Personalisiertes Ticketing und verbindliche Anreisewege zu Auswärtsspielen (Kombiregelung) als Lösung für Fangewalt?

Das niederländische Modell: Eine Lösung für Fangewalt in deutschen Stadien und auf den An- und Abreisewegen?


Ausarbeitung, 2013

51 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Lageübersicht über das Fanverhalten und Sicherheits- maßnahmen im niederländischen Profifußball
2.1 Allgemeine Lage
2.2 Das Sicherheitssystem bei Profifußballspielen in den Niederlanden
2.3 Das System „Combiregeling“ (Kombiregelung) für Gästefans in den Niederlanden
2.4 Aktuelle Lage
2.4.1 Begriffserklärungen
2.4.2 Auswertung „ Jaaroverzicht seizoen 2011-2012 “ des CIV
2.5 „Kader voor beleid - Voetbal en Veiligheid“ (Rahmenkonzeption für die (Durch)Führung - Fußball und Sicherheit) des niederländischen Ministeriums für Sicherheit und Justiz
2.5.1 Vorbereitung auf eine Saison und/oder ein Spiel
2.5.2 Während des Spiels
2.5.3 Nach dem Spiel und/oder der Saison
2.6 „Uitsupporters Centraal“ - (Gästefans im Mittelpunkt) Eine Umfrage des „Auditteam Voetbal en Veiligheid“ unter Gästefans im niederländischen Profifußball
2.7 Zusammenfassung
2.8 Erfahrungen des Autors mit dem Sicherheitssystem bei Fußballspielen in den Niederlanden

3. Die Situation in Deutschland
3.1 Allgemeine Lage
3.2 Jahresbericht Fußball für die Saison 2011/12 der ZIS

4. Rechtliche Einschätzungen bezüglich der „Kombiregelung“ und personalisiertem Ticketing

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Bildverzeichnis

1 Einleitung

Seit Jahrzehnten zieht der Fußball die Menschen in seinen Bann. Mit unterschiedlichsten Verkehrsmitteln reisen die Anhänger der Fußballclubs ihren Vereinen nach. Jedoch kommt es auf den Reisewegen immer wieder zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fußballfans und Straftaten wie Sachbeschädigungen, Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz, Widerstandshandlungen gegen Polizeivollzugsbeamte, Raubdelikte usw.

An jedem Spieltag der drei deutschen Bundesligen ist ein enormer personeller und logistischer Aufwand der Länderpolizeien und der Bundespolizei erforderlich, um ein Höchstmaß an Sicherheit für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. In Deutschland ist es jedem Fußballfan freigestellt, auf welchem Weg er zu den Spielen seines Vereins reist. Ferner ist es in der Regel möglich, am Spielort Karten für das Stadion zu erwerben. Prinzipiell ist es für jeden Fußballfan in Deutschland möglich, anonym für ein beliebiges Fußballspiel eine Eintrittskarte für jeden beliebigen Stadionbereich zu kaufen.

Aufgrund eigener Erfahrungen durch die Tätigkeit als „Szenekundiger Beamter Fußball“ (SKB) der Polizeiinspektion Osnabrück, als der ich die Fanszene des VfL Osnabrück zu den Heim- und Auswärtsspielen begleite, stellt sich mir die Frage, ob es eine Möglichkeit gibt, den mit hohen Kosten und hohem personellen Aufwand verbundenen Einsätzen eine Alternative entgegen zu setzen.

Da ich bereits seit vielen Jahren auch privat Fußballspiele in ganz Europa besuche und hier insbesondere einen Schwerpunkt auf die Niederlande und Belgien gelegt habe, wurde ich auf das System des personalisierten Ticketings und der verbindlichen Anreise zu Auswärtsspielen, die sogenannte „Kombiregelung“, aufmerksam.

Kurz zusammengefasst beinhaltet dieses System, dass der Erwerb einer Eintrittskarte für Auswärtsspiele nur dann möglich ist, wenn sich der Fan zuvor mit seinen Personalien bei seinem „Heimverein“ registrieren ließ. Wird dann eine Eintrittskarte für das Auswärtsspiel erworben, verpflichtet sich der Fan unter Umständen dazu, eine zuvor festgelegte Anreise mit Bus, Bahn oder PKW in Anspruch zu nehmen.

