Waldorf bewegt

Bewegte Schule im Kontext des Waldorfkonzepts


Masterarbeit, 2013

56 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eigene Fallstudie
2.1 Fragestellung
2.2 Hypothesen
2.3 Informationen zur Schule
2.4 Durchführung der Untersuchung
2.5 Ziele der Untersuchung
2.6 Auswertung der Untersuchung
2.7 Vergleich mit anderen Studien
2.8 Interpretation

3 Bewegte Schule
3.1 Problemsituation – Folgen des Bewegungsmangels
3.2 Bewegter Unterricht
3.3 Bewegungspausen
3.4 Sportunterricht
3.5 Außerunterrichtliche Bewegungsangebote
3.6 Bewegungsräume
3.7 Sitzen im Unterricht
3.8 Stille und Entspannung

4 Umsetzung des Konzepts an der Freien Waldorfschule
4.1 Bewegter Unterricht und Bewegungspausen
4.2 Sportunterricht
4.3 Außerunterrichtliche Bewegungsangebote
4.4 Bewegungsräume
4.5 Sitzen

5 Empfehlungen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagenverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 [Dauer der Konzentration im Kindesalter. (Sommer-Stumpenhorst, 1992, S. 3)]

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 [Perzentile für den Body-mass-Index für Jungen im Alter von 0-18 Jahren. (Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 811)]

Abb. 2 [Gewichtsverteilung nach Klassen.]

Abb. 3 [Vergleich der Fallstudie mit Referenz-Untersuchungen.]

Abb. 4 [Übergewichtsprävalenz bei Migranten und Nicht-Migranten. (Kurth et al., 2007, S. 740)]

Abb. 5 [Prävalenz von Übergewicht in Abhängigkeit vom sozialen Status. (Kurth et al., 2007, S. 740)]

1 Einleitung

Was kann ich gegen die Konzentrationsschwächen meiner Schüler machen? Sind die vor­handenen Sitzmöbel noch zeitgemäß? Gehört ein Fußballfeld auf jeden Pausenhof? Erfährt mein Kind an dieser Schule eine optimale Ausbildung?

Lehrer, Schulleiter, Hausmeister und Eltern sind ständig mit Fragen wie diesen konfrontiert. Auch wenn jede Personengruppe eigene Interessen und Prioritäten verfolgt, so liegt ihnen al­len das Wohl der Kinder am Herzen. Zunehmend wird die Schule nicht mehr nur als reine Bildungsanstalt betrachtet. Stattdessen legen Eltern heute vermehrt Wert auf eine ganzheitli­che und zuweilen auch ganztägige Betreuung ihrer Kinder. Dadurch übt die Schule als Insti­tution einen immer größeren Einfluss auf die junge Generation aus. Sie kann sich nicht mehr allein auf die Förderung der geistigen Entwicklung der Schüler beschränken. Auch körperli­che, soziale und gesundheitliche Aspekte müssen berücksichtigt werden. Besonders der Be­reich Gesundheit nimmt seit einigen Jahren eine wichtige Stellung in der öffentlichen Debatte ein.

So ist es nur verständlich, dass sich auch Eltern verstärkt für das Thema Gesundheitsförde­rung an Schulen einsetzen. Sie fordern eine ganzheitliche Ausbildung, die nicht krank macht und ihren Kindern einen optimalen Start ins Leben und Arbeitsleben ermöglicht. Den Ansprü­chen heutiger Eltern und Schüler gerecht zu werden ist – aufgrund dieser Fülle an unter­schiedlichen Erfordernissen - keine leichte Aufgabe. Dennoch solltenv sich unsere Schulen den Herausforderungen stellen und eine stetige Weiterentwicklung anstreben. Doch wie kann die Bewältigung dieses Vorhabens gelingen?

Zunächst ist es wichtig, sich Orientierung zu verschaffen. Welche Möglichkeiten schulischer Gesundheitsförderung gibt es? Welche theoretischen Ansätze werden derzeit diskutiert und können diese Konzepte mit der bestehenden Schulkultur harmonieren? Anschließend ist es hilfreich, die bestehenden Umstände an der eigenen Schule zu analysieren. Dabei sollte ge­klärt werden, welche Problemfelder eine schnelle Lösung erfordern und in welchen Berei­chen eher nachrangig agiert werden kann. Ein komplexes Thema wie die schulische Ge­sundheitsförderung bedarf einer umfassenden Betrachtung aller mit der Schule verbundenen Strukturen. Dazu gehören neben der Gestaltung von Unterricht und Pausen auch bauliche Gegebenheiten und außerunterrichtliche Angebote. Erst nach sorgfältiger Analyse der vor­handenen Umstände sollten Maßnahmen eingeleitet werden.

