Die Europäische Union in nationalen Massenmedien

Eine Studie zum Europäisierungsgrad deutscher Fernsehnachrichten


Bachelorarbeit, 2012

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Europäische Öffentlichkeit
2.1 Begriffs- und Funktionsbestimmung
2.2 Triebkräfte europäischer Öffentlichkeit
2.2.1 Paneuropäische Medien
2.2.2 Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten
2.3 Europa in den Nationalen Medien
2.3.1 Perspektive der Mediennutzer
2.3.2 Europäisierung des Fernsehens
2.3.3 Europäisierung der Presse
2.4 Hypothesen

3 Methode
3.1 Fernsehprogrammforschung der ALM
3.2 Stichproben und Ereignislagen
3.3 Datenanalyse

4 Ergebnisse
4.1 Gipfel- und Routineperioden
4.2 Veränderungen im Längsschnitt
4.3 Öffentlich-rechtliche und private Fernsehprogramme

5 Schlussbemerkungen
5.1 Fazit
5.2 Kritik und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Für demokratische Systeme ist eine funktionierende politische Öffentlichkeit essentiell. Idealerweise dient sie der kommunikativen Interaktion zwischen Akteuren des politischen Systems und der Zivilgesellschaft eines Staates zur Förderung der Willens- und Meinungsbildung. Öffentlichkeit auf der Ebene einer Gesellschaft wird vor allem durch massenmediale Kommunikation konstituiert. Durch die europäische Integration hat sich das demokratische Gesicht Europas verändert: In den letzten Jahrzenten kam es in verschiedenen Bereichen zu einer Verschiebung nationalstaatlicher Kompetenzen auf die Institutionen der Europäischen Union. Dieser Prozess ist durch intergouvernementale, aber auch supranationale Elemente gekennzeichnet. Vielfach wurden defizitäre demokratische Strukturen der EU beklagt, die zum Teil mit dem Vertrag von Lissabon kompensiert wurden.

Häufig wird der EU auch ein Öffentlichkeitsdefizit attestiert. Dabei wird unter anderem kritisiert, dass der Staatenverbund an sich mit seinen Institutionen und Akteuren zu wenig im öffentlichen Diskurs sichtbar ist. In Anbetracht des politischen Gewichtes der EU-Institutionen und der damit verbundenen häufig direkten Folgen für die Mitgliedsstaaten und deren Bürger wäre diese öffentliche Unsichtbarkeit aus demokratietheoretischer Sicht bedenklich. Aus dieser Problematik ergibt sich die Forderung nach einer transnationalen europäischen Öffentlichkeit. Das Entstehen einer solchen Sphäre ist rein konzeptionell sowohl durch europäische Medienangebote als auch durch eine Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten denkbar.

Das letztere Konzept ist die zentrale Idee dieser Arbeit, die das Ausmaß an europäisierter Berichterstattung in deutschen Fernsehnachrichten anhand von inhaltsanalytischen Daten aus den Jahren 2004 bis 2011 ermitteln will. Dem Fernsehen kann durch seine europaweit hohe Nutzung ein großes Potential im Entstehungsprozess einer europäischen Öffentlichkeit zugeschrieben werden. Dabei stellt sich die Frage, wie die Dynamik der EU-Berichterstattung erklärt werden kann. Gibt es bestimmte Schlüsselereignisse, die zu mehr Sichtbarkeit der EU und ihrer Institutionen im Fernsehen führen? Außerdem soll der Einfluss der Organisationsform eines Fernsehsenders untersucht werden: Gibt es Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen bezüglich ihrer Europäisierungsgrade?

Zunächst werden die theoretischen Betrachtungen zur Europäischen Öffentlichkeit resümiert und ein für diese Arbeit fruchtbarer Ansatz vorgestellt. Anschließend wird der bisherige Forschungsstand zur Bedeutung des Fernsehens als ein europäisiertes Massenmedium betrachtet. Abschließend soll die aufgeworfene Fragestellung mithilfe einer Sekundäranalyse der Daten aus der kontinuierlichen Fernsehprogrammforschung der Arbeitsgruppe der Landesmedienanstalten (ALM) beantwortet werden.

