Topmanager in Deutschland

Soziale Ungleichheit am Beispiel habituell bedingter Rekrutierungsmuster einer Elite


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Eliten im Begriffsnebel der Sozialwissenschaften - ein schmaler Konsens in der deutschen Eliteforschung
1.1 Definitionsmerkmal von Eliten: Auslese
1.2 Definitionsmerkmal von Eliten: Macht

2. Auserlesene, mächtige Topmanager - eine Elite umgeben von negativer Stimmung.

3. Soziale Wegenge - der Zugang zum Topmanagement im Licht der Empirie
3.1 Zugangskriterium: Bildungsabschluss
3.2 Zugangskriterium: soziale Herkunft

4. Habituell bedingte Rekrutierungsmuster von Topmanagern - ein theoretischer Erklärungsversuch

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Anlass der Seminararbeit war das Interview mit dem soziologischen Eliteforscher Michael Hartmann im Online Magazin ,Stern.de’. Dies trägt den zunächst einmal etwas überspitzt klingenden Titel: „Zum Manager wird man geboren“ (Luik: 2007). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit der wissen- schaftlichen Fragestellung, die sich ursprünglich aus diesem Interview heraus entwickelt hat: Warum haben Personen -überindividuell gedacht - möglicher- weise einen ungleichen Zugang zu den wirtschaftlichen Elitepositionen in Deutschland? Die Arbeit handelt folglich im Kern von der sozialen Position der Eliten im Zusammenhang mit dem soziologischen Grundgedanken sozialer Un- gleichheit. Ziel der Ausführungen ist es, bezüglich der Frage empirische und theo- retische Antworten zu finden. Um dies zu erreichen, basiert die methodische Vor- gehensweise, die dieser Arbeit zugrunde liegt, nicht nur auf einer intensiven Re- cherche einschlägiger Fachliteratur, sondern sie beruht - getreu der wissenschaft- lichen Arbeitshaltung - auch auf einer kritischen Literaturverarbeitung.

Der Hauptteil beginnt mit einer sozialwissenschaftlichen Bestimmung des Elitebegriffs. Dabei geht es nicht darum, eine ausführliche Diskursanalyse zu bie- ten, was im Rahmen einer Seminararbeit bei solch einem gewichtigen Terminus auch nur schwer möglich erscheint. Vielmehr dient das Kapitel dazu, den Begriff der Elite kontextuell abzustecken, indem er auf die eigene Verwendung hin defi- niert werden soll. Im zweiten Kapitel wird die soziale Gruppe der Topmanager als zentraler Gegenstand der Untersuchung konkretisiert, um zu prüfen, ob diese mit- hilfe der zuvor ausgearbeiteten Definition überhaupt als Elite identifiziert werden kann. Die anschließenden Kapitel drei und vier bilden durch ihre Verknüpfung von Empirie und Theorie das Kernstück der Seminararbeit. Der Erkenntnisgewinn verläuft dabei wie folgt: Zuerst wird in Kapitel drei der Zugang zum Topma- nagement empirisch analysiert, um wichtige Befunde zur Gruppe der Topmanager zu liefern. Danach hat das vierte Kapitel den theoretischen Anspruch der Arbeit zum Inhalt. An der Stelle wird in - sehr grober - Anlehnung an das Bourdieu’sche Habituskonzept versucht, die gesammelten empirischen Erkenntnisse theoretisch zu untermauern. Zum Abschluss wird die zentrale Aussage der Seminararbeit zu- sammenfassend formuliert.