Die vorliegende Arbeit ist darauf ausgerichtet, eine Schule bei diesen vorbereitenden Schrit­ten zu unterstützen. Aus diesem Grund soll zunächst der Ist-Zustand betrachtet werden und zwar in Form einer Untersuchung zur Prävalenz von Übergewicht bei Schülern. Anschließend wird das Konzept der Bewegten Schule vorgestellt, da es einen wesentlichen Beitrag zu einer gesünderen Gestaltung des Schulalltags leisten kann. Im letzten Kapitel erfolgt eine Analyse der zum jetzigen Zeitpunkt vorhandenen schulischen Strukturen und ein Abgleich mit den zuvor dargelegten theoretischen Ansätzen. Den Abschluss bildet eine Aufstellung von empfohlenen Handlungsschritten, welche es zum Ziel hat, eine Annäherung an das Idealbild einer bewegten Schulkultur zu schaffen.

2 Eigene Fallstudie

Der folgende Abschnitt stellt die Präsentation und Beschreibung der selbst durchgeführten Fallstudie dar. Diese setzte sich zum Ziel, Körpergröße und Körpergewicht der Schüler zu er­mitteln und in Relation zu setzen.

2.1 Fragestellung

Waldorfschulen sind Privatschulen mit einem eigenen, auf den anthroposophischen Ideen Rudolfs Steiners basierenden Konzeptes. Es gibt diverse Unterschiede zu staatlichen Schu­len, welche sich in vielen Bereichen erkennen lassen. Die geplante Studie soll zeigen, ob und inwieweit sich die an der Freien Waldorfschule Schwerin lernenden Schüler in Bezug auf Körpergröße und –gewicht vom bundesweiten Durchschnitt unterscheiden. Dabei soll vorder­gründig geprüft werden, wie groß der Anteil übergewichtiger Kinder an der Schülerschaft ist und inwiefern sich die erhobenen Werte von den Resultaten anderer Studien unterscheiden. Zusätzlich sollen Hypothesen darüber aufgestellt werden, welche schulspezifischen Einfluss­faktoren für die ermittelten Ergebnisse von Bedeutung sind.

2.2 Hypothesen

Aufgrund von eigenen Beobachtungen und Gesprächen mit anderen an der Schule tätigen Lehrkräften wird vermutet, dass ein relativ geringer Anteil der Schüler von Übergewicht oder Adipositas betroffen ist. Es wird deshalb davon ausgegangen, dass der prozentuale Anteil übergewichtiger Schüler deutlich unter dem von der repräsentativen KiGGS-Studie ermittel­ten Wert von 15% liegen wird. Weiterhin wird vermutet, dass im Zusammenhang mit der Übergewichtsprävalenz dem Aspekt Bewegung im Schulalltag eine zentrale Rolle zukommt.

2.3 Informationen zur Schule

Die zur Erarbeitung des Schulprofils verwendeten Informationen stammen von der Homepa­ge der Waldorfvereinigung (http://www.waldorf-schwerin.de) sowie aus diversen Gesprächen mit langjährig aktiven Lehrern.

Die Waldorfvereinigung Schwerin e.V. gründete sich im Jahr 1990 und verwaltet seit 1997 die Freie Waldorfschule sowie den dazugehörigen Kindergarten und Hort in der Schloßgar­tenallee in Schwerin. Zurzeit besuchen rund 300 Kinder und Jugendliche verteilt auf die Klas­sen 1 bis 13 die Schule. Sie streben – unterstützt von 25 Lehrkräften - die allgemein aner­kannten und auch an staatlichen Schulen angebotenen Abschlüsse der Mittleren Reife und des Abiturs an. Eine Besonderheit ist dabei, dass alle Schüler mindestens zwölf Jahre am Unterricht teilnehmen und auch dann erst die Mittlere Reife erwerben. Das Abitur kann wahl­weise noch zusätzlich absolviert werden, wofür das dreizehnte Schuljahr vorgesehen ist.