Eine genauere Beschreibung dieser Regelung erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit.

Im Rahmen der Erforschung dieser Thematik nahm ich Kontakt zu den SKB des niederländischen Erstligisten FC Twente Enschede auf, um diese zu ihren Erfahrungen mit der „Kombiregelung“ befragen zu können. In diesem Zusammenhang wurde ich eingeladen, einen Einsatz bei einem Heimspiel des FC Twente begleiten zu dürfen. Bei dem „Derby“ FC Twente Enschede gegen Heracles Almelo am 14.12.2012 konnten interessante Einblicke gewonnen werden, wie sich die „Kombiregelung“ auf das polizeiliche Einsatzgeschehen auswirkt.

Durch eine Kontaktaufnahme mit dem Chef der Fußballeinheit der Polizei in Rotterdam/Rijnmond wurde ich eingeladen, den Fußballeinsatz Feyenoord Rotterdam gegen Twente Enschede am 27.01.2013 zu begleiten. Da der Chef der Fußballeinheit auch als Gesamteinsatzleiter des Einsatzes fungiert, konnten bei diesem Besuch wertvolle Erkenntnisse bezüglich eines Gesamteinsatzverlaufes in den Niederlanden und die ausgesprochen bemerkenswerten infrastrukturellen Gegebenheiten im Feyenoord-Stadion erlangt werden. Auch auf diese Erkenntnisse wird zu einem späteren Zeitpunkt der Arbeit ausführlicher eingegangen.

Ferner werden in dieser Arbeit die allgemeine und die aktuelle Sicherheitslage im niederländischen Profifußball beleuchtet. Grundlage bildet hierfür die Jahresübersicht der Saison 2011/2012 des CIV, der niederländischen polizeilichen Informationsstelle für Fußballvandalismus.

Um einen Vergleich zwischen der Situation in den Niederlanden und in Deutschland ziehen zu können, wurde durch mich der Jahresbericht der ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) für die Saison 2011/2012 ausgewertet.

Darüber hinaus nahm ich Kontakt zum niederländischen Fußballverband KNVB auf, um eine fundierte Aussage über die rechtlichen Grundlagen zu erhalten, auf die sich die Systeme der „Clubcard“ und der „Kombiregelung“ stützen.

Ferner erlangte ich vom KNVB zwei Ausarbeitungen, die im weiteren Verlauf der Arbeit ausführlicher gewürdigt werden. Dabei handelt es sich um eine Umfrage des „Auditteams Voetbal en Veiligheid“ unter Fußballfans in den Niederlanden, die regelmäßig Auswärtsspiele besuchen und um eine Rahmenkonzeption des niederländischen Ministeriums für Sicherheit und Justiz („Ministerie van Veiligheid en Justitie“) für alle Beteiligten der Organisation von Spielen im niederländischen Profifußball.

Mit dem Ziel einer kurzen rechtlichen Betrachtung des niederländischen Modells auf Basis deutscher Gesetze, nahm ich Kontakt zu dem Sachbearbeiter Gefahrenabwehr/Umweltschutz der Polizeiinspektion Osnabrück auf.

Zum Abschluss der Arbeit werde ich ein Fazit meiner Recherchen ziehen und mich der Frage zuwenden, ob der niederländische Weg zur Lösung der Sicherheitsproblematik ein aussichtsreiches Modell für deutsche Sicherheitsbehörden und Fußballvereine sein kann.

Für die Unterstützung bei der Erstellung dieser Arbeit möchte ich mich bei folgenden Personen und Institutionen bedanken:

