Im Jahr 2006, wurde ein weiterer Fall über Kindesmisshandlung in den deutschen Medien, bekannt. Es handelte sich um den Fall Kevin, ein zweijähriger Junge, der nach dem Tod der Mutter, trotz der Hinweise auf Misshandlungen, in die Obhut des Stiefvaters gegeben worden ist. Im Oktober 2006 wurde Kevin in dessen Kühlschrank gefunden.
Bei der Obduktion stellten die Gerichtsmediziner neue und ältere Knochenbrüche und Verletzungen an den Genitalien fest.
Hierbei kommen Fragen auf wie: Was geht im Kopf eines solchen Menschen vor? Was hat den Stiefvater dazu bewegt, Kevin zu Tode zu bringen? Wie konnte dieser Mann monatelang an den Kühlschrank gehen, sich seine Lebensmittel herausnehmen, wissend, dass in der Mülltüte der leblose Körper des zweijährigen Kevin befand.
Dieser Fall, den ich im Jahre 2006 intensiv mitverfolgte, brachte mich zu meinem Thema der physischen Gewalt in der Erziehung. Schwerpunkt dieser Arbeit wird, wie oben bereits angedeutet, sich mit der Frage auseinandersetzen, aus welcher Motivation heraus sich Eltern für die körperliche Gewalt in der Erziehung entscheiden. Darüber hinaus, möchte ich die beiden mir bekannten Kulturen Italien – Deutschland vergleichen. Ich möchte sehen, ob es einen Unterschied gibt zwischen italienischen und deutschen Eltern, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben und wie diese sich auf die Erziehung der eigenen Kinder auswirken. Dazu habe ich im Rahmen dieser Arbeit mit zwei Elternteilen aus beiden Kulturen, in Deutschland lebend, Gespräche durchgeführt. Die befragten Personen, die aufgrund des sensiblen Themas, anonym bleiben wollten, lehnten jegliche Art von Aufnahme der Gespräche ab. Die Gespräche erfolgten in einem dyadischen gegenübersitzenden Gespräch, mit einem daraus entstandenen schriftlichen und überprüften Protokoll. Die Namen der beiden Personen werden aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert. Im Anschluss an den Vergleich der beiden Kulturen, möchte ich einen Bezug zu den religiösen Argumenten nehmen. Diese ist mir ebenfalls besonders wichtig, denn häufig passiert der Fehler, durch das nicht verstehen biblischer Abschnitte die Gewalt in der Erziehung auf die Bibel verwiesen wird mit der Aussauge: „Wer sein Kind liebt, züchtigt es.“