Wie bereits angeklungen, handelt es sich bei der Freien Waldorfschule Schwerin nicht um eine staatliche Institution sondern um eine staatliche genehmigte Ersatzschule, was unter anderem bedeutet, dass die Eltern der Schüler ein Schulgeld entrichten müssen. Es werden jedoch auch staatliche Mittel für die Beschulung der Kinder bezogen. Insgesamt gilt der Grundsatz, dass kein Kind aufgrund finanzieller Gegebenheiten abgelehnt wird. Für einkom­mensschwache Familien besteht deshalb auch die Möglichkeit, ein ermäßigtes Schulgeld zu beantragen.

Trotz der Tatsache, dass am Ende der Schulausbildung ein zentraler Abschluss von den Schülern erreicht werden soll, verfügt die Waldorfschule über ein eigenes Curriculum sowie eine spezielle Lern- und Lehrphilosophie. Die Waldorfpädagogik stützt sich auf die anthropo­sophischen Ideen[1] Rudolf Steiners und verfolgt eine ganzheitliche Ausbildung, die den Ent­wicklungsprozessen des Lebens folgt. Dabei sollen die Schüler zum selbstbestimmten Han­deln und zur Verantwortung erzogen werden.

Zu den typischen waldorf-spezifischen Elementen gehören die Fremdsprachenausbildung ab der ersten Klasse, die Vernetzung der Fächer, der Epochenunterricht und die Durchführung von diversen Praktika.

Unter dem Begriff Epochenunterricht versteht man die Aufgliederung des Schultages in Haupt- und Fachunterricht. Im Hauptunterricht, der täglich die ersten zwei Stunden ausfüllt, werden die Schüler über mehrere Wochen („Epochen“) im gleichen Fach unterrichtet. Dies dient unter anderem dazu, komplexe Themengebiete kompakt und somit zusammenhängend behandeln zu können. Der Fachunterricht gestaltet sich weitestgehend „klassisch“ und wird wie auch im staatlichen System von spezialisierten Fachlehrern durchgeführt.

Eine Besonderheit der Freien Waldorfschule Schwerin ist das kürzlich implementierte Pro­filmodell. Hierbei werden den Schülern der Oberstufe (Klassen 10 bis 12) klassenübergrei­fend diverse Profilkurse angeboten. Diese werden quartalsweise durchgeführt und bieten vertiefenden und fächerübergreifenden Wissenserwerb. Die Schüler können (mit einigen Ein­schränkungen) eine freie Auswahl nach ihren Interessen treffen. Es wird zielführend gear­beitet, so dass am Ende des Quartals ein Ergebnis präsentiert werden kann. Aufgrund der großen Anzahl verschiedener Kurse ist die Teilnehmerzahl meist überschaubar, so dass ef­fektiv gearbeitet werden kann. Für die Durchführung der Profilkurse stehen fünfmal wöchent­lich jeweils Doppelstunden zur Verfügung. Das Fächerangebot gliedert sich in wissenschaftli­che Fächer, Künste, anwendungsbezogene Fächer sowie Bewegungsfächer. Ein bemer­kenswerter Aspekt des Systems ist, dass vermehrt Fächer unterrichtet werden, die keine klassischen Schulfächer sind, wie z. B. Jura, Psychologie, Buchführung, Wirtschaftsmathe­matik und viele andere mehr. Somit soll dieses neue System neben der Profilierung der Schüler und der Schule vor allem auch eine vertiefte Weltorientierung der Heranwachsenden ermöglichen.

In allen Altersklassen, jedoch besonders im Unterstufenbereich, spielt ein beweglich gestal­teter Schulalltag eine große Rolle. Auf die genauen Konzepte wird an späterer Stelle noch in­tensiv eingegangen werden.