Hans Schutte und Wim Ridderhof, Politie Twente

Johan Damsteegt und Hans Opmeer, Politie Rotterdam/Rijnmond

Karin Mössenlechner, KNVB

Tobias Wulftange, Polizeiinspektion Osnabrück

2 Lageübersicht über das Fanverhalten und Sicherheitsmaßnahmen im niederländischen Profifußball

2.1 Allgemeine Lage

Auch in den Niederlanden ist Fußball der Volkssport Nummer 1. In unserem Nachbarland gibt es einige Traditionsvereine, die eine große Anzahl von Fans haben. Hier sind natürlich vor allem Feyenoord Rotterdam, Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven, Twente Enschede, FC Utrecht und ADO Den Haag zu nennen. Durch die geringe Größe des Landes sind die Entfernungen zwischen den einzelnen Spielorten wesentlich kleiner, als das zum Teil in Deutschland der Fall ist. So kommt es auch zu einer Vielzahl von Nachbarschaftsduellen, in deren Zusammenhang die Rivalität auch kleinerer Vereine untereinander zu einem erhöhten Sicherheitsrisiko führt. Hier sind als Beispiel insbesondere die Begegnungen zwischen NEC Nijmegen und Vitesse Arnhem als Beispiel hervorzuheben, bei denen es immer wieder zu Sicherheitsbeeinträchtigungen kommt.

In den Niederlanden kam es im Zuge der Europameisterschaft 2000 zu einem Bau zahlreicher neuer Stadien. Die Stadien der 1. und 2. Liga sind reine Sitzplatzarenen. In den 90er Jahren hatte der niederländische Fußball mit einer extremen Gewaltproblematik zu kämpfen. Regelmäßig kam es zu teilweise heftigen Ausschreitungen in und um die Stadien sowie in den Innenstädten. Insbesondere die äußerst verfeindeten Fangruppen von Feyenoord Rotterdam und Ajax Amsterdam suchten immer wieder die Konfrontation miteinander, was am 23.03.1997 mit der „Schlacht von Beverwijk“ seinen traurigen Höhenpunkt fand. Am Rande der Autobahn 10 bei der Ortschaft Beverwijk kam es zu einer abgesprochenen Auseinandersetzung, obwohl die beiden Vereine nicht gegeneinander spielten. Im Verlauf dieser Konfrontation, in der auch Waffen und gefährliche Gegenstände benutzt wurden, verstarb der Ajax-Hooligan Carlo Picornie. Bereits am 08.12.1991 wurde der Twente-Fan Erik Lassche in der Innenstadt von Enschede von einem Feyenoord-Hooligan erstochen. Diese regelmäßigen Vorfälle sorgten auch bei den Spitzenclubs für sehr geringe Zuschauerzahlen in dieser Zeit.

Am 17.04.2005 kam es im Vorfeld des Spiels Feyenoord-Ajax zu heftigen Ausschreitungen. Die Ajax-Fans hatten auf der Anreise nach Rotterdam ihren Zug massiv beschädigt. Die Sicherheitsbehörden entschlossen sich daraufhin dazu, den Zug wieder nach Amsterdam zurückzuschicken. Dieses Vorhaben war aufgrund der Dienstregelung auf den Bahnverbindungen nicht möglich und der Zug war darüber hinaus so stark beschädigt, dass er nicht mehr eingesetzt werden konnte. Die Amsterdamer Fans mussten zunächst am Stadion aussteigen. Da ein zweiter Ajax-Zug frühzeitig umgeleitet wurde und die darin befindlichen Ajax-Fans die Notbremse zogen und den Zug verließen als sie merkten, dass sie wieder Richtung Amsterdam fahren, entstanden für die Polizeikräfte mehrere unterschiedliche Brennpunkte. Ein Ersatz-Zug oder Ersatz-Busse für den Ajax-Anhang konnten nicht kurzfristig organisiert werden, daher befanden sich die Ajax-Fans zu Spielende noch im Stadionumfeld. Sofort suchten die aus dem Stadion kommenden Feyenoord-Fans die Auseinandersetzung mit den Amsterdamern. Als diese schließlich abtransportiert wurden, richtete sich die Gewalt des Feyenoord-Anhangs sofort gegen die Polizei. Mehrere hundert Hooligans begannen zu randalieren und sorgten für massive Sachbeschädigungen und Verletzte. Der Polizei gelang es trotz des Einsatzes von Wasserwerfern kaum, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Inzwischen dürfen zu den Spielen zwischen Feyenoord und Ajax keine Gästefans mehr mit zu den Auswärtsspielen reisen.