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung
1.1 Geschichtlicher Hintergrund
1.2 Gesetzesinhalt
1.3 Zielsetzung
2. Fallbeispiele
2.1 Silvia Teil I.
2.2 Fabiola Teil I.
3. Gewalt in der Erziehung
3.1 Definition von Erziehung
3.1.1 Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
3.1.2 Drei Grundlegende Bedürfnisse für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung
3.1.2.1 Das Bedürfnis nach Existenz (existence)
3.1.2.2 Soziale Bindung und Verbundenheitsbedürfnis (relatedness)
3.1.2.3 Wachstumsbedürfnis (growth)
3.1.3 Erziehungsstile
3.1.3.1 Autoritärer Erziehungsstil
3.1.3.2 Demokratischer Erziehungsstil
3.1.3.3 Laissez-faire oder permissive Erziehungsstil
3.2 Definition Gewalt
3.3 Formen von Kindesmisshandlung
3.3.1 Psychische Misshandlung
3.3.2 Sexueller Missbrauch
3.3.3 Vernachlässigung
3.4 Kindesmisshandlung vs. Kindeswohlgefährdung
3.5 Einstellungen der Bibel zu Körperstrafen
4. Erklärungsansätze der Ursachen von Kindesmisshandlungen
4.1 Das psychopathologische Erklärungsmodell
4.2 Das soziologische Erklärungsmodell
4.3 Das sozial – situationale Erklärungsmodell
4.4 Resümee Kindesmisshandlung
4.5 Erklärungsansätze erklärt am Fallbeispiel „Fabiola Teil. I.“
5. Körperliche Gewalt
5.1 Definition des Begriffes „körperliche Gewalt“
5.2 Gesundheitliche Folgen und Auswirkungen der physischen Gewalt
5.3 Die Resilienz
6. Wie gehen ehemalige misshandelte Kinder mit ihren Kindern um?
6.1 Fallbeispiel Teil II. Silvia.
6.2 Fallbeispiel Teil II. Fabiola.
7. Italien
7.1 Die Studie: Viele Welten Leben
7.2 Rolle und Bedeutung der Familie
7.2.1 Begriffsklärungen
7.2.2 Erziehung der Kinder wird in Solidarität vollzogen
7.3 Deutschland – Italien im Vergleich der Familien Erziehungs- vorstellungen
8. Was veranlasst Eltern zu physischer Gewalt in der Erziehung?
9. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die psychologischen und soziologischen Hintergründe, die Eltern dazu bewegen, physische Gewalt in der Kindererziehung einzusetzen. Im Zentrum steht die Frage, wie intergenerationale Gewalterfahrungen die Erziehungskompetenzen beeinflussen und ob ein kultureller Vergleich zwischen deutschen und italienischen Erziehungsvorstellungen Aufschluss über mögliche Bewältigungsstrategien geben kann.
- Analyse der gesetzlichen Grundlagen zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung.
- Explorative Fallstudien zur Aufarbeitung eigener Kindheitstraumata ehemaliger Opfer.
- Untersuchung von Erklärungsmodellen zur Entstehung von Kindesmisshandlung.
- Vergleich der familiären Erziehungskulturen in Italien und Deutschland unter Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren.
- Diskussion der Bedeutung religiöser Argumente im Kontext von körperlicher Züchtigung.
Auszug aus dem Buch
2.1 Silvia Teil I.
„Ich bin Silvia, komme aus Hannover und bin 26 Jahre alt. Ich bin ein Kind einer ungewollten Schwangerschaft zwei deutscher Eltern. Meine Mutter war, als sie von meiner Existenz erfuhr 16 Jahre alt. Mein biologischer Vater hingegen 25. Er fühlte sich zu jung für eine Familie und verlangte von meiner Mutter den Schwangerschaftsabbruch. Bis zum achten Lebensjahr wuchs ich bei meinen Großeltern auf. Meine Großmutter war ein liebevoller Mutterersatz. Zwei Tage vor meinem Geburtstag kam es zum Streit zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter. Daraufhin verließen wir, meine Mutter und ich, ihre Wohnung ohne uns von ihr zu verabschieden. Ich fand, bei unserer Rückkehr am Nachmittag, meine Großmutter leblos auf ihrem Bett liegen. Nach dem Tod meiner Großmutter, nahm meine Mutter mich zu sich. Meine Mutter hatte einen festen Partner, der jedoch von meiner Existenz nichts wusste. Einen Beruf hatte sie nicht erlernt. Auch einer geregelten Arbeit ging meine Mutter nicht nach, aber eine Party lies sie nicht ausfallen. Mein Großvater wollte, dass meine Mutter anfängt für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Tochter aufzukommen. Somit setze er uns auf die Straße. Zum Glück meiner Mutter, hatte ihr Partner ein Haus in dem er uns aufnahm. Ich bekam ein kleines Zimmer in dem gerade einmal ein Bett hineinpasste. Meine Kindheit schien dem des Zauberjungen Harry Potter sehr ähnlich. Kurz nach dem Einzug wollte meine Mutter von ihrem Partner Nachwuchs, der jedoch Jahre auf sich warten lies. Ich war Schuld an der nicht eintretenden Schwangerschaft meiner Mutter. Ihrer Meinung nach war sie durch mich starken psychischen Belastungen ausgesetzt. Mit der Geburt von Baby Angela, veränderte sich die Situation zuhause drastisch. Ich kam immer an zweiter Stelle und Angela wurde immer bevorzugt. Um etwas haben zu dürfen, musste ich es mir durch gutes Benehmen und Arbeiten im Haushalt „verdienen“. Wenn ich mal etwas nicht machen wollte, bekam ich Schläge, wenn Angela außer Sichtweite war, kamen Bisse und Kochlöffel hinzu.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Motivation von Eltern, physische Gewalt in der Erziehung auszuüben, motiviert durch reale Misshandlungsfälle, und vergleicht dabei deutsche und italienische Erziehungsvorstellungen.
1. Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung: Das Kapitel erläutert den historischen Kontext und den Inhalt des §1631 Abs. 2 BGB, der das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert.
