Wikis an der Hochschule

Spannungsfeld zwischen formellem und informellem Lernen oder Anpassung an den Lebenskontext der Studenten?


Hausarbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Die Unvereinbarkeit von Wikipedia und wissenschaftlichem Arbeiten

2. Die unterschiedlichen Arten der Bildungsprozesse
2.1 Formelle Bildung
2.2 Informelle Bildung
2.3 Non-Formelle Bildung

3. Das Wiki

4. Wikis an der Hochschule: Das Projekt „Konzepte in der Jugendarbeit“
4.1 Spannungsfeld formelles und informelles Lernen?
4.2 Das Wiki als Anpassung an den Lebenskontext von Studenten

5. Informelles Lernen im formalen Rahmen: ein Erfolgsrezept

6. Literaturverzeichnis
6.1 Bücher und Aufsätze
6.2 Internetquellen

1. Die Unvereinbarkeit von Wikipedia und wissenschaftlichem Arbeiten

Wikipedia ist wie Rock n´Roll. Das meint zumindest Wikipedia-Gründer Jimmi Wales. Denn „Wikipedia ist keine vernünftige Quelle“ hört man schon als Schüler, wenn es um die Erstellung von Referaten geht und Studenten wird auch regelmäßig davon abgeraten, Informationen aus dieser Online-Enzyklopädie in wissenschaftliche Arbei- ten zu übernehmen. Früher verboten die Eltern Elvis und heute verbannen eben die Dozenten die Online-Enzyklopädie (Heise Online, 2006). Die Begründungen dafür sind unterschiedlich: Die Informationen in diesem digitalen Lexikon der Masse sind nicht von einer übergeordneten Institution oder Redaktion verfasst oder nachgeprüft worden, sondern spiegeln das Wissen von Laien wider. Die Einträge sind jederzeit und von jedem redigierbar, also auch von Nutzern, die es mit der Richtigkeit von In- formationen nicht so genau nehmen (Uni-Protokolle, 2007). Wikipedia ist mittlerwei- le fast schon zum Synonym für Enzyklopädie geworden. Aber es ist eben auch nicht mehr als das. Auch andere Lexika sind offiziell keine ausreichende wissenschaftliche Quelle, da eine reine Begriffsdefinition meist nicht zur Begründung eines Standpunk- tes ausreicht (vgl. cspannagel, dunkelmunkel & friends Blog, 2006). Wikipedia ist da- bei nur der bekannteste Vertreter einer Vielzahl von solchen kollaborativen Wissens- sammlungen, den sogenannten Wikis. Sind dieser Formen der Online-Lexika also un- vereinbar mit den Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeiten?

Genau wie soziale Netzwerke, Blogs oder Online Communities sind diese kollektiven Informationssammlungen mittlerweile aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr weg zu denken. Besonders in der Gruppe der Digital Natives, zu der auch Studenten gehören, führt die Suche nach Fakten meist zuerst ins Internet. Obwohl Wikis und wissenschaftliches Arbeiten auf den ersten Blick also nicht kompatibel zu sein schei- nen, lässt sich nicht bestreiten, dass sich ihre Wege gerade im Leben von Studieren- den oft genug kreuzen. An manchen Hochschulen stellen sich deshalb Dozenten die Frage, warum man beides nicht einfach verbindet. Allerdings nicht, indem man Wikis als Quelle nutzt, sondern als Rahmen. Also nicht wissenschaftliches Arbeiten mittels Wiki, sondern im Wiki. Mit diesem Schritt begibt man sich allerdings auch in das Spannungsfeld zwischen zwei Arten von Bildung: informelle und formelle. Was genau das zu bedeuten hat, wie sich diese Arten der Bildung unterscheiden und ob die Nut- zung von Wikis an der Hochschule überhaupt sinnvoll sein und glücken kann, soll in dieser Arbeit näher betrachtet werden.