2 Europäische Öffentlichkeit

2.1 Begriffs- und Funktionsbestimmung

Der Öffentlichkeitsbegriff wurde von zwei grundlegend verschiedenen Perspektiven betrachtet. In einer systemtheoretischen Perspektive gilt Öffentlichkeit als ein „Spiegel“ der Gesellschaft im Sinne eines Beobachtungssystems (vgl. Marcinkowski 1993: 113ff.). Diese rein funktionale Beschreibung als Selbstbeobachtungsmöglichkeit der Gesellschaft steht dem Verständnis von Öffentlichkeit als intermediärem Kommunikationssystem nach Habermas gegenüber. In seinem normativen Modell ist die politische Öffentlichkeit ein vermittelndes Kommunikationssystem zwischen dem politischen System und der Zivilgesellschaft (vgl. Habermas 2008: 164). Durch den „kommunikativen Kreislauf zwischen Zentrum und Peripherie sollen – als Eigenprodukte der Öffentlichkeit – reflektierte öffentliche Meinungen“ hervorgehen (ebd.: 167; Kursivsetzung im Original). Auch wenn diese Ansätze auf nationalstaatliche Öffentlichkeiten bezogen sind, können sie für eine mögliche europäische Öffentlichkeit richtungsweisend sein.

Aus rein deskriptiver Perspektive kann man laut Brüggemann et al. transnationalisierte Öffentlichkeiten als „Räume der Verdichtung von Prozessen öffentlicher, medial vermittelter politischer Kommunikation begreifen, die den nationalen Bezugsraum übersteigen“ (2009: 395; Kursivsetzung im Original). Damit vermeiden die Autoren eine Festlegung auf funktionale oder normative Aspekte. Ferner ergibt sich, dass nationale und transnationale Öffentlichkeiten synchron existieren können. Dabei konstituieren die transnationalen Elemente in nationalen Öffentlichkeiten „eine über die nationalen Verdichtungen gelagerte zusätzliche Ebene von Kommunikation“, die dann „empirisch als Transnationalisierung nationaler Öffentlichkeit greifbar“ wird (ebd.: 395f.) Wenn dann in verschiedenen Ländern die gleichen transnationalen kommunikativen Prozesse auftauchen, könne man von einer transnationalen Öffentlichkeit sprechen (vgl. ebd.: 396).

Durch die rechtliche Integration von Entscheidungs- und Gesetzgebungskompetenzen auf der Ebene der EU haben sich politische Prozesse europäisiert. Organe der EU treffen immer mehr Entscheidungen, die die Bürger in den Mitgliedsstaaten direkt betreffen (vgl. Diedrich/ Wessels 2011: 180 oder Gerhards 2000: 285f.). Auch ökonomische Beziehungen transnationalisieren sich kontinuierlich (vgl. Gerhards 2000: 283.). Transnationalisierung bedeutet dabei „das Verhältnis zwischen Binneninteraktion und Außeninteraktion eines sozialen Teilbereichs einer Gesellschaft“. Inwiefern hat sich jedoch die mediale Öffentlichkeit transnationalisiert, das heißt inwiefern hat sich das Verhältnis zwischen Außeninteraktionen und Binneninteraktionen verändert (vgl. ebd.: 299)? Die Existenz einer lebendigen, europäischen Öffentlichkeit ist umstritten (vgl. zu dieser Diskussion auch Beus 2010: 16, 28ff.). Ein Öffentlichkeitsdefizit in der EU gäbe es genau dann, „wenn politische Entscheidungen immer häufiger nicht von den Nationalstaaten, sondern von der EU gefällt werden, die Berichterstattung der Öffentlichkeit aber nationalstaatlich verhaftet bleibt und nicht oder nur in geringem Maße von den europäischen Entscheidungen und Diskussionen berichtet“ (Gerhards 2000: 288).

Die von einer europäischen Öffentlichkeit zu erbringenden Leistungen oder Funktionen werden unterschiedlich betrachtet (vgl. dazu auch Trenz 2004a: 85). Dabei gibt es zum einen die Minimalforderungen, dass sie im Sinne Luhmanns Kommunikation sichtbar und anschlussfähig machen soll. Zum anderen werden auch Maximalforderungen im Habermas’schen Verständnis an die europäische Öffentlichkeit gerichtet, indem ihr eine Integrationsfunktion der öffentlichen Kommunikation zugeschrieben wird, um reflektierte öffentliche Meinungen in Europa zu generieren. Nach Koopmans und Erbe (2004: 98) erfüllt eine europäische Öffentlichkeit mindestens vier zentrale Funktionen im europäischen Politikprozess: Erstens macht sie europäische Institutionen und politische Vorhaben sichtbar und kann ihnen somit öffentliche Zustimmung und damit Legitimität verschaffen; zweitens erfüllt sie außerhalb von Wahlen eine Antwortfunktion der europäischen Bürger, durch die die Entscheidungsträger auch die Meinungen des Einzelnen erfahren können; drittens ermöglicht der massenmediale europäische Diskurs den Bürgern, sich eine Meinung zu europäischen Politikprozessen zu bilden; viertens ist der öffentliche Diskurs notwendig, um die Bürger dazu zu mobilisieren, sich über zivilgesellschaftliche Bewegungen oder Organisationen am europäischen Politikprozess zu beteiligen. In dieser Funktionsbestimmung finden sich Anleihen sowohl an funktionale Öffentlichkeitsmodelle, im Sinne einer Selbstbeobachtung der Gesellschaft, sowie an normative Theorien, da sie die Ermöglichung der Meinungs- und Willensbildung postuliert.

