Unterschiede im Erziehungsverständnis von Korczak und Rousseau


Seminararbeit, 2012

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Motivation, Thema und Intention
2. Aufbau der Arbeit

II. Korczaks und Rousseaus Erziehungsverständis im Vergleich
1. Korczaks Pädagogik
1.1 Die Proklamation der Grundrechte des Kindes
1.1.1 Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod
1.1.2 Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag
1.1.3 Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist
1.1.4 Das Recht des Kindes auf Achtung
1.2 Die Umsetzung der pädagogischen Grundsätze
1.2.1 Die Institutionen der Selbstverwaltung
1.2.1.1 Die Anschlagtafel
1.2.1.2 Der Briefkasten
1.2.1.3 Die Dienste
1.2.1.4 Die Zeitung
1.2.1.5 Die Tagebücher
1.2.1.6 Das Plebiszit (Bürgerkategorien)
1.2.1.7 Das Kameradschaftsgericht
1.2.1.8 Das Parlament (der Sejm)

2. Rousseaus Pädagogik
2.1 Öffentliche vs. natürliche Erziehung
2.1.1 Die drei Erzieher
2.1.2 Das Ziel der Erziehung
2.1.3 Die Entwicklungsstufen
2.1.3.1 Die erste Phase
2.1.3.2 Die zweite Phase
2.1.3.3 Die dritte Phase
2.1.3.4 Die vierte Phase
2.1.3.5 Die fünfte Phase

3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten

III. Schluss

Literaturverzeichnis

Monographien

Internetquellen

I. Einleitung

1. Motivation, Thema und Intention

Bei dem Begriff „Erziehung“ glaubt man gleich zu wissen was gemeint ist, da dieser in unserer Alltagssprache fest verankert ist. Wenn es jedoch darum geht diesen näher zu beschreiben oder eine Definition zu geben, sehen sich viele vor einem Problem. Diese Schwierigkeit den Begriff „Erziehung“ zu definieren gab mir den Anstoß über meine Auffassung von Erziehung nachzudenken. Bei meinem gegenwärtigen Verständnis ist zum einen die Liebe zum Kind wichtig. Eltern sollen Freude daran haben ihre Kinder zu erziehen und dies nicht als Belastung sehen. Zum anderen das Kind in seiner Persönlichkeit zu achten. Folglich sie ernst zu nehmen, auf sie einzugehen, ihnen zu zuhören und ihre Bedürfnisse und Interessen zu berücksichtigen. Trotzdem sollen die Eltern nicht darauf verzichten ihren Kindern Regeln zu geben und Grenzen zu setzen. Erziehung soll ein Mittelweg zwischen Drill und völligem Absehen von Regeln und Grenzen sein. Anschließend habe ich mir die Frage gestellt, wie wohl die Pädagogen früher den Erziehungsbegriff aufgefasst hatten. Folglich werde ich mich mit der Frage auseinandersetzen inwiefern sich das Erziehungsverständnis von Korczak mit dem von Rousseau unterscheidet, um einen Einblick in die Geschichte der Erziehung zu geben.

2. Aufbau der Arbeit

Zu Beginn meiner Arbeit lege ich die Pädagogik Korczaks dar, indem ich näher auf die Proklamation seiner Grundrechte der Kinder und deren Umsetzung in die Praxis eingehe. Anschließend setze ich mich mit Rousseaus Pädagogik auseinander. Dabei zeige ich den Unterschied zwischen öffentlicher und natürlicher Erziehung und gehe im Anschluss daran genauer auf die natürliche Erziehung ein. Anschließend folgt ein Vergleich beider Pädagogen und mein Fazit, das ich daraus ziehen konnte.

II. Korczaks und Rousseaus Erziehungsverständis im Vergleich

1. Korczaks Pädagogik

Henryk Goldszmit, welcher unter dem Pseudonym Janusz Korczak in die Geschichte einging, wurde am 22. Juli 1878 oder 1879, das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt, in Warschau geboren und war Schriftsteller, Arzt und Pädagoge.[1] Sein Hauptwerk „Wie man ein Kind lieben soll“, welches er von 1914- 1916 verfasste, gründet auf seinen Erfahrungen, die er als Arzt, als Erzieher und als Leiter der Warschauer Waisenhäuser Nasz Dom und Dom Sierot gemacht und verarbeitet hat.[2] Korczak wurde vor allem durch seinen Einsatz für Kinder und die Liebe, die er für sie aufbrachte, bekannt. Diese Hingabe zeigte sich vor allem dadurch, dass er am 22. Juli 1942 die Kinder des Waisenhauses in ein Vernichtungslager begleitete, was auch für ihn den Tod bedeutete.[3]

