Der Film "The Childen`s Hour" von William Wyler handelt von zwei eng befreundeten Frauen, Martha Dobie (Shirley MacLaine) und Karen Wright (Audrey Hepburn), die gemeinsam eine private Mädchenschule in Neuengland gegründet haben. Beide Lehrerinnen wirken routiniert und halten einen strengen aber liebevollen Umgang mit ihren Schülerinnen. Die Schülerin Mary (Karen Balkin nutzt ihren Erfindungsreichtum und das erpresste Wort einer Mitschülerin, um den beiden Lehrerinnen ein gesellschaftlich inakzeptables Verhalten unterstellen zu können. Unverzüglich informiert ihre besorgte Oma Mrs. Tilford (Fay Bainter) die gesamte Elternschaft, woraufhin alle Kinder von der Schule entfernt werden. Die zunächst unwissenden Frauen geraten in eine Lage, welche die Schattenseite einer konservativ genormten Welt zu Tage fördert. Ihre vermeintliche Andersartigkeit wird mit voyeuristischen Blicken aus einer Mischung von Verachtung und Neugierde der männlichen Gesellschaft bestraft.
An dieser Stelle bietet die feministische Filmtheorie von Laura Mulvey (*1941) einen interessanten Ansatz zur Analyse von „The Children`s Hour“. Mulvey kündigt in ihrem Artikel „Visuelle Lust und narratives Kino“ an, dem immer noch „dominierenden ideologischen Kinokonzept“ einer Analyse zu unterziehen, welche seinen klassischen Hollywood-Stil destruieren und „zu einer neuen Sprache des Begehrens“ verhelfen soll. Um dieses hier kurz zusammengefasste Vorhaben zu realisieren, zieht sie psychoanalytische Ansätze von Sigmund Freud (1856-1939) und Jaques Lacan (1901-1981) heran und entwickelt eine Theorie zum geschlechtlich bedingten Blickverhalten der Kinobesucher. Das Drehbuch im Hollywood-Format, so Mulvey, arbeite mit Faszinationsmustern, welche die nach Freud sexuell begründete Skopophilie (Schaulust) der Zuschauer nutze, um die Illusion einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung zu festigen. Diese Theorie soll im Folgenden genauer beleuchtet werden. Insbesondere wird dabei sowohl das durch die Kamera geleitete Blickverhalten der Kinogesellschaft als auch das der filmimmanenten Gesellschaft in William Wylers „The Children`s Hour“ eine Rolle spielen. Anschließend möchte ich noch einen alternativen Ansatz zum Verständnis von aktiver Zuschauermanipulation nach der Dramentheorie Gotthold Ephraim Lessings vorstellen und diese ins Verhältnis setzen zu Mulveys im Artikel zuletzt genannter Forderung „die[...] filmischen Codes und ihre Beziehung zu formativen äußeren Strukturen“ zu zerstören.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Laura Mulveys Theorie zum männlichen Blick
3. Die Katharsis im Film. G. E. Lessings Dramentheorie als mögliches Kinokonzept
4. The Children' s Hour - Eine Katharsis für den Voyeur
4.1. Blickstrukturen
4.1.1. Die Blick der Kamera
4.1.2. Der innerfilmische Blickaustausch
4.1.3. Die Blicke des Zuschauers
4.2. Die Wirkung auf den Zuschauer durch dramaturgische Strukturen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit William Wylers Film "The Children's Hour" das Konzept der Katharsis nach G. E. Lessing nutzt, um klassische, auf Laura Mulveys Theorie des männlichen Blicks basierende Blickstrukturen zu hinterfragen und den Zuschauer aktiv in einen Reflexionsprozess einzubeziehen.
- Analyse der psychoanalytischen Grundlagen des "männlichen Blicks" nach Laura Mulvey.
- Anwendung der Dramentheorie von Gotthold Ephraim Lessing auf filmische Strukturen.
- Untersuchung der spezifischen Blickstrukturen (Kamera, innerfilmisch, Zuschauer) in "The Children's Hour".
- Darstellung der Katharsis als Mittel zur Distanzierung und moralischen Festigung des Publikums.