Insgesamt muss man beachten, dass die Anzahl der Clubs mit einem großen (Problem-)Fan- Potenzial um ein Vielfaches geringer ist, als in Deutschland. Insgesamt sind die Stadien, gemessen an der Kapazität, im Durchschnitt wesentlich kleiner und die Zuschaueranzahl wesentlich geringer. Die 2. Liga in den Niederlanden („Jupiler League“) ist mit der 2. Bundesliga nicht zu vergleichen. Gemessen an den Zuschauerzahlen und den Stadionkapazitäten kann man die „Jupiler League“ eher mit der 3. Bundesliga in Deutschland vergleichen. Unterhalb der beiden Profiligen gibt es in den Niederlanden den Amateurfußball, der, hinsichtlich Problem-Fans, überhaupt keine Relevanz besitzt. Ein Phänomen wie in Deutschland, wo Problemfans bis in die 5./6. Liga registriert sind, ist in den Niederlanden völlig unbekannt.

Da sich die Sicherheitslage in den Niederlanden im Vergleich zu den 90er Jahren bedeutend verbessert hat und erst dadurch die Zuschauerzahlen Ende der 90er Jahre wieder deutlich anstiegen, erscheint eine Betrachtung der Lösungswege und des Umgangs mit den Problemfans durch Polizei und Vereine für mich als äußerst interessant.

2.2 Das Sicherheitssystem bei Profifußballspielen in den Niederlanden

In den Niederlanden ist der Bürgermeister der gastgebenden Stadt/Gemeinde verantwortlich für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Auf der Basis seiner bestehenden Befugnisse kann dieser selbstständig über das Sicherheitskonzept rund um Fußballspiele entscheiden. Diese Entscheidung trifft er auf Basis der Informationen, die im Vorfeld einer Begegnung ausgetauscht werden.

Die Spiele werden sechs Wochen bevor sie ausgetragen werden in Risikokategorien klassifiziert. Hierbei wird unterschieden, ob es sich um ein Spiel der Kategorie A, B oder C handelt.

Diese Einschätzung treffen die Polizeien der Städte des Heim- und Gastvereins, der Heimund Gastverein und die gastgebende Gemeinde/Stadt. Unter Umständen können auch Fanvereinigungen an dieser Entscheidung mitwirken.

In diesem Gremium wird darüber entschieden, welche Maßnahmen in Bezug auf Kartenverkauf, Reisewege und -mittel sowie den Alkoholausschank getroffen werden. Bis zum Spielbeginn wird die Lage flexibel beurteilt. So können auch kurzfristig zusätzliche Maßnahmen getroffen werden oder der Polizei- und Ordnungsdienst-Einsatz entsprechend reduziert oder ausgeweitet werden.

Der Risikogehalt eines Fußballspiels kann anhand folgender Punkte bestimmt werden:

- die Gefahr, dass Heim- und Auswärtsfans die Konfrontation suchen werden,
- frühere Erfahrungen mit den Fans des Gastvereins,
- das Ignorieren der Kombiregelung,
- geringer geografischer Abstand und/oder eine große Rivalität zwischen den betroffenen Clubs (Derby),
- spezifische Polizei-Informationen über Hooligans und Rädelsführer,
- die sportliche Brisanz des Spiels und die Art des Spiels (z.B. national oder europäisch),
- die Anstoßzeit,
- Reisewegkreuzungen mit Fans anderer Vereine, deren Vereine am selben Tag spielen,
- andere Veranstaltungen in der Stadt am Spieltag,
- die Anzahl erwarteter Risikofans oder Fans mit Stadionverbot,
- den Ordnereinsatz,
- die Möglichkeit der Fantrennung,
- die Kontrolle über den Kartenverkauf und den Stadionzugang,
- die Qualität der Sicherheitskontrolle vor dem Spiel durch den Verein und das Maß der Einhaltung der Sicherheitsvorschriften des KNVB und der städtischen Genehmigungen durch den Verein.

An die verschiedenen Kategorien der Spiele sind unterschiedliche Maßnahmen gekoppelt, die sich auf den Kartenverkauf, die Anreise der Gästefans und den Alkoholausschank beziehen.

Bei Spielen der Kategorie A (geringes Risiko) gibt es keine Einschränkungen bezogen auf den Kartenverkauf, die Anreise und den Alkoholausschank. Der Ausschank von Getränken mit geringem Alkoholgehalt wird empfohlen.

