Geschlechtsspezifische Ungleichheiten


Seminararbeit, 1998

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Theorien zur Erklärung von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten

3. Aspekte der geschlechtsspezifischen Ungleichheit

4. Überprüfung der Theorien und Beantwortung der Fragestellung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Trotz gleicher Bildungschancen, Quotenregelungen und anderen politischen Maßnahmen existieren nach Anja Lehner auch heute noch in der BRD große geschlechtsspezifische Ungleichheiten in den Lebensbedingungen. Solche Ungleichheiten lassen sich besonders auf dem Arbeitsmarkt feststellen, der indirekt die Lebenschancen wesentlich mitbestimmt. In dieser Hinsicht lassen sich oftmals Unterschiede im Arbeitsmarktzugang, in der Arbeitsplatzsicherheit, in den Arbeitsbedingungen, in den Aufstiegschancen und in der Entlohnung von Arbeitsleistungen feststellen.

Inwiefern auch heute noch Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen bestehen und wie diese zu erklären sind, soll im folgenden erläutert werden.

2. Theorien zur Erklärung von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten

Zur Erklärung und Erläuterung von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten zieht Anja Lehner Annahmen der Humankapitaltheorie, der Arbeitsmarktsegmentationstheorie, des Alternativrollenkonzepts und der These der Berufssegregation heran.

Die Humankapitaltheorie geht von der Annahme aus, „daß die Produktivität einer Arbeitskraft mit der Qualifikation und der Berufserfahrung steigt und daß für höhere Produktivität ein höheres Einkommen vergütet wird. [...] Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern resultieren demgemäß aus einer geringeren Investition der Frauen in Bildung und Weiterbildung.“1 Vermutlich hängt diese geringere Investition mit den Unterbrechungszeiten der Frauen zusammen, die durch familiäre Aufgaben hervorgerufen werden. Damit kalkulieren Frauen bei der Berufswahl diskontinuierliche Berufsverläufe mit ein, was eine kürzere Verwertzeit des Humankapitals und weniger Berufserfahrung im Vergleich zu Männern bedeutet. Da aber der technische Fortschritt im Haushalt große Zeiteinsparungen mit sich brachte, könnten Frauen diese Zeit nutzen, ihre Unterbrechungszeiten zu verkürzen und einen Beruf ausüben. Dabei spielt besonders die Tendenz zur Kleinfamilie eine große Rolle, durch die die Kindererziehungsphase immer kürzer wird.

Die Segmentationstheorie vertritt die grundsätzliche Vorstellung, „daß der Gesamtarbeitsmarkt sich aus einer Reihe relativ abgegrenzter Teilmärkte zusammensetzt. Diese stehen nicht allen Marktteilnehmern in gleichem Umfang offen. [...] Die Segmente unterscheiden sich in Arbeitsbedingungen, Aufstiegschancen und Löhnen.“2 Dabei wird zwischen primären Segment, in dem gute Bedingungen herrschen, aber auch hohe (Qualifikations-) Ansprüche an die Arbeitnehmer gestellt werden, und sekundären Segment, der durch niedrigere Qualifikationsansprüche an den Arbeitnehmer, Arbeitsplatzunsicherheit, schlechtere Arbeitsbedingungen und niedrigeres Einkommen charakterisiert ist. Frauen sind häufiger im sekundären Segment zu finden, weil sie aufgrund der diskontinuierlichen Berufsverläufe, Qualifikationsdefizite und Unterbrechungszeiten nicht den hohen Anforderungen des primären Segments entsprechen. Dies bedeutet, daß Frauen, die im sekundären Segment tätig sind, überproportional häufig von niedrigen Löhnen, schlechten Aufstiegschancen und Kündigungen aufgrund Rationalisierungen betroffen sind.

Selbst bei gleicher Ausbildung wird ein Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen erwartet, da es nach Lehner Frauen schwerer als Männer haben, in einem Betrieb beruflich Karriere zu machen, was an den schon oben erwähnten Unterbrechungszeiten liegen kann.

Weiterhin kann versucht werden, geschlechtsspezifische Ungleichheiten mit Hilfe des Alternativrollenkonzepts zu erklären. „Es geht davon aus, daß verschiedene Gruppen von Arbeitnehmern zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes sozial anerkannte Alternativen haben. Z.B. können verheiratete Frauen die Alternativrolle Hausfrau übernehmen. Alternativrollenträger charakterisieren sich dadurch, daß sie Arbeitgebern als nicht beschäftigungsstabil und damit zu teuer für ausbildungsintensive Arbeitsplätze erscheinen.“3 Weil Frauen möglicherweise Kinder bekommen können und deshalb ihre Berufstätigkeit unterbrechen, werden sie auf dem Arbeitsmarkt als unberechenbar eingestuft, bekommen unvorteilhafte Arbeitsplätze mit geringerem Einkommen und werden bei betrieblichen Beförderungen in besser bezahlte Führungspositionen nicht berücksichtigt.