2.4 Durchführung der Untersuchung

Es wurden sämtliche Klassenstufen (1. bis 13. Klasse) der Freien Waldorfschule Schwerin einbezogen. In den Klassen 1 bis 8 wurden Körpergröße und Körpergewicht in der Unter­richtszeit gemessen und erfasst. Dabei wurden immer die gleichen Mess- und Wiegevorrich­tungen verwendet, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Zum Einsatz kamen eine han­delsübliche Personenwaage, die auf 0,1kg genau misst sowie ein Messstab mit Zentime­ter-Einteilung. Da die Messungen aus Gründen der Teilnehmer-Akzeptanz und Praktikabilität in vollständiger Beschuhung und Bekleidung stattfanden, waren geringfügige Ungenauigkeiten jedoch nicht zu vermeiden. Es wurde versucht entgegenzusteuern, indem pauschal ein Zen­timeter der gemessenen Körpergröße abgezogen wurde, um die Höhe der getragenen Schu­he auszugleichen. Ebenso wurde bei jedem gemessenen Gewichtswert 1,5 Kilogramm sub­trahiert, um die Masse der Kleidung zu egalisieren. Auch wenn die durchgeführten Maßnah­men Messungenauigkeiten nicht gänzlich ausschließen können, so führen sie doch bei gerin­gem zusätzlichen Aufwand zu einer Annäherung an die exakten Werte.

In den Klassen 9 bis 13 erfolgte die Erhebung der Daten durch Ausfüllen einer Liste. Die Ent­scheidung, in diesen Klassen von der Methode der direkten Messung abzuweichen, erfolgte aufgrund von zwei Vermutungen: Zum einen ist davon auszugehen, dass ältere Schüler ihre Körpergröße und das Körpergewicht kennen, unter anderem deshalb, weil sich diese Körper­maße nicht mehr so schnell verändern, wie dies bei jüngeren Schülern der Fall ist. Zum an­deren wurde angenommen, dass die Akzeptanz der älteren Schüler gegenüber der Datener­fassung höher ist, wenn sie eigenständig die Werte beisteuern, anstatt lediglich als „Messobjekt“ zu dienen.

Die Schüler aller Klassen wurden im Voraus darüber aufgeklärt, zu welchem Zweck ihre Kör­permaße erfasst werden. In einigen Klassen wurden auch die Eltern entsprechend informiert. Nur in einem Fall kam es zu einer nachträglichen Beschwerde eines Elternteils, der Konflikt konnte jedoch durch ein Gespräch geklärt werden. Bei den meisten Schülern schien die Un­tersuchung auf große Akzeptanz zu stoßen, besonders die Jüngeren waren sehr an ihrer Körpergröße und dem –gewicht interessiert. Auch sichtbar Übergewichtige und Untergewich­tige nahmen freiwillig teil. Insgesamt lehnten nur vier Kinder die Datenerfassung ab. Alle be­suchen dieselbe Klasse, der optische Eindruck ließ nicht darauf schließen, dass dies aus Angst vor der Diagnose „Übergewicht“ geschah.

Neben dem Körpergewicht und der Körpergröße wurde auch das Geschlecht der Jugendli­chen notiert, da es für die Einordnung der Ergebnisse eine Rolle spielt. Namentlich wurde je­doch kein Schüler erfasst, worauf auch mehrfach hingewiesen wurde. Die Berechnung der BMI-Werte erfolgte nachträglich anhand der gesammelten Daten. Dabei wurde wie bei Kin­dern üblich das Alter und das Geschlecht der Probanden berücksichtigt. Aus Gründen der Vereinfachung wurde für alle Kinder ein pauschaler Alterswert entsprechend ihrer Klassen­stufe festgelegt. Dabei wurde das durchschnittliche Alter eines Erstklässlers mit 6,5 Jahren festgelegt und für alle weiteren Klassen jeweils ein Jahr addiert. Die Bewertung der errech­neten BMI-Werte erfolgte auf Grundlage der von Kromeyer-Hauschild entwickelten alters- und geschlechtsspezifischen Perzentile (Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 811).

Es konnten 248 Datensätze in die Auswertung einbezogen werden. (Die Differenz zur Ge­samtschülerzahl von 305 ergibt sich dadurch, dass nicht alle Schüler zum Zeitpunkt der Da­tenerhebung anwesend waren. Da die Sammlung der Daten in den Monaten Oktober und November erfolgte, fielen überdurchschnittlich viele Schüler aufgrund von Krankheit aus.

Es ist zu vermuten, dass diese Art von Ausfällen die Repräsentativität der Stichprobe nicht gefährden, da sie wahrscheinlich nicht in direktem Zusammenhang zum Körpergewicht ste­hen.