Dazu werden zunächst die Begriffe formale Bildung, informelle Bildung und Wiki geklärt. Daraufhin soll am Beispiel eines erfolgreichen Wiki-Projekts an der Hochschule geklärt werden, ob es sich bei dieser Kreuzung von informellen und formellen Lernen um ein Spannungsfeld oder um eine natürliche Entwicklung handelt. Zuletzt soll im Fazit abgewogen werden, ob eine Übertragung der einen Lernumgebung in die andere sinnvoll erscheint oder nicht.

2. Die unterschiedlichen Arten der Bildungsprozesse

Nach dem Bildungsbegriff der modernen Gesellschaft, der zum größten Teil auf den Überlegungen des Bildungstheoretikers Wilhelm von Humboldt aufbaut, lässt sich Bildung in zwei Teilfelder gliedern. Einmal die individuelle Bildung des Subjekts, die „ein autonomer, selbstverantworteter Prozess, in der idealistischen Konzeptualisierung frei von gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen“ (Raus- chenberg et al., 2004, S. 22) ist. Zum anderen existiert aber auch ein gesellschaftlich festgeschriebener Anspruch an Bildung, dem in unserer Sozialisationsstruktur mittels Institutionen wie Schule oder Hochschule nachgekommen wird. Sie kanonisieren, normieren, kontrollieren und selektieren Bildungsinhalte gezielt und bilden damit einen Gegensatz zur freien und unkontrollierbaren Bildung des Subjekts außerhalb ihrer selbst (vgl. ebd.). Eben diese beiden Seiten stellen die zwei Konzepte der infor- mellen und formellen Bildung dar.

2.1 Formelle Bildung

Unter formelle Bildung fallen die Schul-, Ausbildungs- und Hochschulsysteme, die nicht nur zeitlich und hierarchisch aufeinander aufbauen, sondern auch verpflichtenden Charakter und Leistungsnachweise gemeinsam haben (vgl. Bildungskuratorium, 2002, S. 164). Die Europäische Kommission erweitert diese Definition, indem sie fest stellt, dass „formales Lernen […] strukturierte Lernziele, Lernzeiten und Lernförderung“ (Europäische Kommission 2012) aufweist.

2.2 Informelle Bildung

Zunächst muss gesagt werden, dass es keine eindeutige Definition für informelle Bil- dung gibt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung definiert den Prozess der informellen Bildung, also das informelle Lernen zum Beispiel folgendermaßen:

„Als informelles Lernen gelten alle (bewussten oder unbewussten) Formen des praktizierten Lernens außerhalb formalisierter Bildungsinstitutionen und Lernveranstaltungen. […] Es ist meist ungeplant, beiläufig, implizit, unbeabsichtigt, jedenfalls nicht institutionell organisiert, d.h. ein (freiwilliges) Selbstlernen in unmittelbaren Zusammenhängen des Lebens und des Handelns.“ (Rauschenberg et al., 2004, S. 29).

Außerdem wird von Rauschenberg et al. hervorgehoben, dass dieser Prozess vor al- lem in der alltäglichen Lebenswelt und sozialen Umgebung der Akteure außerhalb von Institutionen der formalen Bildung abspielt und aus deren Interesse an einem bestimmten Thema, also aus Eigeninitiative, entsteht (vgl. ebd.). Ähnlich formuliert es auch das Bundesjugendkuratorium, das allerdings noch unterstreicht, dass informelle Bildungsprozesse „unverzichtbare Voraussetzungen und 'Grundton' [sind], auf dem formelle und nicht-formelle Bildungsprozesse aufbauen“ (Bildungskuratorium, 2002, S. 165). Die Europäische Kommission erweitert die Definition noch um einen wichti- gen, wenn auch logisch folgenden Bereich: Da informelle Bildung außerhalb von Insti- tutionen vor kommt, „führt [sie] normalerweise nicht zur Zertifizierung“ (Europäi- sche Kommission 2012), sie kann nicht benotet oder auf irgendeine Art und Weise gemessen werden.