Zusätzlich kann noch die These der Berufssegregation zur Erklärung der Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern herangezogen werden. Der Arbeitsmarkt ist nicht nur vertikal nach Hierarchien gegliedert, sondern auch horizontal nach Branchen und Berufen. Dabei geht Lehner nun davon aus, „daß sich auf dem Arbeitsmarkt spezielle Berufe herausgebildet haben, die dem spezifischen Arbeitsvermögen der Frauen entsprechen. Da die Haus- und Familienarbeit gesellschaftlich weniger als Arbeit (im Gegensatz zur Arbeit als Erwerbstätigkeit) anerkannt wird, werden auch typisch weibliche Erwerbstätigkeiten geringer entlohnt.“4 Als typisch weibliche Erwerbstätigkeiten werden haushalts- und familiennahe Berufe angesehen, z.B. Pflegeberufe oder Tätigkeiten in der Gastronomie. Da Frauen häufiger in diesen Berufsfeldern arbeiten, entstehen so Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern.

Inwiefern auch heute noch Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen bestehen und inwiefern die oben aufgeführten Erklärungsansätze darauf zutreffen, soll im folgenden dargelegt werden.

3. Aspekte der geschlechtsspezifischen Ungleichheit

Zunächst sollen Unterschiede im Lebenslauf von Frauen und Männern gezeigt werden. Dabei soll unter Lebenslauf die zeitliche Regulierung des menschlichen Lebens verstanden werden, als eine bestimmte Abfolge von Lebensereignissen, wobei zukünftige Ereignisse und Entscheidungen von den zuvor geschehenen abhängen. Annemette Sorensen unterscheidet hierbei drei Phasen des Lebenslaufs:

- die Phase der Vorbereitung auf Erwerbsarbeit
- die Phase der Erwerbsarbeit
- die Phase des Rückzugs von der Erwerbsarbeit.

„Arbeit“ umfaßt hierbei auch Tätigkeiten in und für die Familie.

Zur ersten Phase ist festzustellen, „daß Männer und Frauen zwar hinsichtlich ihrer formalen Vorbereitung auf das spätere Leben, nicht jedoch hinsichtlich der Art dieser Ausbildung, die gleichen Startchancen haben.“5 Die Wahl der Ausbildungsfächer ist nämlich hochgradig geschlechtsspezifisch.

In der Phase der Erwerbsarbeit beginnen Männer und Frauen ihr berufliches Leben mit ähnlichen formalen Qualifikationen und beenden es mit starken Diskrepanzen hinsichtlich Geld, Macht und Prestige. Daraus leitet Sorensen ab, daß die Ungleichheit von Männern und Frauen im Verlauf des Erwerbslebens zunimmt. Das Familienleben beeinflußt ebenfalls die Ungleichheit. Durch die Parallelität von Erwerbs- und Familienarbeit üben Frauen häufig nur eine Teilzeitbeschäftigung aus, die mit Einbußen in Karriere und Rentenentwicklung verbunden ist. „Aufgrund ihrer beruflichen Zuordnung und ihren Erwerbsunterbrechungen haben Frauen eine geringere Lohnentwicklung als Männer.“6 Frauen und Männer haben eine sehr ähnliche Abfolge familiärer Ereignisse. Diese Ähnlichkeit wird jedoch durch eine mögliche Scheidung unterbrochen, weil nach einer Scheidung Frauen eher alleine leben als Männer, und die Kinder dann eher bei der Mutter leben als beim Vater. Folglich nimmt die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen im Laufe ihres Lebens zu.

Die Phase des Rückzugs aus der Erwerbsarbeit ist für beide Geschlechter ähnlich, weil sich nach Sorensen Frauen und Männer beim Übertritt in den Ruhestand gleich verhalten.

Generell läßt sich sagen, daß sich die Lebensläufe von Männern und Frauen trotz Annäherung durch weibliche Erwerbstätigkeit noch immer unterscheiden. Sie sind zwar einander ähnlicher geworden, aber noch immer wird die Biographie der Frau durch die Biographie ihrer Familie bestimmt und noch immer ist der Lebenslauf der Frauen vom Lebenslauf des (Ehe-)Mannes ableitbar. Der männliche Lebenslauf ist in jeder Phase des Lebens im Wettbewerbsvorteil gegenüber dem der Frau. Nach Sorensen dienen zwar sozialpolitische Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter, indem die Frau durch z.B. bezahlten Mutterschaftsurlaub mit Arbeitsplatzgarantie entlastet wird; wenn jedoch nur Frauen von der Möglichkeit des Erziehungsurlaubes Gebrauch machen, bleiben Arbeitsmarktunterbrechungen weiterhin frauenspezifisch, was weiterhin zur Diskriminierung von Frauen führt.

Ein weiterer Aspekt, der von Johann Handl aufgegriffen wird, ist die Angleichung der Bildungschancen und deren Auswirkung auf die geschlechtsspezifische berufliche Segregation.