Bei Spielen der Kategorie B (mittleres Risiko) können die Maßnahmen relativ flexibel getroffen werden. So kann beim Kartenverkauf ein freier Verkauf der Tickets, ein Verkauf von 4 Tickets pro Person oder der Verkauf von nur einem Ticket pro Person gestattet werden. Ferner kann festgelegt werden, dass am Spieltag kein Kartenverkauf stattfindet und das Sponsorenkarten nur personalisiert abgegeben werden dürfen.

Bezogen auf die Anreise der Gästefans können alle Varianten der Kombiregelung angewandt werden.

Auch bezogen auf den Alkoholausschank kann individuell entschieden werden, ob ein Alkoholverbot für das Spiel ausgesprochen wird.

Bei Spielen der Kategorie C (hohes Risiko) darf nur eine Eintrittskarte pro Person verkauft werden. Am Spieltag findet kein Kartenverkauf statt und Sponsorenkarten dürfen nur personalisiert abgegeben werden.

Die Anreise der Gästefans muss per Bus- oder Zugkombi erfolgen. Der Ausschank von Alkohol ist untersagt.

2.3 Das System „Combiregeling“ (Kombiregelung) für Gästefans in den Niederlanden

Bei Spielen im niederländischen Profifußball gibt es seit Ende der 90er Jahre das System der sogenannten „Kombiregelung“ für die Fans der auswärtigen Mannschaft. Dieses System wird bei Spielen mit mittlerem oder hohem Risiko angewandt und regelt die An- und Abreise der Gästefans zum Stadion. Wurde eine Kombiregelung ausgesprochen, so beinhaltet dieses automatisch, dass es den Gästefans verboten ist, sich an anderen Orten in der Stadt aufzuhalten.

Hierbei wird zwischen folgenden Varianten der Kombiregelung unterschieden (von leicht bis schwer):

„Autocombi“:

Wenn eine „Autocombi“ festgelegt wurde, dürfen die Gästefans selbstständig zu einem zuvor festgelegten Parkplatz fahren, wo sie ihren Voucher (Wertbon für eine Eintrittskarte) in eine gültige Eintrittskarte für das Spiel umtauschen und von dort aus das Stadion aufsuchen können. Der Vorteil dieser leichtesten Version der Kombiregelung liegt für die Sicherheitskräfte darin, dass alle auswärtigen Fans von einem bestimmten Platz und in einem bestimmten Zeitkorridor den Weg zum Stadion beschreiten.

„Auto-bus combi I“:

Diese Variante der Kombiregelung beinhaltet, dass ein Teil der Gästefans per Bus und ein anderer Teil der Fans per Auto anreisen darf. Auch hier wird dann ein zuvor benannter Parkplatz als Umtauschpunkt für Eintrittskarten festgelegt. Diese Form der Regelung kann als Belohnung für gutes Verhalten in zurückliegenden Spielen/Saisons angewandt werden, um den Fans den Weg zu einer Normalisation der Anreise ebnen zu können.

„Auto-bus combi II“:

Die zweite Variante der „Auto-bus combi“ stellt sich so dar, dass die Gästefans mit dem Auto selbstständig zu dem festgelegten Parkplatz fahren und von dort geschlossen mit bereitstehenden Bussen zum Stadion transportiert werden. Beim Besteigen des Busses kann der Fan dann seinen Voucher in eine Eintrittskarte umtauschen. Der Vorteil dieser Regelung ist es, dass alle Gästefans geschlossen und in einem bestimmten und beeinflussbaren Zeitfenster am Stadion ankommen.

„Buscombi“:

Bei einer Buskombiregelung müssen die Fans zuvor durch den Gastverein angemietete Busse besteigen, die an einem bestimmten Ort abfahren. Dieser Ort ist meist das Stadion des Gastvereins. Beim Betreten der Busse werden die Fans durchsucht und können ihre Vouchers gegen Eintrittskarten umtauschen. Diese Busse werden durch eigene Ordner des Gastvereins begleitet und fahren direkt zum Stadion des gastgebenden Vereins.

Bei einer gültigen „Buscombi“ bekommen die Gästefans 40% Ermäßigung auf die Eintrittskarten für das Spiel.