Gleichzeitig ist informelles Lernen auch im Rahmen von formalen Bildungsinstitutio- nen möglich, wenn man anerkennt, dass es auf unterschiedliche Prozesse und nicht um unterschiedliche Lokalitäten zurück geht. So kann auch innerhalb einer Instituti- on nebenbei, freiwillig und ungeplant Wissen aufgenommen werden(vgl. Mack, 2007, S. 10). Diese Tatsache sollte mit Rückbezug auf das Thema, nicht unerwähnt bleiben, auch wenn bei der Nutzung von Wikis an der Hochschule eben bewusst und nicht beiläufig dieser Schritt vollzogen wird.

2.3 Non-Formelle Bildung

Der Vollständigkeit halber muss noch darauf hingewiesen werden, dass eine weitere Form der Bildung existiert, die sogenannten non-formellen Bildungsprozesse. Diese finden zwar institutionalisiert statt, allerdings werden dabei Bildungsangebote frei- willig wahrgenommen (vgl. Rauschenberg et al., 2004, S. 32).Non-formale Bildung ist also eine Mischform aus den beiden zuvor erläuterten Unterarten der Bildung. Ein Beispiel dafür wären Nachhilfestunden, die zwar schulischen Charakter besitzen, aber aus eigenem Antrieb wahrgenommen werden. Im Kontext dieser Arbeit, die sich im Rahmen der Hochschullehre, also der formellen Bildung bewegt, ist non-formelle Bildung allerdings nicht von Bedeutung.

3. Das Wiki

„Bei Wikis handelt es sich um eine Sammlung dynamischer Webseiten, die über Verweise verbunden sind. Als Verknüpfungsanker dient der Seitenname, dadurch ergibt sich eine einfache Vernetzung“ (Röll, 2008, S.159).

Das erste Wiki entstand 1995 und nannte sich, unter Anspielung auf das World Wide Web (WWW) damals WikiWikiWeb. Dabei bezeichnet das aus dem hawaiianischen stammende Wort „Wiki“, das so viel wie „schnell“ bedeutet, bereits eine wichtige Cha- raktereigenschaft der Plattformen (vgl. Danowski/Jansson/Voß, 2007, S.18). Informa- tionen können schnell und einfach bearbeitet werden. Eindeutigstes Erkennungs- merkmal der Wikis ist, dass es sich um Webseiten handelt „die nicht zwischen Schreib- und Lesezugriff differenzieren: Wer sie lesen kann, der darf auch Seiten be- arbeiten und anlegen“ (ebd.). Durch diese Aufweichung der Trennung zwischen Pro- duzent und User, also dem Entstehen des so genannten „Produsers“ kennzeichnet sich das Wiki auch als Anwendung des Web 2.0[1]. Außerdem zählt es zum Bereich der „Social Software“, die sich dadurch auszeichnet, dass sie „erst durch ihre gemein- schaftliche und vernetzte Nutzung besonderen Wert“ (Mayer/Schoeneborn, 2008, S.160) schöpft, indem sie die Kommunikation, Interaktion und Zusammenarbeit von Menschen unterstützt (vgl. Himpsl, 2007, S.41). Das heißt die Inhalte von Wikis wer- den nicht von Experten produziert, sondern können von jedermann verfasst werden. Das wird dadurch ermöglicht, dass zur Bearbeitung, anders als bei herkömmlichen Websites, keine HTML oder andere Programmierfähigkeiten von Nöten sind.

[...]


[1] Die aktive Beteiligung des Nutzers an der Erstellung von Inhalten ist nach der Definition von O´Reilly eines von sieben Merkmalen des Web 2.0. Wikis erfüllen aber auch weitere Eigenschaften wie Anpassung der Software an die Bedürfnisse der Nutzer, einfache Vernetzung von Anwendungen oder die Nutzbarkeit der Software über mehrere Geräte (Moskaliuk, 2008, S.17).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wikis an der Hochschule
Untertitel
Spannungsfeld zwischen formellem und informellem Lernen oder Anpassung an den Lebenskontext der Studenten?
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V230911
ISBN (eBook)
9783656473671
ISBN (Buch)
9783656474081
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wikis, hochschule, spannungsfeld, lernen, anpassung, lebenskontext, studenten
Arbeit zitieren
Simone Stern (Autor:in), 2012, Wikis an der Hochschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230911

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wikis an der Hochschule



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden