Der traditionelle, d.h. der bewahrende Naturschutz, wie er um 1900 entstand und auch in der Weimarer Republik stellenweise praktisch umgesetzt wurde, sah in der Machtübernahme der NSDAP 1933 eine Chance gekommen, ihre Forderungen nun auch reichsweit und reichseinheitlich umzusetzen. Doch selbst das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 vermochte es nicht, eine zunehmende Resignation des Naturschutzes im Anbetracht ihrer immer noch marginalen Rolle aufzuhalten. Zeitgleich entwickelte sich aber in der wissenschaftlichen Welt eine neue Disziplin der Raumplanung, die zunehmend ihren Führungsanspruch für sich geltend machte. Dies ist vor allem im Zuge der Ostexpansion zu verstehen, deren Landschaft von den Folgen der „polnischen Wirtschaft“ ‚gesundet‘ werden musste und dementsprechend auch den Naturschutz betraf. Die Leitprinzipien, die dabei entwickelt wurden, erfuhren zunehmend auch eine Rezeption im „Altreich“, so dass der bewahrende Naturschutz nun vollends von der Landschaftsgestaltung abgelöst wurde. Diese Entwicklungen verliefen aber mitnichten so gradlinig, wie es hier den Anschein ha-ben mag. Das teilweise komplizierte Geflecht von Institutionen, Personen und Leitvorstellungen zu entwirren, ist die Aufgabe der vorliegenden Arbeit. Dabei lautet die Hauptfrage: Wie versuchte sich der Naturschutz – trotz einiger Rückschläge – mit dem Regime zu ar-rangieren? Wie ist es zu verstehen, wenn Heinrich Wiepking-Jürgensmann 1942 verkün-det: „In diesem faustischen [sic!] Drange schufen wir unsere Großtaten […]“?
In den letzten zehn Jahren zog das Thema der Umweltgeschichte in Deutschland das Interesse der Fachwelt auf sich, was in zahlreichen Publikationen sichtbar wird. Gerade die entsprechenden Veröffentlichungen über den Nationalsozialismus bearbeiten dabei so-wohl den traditionellen Naturschutz im „Altreich“ und die Landesgestaltung im Osten, betonen dabei aber recht selten die Zusammenhänge dieser beiden Ansätze oder die Rückwirkung der östlichen Landesplanung auf den Westen. Neben einigen Sammelbänden zum Thema, gibt es auch grundlegende Monographien, wobei jene von Frank Uekötter, Thomas Lekan und der schon etwas ältere dritte Band aus Die Liebe zur Landschaft von Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn von Bedeutung sind. Einen umfassen-den Literaturbericht zu diesem Themenkomplex liefert ebenfalls Frank Uekötter.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Euphorie und Ernüchterung – Das Reichsnaturschutzgesetz und seine Umsetzung
2 Ein Paradigmenwechsel? – Naturschutz und Ostexpansion
3 Rückwirkungen – Landschaftsgestaltung um „Altreich“
Fazit und Ausblick
Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis zwischen dem traditionellen Naturschutz und der nationalsozialistischen Landschaftsgestaltung, wobei der Fokus auf den Wechselwirkungen zwischen den „eroberten Ostgebieten“ und dem „Altreich“ liegt, um zu klären, wie sich der Naturschutz mit dem NS-Regime zu arrangieren versuchte.
- Anfängliche Euphorie und Ernüchterung im deutschen Naturschutz nach 1933
- Die Etablierung des Reichsnaturschutzgesetzes von 1935
- Der ideologische Wandel hin zur aktiven Landschaftsgestaltung im Osten
- Die Rolle der Raumplanung als vermeintliche „Gesundung“ der Landschaft
- Rückwirkungen der östlichen Planungskonzepte auf das „Altreich“
Auszug aus dem Buch
2 Ein Paradigmenwechsel? – Naturschutz und Ostexpansion
Schon ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges deutete sich eine Verschiebung in der inhaltlichen Ausrichtung des deutschen Naturschutzes an: Die oben bereits erwähnte Ablösung Walter Schoenichens durch Hans Klose als Leiter der Reichsstelle Ende 1938 vollzog sich im Rahmen einer größeren Umgestaltung innerhalb des Reichsforstamtes, bei dem der Autarkie-Gedanken eine wesentliche Rolle einnahm und mit dem Schoenichen mit seinem bewahrenden Naturdenkmalpfelgeansatz wohl kaum noch kompatibel war. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger vertrat Klose den Standpunkt einer Landschaftspflege, die auch durchaus menschliche Eingriffe erlaubte und sogar forderte, wenn es dabei um die Verschönerung der Landschaft gehe. So schreibt er 1940 – ein Hitler-Zitat aufgreifend – über ein „im Geiste des Führerwortes vom schön zu machenden Deutschland“ und fährt fort: „Wie unsagbar lächerlich, da von mangelnder Kriegswichtigkeit zu sprechen.“ Allein dieser letzte Satz zeigt allerdings schon in aller Deutlichkeit, dass der staatliche Naturschutz nach Kriegsausbruch vollständig in die Defensive geraten ist. Offensichtlich gab es gleich von mehreren Stellen Kritiker, die ihm eine Blockade der kriegswichtigen Wirtschaft vorwarfen und ihn damit faktisch außer Kraft setzten.