Nach ihm haben sich die Bildungschancen zwischen den Geschlechtern in der Nachkriegszeit angeglichen begleitet von einer äußerst geringen Reduzierung beruflich segregativer Strukturen. Er meint, „daß die Angleichung der Bildungsabschlüsse zwischen den Geschlechtern im allgemeinbildenden Schulsystem trügerisch sei, da nunmehr [...] [die] Benachteiligung [der Frauen] vor allem bei der Berufsausbildung zustande komme."7

Jedoch ist in der Nachkriegsperiode die schulische Vorbildung in immer höherem Ausmaß eine zentrale Voraussetzung für berufliche Karrieren. Es kommt zunehmend zu einem Verdrängungswettbewerb, „in dessen Verlauf sich die alten, vergleichsweise eindeutigen Verknüpfungen von Bildungsabschlüssen und Berufschancen zu lockern beginnen. [Dies führt dazu, daß eine zunehmend größere Zahl von formal höher Qualifizierten in den traditionellen Berufsfeldern keine Beschäftigungsmöglichkeit mehr findet und versucht, auf andere, benachbarte Berufsgruppen auszuweichen.] Bildungsabschlüsse verlieren ihre „Garantiefunktion“ im Zugang zu den gehobenen beruflichen Stellungen, sie behalten jedoch ihren Charakter als notwendige Voraussetzungen bei.“8

Durch die Angleichung der Bildungschancen werden zwar die aus Bildungsdifferenzen entstehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verringert, jedoch bleibt nach Handl der Gesamtumfang geschlechtsspezifischer Segregation nach beruflicher Stellung von Beginn der Nachkriegszeit bis heute unverändert hoch. „Erhöhte Bildungsinvestitionen allein sind nicht ausreichend, um die berufliche Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen. Sie sind ein sicherlich notwendiger und richtiger Schritt.“9

Reinhard Kreckel benutzt, um die soziale Ungleichheit im Geschlechterverhältnis zu untersuchen, das „korporatistische Dreieck“, das die drei institutionellen Hauptsäulen des Ungleichheitssystem Kapital, Arbeit und Staat beinhaltet.

Er verwendet zusätzlich das meritokratische Prinzip, daß die „meritokratische Triade“ Bildung, Beruf und Einkommen umfaßt, bzw. Zeugnis, Rang und Geld. Dabei stuft er geschlechtsspezifische Ungleichheiten als illegitim oder auch als legitim ein. „Legitime“ geschlechtsspezifische Arbeitsmarktungleichheiten sind solche, die „sich auf entsprechende Qualifikationsunterschiede zwischen den Geschlechtern zurückführen lassen. Unter meritokratischem Gesichtspunkt „illegitim“ wird ein Ungleichheitssystem folglich erst dann, wenn das Qualifikationsprinzip bei der Stellenbesetzung verletzt und/oder wenn ungleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt wird.“10 Somit können geschlechtsspezifische Ungleichheiten nicht nur kritisiert, sondern auch gerechtfertigt werden.

Kreckel stellt fest, daß die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen deutlich größer sind als die Qualifikationsunterschiede. Er nennt in diesem Zusammenhang drei Einsichten:

- Sowohl Industriearbeiterinnen als auch weibliche Angestellte in der Privatwirtschaft erzielen in formal gleichrangigen beruflichen Positionen insgesamt ein geringeres Einkommen als ihre männlichen Kollegen.
- Frauen sind sehr viel häufiger nicht ausbildungsgerecht eingesetzt und von „Dequalifizierung“ betroffen. „Qualifikationsunterschiede zwischen Industriearbeitern und -arbeiterinnen sind deshalb nicht nur auf ein weibliches.

[...]


1 A. Lehner (1996) Der „kleine Unterschied“ , S. 81

2 A. Lehner (1996) Der „kleine Unterschied“ , S. 82

3 A. Lehner (1996) Der „kleine Unterschied“ , S. 83-84

4 A. Lehner (1996) Der „kleine Unterschied“ , S. 84

5 A. Sorensen (1990) Unterschiede im Lebenslauf, S. 312

6 A. Sorensen (1990) Unterschiede im Lebenslauf, S. 314

7 J. Handl (1986) Angleichung der Bildungschancen, S. 125

8 J. Handl (1986) Angleichung der Bildungschancen, S. 130

9 J. Handl (1986) Angleichung der Bildungschancen, S. 132

10 R. Kreckel (1992) Pol. Soziologie der soz. Ungleichheiten, S. 227

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Geschlechtsspezifische Ungleichheiten
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar "soziale Ungleichheit"
Note
1,7
Autor
Jahr
1998
Seiten
16
Katalognummer
V23083
ISBN (eBook)
9783638262750
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit werden theoretische Ansätze zur Erklärung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten behandelt und deren Aussagekraft und Anwendbarkeit anhand der Ergebnisse empirischer Studien überprüft.
Schlagworte
Geschlechtsspezifische, Ungleichheiten, Proseminar, Ungleichheit
Arbeit zitieren
Dr. Monique Zimmermann-Stenzel (Autor), 1998, Geschlechtsspezifische Ungleichheiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23083

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