„Treincombi“ (Zugkombi):

Bei einer vorgeschriebenen Zugkombiregelung müssen die Fans einen vom Gastverein gemieteten Sonderzug nutzen, welcher an einem zuvor festgelegten Bahnhof abfährt. Auch bei einer „Treincombi“ bekommen die Gästefans 40% Ermäßigung auf die Tickets für das Spiel.

Die Züge werden durch ca. 30-40 Ordner des Gastvereins und weniger Polizeibeamte begleitet.

Außer den oben beschriebenen Kombiregelungen gibt es für Gästefans noch die Möglichkeit, dass sie eine eigene Busanreise organisieren. Wenn diese Reise zuvor angekündigt wurde, erhalten die Gästefans 40% Ermäßigung auf die Tickets für das Spiel.

Bei Spielen der Kategorie A (geringes Risiko) können die Gästefans ihre Anreise frei gestalten.

2.4 Aktuelle Lage

2.4.1 Begriffserklärungen

Bevor die aktuelle Lage in den Niederlanden anhand der aktuellen Jahresübersicht des „CIV“ („Centraal Informatiepunt Voetbalvandalisme“) im Detail betrachtet wird, erscheint es mir wichtig, einige Begriffe, die im Folgenden verwendet werden, zu erläutern. Der CIV ist vergleichbar mit der „ZIS“ (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) in Deutschland. Der CIV verwendet den Begriff „Voetbalvandalisme“ (Fußballvandalismus). Dieser Begriff wird zu Beginn der Übersicht wie folgt definiert:

Fußballvandalismus = Verhaltensweisen von Personen, allein oder in Gruppen, die in Verbindung mit Fußball und im Zusammenhang mit dem Stören der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und/oder dem Begehen von Straftaten stehen.

Auch das ebenfalls in Deutschland gebräuchliche Mittel des Stadionverbots wird in den Niederlanden angewandt. Ein landesweites Stadionverbot in den Niederlanden ist gültig für alle Spiele der Eredivisie (1. Liga), der Jupiler League (2. Liga), der Nationalmannschaften (auch Jugendnationalmannschaften) im In- und Ausland, für alle Pokalwettbewerbe des KNVB und alle Spiele im In- und Ausland, an dem ein niederländischer Proficlub teilnimmt (nicht nur beschränkt auf Champions- und Europa-League).

Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Stadionverboten: ein zivilrechtliches und ein strafrechtliches Stadionverbot. Ein zivilrechtliches Stadionverbot kann örtlich oder landesweit gültig sein. Gegen Personen, die gegen die Hausordnung des KNVB oder des gastgebenden Clubs verstoßen, kann ein örtliches Stadionverbot durch den Club ausgesprochen werden. Darüber hinaus kann der Club gegen die Person ein landesweites zivilrechtliches Stadionverbot beim KNVB beantragen. Schließlich kann auch die Staatsanwaltschaft gegen Personen, die durch die Polizei festgenommen oder identifiziert wurden, ein landesweites zivilrechtliches Stadionverbot beim KNVB beantragen.

Fußballfans, gegen die ein Gerichtsprozess geführt wird und die daraufhin verurteilt werden, können als Teil ihrer Strafe ein landesweites strafrechtliches Stadionverbot erhalten. Daran kann unter Umständen direkt eine Meldeauflage für den Fan gekoppelt sein. Eine Missachtung des Stadionverbots kann zu einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs führen.

Als Institution des personalisierten Ticketings in den Niederlanden wurde vor ca. 15 Jahren die „Clubcard“ eingeführt. Diese ist eine Art Scheckkarte, die es einem Fußballanhänger ermöglicht, Tickets für bestimmte Heimspiele seines Vereins erwerben zu können. Bei Spielen mit erhöhtem Risiko kann eine Clubcard-Verpflichtung ausgesprochen werden. Eine Clubcard kann man bei dem jeweiligen Verein unter Angabe seiner Personalien beantragen. Diese Personalien beinhalten Name, Anschrift, Art des Ausweises, dessen Nummer und Gültigkeitsdatum. Bei der Beantragung der Clubcard muss der Fan eine Kopie seines Ausweises beifügen. Da bei dem Erwerb einer Dauerkarte dieselben Personalien angegeben werden müssen, ist eine Dauerkarte auch gleichzeitig eine Clubcard.