Doch während der Naturschutz im „Altreich“ stagnierte boten die „eroberten Ostgebiete“ vor allem auf ehemals polnischen Territorien ungeahnte Möglichkeiten für die neuen Wissenschaften der Raumplanung und Landesgestaltung. So liegt zunächst die Vermutung nahe, den eroberten Osten als „Ventil“ für die enttäuschten Hoffnungen der Naturschützer zu beschreiben, die sich nun voller Tatenkraft dieser ‚großen Aufgabe‘ stellen würden. Allerdings lässt diese These unberücksichtigt, dass die Verantwortlichen für Naturschutz und Landespflege ganz andere waren als im „Altreich“. Die Reichsstelle unter Klose war im „neuen deutschen Osten“ kaum aktiv, obwohl auch hier formalrechtlich das Reichsnaturschutzgesetz galt. Die Führung in allen Landschaftsfragen der Ostgebiete übernahm stattdessen der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler, der am 7. Oktober 1940 per Führererlass zum Leiter des neueingerichteten „Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums“ (RKF) ernannt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die ideologischen Schnittmengen zwischen nationalsozialistischer Ostpolitik und Landschaftsumgestaltung anhand literarischer Analogien und führt in die Fragestellung nach dem Arrangement des Naturschutzes mit dem NS-Regime ein.
1 Euphorie und Ernüchterung – Das Reichsnaturschutzgesetz und seine Umsetzung: Das Kapitel beschreibt die anfängliche Hoffnung der Naturschützer auf das NS-Regime, die Ernüchterung über die mangelnde politische Relevanz sowie die Implementierung des Reichsnaturschutzgesetzes von 1935.
2 Ein Paradigmenwechsel? – Naturschutz und Ostexpansion: Hier wird der inhaltliche Wandel von der bewahrenden Naturdenkmalpflege zur aktiven, ideologisch motivierten Landschaftsgestaltung in den eroberten Ostgebieten unter der Führung der SS untersucht.
3 Rückwirkungen – Landschaftsgestaltung um „Altreich“: Das Kapitel analysiert, inwieweit die neuen Planungsansätze aus den besetzten Gebieten auf das „Altreich“ übertragen werden sollten und an welchen praktischen sowie juristischen Hindernissen dies scheiterte.
Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird das Scheitern des Naturschutzes als politischer Akteur konstatiert, während die Landschaftsgestaltung als technokratisches Instrument der NS-Expansion in den Vordergrund trat.
Schlüsselwörter
Naturschutz, Nationalsozialismus, Landschaftsgestaltung, Ostexpansion, Reichsnaturschutzgesetz, Raumplanung, Hans Klose, Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums, Volksgemeinschaft, Kulturlandschaft, Versteppung, Germanisierung, Umweltschutzgeschichte, Altreich, Autarkie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis des deutschen Naturschutzes zum nationalsozialistischen Regime, insbesondere im Kontext der institutionellen Entwicklungen und der ideologischen Ausrichtung zwischen 1933 und 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte des Reichsnaturschutzgesetzes, die Rolle der Landschaftsgestaltung als ideologisches Instrument der Ostexpansion sowie die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen deutschen Reichsteilen.
Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage verfolgt der Autor?
Die Hauptfrage ist, wie der Naturschutz versuchte, sich trotz zahlreicher Rückschläge mit dem NS-Regime zu arrangieren, und warum es zu einer Ablösung des bewahrenden Naturschutzes durch die aktive Raumplanung kam.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Analyse zeitgenössischer Quellen, darunter Gesetze, Zeitschriftenartikel und Denkschriften, sowie auf eine Auswertung der einschlägigen umweltgeschichtlichen Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehungsgeschichte und die Umsetzung des Reichsnaturschutzgesetzes, den Paradigmenwechsel hin zur Landschaftsgestaltung im Osten unter Heinrich Himmler und die gescheiterten Versuche, diese Planungsmodelle auf das „Altreich“ zu übertragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Naturschutz im Nationalsozialismus, Landschaftsgestaltung, Ostexpansion, Raumplanung und „völkische Gestaltungsaufgaben“ präzise beschreiben.
Warum war die Zusammenarbeit zwischen Naturschützern und der NS-Führung so problematisch?
Die Zusammenarbeit war von Anfang an durch gegenseitige Enttäuschungen geprägt, da das Regime den Naturschutz lediglich als nachrangiges Instrument der Kriegswirtschaft betrachtete und die Ziele der Naturschützer oft den ökonomischen Interessen der Führungseliten entgegenstanden.
Inwiefern beeinflussten die „Ostgebiete“ die Planungen im „Altreich“?
Die „Ostgebiete“ dienten den Planern als Versuchsfeld für eine großangelegte, von Eigentumsbeschränkungen befreite Landschaftsgestaltung, deren Grundprinzipien nach dem Krieg auch im „Altreich“ hätten verbindlich werden sollen.
Welche Rolle spielte die sogenannte „Versteppung“ in der Argumentation der Planer?
Der Begriff der „Versteppung“ wurde ideologisch instrumentalisiert, um sowohl die „Verbesserung“ der eroberten Ostgebiete zu legitimieren als auch die Notwendigkeit einer umfassenden Umgestaltung der deutschen Kulturlandschaft im „Altreich“ zu begründen.
- Quote paper
- Thomas Lilienthal (Author), 2013, Bewahren oder gestalten? Naturschutz im Nationalsozialismus zwischen den ‚eroberten Ostgebieten‘ und dem ‚Altreich‘, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230862