1. Eliten im Begriffsnebel der Sozialwissenschaften - ein schmaler Konsens in der deutschen Eliteforschung

Recherchiert man in der einschlägigen Fachliteratur der Sozialwissenschaften nach dem Begriff der Elite, so ist als Ergebnis der Nachforschungen zunächst einmal ernüchternd festzustellen, dass dieser keine einheitliche Verwendung fin- det. Obendrein ist zu entdecken, dass der Begriff - insbesondere in Deutschland - historisch vorbelastet ist und er scheint von einer emotionalen Aufladung betrof- fen zu sein, was eine klare Definition zusätzlich erschwert (vgl. Imbusch 2003: 12ff.). „Wer heute von Elite spricht, verursacht ein Gefühl des Unbehagens: dem Elitebegriff ist eine Fragwürdigkeit eigen, die zum Mißtrauen gegenüber allen wird, die mit ihm operieren“, so erkennt schon Dreitzel (1962: 43) etwa zu Beginn der sozialwissenschaftlichen Eliteforschung in Deutschland. Am Thema der Eliten scheiden sich - teils heftig - die sozialwissenschaftlichen Geister. Je nach For- schungszweck, Untersuchungsgegenstand, Theorietradition oder auch Überzeu- gung wird nicht nur der Begriff an sich sehr unterschiedlich akzentuiert, sondern er steht auch in direkter Konkurrenz mit einigen anderen Termini wie ,herrschende Klasse’, ,Spitze der Gesellschaft’, ,Oberschicht’, ,Leistungsträger’ oder ,privilegierte Bevölkerungsgruppe’ usw. (vgl. Imbusch 2003: 20ff.).

Um diesem Definitionsdilemma entgegenzuwirken, wird der Begriff ,Elite’ häufig mit Hilfe von Wortkombinationen in verschiedene Typen kategori- siert. So ergeben sich sozialwissenschaftliche Komposita wie Funktions-, Wert-, Positions-, Leistungs-, Machtelite etc. (vgl. Endruweit 1986: 17ff.). Dies deutet daraufhin, dass es offensichtlich ebenso wenig wie eine einheitliche Definition auch die eine Elite gar nicht geben kann. Vielmehr ist in Deutschland von einer Vielzahl der Eliten unterschiedlicher Art auszugehen, die in den einzelnen Gesell- schaftsbereichen beispielsweise als Justiz- Militär-, Politik-, Wissenschaft-, Ver- waltungs-, Gewerkschafts- oder eben als Wirtschaftselite agieren, wobei die Grenzen nicht immer eindeutig erscheinen (vgl. Wasner 2004: 16ff.). Das sozial- wissenschaftliche Repertoire zur Beschreibung einer sozialen Gruppe, die als Elite identifiziert werden kann, scheint folglich durchaus umfangreich zu sein (vgl. Imbusch 2003: 20ff.). Schon diese angedeuteten Aspekte des Elitebegiffs erwe- cken viele Assoziationen und reichlich Interpretationsraum und das, was eine Eli- te im Kern eigentlich ausmacht, wirkt alles andere als klar - eher nebulös.

Betrachtet man jedoch die Eliteforschung in Deutschland genauer, so wird bei einem zweiten Blick erkennbar, dass zwischen all den unterschiedlich gelager- ten Begriffsverwendungen - wenn auch ein schmaler - aber immerhin ein Grund- konsens festzustellen ist. Es lassen sich zwei allgemeine Merkmale, die zwar in den einzelnen Studien mal mehr und mal weniger betont werden, doch fast immer auftauchen, als konsensfähig in der deutschen Eliteforschung aufdecken: Sozial- wissenschaftliche Eliteforscher/-innen wie Dreitzel (1962), Felber (1986), Hoff- mann-Lange (1992), Hartmann (1996, 2002, 2009), Bürklin (1997), Wasner (2004) und weitere Autoren/-innen beschreiben meistens in ihren Analysen eine Auslese, wenn es darum geht, die Karrierepfade oder Rekrutierungswege der Eli- ten nachzuzeichnen und sprechen in der Regel von Macht, um ihre gesellschaftli- chen Einflussmöglichkeiten zu erklären (vgl. z. B. Hoffmann-Lange 1992: 19; Wasner 2004: 16). Daher wird sich für die Untersuchung der Fragestellung, die der Seminararbeit zugrunde liegt, auf diesen Grundkonsens gestützt und insofern ist der Elitebegriff definiert, als dass er hier auf die Merkmale der Auslese und Macht begrenzt ist.

