2. Analyse von Vergleichsbeispielen
2.1. Der Bücherbrand: Miguel de Cervantes’ Don Quijote
2.2. Eskapistische Lektüre: Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser
2.3. Die universale Bibliothek: Jorge Luis Borges’ Die Bibliothek von Babel
2.4. Anthropomorphisierung: Ray Bradburys Fahrenheit 451
3. Elias Canettis Roman Die Blendung
3.1. Kopf in Bücher
3.1.1. Bücher als universale Erklärung der Welt
3.1.2. Leser und Nicht-Leser
3.1.3. Nicht-rettende Bücher als entfesselte Macht
3.2. Bücher im Kopf
3.2.1. Pathographie
3.2.2. Bibliothek, Kopfbibliothek, Universalbibliothek und Bibliotheksbrand
3.2.3. Bücher und Melancholie
3.3. Bücher und Welt
3.3.1. Bücher als Religion
3.3.2. Der Bibliomane und die Künste
3.3.3. Bücher und Blendung
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der innerliterarischen Bibliomanie am Beispiel von Elias Canettis Roman "Die Blendung". Ziel ist es, die pathologische Literarisierung der Wirklichkeit zu analysieren, bei der das Buch als Schutzschild und Ersatz für reale Lebenserfahrungen dient, und dabei die psychologischen sowie kulturellen Implikationen einer totalen Weltflucht in fiktive Bücherwelten herauszuarbeiten.
- Die psychologische Dimension der Bibliomanie und ihre Abgrenzung zur Bibliophilie
- Die anthropomorphe Deutung von Büchern und ihre Transformation zu fiktiven Diskussionspartnern
- Die Rolle der Bibliothek als isolierter, universaler Mikrokosmos
- Die Bedeutung von Feuer und Bibliotheksbrand als Zerstörungs- und Reinigungsrituale
- Das Spannungsfeld zwischen der Realität und der "Welt im Kopf" des Protagonisten
Auszug aus dem Buch
Kopf in Bücher – Bücher im Kopf: Elias Canettis Roman Die Blendung als Beispiel bibliomaner Buchnutzung
Mit diesem letzten Aspekt beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Sie setzt sich mit dem Phänomen der innerliterarischen Bibliomanie auseinander. Die lesenden Helden gebrauchen das Buch als Schutz vor der Wirklichkeit, die nicht die gewünschte Gestalt hat und kompensieren durch das Buch eine in der realen Welt erlebte Mangelerfahrung. Das Buch wird als Medium, als zentrale Instanz, zwischen den Rezipienten und die Welt gestellt. Die Wahrnehmung der Welt erfolgt ausschließlich über das Buch, so dass das Buch letztendlich die Welt selbst ist und die Wirklichkeit im Gegenzug ignoriert wird. Die neu entstandenen Welten im Kopf sind demnach gelesene, fiktive Welten, die vom Protagonisten als reale empfunden werden.
Ein allen analysierten Beispielen immanenter Aspekt ist die Maßlosigkeit der konsumierten Büchermenge, die erst für den bibliomanen Wahn ausschlaggebend ist. So können die ausgewählten Beispiele Fälle darstellen, in denen sich der Leser gegenüber dem Buch nicht angemessen oder maßvoll verhält. Auch können sie die Konsequenzen einer direkten Referentialisierung der Literatur auf die alltägliche Welt aufzeigen. Nichtsdestotrotz soll die Arbeit keine Warnung vor dem Buch sein. Vielmehr handelt es sich um eine Thematisierung der innerliterarischen Bibliomanie und ein Aufzeigen der möglichen Reaktionen auf eine pathologische Literarisierung der Wirklichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der innerliterarischen Bibliomanie ein und beschreibt das Buch als zentrales Medium zwischen Rezipient und Wirklichkeit.
Formen der Buchnutzung in der Literatur: Dieses Kapitel erläutert den Dreischritt Buchnutzung, Bibliophilie und Bibliomanie sowie deren medienhistorische Hintergründe.
Analyse von Vergleichsbeispielen: Hier werden literarische Werke wie "Don Quijote", "Anton Reiser", "Die Bibliothek von Babel" und "Fahrenheit 451" analysiert, um bibliomane Motive zu identifizieren.
Elias Canettis Roman Die Blendung: Dies ist der Hauptteil, der Kiens Entwicklung, die Anthropomorphisierung der Bücher, die Pathographie sowie die Rolle der Bibliothek und Religion detailliert untersucht.
Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die gewonnenen Erkenntnisse zur Bibliomanie zusammen und reflektiert die negative Perspektive auf die Schriftkultur im 20. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Bibliomanie, Bibliophilie, Elias Canetti, Die Blendung, Peter Kien, Literatur, Bibliothek, Buchnutzung, Pathologie, Melancholie, Weltflucht, Realitätsverlust, Anthropomorphisierung, Schriftkultur, Medientheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der innerliterarischen Bibliomanie und untersucht, wie Protagonisten Bücher als Schutzschild gegen die Wirklichkeit verwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die psychologische Pathologie des exzessiven Lesens, die Vermenschlichung von Büchern und die Rolle der Bibliothek als realitätsferner Lebensraum.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Analyse der Konsequenzen einer "pathologischen Literarisierung" der Welt am Beispiel des Romans "Die Blendung" von Elias Canetti.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Methode ist primär gegenständlich und deskriptiv; sie stützt sich auf eine tiefgehende Analyse ausgewählter literarischer Texte und deren wechselseitige Bezüge.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich intensiv der Figur des Peter Kien, seiner "Kopfbibliothek", seiner Beziehung zu den Büchern als Religion und seinem zunehmenden Realitätsverlust.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bibliomanie, Weltflucht, Pathologie, Melancholie, Bibliothek und Realitätsverlust beschreiben.
Inwiefern spielt der Bibliotheksbrand bei Canetti eine Rolle?
Der Bibliotheksbrand ist die logische Konsequenz aus Kiens Wahn, in dem er versucht, die Kontrolle über seine (Bücher-)Welt durch die Vereinigung im Feuer zurückzugewinnen.
Welche Rolle spielt die Figur der Therese?
Therese repräsentiert für Kien die eingedrungene, unverständliche Realität der Gegenwart, die seinen hermetisch abgeriegelten Kosmos der Bibliothek stört und zerstört.
- Quote paper
- Julika Zimmermann (Author), 2004, Kopf in Bücher - Bücher im Kopf: Elias Canettis Roman "Die Blendung" als Beispiel bibliomaner Buchnutzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23075