Bevor Korczak die Grundrechte der Kinder verkündete legte er in „Das Kind in der Familie“, dem ersten Teil seines Werkes „Wie man ein Kind lieben soll“, seine Sicht des Kindes dar. Er sieht sie als Menschen, als Seiende, die auf Freiheit, Aktivität, Selbstwerdung und Selbstbestimmung angelegt sind. Das Kind kann nicht als ein erst werdender Menschen betrachtet und behandelt werden, im Gegensatz zum Erwachsenen, als einen schon gewordenen Menschen, da dies schlimme Folgen für die alltägliche Erziehungspraxis und für die Erziehungstheorie hat, gegen welche Korzcak kämpfte. Er setzte sich für eine Gleichberechtigung des Kindes als Person im Erziehungsverhältnis und für die Gleichberechtigung der Kinder als unterdrückte und ungerecht behandelte Gesellschaftsschicht ein. Substanziell war für ihn vor allem, dass das Kind kein Objekt des Erziehungsprozesses ist, sondern dem Erzieher ein Gegenüber, welches eine unantastbare Würde besitzt und über das der Erzieher nicht verfügen kann und darf.[4]

1.1 Die Proklamation der Grundrechte des Kindes

Mit den Beobachtungen, die er über das Leben der Notleidenden machte und die Begegnung mit dem ‚ältesten Proletariat der Welt‘, mit den Kindern der Straße, begann Janusz Korczaks ‚Lebensprojekt‘. Diese unmittelbaren Erfahrungen, Kenntnisse und Lebensbedingungen der Kinder wurden zur wichtigsten Grundlage für die Forderung der Menschenrechte für die Kinder.[5] Korczak vertrat die Ansicht, dass Kindern als einer ernstzunehmenden Gesellschaftsschicht Rechte zustehen. Letztendlich forderte er 1919 in „Das Kind in der Familie“ die Magna Charta Libertatis als Grundgesetz für das Kind. Dort schreibt er:

„Ich fordere die Magna Charta Libertatis, als ein Grundgesetz für das Kind. Vielleicht gibt es noch andere - aber diese drei Grundrechte habe ich herausgefunden:

1. Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod
2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag
3. Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist"[6]

Diese Grundrechte werde ich im Folgenden erläutern.

1.1.1 Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod

Mit der ersten Forderung, das Kind habe das Recht auf den eigenen Tod, warnt Korczak vor einer überbehüteten Fürsorge und Erziehung der Kinder.[7]

„Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben.“[8]

Diese overprotection, wie man es heute nennt, missachtet das Recht des Kindes auf Freiheit, Selbsterfahrung, und Selbstbestimmung. Doch diese Freiheit benötigt das Kind, um selbst Erfahrungen machen zu können. Dies bedeutet aber nicht das Korczak jede erzieherische Einflussnahme ablehnt. Er will die Überfürsorge nicht mit fehlender Aufsicht ersetzen. Vielmehr fordert er, dass die Grenzen der Rechte des Erziehers und des Kindes abgewogen bzw. ausgehandelt werden müssen, um ein erzieherisches Verhältnis zu ermöglichen, in dem beide zu ihrem Recht kommen.[9]

1.1.2 Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag

Mit dem Recht des Kindes auf den heutigen Tag wendet sich Korczak deutlich gegen eine Erziehungsauffassung, die auf die Zukunft ausgerichtet ist und eine Instrumentalisierung des Kindes.[10] Weil die Erwachsenen glauben, dass sie wissen was ihr Kind braucht, um es auf die Zukunft vorzubereiten, werden Erziehungsziele festgelegt und Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen trainiert. Der Erzieher ist zwar vor der Gesellschaft indirekt für die Zukunft des Kindes verantwortlich, aber hauptsächlich soll er dafür sorgen, dass die Gegenwart, also der heutige Tag, heiter ist:[11]

„Um der Zukunft willen wird gering geachtet, was es heute erfreut, traurig macht, in Erstaunen versetzt, ärgert und interessiert. Für dieses Morgen, das es weder versteht noch zu verstehen braucht, betrügt man es um viele Lebensjahre“[12]

Es soll nicht nur an eine von Erwachsenen definierte Zukunft gedacht werden. Deswegen fordert Korczak in „Das Recht des Kindes auf Achtung“:

„Laßt uns Achtung haben vor der gegenwärtigen Stunde, dem heutigen Tag [….,] vor jedem einzelnen Augenblick, denn er verlöscht und wird sich nie mehr wiederholen“[13]