1.1 Definitionsmerkmal von Eliten: Auslese

Auslese, dieses relevante Merkmal zur Beschreibung von Eliten verdeutlicht sich bereits anhand der rein lexikalischen Definition. Es geht lateinisch formuliert, um eligere, also um ausjäten, sorgfältig auswählen, eine Wahl treffen. Auf den Punkt gebracht: Personen, die als Eliten zu identifizieren sind, durchlaufen einen - wie auch immer gearteten - Ausleseprozess (vgl. Wasner 2004: 16). Unter dem Blickwinkel der Auslese sind Eliten in Anlehnung an Plessner (1985,1955: 139) somit „Gruppen, die das Ergebnis einer Selektion darstellen und sich auf sie zu ihrer Rechtfertigung beziehen. Nie darf bei ihnen also das Merkmal der Ausge- lesenheit außer acht gelassen werden, das dem Erlesenen im Sinne hochgeschätz- ten Wertranges nicht notwendig anhängt.“

1.2 Definitionsmerkmal von Eliten: Macht

Macht, so formuliert Hradil (2005: 256), ist eine Basisdimension sozialer Un- gleichheit und - im Groben - zu verstehen als eine knappe Ressource, die eine Gesellschaft insgesamt strukturell dadurch prägt, dass sie „tief in die Lebensver- hältnisse der Gesellschaftsmitglieder“ eingreift und „in nahezu allen Lebensberei- chen“ spürbar ist. Machtbesitz kann als ein zweites wichtiges Definitionsmerkmal von Eliten gelten. Denn Eliten sind zwar zahlenmäßig eher kleine Gruppen, doch bestehen sie aus den einflussreichsten Personen (vgl. Hoffmann-Lange 1992: 19), die nach Dahrendorf (1968: 301) in der deutschen Gesellschaft „an den Schalthebeln der Macht sitzen“. In diesem Sinne bildet eine Elite „diejenigen Inhaber der Spitzenpositionen in einer Gruppe, Organisation oder Institution, […] die kraft ihrer Positions-Rolle die Macht oder den Einfluß haben, über ihre Gruppenbelange hinaus zur Erhaltung oder Veränderung der Sozialstruktur […] unmittelbar beizutragen“ (Dreitzel 1962: 71, Hervorh. i. O.).

2. Auserlesene, mächtige Topmanager - eine Elite um- geben von negativer Stimmung

Es gilt am Thema der Eliten - gemäß wissenschaftlicher Arbeitshaltung - generell eine kritisch-neutrale Perspektive zu bewahren. Besonders wenn es derzeit um Topmanager geht, ist häufig eine mediale Inszenierung zu vernehmen, die vor- schnell zu negative Assoziation verführen kann. Somit stößt der Begriff ,Topmanager’ nicht selten auf eine öffentliche Abneigung (vgl. Buß 2007: 230), die sich etwas zugespitzt als „Nieten in Nadelstreifen“ (Ogger 1992) pointieren lässt. Eine derartige Ablehnung bestätigt sich auch in der Selbstwahrnehmung von Topmanagern. Fast 60 Prozent der deutschen Spitzenmanager glauben, dass das Image ihres Berufsstandes in der Öffentlichkeit schlecht ist und einen guten Ruf bescheinigen lediglich 12 Prozent. Für Topmanager ist ihr Ruf anscheinend stär- ker durch Stereotypen als durch Kompetenz geprägt (vgl. Buß 2007: 232).

Gewiss gibt es auch begründete Skepsis bezüglich der Topmanager in Deutschland. Trotz allem, wenn die deutsche Gesellschaft „als ausdifferenziertes System“ (Luhmann 1988: 58) erscheint, das sich zu seiner Erhaltung und Pro- blemverarbeitung in wichtige Funktionssysteme gliedert, ist gleichwohl zwischen all den negativen Bildern nicht zu ignorieren: „Ohne Arbeitsteilung, ohne Spezia- lisation, ohne ,leadership’ kann eine demokratische, pluralistische und offene Ge- sellschaft nicht erfolgreich existieren. Gerade die repräsentative Demokratie und die Marktwirtschaft sind davon abhängig, daß sich Eliten herausbilden und daß diese auch akzeptiert werden.“ Dies bekräftigt jedenfalls Vogel (1999: 3f.) - und Nachstehendes ist entscheidend - unter der Voraussetzung eines fairen und offe- nen Wettbewerbs um die Eliteplätze.

