Kannibalismus in Märchen und Sagen


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Kategorien von Kannibalismus
2.1. Kannibalismus in Ausnahmesituationen
2.2. Kannibalismus institutionalisiert in Kultur
2.3. Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen

3. Kannibalismus in Märchen und Sagen
3.1. Kannibalismus in Ausnahmesituationen
3.2. Kannibalismus institutionalisiert in Kultur
3.2.1. Endokannibalismus
3.2.2. Exokannibalismus
3.2.3. Exokannibalismus im Zusammenhang mit Raub
3.2.4. menschenfressende Riesen

4. Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen
4.1. Kannibalismus als Metapher für eine Tyrannei
4.2. Kannibalismus als Verdeutlichung von psychischer Gewalt

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Unter Anthropophagie versteht man das Verzehren von menschlichem Fleisch. Es handelt sich dabei um eine Sonderform des Kannibalismus, die ausschließlich den Menschen betrifft. Im Folgenden seien die beiden Begriffe als Synonym verwendet. Kannibalismus ist in der menschlichen Kultur normalerweise nicht üblich und gehört wie das Inzesttabu zu einem allgemeingültigen Tabu.

Bereits in der Antike sind Fälle von Kannibalismus überliefert, so bei Herodot (IV, 106), wo von Androphagen die Rede ist, vermutlich eine synkopierte Form von Anthropophagen. „Sie sind Nomaden und tragen eine der skythischen ähnliche Kleidung, haben aber ihre eigene Sprache, sie allein unter diesen Völkern verzehren Menschenfleisch“ (Herodot: IV, 106).

Es wurden nur jene Märchen in Betracht gezogen, in denen Kannibalismus vorsätzlich praktiziert wird, nicht solche, in denen bspw. jemandem, der es nicht bemerken soll, Menschenfleisch aufgetischt wird. Es bleiben natürlich noch viele Erzähltypen und solche die Varianten aufweisen, in denen Kannibalismus nebenbei vorkommt. Diese wurden nicht berücksichtigt. Märchen in denen Kannibalismus vorkommt, gehören sicherlich zu den älteren Märchen.1 Röhrich sieht bspw. Reste älterer Kulturstufen in den Märchen. Hierzu gehört neben den Initiationsriten auch die Erzählung von der Altentötung (AaTh 981). Diese „scheint einen unmittelbaren Realitätsbezug zu urtümlichen Gepflogenheiten wandernder oder nomadisierender Völker, aber generell auch zu allen Notsituationen zu haben, in denen es ratsam war, die Alten zu beseitigen, um selber überleben zu können“ (Wehse 1990: 22).

Im Folgenden wird das Thema Kannibalismus in Sagen und Märchen ausgearbeitet, indem mit dem Kapitel Kategorien von Kannibalismus begonnen wird, das wiederum in seinen Unterkapiteln „Kannibalismus in Ausnahmesituationen“, „Kannibalismus institutionalisiert in Kultur“ (wir werden Endo- von Exokannibalismus unterscheiden), „Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen“ das Phänomen erläutert. Diese Unterkapitel werden dann im zweiten Kapitel wieder aufgenommen, in welchem ausschließlich auf das Phänomen des Kannibalismusʻ in den Sagen und Märchen eingegangen wird.

1 „Peuckert glaubt, daß man als Wiege der Märchenüberlieferung die Kultur des Neolithikums im östlichen Mittelmeerraum voraussetzen muß“ (Wehse 1990: 21). Märchen seien wenigstens 4000 Jahre alt und können auch mit der Megalith-Kultur in Verbindung gebracht werden (vgl. ebd.: 23). Es gibt zwei Hauptrichtungen der Altersbestimmung: 1. Märchen gehen zurück bis auf frühe und prähistorische Zeiten, 2. Märchen sind als Spätform der Dichtung anzusehen (vgl. Wehse 1990: 26).

2. Kategorien von Kannibalismus

2.1. Kannibalismus in Ausnahmesituationen

Diese Form des Kannibalismus tritt bei Hungersnot zum Überleben auf. Ein Beispiel dieser Form des Kannibalismus wird bereits bei Cäsar im Gallischen Krieg überliefert. Er berichtet davon, dass bei der Belagerung von Alesia der adlige Arverner Critognatus seine gallischen Mitbürger zur Gegenwehr ermunterte und dabei davon erzählte, dass die Gallier bei der Belagerung der Kimbern und Teutonen die Alten, die zum Kampfe nicht mehr geeignet waren, verzehrten (vgl. Cäsar: Der Gallische Krieg, VII, 77, 12). Verzehr von Leichen während einer Belagerung kam hingegen noch während der Belagerung Leningrads von 1941 bis 1944 vor (vgl. hierzu: Jones, Michael: Leningrad. State of Siege, London 2008), auch in den Hungerjahren Sowjetrusslands ist Kannibalismus aufgetreten.

2.2. Kannibalismus institutionalisiert in Kultur

Hier haben wir es, wenn man so will, mit der ritualisierten Form von Anthropophagie zu tun. Das Menschenfleisch stellt keine Alltagsernährung dar, es dient zuvörderst als Ritualspeise. Anthropophagie vollzieht sich im kulturellen Kontext betrachtet in einem sozial genau definierten Rahmen. Es kann hierbei unterschieden werden zwischen Endokannibalismus und Exokannibalismus.