Das Kind muss hier und heute die Möglichkeit haben selbstständig seine Fähigkeiten und Fertigkeiten einüben zu können.[14]

1.1.3 Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist

Korczak fordert dazu auf, dieses Recht zu respektieren und das Kind als einzigartiges Individuum zu achten. Er kritisiert den Anspruch der Erwachsenen, das Kind nach ihren Vorstellungen, Erwartungen und Zielsetzungen zu formen und zurechtbiegen zu wollen.[15] Sie sollen daher das Kind erst einmal kennenlernen, um Erkenntnisse und Wissen zu sammeln.[16] Das Kind kann sich auch nur dann ändern, wenn es selbst seine Erfahrungen machen kann und daraus etwas lernt:

„Und wenn nun ein Kind das alles glaubt […] sich der Forderung unterwirft, jeder Erfahrung aus dem Wege zugehen, […] was wird es dann tun, wenn es in seinem Inneren etwas verspürt, was verwundet, brennt und beißt?“[17]

1.1.4 Das Recht des Kindes auf Achtung

Neun Jahre nach der Proklamation der Grundrechte gab Korczak sein Buch „Das Recht des Kindes auf Achtung“ heraus. Dadurch erweiterte er die Magna Charta Libertatis um das allumfassende Recht des Kindes auf Achtung. In diesem Buch versuchte er die Grundrechte wissenschaftlich zu begründen und zog dabei seine Erfahrungen als Erzieher und die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit heran. Korczak fordert das Kind als gleichwertigen Menschen anzuerkennen. Ebenso ist er der Ansicht, dass das Kind nicht durch Erziehung zum Menschen wird, da es in jedem Entwicklungsstadium ein vollwertiges Individuum ist und die Kindheit somit kein Vorbereitungsstadium für das Erwachsenenleben. Ebenfalls fordert er die Erwachsenen auf, ihren traditionellen Herrschaftsanspruch zu überprüfen bzw. die traditionelle hierarchische Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem zu ändern. Denn Erziehung ist nach Korczak kein Privileg der Erwachsenen.[18]

Es ist notwendig Kindern Rechte zu verschaffen, da die Erwachsenen nicht freiwillig auf ihre Wirklichkeitsauffassung, also z.B. auf das Heranbilden bequemer Kinder durch Befehle, Disziplin oder Kontrolle oder auf die Vorstellung einer Hierarchie zwischen Erwachsenen und Kindern, verzichten werden, weil sie sonst ihre Privilegien, Autoritäts- und Machtansprüche verlieren würden. Diese Rechte sollen den Kindern einen höheren Status in der Gesellschaft sichern und ihnen Sicherheit vor der Willkür der Erwachsenen geben.[19]

[...]


[1] Vgl. Korczak 2008, S.358

[2] Vgl. Korczak 2008, S.V

[3] Vgl. Ungermann 2006, S. 506f.

[4] Vgl. Ungermann 2006, S.375f.

[5] Vgl. Sobecki 2008, S.49

[6] Korczak 2008, S.40

[7] Vgl. Sobecki 2008, S.20

[8] Korczak 2008, S.44

[9] Vgl. Ungermann 2006, S.377

[10] Vgl. Sobecki 2008, S.20

[11] Vgl. Ungermann 2006, S.379

[12] Korczak 2008, S.45

[13] Korczak 2008, S.33

[14] Vgl. Ungermann 2006, S.379

[15] Vgl. Sobecki 2008, S.21

[16] Vgl. Ungermann 2006, S.379

[17] Korczak 2008, S.43

[18] Vgl. Sobecki 2008, S.21

[19] Vgl. Ungermann 2006, S.381

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Unterschiede im Erziehungsverständnis von Korczak und Rousseau
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Einführung in pädagogisches Sehen und Denken
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V231309
ISBN (eBook)
9783656477549
ISBN (Buch)
9783656479239
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Korczak, Rousseau, Kind, Unterschied, Verständnis, Erziehungsverständnis, Pädagogik, pädagogisch, Vergleich, Recht, Recht des Kindes, Grundrechte, Selbstverwaltung, Institution, Achtung, Anschlagtafel, Briefkasten, Dienste, Zeitung, Kameradschaftsgericht, Plebiszit, Parlament, Tagebücher, Erzieher, Drei Erzieher, Entwicklung, Entwicklungsstufen, Janusz Korczak, Jean-Jacques Rousseau, öffentlich, Öffentliche Erziehung, natürlich, Natürliche Erziehung
Arbeit zitieren
Kathrin Nährig (Autor), 2012, Unterschiede im Erziehungsverständnis von Korczak und Rousseau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231309

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