Im Folgenden gilt es zu betrachten, welche Möglichkeiten es gibt, damit sich eine europäische Öffentlichkeit konstituiert. In der Literatur finden sich zwei konzeptionelle Pfade, durch die transnationale, öffentliche Kommunikation in Europa entstehen kann[1].

2.2 Triebkräfte europäischer Öffentlichkeit

2.2.1 Paneuropäische Medien

Gerhards schlägt zwei mögliche Modelle einer europäischen Öffentlichkeit vor: zum Einen das Modell einer länderübergreifenden europäischen Öffentlichkeit und zum Anderen die Vorstellung einer Europäisierung der nationalen Öffentlichkeit (Gerhards 1993: 100, 2000: 288). Nach Gerhards‘ erster Vorstellung einer europäischen Öffentlichkeit durch ein einheitliches Mediensystem rezipieren die EU-Bürger verschiedener Mitgliedsländer die gleichen Medien und damit die gleichen Inhalte. Dadurch würde sich eine Integration in eine europäische Öffentlichkeit über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg ergeben. Ausgehend von historischen Betrachtungen zur Entstehung von Mediensystemen nennt Gerhards fünf Faktoren für ein solches System auf europäischer Ebene. Er kommt zu dem Schluss, dass zwar die politischen und technischen Rahmenbedingungen gegeben sind, jedoch sprechen das Fehlen einer einheitlichen Sprache, die damit verbundene geringe ökonomische Bedeutung des möglichen Zielpublikums und das Demokratiedefizit in der EU gegen die Entstehung eines einheitlichen Mediensystems (vgl. Gerhards 2000: 289-292). Hinzu kommt, dass sich die Journalismuskulturen der Mitgliedsstaaten zum Teil stark unterscheiden, was ein weiteres Hindernis bedeutet (vgl. Machill/ Beiler/ Fischer 2006: 153f.).

Aus diesen Gründen gilt dieses erste Modell einer europäischen Öffentlichkeit häufig als „weniger empirisch wahrscheinlich“ (Latzer/ Sauerwein 2006: 16). Firmstone argumentiert jedoch, dass die Forschung die existierenden EU-weiten Medien bisher vernachlässigt. Gerade transnationale Tageszeitungen[2] verdienten wegen ihrer europäischen Art der Berichterstattung mehr Aufmerksamkeit, auch wenn sie nur eine sehr kleine und spezialisierte Elite erreichen (vgl. Firmstone 2008: 425). Damit komme „manchen transnationalen Medien eine wichtige, da politische Diskurse im Vorfeld prägende Rolle bei der Artikulation europäischer Öffentlichkeit zu“ (Brüggemann et al. 2009: 396). Brüggemann und Schulz-Forberg (2008) unterscheiden transnationale Medien in vier Kategorien[3]. Allen gemeinsam ist dabei, dass ihre Zielpublika nicht national begrenzt sind (vgl. ebd.: 81). Für die europäische Betrachtung sind paneuropäische Medien bedeutend, die aus der europäischen Perspektive berichten und sich an Europäer als Zielpublikum richten (vgl. ebd.: 82). Beispiele für existierende paneuropäische Medienangebote sind der Fernsehsender Euronews und die Wochenzeitung European Voice. Auch Online-Medien mit einem europäischen Fokus existieren (u.a. EUobserver und café babel). All diesen paneuropäischen Medien mit politischen Inhalten ist jedoch ihre mit nationalen Medien verglichene sehr geringe, wenn auch steigende, Nutzung gemein (vgl. ebd.: 85f.). Die wenigen erfolgreichen transnationalen Medien sind globale Medien mit einem globalen Fokus (vgl. Koopmans/ Statham 2010: 36).