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Die Blick der Kamera
Obwohl in den sechziger Jahren bereits die meisten Filme in Farbe gedreht wurden, handelt es sich bei „The Children`s Hour” um einen Schwarzweißfilm. Wyler stand nach Ben Hur (1958) bereits auf dem Höhepunkt seiner Karriere und genoss ein hohes Ansehen in der Filmwelt. Der Grund für die altmodische Schwarzweißaufnahme könnte entweder dennoch am niedrigeren Kostenaufwand liegen oder aber der Einsatz war bewusst. Dies ist Spekulation, doch es ist offensichtlich, dass mit der Darstellung in Schwarzweiß ein erheblicher Realitätsverlust einhergeht. Da das menschliche Auge an die Wahrnehmung eines Lichtspektrums gewöhnt ist, wirken die achromatischen Sehverhältnisse unnatürlich und fördern dementsprechend die Distanz zwischen Zuschauer- und Kamerablick.
Wenn man, wie Christian Metz davon ausgeht, dass ich als Zuschauer den Kamerablick während der Kinovorstellung für meinen eigenen Blick halte (primäre Identifikation) und daraus folgert, dass „ich [...] den Blick des Filmemachers [adoptiere]“53, dann steht die Frage nach dem Grund der Verwendung diverser gestalterischer Mittel der Kamera nahe. In Bezug auf Mulveys Ausführungen zum männlichen Blick ist in erster Linie eine Untersuchung der durch die Kamera vermittelten Nähe-Distanz-Verhältnisse und dem damit verbundenen Identifikationspotenzial mit den männlichen und weiblichen Figuren von Interesse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Films als gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit Identität und Einführung in die theoretische Basis durch Laura Mulvey.
2. Laura Mulveys Theorie zum männlichen Blick: Erläuterung der psychoanalytischen Grundlagen nach Freud und Lacan, die als Basis für Mulveys Theorie der filmischen Objektivierung der Frau dienen.
3. Die Katharsis im Film. G. E. Lessings Dramentheorie als mögliches Kinokonzept: Adaption von Lessings Dramentheorie auf den Film, um eine Alternative zum voyeuristischen Kino durch Mitleid und Furcht aufzuzeigen.
4. The Children' s Hour - Eine Katharsis für den Voyeur: Detaillierte Analyse des Films unter Berücksichtigung von Blickachsen, Kameratechnik und dramaturgischer Strukturierung.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, welche zeigt, dass der Film klassische Konventionen bricht und den Zuschauer zur aktiven Reflexion anregt.
Schlüsselwörter
The Children's Hour, William Wyler, Laura Mulvey, Männlicher Blick, Katharsis, Gotthold Ephraim Lessing, Psychoanalyse, Voyeurismus, Filmdramaturgie, Identifikation, Blickstrukturen, Objektivierung, Melodram, Kameraeinstellungen, Zuschaueradressierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert William Wylers Film "The Children's Hour" im Hinblick darauf, wie er filmische Blickstrukturen nutzt, um konventionelle Sehgewohnheiten des patriarchalischen Kinos zu hinterfragen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Themen feministische Filmtheorie, Psychoanalyse, Dramentheorie sowie die Analyse von Kamera- und Blickstrukturen im Spielfilm.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, ob und wie der Film das Konzept der Katharsis nach Lessing verwendet, um den Zuschauer aus der passiven voyeuristischen Rolle zu lösen und zur kritischen Reflexion zu bewegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine filmwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Ansätze aus der Psychoanalyse (Mulvey, Freud, Lacan) und der Dramentheorie (Lessing, Wuss) auf die konkrete Bildgestaltung und Erzählweise des Films anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Mulvey und Lessing sowie eine detaillierte Untersuchung der Kameraeinstellungen, innerfilmischen Blicke und der dramaturgischen Struktur von "The Children's Hour".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere der männliche Blick, Katharsis, Identifikation, Objektivierung, Filmdramaturgie und die spezifische Analyse von "The Children's Hour".
Warum spielt die Schwarzweiß-Ästhetik des Films eine Rolle für die Analyse?
Die Schwarzweiß-Ästhetik fördert laut der Analyse einen Realitätsverlust, der wiederum die Distanz zwischen Zuschauer- und Kamerablick vergrößert und somit eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Gesehenen unterstützt.
Wie wird der "männliche Blick" in diesem Film konterkariert?
Der Film konterkariert den männlichen Blick, indem er den Zuschauer durch gezielte Kameratechniken zwingt, die Perspektive der weiblichen Protagonistinnen einzunehmen und deren Machtlosigkeit sowie den voyeuristischen Blick von außen zu reflektieren.
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- Luzie Komm (Author), 2012, Blickstrukturen und Dramaturgie im Film, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231093