2. Fallbeispiele: Die Fallbeispiele von Silvia und Fabiola dienen als empirische Basis, um die Auswirkungen von Gewalterfahrungen in der eigenen Kindheit auf das spätere Erwachsenenleben darzustellen.
3. Gewalt in der Erziehung: Dieses Kapitel definiert grundlegende Begriffe wie Erziehung und verschiedene Misshandlungsformen (psychisch, physisch, sexuell) und beleuchtet die Rolle religiöser Argumente.
4. Erklärungsansätze der Ursachen von Kindesmisshandlungen: Es werden psychopathologische, soziologische und sozial-situationale Erklärungsmodelle vorgestellt, um die Entstehung von familiärer Gewalt zu verstehen.
5. Körperliche Gewalt: Die Definition und die kurz- sowie langfristigen gesundheitlichen Folgen physischer Gewalt werden hier detailliert erörtert, ergänzt durch das Konzept der Resilienz.
6. Wie gehen ehemalige misshandelte Kinder mit ihren Kindern um?: Dieses Kapitel untersucht, ob ehemalige Opfer physischer Gewalt selbst zu Tätern in der Erziehung ihrer eigenen Kinder werden.
7. Italien: Unter Rückgriff auf die Studie „Viele Welten Leben“ werden die Rolle der Familie und Erziehungsvorstellungen im italienischen Kontext analysiert und mit Deutschland verglichen.
8. Was veranlasst Eltern zu physischer Gewalt in der Erziehung?: Eine Synthese der bisherigen Erkenntnisse verdeutlicht die Schwierigkeit, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, besonders bei belasteten Eltern.
9. Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die Notwendigkeit gesellschaftlicher Unterstützung und therapeutischer Interventionen zusammen, um Gewalt präventiv entgegenzuwirken.
Schlüsselwörter
Kindesmisshandlung, physische Gewalt, Erziehungsstile, intergenerationale Gewalt, Resilienz, Kindeswohlgefährdung, Eltern-Kind-Beziehung, Familiendynamik, Prävention, psychische Folgen, Deutschland, Italien, Migrationshintergrund, Erziehung, Kindeswohl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Ursachen von physischer Gewalt in der Erziehung und analysiert, warum Eltern, die selbst als Kinder Gewalt erfahren haben, dazu neigen, dieses Verhaltensmuster fortzusetzen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Neben der Definition von Gewalt und Erziehung betrachtet die Autorin vor allem Erklärungsmodelle für Kindesmisshandlung, die Folgen physischer Gewalt, das Konzept der Resilienz sowie einen interkulturellen Vergleich zwischen Deutschland und Italien.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, die Motivationslagen von Eltern für körperliche Gewalt aufzudecken und zu verstehen, wie betroffene Eltern versuchen, den Teufelskreis der intergenerationalen Gewalt zu durchbrechen.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse zu theoretischen Entstehungsmodellen von Gewalt sowie auf qualitativen Interviews (Fallbeispielen) mit zwei Elternteilen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Gesetze, Definitionen), die verschiedenen Ursachenmodelle, die gesundheitlichen Langzeitfolgen bei Betroffenen sowie die Auswertung der Fallbeispiele zur Aufarbeitung der Kindheit.
Welche Schlüsselbegriffe sind für die Arbeit charakteristisch?
Wichtige Begriffe sind Kindesmisshandlung, Resilienz, intergenerationale Weitergabe von Gewalt, Kindeswohlgefährdung sowie der Einfluss familiärer Rollenbilder und kultureller Prägungen.
Wie unterscheidet sich die italienische von der deutschen Erziehungsvorstellung laut Arbeit?
Die Autorin hebt hervor, dass in italienischen Familien kollektivistische Strukturen und eine starke Familienbindung vorherrschen, während in deutschen Familien eher individualistische Werte und ein demokratischer Erziehungsstil dominieren.
Welche Rolle spielt die Religion bei der Rechtfertigung von Körperstrafen?
Das Dokument zeigt auf, dass biblische Zitate wie „Wer sein Kind liebt, züchtigt es“ oft aus dem historischen Kontext gerissen werden, um Gewalt zu legitimieren, während die Autorin die Interpretation dieser Schriften eher auf Lehre und Führung statt auf physische Strafe fokussiert.
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- Assuntina Kampmann (Autor), 2012, Was veranlasst Eltern zu physischer Gewalt in der Erziehung?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230798