Zusammenfassend kann man feststellen, dass paneuropäische Medien, die sich an ein europäisches Zielpublikum richten und mit einer europäischen und nicht nationalstaatlichen Perspektive berichten aus sprachlichen und wirtschaftlichen Gründen momentan keine europäische Öffentlichkeit herstellen. Sie erreichen nicht die breite Masse, sondern ein hoch interessiertes und involviertes Elite-Publikum. Damit bleibt ein einheitliches Mediensystem in Europa auch in Zukunft unrealistisch.

2.2.2 Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten

Das zweite von Gerhards (2000) vorgeschlagene Modell ist die Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit durch die Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten. Diese Möglichkeit sei weitaus realistischer, weil sie das Sprachproblem überwinde (vgl. ebd.: 293). Des Weiteren entfällt auch das Problem unterschiedlicher Journalismuskulturen in den europäischen Ländern. Andere Faktoren wie die unter dem Stichwort Demokratiedefizit subsummierten geringen Beteiligungsmöglichkeiten bestehen auch in diesem Modell und erschweren die Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit.

Allerdings bleibt die Frage nach dem adäquaten Maß an europäischer Berichterstattung häufig unbeantwortet. Konsens gibt es allerdings darin, dass dieses Maß im Laufe der Zeit zunehmen sollte (vgl. Latzer/ Sauerwein 206: 17). Darüber hinaus gibt es in der Literatur unterschiedliche Auffassungen darüber, wann eine massenmediale Botschaft europäisiert ist. Neidhardt (2006) beklagt zum einen methodische Unterschiede, die die Ergebnisse einzelner Studien kaum anschlussfähig machen und zu Forschungsartefakten führen. Außerdem seien Differenzierungen nötig und pauschale Aussagen über den Europäisierungsgrad wenig hilfreich. Aktuellere Forschungen analysierten daher einzelne Politikbereiche. Diese themenspezifische Betrachtung öffentlicher Kommunikation werde dem „locus of control“ der politischen Entscheidungsprozesse gerecht (vgl. ebd.: 51).

Die Kriterien zur Identifikation europäisierter nationaler Öffentlichkeiten werden in der empirischen Forschung in diesem Bereich unterschiedlich betrachtet (vgl. als Überblick Koopmans/ Statham 2010: 36-38): Rezente Analysen betrachten mehrere Dimensionen von europäisierter öffentlicher Kommunikation und versuchen sich dem einzigartigen Charakter des Staatenverbundes Europäische Union anzupassen, der sowohl supranationale, aber auch intergouvernementale Elemente in seinen rechtlichen Grundlagen enthält. Daraus ergeben sich für Koopmans und Erbe drei theoretische Dimensionen einer europäisierten nationalen Öffentlichkeit (2004: 101f.):

(1) Eine supranationale europäische Öffentlichkeit, in der europäische Sprecher aus dem politischen System der EU untereinander oder mit der europäischen Zivilgesellschaft kommunikativ interagieren,
(2) vertikale Europäisierung in nationalen Öffentlichkeiten, die aus Bezügen zwischen dem EU-Level und der nationalen Ebene bestehen, wobei beide Richtungen dieser Bezüge denkbar sind und
(3) horizontale Europäisierung, die aus kommunikativen Bezügen zwischen den Mitgliedsstaaten besteht. Dabei kann es sich um die reine Berichterstattung über die Innenpolitik eins anderen Landes handeln, aber auch um konkrete Aussagen, die die Grenzen eines Staates überwinden.

Diese drei Dimensionen bilden intergouvernementale und supranationale Prozesse ab und entstehen durch Kommunikationsflüsse, die zwischen oder innerhalb von bestimmten politischen Räumen verlaufen. Entscheidend für den Grad der Europäisierung ist die relative Dichte trans- oder supranationaler Kommunikation (vgl. ebd.: 102). Das Modell kann mithilfe konzentrischer Kreise illustriert werden (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Political spaces and communicative links in a multilevel setting

Quelle: Koopmans/ Statham 2010: 39.

Es stellt die nationalen Räumen in Kreisen um das Mitgliedsland (hier Deutschland) dar. Die Pfeile zeigen mögliche Kommunikationen zwischen Akteuren. Im Sinne dieses Modells (vgl. Koopmans/ Statham 2010: 40-43) handelt es sich beispielsweise dann um eine idealtypisch nationale Öffentlichkeit, wenn eine Aussage im Mediendiskurs nur durch nationale, in diesem Fall deutsche Elemente (Aussagesubjekt, Adressat, Thema oder Position, Auswirkung, Frames) gekennzeichnet ist (Pfeil a in Abb. 1).