Von überstürzten Zuschreibungen distanziert, sowie um eine kritische Neutralität bemüht, sind mit den Begriffen ,Topmanager’, ,Spitzenmanager’ oder ,Wirtschaftselite’ hier sachlich Personen gemeint, die als Aufsichtsrats-, Vor- standsvorsitzende und Vorstandsmitglieder der größten Unternehmen quasi die wirtschaftliche Führungsspitze in Deutschland bilden (vgl. Hartmann 1996: 10f.; Buß 2007: 7). Und mehr nicht - aber sicherlich auch nicht weniger: Ihnen ist nämlich deutlich Macht zuzusprechen, weil sie die deutsche Wirtschaft dominie- ren. Sie üben darüber hinaus auch gesamtgesellschaftlichen Einfluss aus, der die Einflussmöglichkeiten vieler Eliten andere Art drastisch übertrifft (vgl. Hartmann 2002: 26). Topmanager bringen eine funktionelle Gruppe hervor, die wichtige wirtschaftliche Entscheidungen trifft und sich anscheinend ihrer Stellung als funk- tionelle Machtgruppe im zunehmenden Maß bewusst wird (vgl. Bottomore 1974: 83). Des Weiteren durchlaufen Spitzenmanager während ihrer Karriere einen Aus- leseprozess. Dies ist grundsätzlich nicht nur am Gang durch ein selektives Bil- dungssystem anhand ihrer hohen Formalbildung zu erkennen, sondern zeigt sich auch daran, dass Personen, die die Spitzenpositionen in den Wirtschaftsunterneh- men belegen, in weit überdurchschnittlicher Anzahl aus Familien stammen, die zu den sogenannten oberen Schichten der Gesellschaft gehören (vgl. Hartmann 2002: 93).

Topmanager, so ist zu resümieren, weisen eindeutig die Definitionsmerk- male von Eliten auf, die weiter oben ausgearbeitet wurden. Sie sind - auf wel- chem Wege auch immer - auserlesen und mächtig. Das heißt, Topmanager sind im Rahmen dieser Seminararbeit unschwer als eine Elite in Deutschland zu identi- fizieren. Dieses Zwischenergebnis ist erst einmal zu notieren. Nun lässt sich ein Ausleseprozess mit der Ressource ,Macht’, die Spitzenmanager im Lauf ihrer Karriere erlangen, in Verbindung bringen. Was zu der Folgerung führen kann, dass bildhaft gesprochen, spätestens jetzt das soziologische ,Signallämpchen’ so- zialer Ungleichheit aufleuchtet. Setzt man nämlich die Attribute wie auserlesen und mächtig zur Beschreibung einer sozialen Gruppe voraus, scheint - zu Ende gedacht - naheliegend zu sein, dass „Menschen (immer verstanden als Zugehörige sozialer Kategorien) einen ungleichen Zugang zu sozialen Positionen haben und diese sozialen Positionen systematisch mit vorteilhaften oder nachteiligen Hand- lungs- und Lebensbedingungen verbunden sind.“ (Solga/Berger/Powell 2009: 15, Hervorh. i. O.) Mit anderen Worten: Am Beispiel der Rekrutierungswege von Topmanagern ist eventuell eine soziale Ungleichheit in Deutschland festzustellen.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Topmanager in Deutschland
Untertitel
Soziale Ungleichheit am Beispiel habituell bedingter Rekrutierungsmuster einer Elite
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Veranstaltung
Vielfalt und Ungleichheit im Bildungssystem
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V231233
ISBN (eBook)
9783656477822
ISBN (Buch)
9783656479437
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
topmanager, deutschland, soziale, ungleichheit, beispiel, rekrutierungsmuster, elite
Arbeit zitieren
Martin Willmann (Autor), 2011, Topmanager in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231233

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