Unter Endokannibalismus versteht man „das ganze oder partielle Verspeisen von Verwandten als Teil eines Totenrituals“ (Hauser-Schäublin 1993: 940 f.). Man vergleiche hierzu einige frühe Belege aus Herodot (5. Jh.v.u.Z.): die Kalatier, ein indischer Volksstamm, hat die Sitte ihre verstorbenen Väter im Feuer zu verbrennen und zu essen (III, 38). Beim Volk der Issedonen, wahrscheinlich im Asiatischen Russland lebend, wird der verstorbene Vater zerhackt und zusammen mit Vieh, das von Verwandten herbeigebracht wurde, zu Opfer geschlachtet. Dann wird alles zusammen zubereitet und zum Mahle vorgesetzt (IV, 26).

Exokannibalismus hingegen „ist mit Aggression und Gewalt verbunden und bedeutet das teilweise oder ganze Verspeisen von Feinden, Gefangenen oder Sklaven“ (Hauser -Schäublin 1993: 941). Oft wird auch nur ein Organ oder nur ein Teil des Feindes verspeist, wie es bspw. im Thebanischen Sagenkreis überliefert ist, wo Amphiaraos den Thebaner Melanippos tötet und ihm den Kopf abschlägt, den er dann Tydeus bringt, der ihn aufschlägt und dann das Gehirn aufisst (vgl. Grimal 2011 [1951]: 31, Sp. 2). Hier liegt ein Orendismus zu Grunde, also die Vorstellung, dass man durch das Verspeisen des Feindes oder durch das Verspeisen eines Körperteils, seine Kraft übernimmt. In der Tat wurde Tydeus vorher von Melanippos im Bauch verletzt.

Das Verspeisen von Gefangenen ist aus vielen Reisebeschreibungen bekannt, in denen fremde Völker, um die eigene Eroberung des Landes zu legitimieren, meist als Kannibalen dargestellt und stigmatisiert wurden. Diese Art von Zuschreibung ist uns auch aus der Antike überliefert, meist im Zusammenhang mit nomadisierenden Gruppen und Völkern.

„Die Nomadenstämme, im geographischen Weltbild der Antike […] repräsentierten im Bewußtsein der Griechen eine frühere Entwicklungsstufe“ (Baudy 1999: 229). Literarische Quellen stellen dar, dass die Menschen, sobald sie zu Ackerbauern wurden, ihr Hirten-Dasein aufgaben und sie „überwanden zugleich den kulturlosen Zustand der Allelophagie [Verzehren von Mitgliedern der eigenen Gruppe]: Sie verschmähten es fortan, sich gegenseitig zu verspeisen“ (ebd.: 230; mythische Quellen in Ägypten und Griechenland zu diesem Aspekt siehe in: ebd., Anm. 44). Dass Nomadismus und Kannibalismus kulturgeschichtlich und ethnographisch in Zusammenhang gebracht werden können, verdeutlicht Baudy dadurch, dass griechische Quellen der Kaiserzeit Hirten aus dem Nildelta als Kannibalen bezeichnen. Kostümierte Rinderhirten (bukoloi) erschlugen, wie der Historiker Dio Cassius berichtet, bei einem Aufstand einen römischen Centurio und seinen Begleiter. „Letzteren opferten sie, schworen sich gegenseitige Treue über seine Eingeweide und aßen diese auf“ (ebd.). In diesem Falle hätten wir ein Beispiel von Exokannibalismus, bei welchem man sich die Stärke des Feindes einverleiben wollte. Bezüglich des Kannibalismus‘ bei Hirten, erscheint in diesem Zusammenhang wichtig, dass im Roman Leukippe und Kleitophon von Achilleus Tatios (2. Jh. n.u.Z.) räuberische Hirten von einem Menschenopfer, das allerdings geschauspielert war, die Leber (es handelt sich eigentlich um die Leber eines Opfertiers) essen (vgl. ebd.: 235).

2.3. Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen

K kann, vor allem in Bezug auf Märchen, auch in ihrer metaphorischen Bedeutung aufgefasst werden, die durch die Phantasie und die Ängste der Menschen bestimmt sind. Hiermit wird zum einen auf Macht hingewiesen, auf das Aussaugen des gemeinschaftlichen Gutes von seitens selbstgefälliger Tyrannen. Zum anderen als Verdeutlichung von Gewalt und das psychische Verletzten-wollen innerhalb familiärer Beziehungen, das womöglich nur imaginäre Jemanden-auffressen-wollen als eine auf einen Schaden hinzielende Verdeutlichung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kannibalismus in Märchen und Sagen
Veranstaltung
Histoire du goût et des comportements alimentaires
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V231048
ISBN (eBook)
9783656474388
ISBN (Buch)
9783656474425
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Kannibalismus, Endokannibalismus, Exokannibalismus, Sagen, Märchen, Menschenfresser, Lamia
Arbeit zitieren
Paolo Parisi (Autor), 2013, Kannibalismus in Märchen und Sagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231048

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