2.5 Ziele der Untersuchung

Ziel der Untersuchung war es, Daten zum körpergewichtsbezogenen Gesundheitszustand der Waldorfschüler zu erheben. Zur Beurteilung und Bewertung der Daten und zum Zwecke einer Einordnung in Unter-, Normal- und Übergewichtige wurde der Body-Mass-Index (BMI)

herangezogen, welcher sich als hierfür geeignetes Instrument erwiesen hat. (Zimmermann, 2009, S. 12)

Die Formel zur Berechnung des BMI lautet wie folgt: Körpergewicht in kg / Quadrat der Kör­pergröße in m². (Kurth & Schaffrath Rosario, 2007, S. 737) Die erforderlichen Messwerte (Körpergröße, Körpergewicht) können problemlos mit Hilfe von Waagen und Mess-Stäben erhoben werden.

Obwohl auch andere Methoden zur Klassifikation von Übergewicht – beispielsweise Hautfal­tenmessungen oder Densitometrie - existieren, wurde der BMI gewählt. Dies geschah insbe­sondere aufgrund der Tatsache, dass BMI-Werte unkompliziert ermittelt werden können und die hierfür notwendigen Messmethoden allgemein bekannt und akzeptiert sind. Zudem wur­den hohe Korrelationen des BMI mit anderen relevanten Messmethoden und Parametern festgestellt, dazu gehören beispielsweise der prozentuale Anteil der Fettmasse am Körper­gewicht und die Hautfaltendicke. (Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 807)

Auch in anderen europäischen Ländern wird die Entwicklung von BMI-Werten seit längerem beobachtet. In den USA gilt der Index bereits seit den 1980er-Jahren als anerkannte Bewer­tungsgröße des Körpergewichts. Bei der Berechnung ergeben sich zweistellige Kennzahlen, die anhand von spezifischen Skalen den Bereichen Untergewicht, Normalgewicht und Über­gewicht zugeordnet werden können. Insbesondere im oberen Gewichtsbereich wird zudem zwischen Übergewicht und Adipositas (extremes Übergewicht oder auch Fettleibigkeit) unter­schieden. Als anerkannter Normbereich haben sich für Erwachsene weltweit Werte zwischen 18 und 25 durchgesetzt, hierbei wird vom Idealgewicht gesprochen. Oberhalb von 25 liegt Übergewicht, bei einer Überschreitung von 30 Adipositas vor. (Kurth et al., 2007, S. 737)

Diese relativ starren Grenzwerte beziehen sich auf Personen im Erwachsenenalter. Auch bei Kindern wird die Anwendung des BMI empfohlen, unter anderem von der European Child­hood Obesity Group (ECOG). Es müssen dabei jedoch diverse zusätzliche Faktoren einbe­zogen werden.

„Während im Erwachsenenalter feste Grenzwerte zur Definition von Übergewicht und Adipositas von der WHO empfohlen werden, müssen bei der Beurteilung von Kindern und Jugendlichen die alters- und geschlechtsspezifischen Veränderungen des BMI, die durch altersphysiologische Veränderungen der Fettmasse bedingt sind, berücksichtigt werden. Im Kindes- und Jugendalter sollte die Bestimmung von Übergewicht und Adipo­sitas deshalb anhand geschlechtsspezifischer Altersperzentile für den BMI erfolgen.“ (Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 807)

Der Begriff des Perzentils bezeichnet ein Maß für die Streuung einer statistischen Verteilung und ermöglicht die Einordnung und Beurteilung eines Messergebnisses (in diesem Fall der BMI) in Relation zur Referenzpopulation. Würde ein Wert beispielsweise auf dem 80. Per­zentil liegen, so kann man daraus ableiten, dass 80% der Referenzpopulation einen niedrige­ren und 20% einen höheren Wert erreichen.

Kinder und Jugendliche werden als übergewichtig angesehen, wenn sich der BMI-Wert ober­halb des 90. Perzentils befindet. Oberhalb des 97. Perzentils wird Fettleibigkeit diagnosti­ziert. (Kurth et al., 2007, S. 737)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Perzentile für den Body-mass-Index für Jungen im Alter von 0-18 Jahren. (Kromeyer-Hau­schild, 2001, S. 811)

Die Verwendung von geschlechtsspezifischen Perzentilen basiert im Wesentlichen auf einer unterschiedlichen Entwicklung der Körper von Jungen und Mädchen während der Pubertät. So erklärt sich bei Jungen der Anstieg des BMI in dieser Phase zumeist durch eine Vergrö­ßerung der Muskelmasse, während bei Mädchen die Zunahme der Fettmasse überwiegt. Die Abbildung zeigt den Verlauf der Jungen-Perzentile in Abhängigkeit zum Alter. Die graphische Darstellung der Mädchen-Perzentile unterscheidet sich nur geringfügig und wurde deshalb nicht gesondert aufgeführt. (Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 808)

Um den schnellen körperbaulichen Veränderungen im Jugendalter Rechnung zu tragen, sind die gängigen Referenzwerte zur BMI-Beurteilung in Halbjahresschritten tabelliert. Kurth et al. (2007, S. 737) sprechen sich für Probanden im Kleinkindalter sogar für eine noch feinere Auflösung aus, um die hier auftretenden starken BMI-Veränderungen angemessen beurtei­len zu können.

2.6 Auswertung der Untersuchung

Nachdem die erforderlichen Daten erhoben wurden, erfolgte die Berechnung und Auflistung der BMI-Werte (siehe Anhang M3). Anschließend wurden die alters- und geschlechtsspezifi­schen Grenzwerte für Über-, Unter- und Normalgewicht aus den Tabellen von Kromeyer-Hauschild entnommen. Somit konnten die BMI-Klassenlisten angemessen in­terpretiert werden. Zur besseren Übersichtlichkeit und Einordnung wurde die Zahl der Über- und Untergewichtigen sowohl absolut als auch prozentual erfasst. Dadurch lag nach Ab­schluss der Untersuchung für jede Klasse eine prozentuale Verteilung der drei Gewichtskate­gorien vor. Es wurde nachträglich darauf verzichtet, die Kategorien „extremes Über- bzw. Untergewicht“ gesondert zu berücksichtigen, weil sich in der gesamten Untersuchung nur je­weils ein Fall feststellen ließ (in der vierten bzw. achten Klasse). Die Auflistung der prozen­tualen Anteile erfolgte sowohl für die einzelnen Klassen als auch für die Gesamtheit aller Schüler. Dabei ist zu beachten, dass aus einigen Klassen nur eine geringe Zahl von Daten vorliegt. Dies kann dazu führen, dass Einzelergebnisse starke Auswirkungen auf die Pro­zentwerte haben. Beispielsweise ist der prozentuale Anteil der Übergewichtigen in der ach­ten Klasse im Vergleich zur dritten Klasse um mehr als den Faktor 4 größer. Dieser Kontrast relativiert sich jedoch bei der Betrachtung der absoluten Zahlen (ein bzw. drei Schüler). Demnach sollte aufgrund der relativ geringen Schülerzahl den klassenspezifischen Prozent­werten nicht allzu viel Bedeutung beigemessen werden. Die gesamtschulischen Werte besit­zen durch eine repräsentativere Anzahl von Probanden eine größere Aussagekraft. Die Ab­bildung 2 zeigt eine Übersicht der Gewichtsverteilungen in allen untersuchten Klassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Gewichtsverteilung nach Klassen.

Die Berechnung der BMI-Werte von 248 Schülern führte zu folgenden Resultaten: 214 Schü­ler gehörten zur Kategorie „Normalgewichtige“, was einem prozentualen Anteil von 86,3% entspricht. Darüber hinaus wurde bei 15 Schülern anhand des BMI Übergewicht diagnosti­ziert, sie machten 6% der Schülerschaft aus. Einer dieser 15 Schüler hatte einen BMI über dem 97. Perzentil, weshalb extremes Übergewicht oder Adipositas vorlag. Die verbleibenden 7,6% der Schüler fielen in die Kategorie „Untergewicht“. Einer dieser 17 Schüler liegt mit seinem BMI unterhalb des 3. Perzentils, es handelte sich demnach um extremes Untergewicht. Eine geschlechtsspezifische Häufung in den Kategorien „Über- / Untergewicht“ konnte nicht festgestellt werden. Sieben von 15 übergewichtigen Kindern waren Mädchen, acht Jungen. Bei den Untergewichtigen machten die Mädchen einen geringfügig höheren Anteil, nämlich zehn von 17 aus. Aufgrund der kleinen Stichprobe können keine ausdrucksstarken Aussagen hinsichtlich der Geschlechterverteilung vorgenommen werden. Es deutet sich jedoch auch keine Tendenz an, da Jungen und Mädchen in beiden Kategorien annähernd gleich verteilt sind. Des Weiteren lässt sich auch keine Korrelation von Übergewicht und Alter feststellen. Innerhalb der ersten acht Klassen variiert die Zahl der Übergewichtigen ohne erkennbares Muster, erst danach scheint sie abzunehmen. Dies ist jedoch eher als Tendenz zu werten und erlaubt keine stichhaltige Schlussfolgerung.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die auf eigenen Beobachtungen und Schät­zungen fußende Hypothese als zutreffend erwiesen hat. Der Anteil übergewichtiger Schüler ist mit 6% relativ gering. Die Relation zu anderen Studien mit ähnlichen Untersuchungsberei­chen soll im Folgenden aufgezeigt werden.

2.7 Vergleich mit anderen Studien

Nachdem die BMI-Werte aller Klassenstufen erfasst und eingeordnet wurden, ist nun ein Vergleich der prozentualen Anteile von Über- und Normalgewichtigen möglich. Dazu sollen zwei ähnliche Studien herangezogen werden. Zum einen die groß angelegte, bundesweit agierende KiGGS-Studie, zum anderen eine regionale Studie zum Übergewicht und Körper­selbstbild von Jugendlichen der Stadt Bremen.

Letztere wurde vom Gesundheitsamt Bremen im Jahr 2009 durchgeführt und umfasste die Datensätze von 602 Schülern. Hierbei wurden diverse Schulen aller Schultypen berücksich­tigt, jedoch erfolgte die Untersuchung nicht in allen Altersgruppen. Die Autoren der Studie geben die Altersspanne der Schüler mit 12,8 bis 16,7 Jahren an. Bei der Auswertung der Er­gebnisse erfolgte zudem eine Differenzierung nach Schultypen. Neben der Erhebung des BMI wurden zusätzlich Fragebögen ausgehändigt. Diese dienten zur Erfassung des Körper­selbstbildes der Jugendlichen und sind deshalb zum Vergleich mit der selbst durchgeführten Untersuchung nicht von Interesse. (Zimmermann, 2009, S. 11)

Um dem in der Bremer Studie enger gefassten Altersschnitt der Probanden Rechnung zu tragen, wurden zum Vergleich lediglich die Schüler der Klassen sieben bis elf berücksichtigt. Hinsichtlich des Schultyps entspricht die Freie Waldorfschule Schwerin vermutlich einer Ge­samtschule, da die Schüler unabhängig von ihren intellektuellen Kapazitäten die Schule be­suchen dürfen. Somit finden sich in den Klassen Kinder unterschiedlichster Leistungsfä­higkeit. Dementsprechend dienen die Werte des Schultyps „Gesamtschule“ aus der Bremer Erhebung als Vergleichsbasis.

In diesem Bereich weist die Bremer Studie den Anteil der Übergewichtigen an der Gesamt­heit der Probanden mit 23% aus. Demgegenüber stehen knapp 5% übergewichtige Kinder (in dieser Alterskategorie) an der Freien Waldorfschule. Die Autoren der Bremer Untersu­chung begründen den recht hohen Anteil (in der entsprechenden Studie wurde der Wert mit den Ergebnissen des KiGGS verglichen und lag deutlich über letzteren) mit einem über­durchschnittlichen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. (Zimmermann, 2009, S. 24)

Im Gegensatz zur regional begrenzten Bremer Untersuchung ist die KiGGS-Studie bundes­weit und wesentlich umfassender angelegt. Insgesamt nahmen 17.641 Kinder aus 167 Ge­meinden und Städten teil. Die Probanden waren zwischen 0 und 17 Jahre alt. Zusätzlich zu den Ergebnissen, die für die Gesamtheit der Teilnehmer gelten, wurden auch altersspezifi­sche Aussagen getroffen. Interessant ist hierbei unter anderem, dass mit zunehmendem Al­ter der Probanden eine Erhöhung des durchschnittlichen BMI festgestellt wurde.

Im Altersbereich 3-17 Jahre wurde der Anteil der Übergewichtigen mit 15% datiert. Dem ge­genüber stehen 6% übergewichtige Kinder an der Freien Waldorfschule (im Altersbereich 6-17 Jahre, da nur Daten von Schülern erhoben wurden). Eine Korrelation des BMI zum Alter der Kinder konnte in der selbst durchgeführten Untersuchung nicht festgestellt werden. Die KiGGS-Studie kommt hier jedoch zu anderen Ergebnissen: „Der Anteil der Übergewichtigen steigt von 9% bei den 3- bis 6-Jährigen über 15% bei den 7- bis 10-Jährigen bis hin zu 17% bei den 14- bis 17-Jährigen.“ (Kurth et al., 2007, S. 737)

Die Abweichung der eigenen Untersuchung zur bundesweiten KiGGS-Erhebung ist vermut­lich in der Größe der Stichprobe begründet, die zumindest auf der Ebene einzelner Klassen und Altersstufen nicht repräsentativ ist.

Neben der Ermittlung des prozentualen Anteils übergewichtiger Kinder wurden auch Er­kenntnisse zum Untergewicht gewonnen. Hierbei fallen die Unterschiede zu den Vergleichs­studien wesentlich moderater aus. Es wurde bei 17 von 248 Kindern Untergewicht festge­stellt, was 7,6% entspricht. In der KiGGS-Studie wurde ein Wert von 7,0% ermittelt, in der Untersuchung des Bremer Gesundheitsamts waren es lediglich 4% der Schüler. Eine Inter­pretation dieser Ergebnisse - besonders im Zusammenhang mit den Werten der Kategorie „Übergewicht“ - wäre sicherlich im Rahmen einer weiteren Untersuchung interessant, würde jedoch hier zu weit führen. Die Graphik veranschaulicht abschließend die Ergebnisse der drei angeführten Studien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Vergleich der Fallstudie mit Referenz-Untersuchungen.

2.8 Interpretation

Der Vergleich der eigenen Ergebnisse mit den Resultaten der KiGGS-Studie sowie der Re­gionalstudie aus Bremen führt zu der Schlussfolgerung, dass ein deutlich geringerer Teil der Schüler der Freien Waldorfschule Schwerin vom Problem des Übergewichts betroffen ist.

Im Vergleich zur Bremer Studie ist der Anteil der Übergewichtigen um mehr als den Faktor 4 kleiner (5% zu 23%). Bezogen auf die bundesweite KiGGS-Studie sind die Unterschiede ge­ringer, aber immer noch deutlich. Hier ist der Anteil der übergewichtigen Kinder um das 2,5-Fache kleiner (6% zu 15%). Daraus ergibt sich die Frage nach den Einflussfaktoren, die zu diesem Zustand führen bzw. geführt haben.

Die Ursachen für Übergewicht und Adipositas sind multifaktoriell und ganz unterschiedlicher Natur. Zum einen spielen genetische Faktoren eine Rolle. Zum anderen beeinflussen die So­zialisation, das Ausmaß an körperlicher Aktivität, die Ernährungsweise sowie familiäre Struk­turen die Häufigkeit von Übergewicht. (Korsten-Reck, 2007, S. 35)

Zusätzlich wirken sich ein Mangel an Schlaf, ein hohes Geburtsgewicht und psychische Fak­toren negativ aus. (Kurth et al., 2007, S. 740)

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, welcher der Faktoren in einer spezifischen Situation ausschlaggebend war oder welche Umstände eher nachrangige Wirkung hatten. Kurth und Schaffrath-Rosario (2007) fassen die Problematik in der Auswertung des KiGGS zusammen:

„Allerdings werden alle Schlussfolgerungen an den Grenzen einer Querschnittserhebung enden: kausale Ketten, temporäre Abläufe lassen sich nicht ableiten; die ‚Henne-Ei’-Pro­blematik wird ungelöst bleiben, lediglich wichtige Hypothesen für Langzeitstudien werden sich ableiten lassen.“ (Kurth et al., 2007, S. 737)

[...]


[1] Anthroposophie bezeichnet die Betrachtung des Menschen in seiner Beziehung zum Übersinnlichen.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Waldorf bewegt
Untertitel
Bewegte Schule im Kontext des Waldorfkonzepts
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
56
Katalognummer
V230811
ISBN (eBook)
9783656472988
ISBN (Buch)
9783656473084
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewegte Schule, Waldorf
Arbeit zitieren
Georg Funke (Autor), 2013, Waldorf bewegt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230811

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