Eine rein supranationale europäische Öffentlichkeit in deutschen Medien wäre vorhanden, wenn eine Aussage ausschließlich europäische Akteure, Themen und Bezugsrahmen enthält (Pfeil k in Abb. 1). Vertikale Europäisierung drückt sich in kommunikativen Bezügen zwischen dem nationalen und dem europäischen Politikbereich aus (Pfeil c in Abb. 1): sobald ein Aussagenelement auf der europäischen Ebene angesiedelt ist (Subjekt oder Adressat) respektive sie thematisch betrifft (Position, Folge oder Frame). Horizontale Europäisierung liegt dann vor, wenn entweder über politische Entscheidungen oder Ereignisse in oder in Verbindung zu anderen europäischen Staaten berichtet wird (schwache Variante, Pfeil f in Abb. 1) oder bi- oder multilaterale Kommunikation zwischen den Staaten mit Beteiligung des eigenen politischen Systems (starke Variante, Pfeil b in Abb. 1) auftaucht. Horizontale und vertikale Europäisierung können auch parallel in einer Aussage auftreten. Koopmans und Statham (2010: 43) würden dann von einer europäisierten Öffentlichkeit sprechen, „to the extent that a substantial – and, over time, increasing – part of public contestation goes beyond a particular national political space [...] and does not bypass Europe by referring only to non-European supranational and transnational spaces“.

Da dieser öffentliche Diskurs durch nationale, aber auch europäische Medien geprägt ist, wird die von Gerhards (1993, 2000) eingeführte Dichotomie zwischen paneuropäischen Medien und europäisierten Öffentlichkeit mittlerweile eher als Komplementarität gesehen (vgl. Brüggemann et. al 2009: 395f., Neidhardt 2004: 54). Nationale und transnationale Öffentlichkeit überlagern sich und bestehen gleichzeitig. Es stellt sich dabei eher die Frage nach dem Niveau ihrer jeweiligen kommunikativen Verdichtung.

2.3 Europa in den Nationalen Medien

2.3.1 Perspektive der Mediennutzer

Interessante Ergebnisse im Hinblick auf die Debatte über eine europäische Öffentlichkeit und die Existenz eines Öffentlichkeitsdefizits liefert das Eurobarometer – die regelmäßig durchgeführte repräsentative Bevölkerungsumfrage in den EU-Staaten im Auftrag der Europäischen Kommission. Demnach fühlen sich zwei Drittel (66 Prozent) der Unionsbürger mangelhaft informiert zu europäischen Fragen[4] - in Deutschland sind es 56 Prozent (vgl. Europäische Kommission 2011b: 194). Neben dieser subjektiven Einschätzung war auch das objektive Wissen der Europäer zur EU unzureichend: Fast die Hälfte der Befragten (42 Prozent) konnte drei einfache Wissensfragen nicht komplett richtig beantworten – in Deutschland waren dies 41 Prozent[5] (vgl. ebd.: 77.).

Was das Image des Fernsehens angeht, zeigt sich ein ambivalentes Verhältnis: Die Hälfte (50 Prozent) der EU-Bürger vertrauen dem Fernsehen, während 45 Prozent ihm misstrauen und fünf Prozent keine Meinung dazu haben. In der Bundesrepublik vertrauen 58 Prozent der Befragten dem Fernsehen (vgl. ebd.: 42).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Hauptinformationsquelle zu europäischen politischen Angelegenheiten in Prozent

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Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Europäische Union in nationalen Massenmedien
Untertitel
Eine Studie zum Europäisierungsgrad deutscher Fernsehnachrichten
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Arbeitsstelle Kommunikationstheorie/ Medienwirkungsforschung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
43
Katalognummer
V230876
ISBN (eBook)
9783656943082
ISBN (Buch)
9783656943099
Dateigröße
856 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Würdigung der Bachelorarbeit durch Erstgutachterin: "Mit seiner Längsschnittanalyse zur Europäisierung von deutschen Fernsehnachrichten unter Berücksichtigung verschiedener Randbedingungen wie beispielsweise den Schlüsselereignissen leistet Herr Günther einen genuinen Beitrag zu dieser Forschung." "[...] die Stärke der Arbeit, welche vor allem in der eigenen empirischen Analyse liegt"
Schlagworte
Europäisierung, Europäische Öffentlichkeit, Inhaltsanalyse, transnationale Öffentlichkeit, politische Öffentlichkeit, Europäische Union, Fernsehen
Arbeit zitieren
Enrico Günther (Autor), 2012, Die Europäische Union in nationalen Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230876

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