Nach Angaben des KNVB ist es theoretisch nicht möglich, dass eine Person eine Clubcard bei mehreren Profifußballvereinen in den Niederlanden innehat. Es ist jedoch erlaubt, dass eine Person bei mehreren Vereinen eine Dauerkarte besitzt. Beantragt ein Fan eine Clubcard bei dem Verein X und hat bereits eine Clubcard bei dem Verein Y, wird diese Anfrage abgelehnt. Hat der Fan jedoch eine Clubcard bei dem Verein X und beantragt eine Dauerkarte bei dem Verein Y wird ihm diese verkauft. Jedoch wird seine Clubcard bei dem Verein X für die Zeit seiner Dauerkarte beim Verein Y blockiert.

Will ein Fan den Verein bei dem er eine Clubcard hat wechseln, so muss er die Clubcard bei dem einen Verein kündigen und mit der Kündigungsbestätigung eine Clubcard bei dem anderen Verein beantragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Äußere Erscheinung einer Clubcard am Beispiel von Feyenoord Rotterdam (Vor- und Rückseite).

Um Tickets für Auswärtsspiele des eigenen Clubs erwerben zu können, ist oftmals eine „Auswärtskarte“ („Uitkaart“) erforderlich. Eine „Auswärtskarte“ ist eine Karte, die ein Fan bei seinem Verein beantragen muss, wenn er zu den Auswärtsspielen reisen möchte. Diese Karte, bei deren Beantragung ebenfalls die Personalien angegeben werden müssen, ist zusätzlich zur Clubcard erforderlich. Zusätzlich zu den Personalien muss man für die Auswärtskarte auch ein digitales Foto abgeben. Diese Bilder können auf die Auswärtskarte gedruckt werden, werden laut Angaben des KNVB in der Regel nur digital gespeichert. Bei bestimmten Auswärtsspielen ist es nur mit einer gültigen Auswärtskarte des eigenen Vereins möglich, Tickets zu erwerben. Auch im Fall der „Uitkaart“ kann die Dauerkarte eines Fans entsprechend umgewandelt werden. Voraussetzung hierfür ist laut KNVB, dass der Gastverein beim Scannen der mitreisenden Fans feststellen kann, dass

1. der Fan eine gültige Dauerkarte vorzeigen kann,
2. das digitale Passfoto auf dem Scanner des Ordners gezeigt wird, so dass der Ordner erkennen kann, ob die Person auf dem Foto der Person entspricht, die vor ihm steht und
3. mit der vorgezeigten Dauerkarte tatsächlich ein Combiticket für das Auswärtsspiel gekauft wurde sowie
4. das gekaufte Combiticket tatsächlich mit der vorgezeigten Dauerkarte erworben wurde.

Die „Uitkaart“ ist also nicht zwingend eine Karte im wörtlichsten Sinne. Der KNVB verwendet statt dieses Begriffs lieber den Ausdruck „Fan mit Auswärtsregistrierung“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Personalisiertes Ticketing und verbindliche Anreisewege zu Auswärtsspielen (Kombiregelung) als Lösung für Fangewalt?
Untertitel
Das niederländische Modell: Eine Lösung für Fangewalt in deutschen Stadien und auf den An- und Abreisewegen?
Autor
Jahr
2013
Seiten
51
Katalognummer
V230822
ISBN (eBook)
9783656472469
ISBN (Buch)
9783656472612
Dateigröße
1058 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unbenotete Arbeit zur Fangewalt im Zuschauerverhalten im deutschen und niederländischen Profifußball. Die Arbeit wurde als Managementfassung an den Innenminister des Landes Niedersachsen übergeben.
Schlagworte
Polizei, Fußball, Niederlande, Fans, Gewalt, Ticketing, Kombiregelung, Stadion, Clubcard, Ultras, Hooligans, Fangewalt
Arbeit zitieren
Nils Pilgrim (Autor), 2013, Personalisiertes Ticketing und verbindliche Anreisewege zu Auswärtsspielen (Kombiregelung) als Lösung für Fangewalt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230822

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