Die Einelternfamilie in Deutschland

Über individualisierte Mütter, Wahlmöglichkeiten und Armutslagen einer zunehmenden Familienform


Hausarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Familie: eine gegenwartsbezogene Begriffsklärung

2. Einelternfamilien in Deutschland
2.1 Definition: Einelternfamilie/alleinerziehend
2.2 Demografische Eckdaten
2.3 Entstehungszusammenhänge

3. Individualisierte Mütter zwischen Selbst- und Fremdbestimmung einer Familienform: ein Erklärungsversuch

4. Einelternfamilien in Armutslagen
4.1 Armut: eine paradoxe Betrachtungsweise
4.1.1 Dynamik von Armut
4.1.2 Statik von Armut
4.2 Erwerbstätigkeit und relative Einkommensarmut
4.3 Erzieherische und finanzielle Hilfebedürftigkeit
4.4 Ungleiche Lebenschancen für Kinder

5. Überlegungen zur Verbesserung der Lage aus Sicht der Einelternfamilie

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich im Kontext des familiären Wandels der letzten Jahrzehnte mit dem Thema Einelternfamilien in Deutschland. Dabei wurden zwei Schwerpunkte gelegt: Es wird der Versuch unternommen, deren steigende Anzahl mittels der Kernaussage der Individualisierungstheorie zu erklären. Ferner die häufig mit dieser Familienform in Verbindung gebrachte Armutslage anhand von Einkommen analysiert.

Der Hauptteil beginnt mit einer einleitenden Darstellung der Thematik. Hier wird der gegenwärtige Wandel der Familie skizziert und der vieldeutige Begriff ,Familie’ eingegrenzt, indem er dem Kontext der Arbeit entsprechend präzisiert wird. Im 2. Kapitel geht es um die Erläuterung des Begriffs ,Einelternfamilie’ und die empirische Darstellung dieser Familienform. Das 3. Kapitel hat das Kernstück der Arbeit zum Inhalt und bietet ihren theoretischen Anspruch. An der Stelle wird sich kritisch mit der in Deutschland verbreitetsten Form der Individualisierungs- these nach Beck (1986) auseinandergesetzt. Hierbei wird einerseits deren Kern- aussage als Erklärungsansatz mit dem Thema Einelternfamilie verknüpft, ande- rerseits deutliche Grenzen bezüglich der Aussage aufgezeigt. Im 4. Kapitel wird ein Blick in die derzeitige Armutsdiskussion geworfen, um Armut von Eineltern- familien als Paradoxon grob zu erarbeiten. Des Weiteren wird sich vorwiegend auf das Konzept der Einkommensarmut festgelegt, damit ein Armutsaspekt der vielschichtigen Armutslage von Einelternfamilien empirisch belegt und konkreti- siert werden kann. Zudem legt das Kapitel wesentliche Probleme der Eltern und Kinder in dieser Lebenslage offen und macht auf entscheidende Herausforde- rungen der Politik aufmerksam. Anschließend widmet sich das 5. Kapitel einigen Überlegungen zu familienpolitischen Maßnahmen zur Verbesserung der Lage. Dabei werden verschiedene Betrachtungsweisen dargestellt, die aufzeigen, dass nicht nur alleinerziehende Eltern am sozialen Phänomen ,Einelternfamilie’ teilha- ben. Zum Abschluss der Arbeit werden die gewonnenen Erkenntnisse zusam- menfassend formuliert und eine Verbindung der Aufgabenstellung zur Sozialen Arbeit hergestellt.

1. Die Familie: eine gegenwartsbezogene Begriffsklärung

Der Begriff ,Familie’ ist im gegenwärtigen Geschehen wohl kaum noch einheitlich zu erfassen. Konnte Simmel (2008a, zuerst: 1895) Ende des 19. Jahrhunderts die Familie noch als etwas verhältnismäßig leicht Erkennbares beschreiben, nämlich als „eine Sozialisirung [sic] weniger Personen, die sich innerhalb jeder größeren Gruppe unzählige Male in der genau gleichen Form wiederholt“ (119f.), scheint dies heute nicht mehr so eindeutig zu sein. Denn im Zuge der Frauen- und Studentenbewegung in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann der Aufstand gegen die traditionellen Strukturen. Diese hielten ein zwanghaftes Familienbild, welches in der Regel aus Mann, Frau, Kind, Ehe und traditioneller Rollenverteilung bestand, aufrecht. Im Rückblick auf die damalige Situation der Familie und vor allem der Frau äußert Beck-Gernsheim (1994) Kri- tik: Die Familie wurde „als Ideologie und Gefängnis, als Ort alltäglicher Gewalt und Unterdrückung“ (115) aufgedeckt. Folglich geriet die damalige traditionelle Familienform als allgemein angestrebte und verbindliche Lebensform ins Wan- ken. Dies bedeutet sicherlich nicht, dass sich die traditionelle Familie auch gegenwärtig noch zwanghaft aufrechterhält, und genauso wenig bedeutet es, dass sie sich vollständig auflöst (vgl. ebd.: 115ff.). Doch muss festgestellt wer- den, dass die traditionelle Familienform offensichtlich „das Monopol, das sie lan- ge besaß“ (ebd.: 135) verliert.

Was sich anstelle der auch heute noch statistisch dominanten ,Normalfamile’ im Sinne eines Ehepaars mit leiblichen Kind(ern) in Deutschland entwickelt, sind nicht unbedingt historisch neuartige Lebensformen. Denn in der vorindustriellen Zeit kamen z.B. nicht eheliche Lebensgemeinschaften und Einel- ternfamilien in manchen Gegenden sogar häufiger vor als heute. Jedoch gab es ihnen gegenüber nur wenig öffentliche Akzeptanz, deshalb waren diese Familien für gewöhnlich nur in den Armutsschichten vorzufinden und im Hinblick auf ihre ökonomische Situation kaum angenehme Daseinsformen (vgl. Nave-Herz 2007: 22ff.).

Das bedeutet, dass verschiedene Familienformen an sich nicht der sprin- gende Punkt der derzeitigen Bewegung im Familiensektor sind. Neuartig er- scheint vielmehr eine andere Entwicklung zu sein. Beck-Gernsheim (1994) zufol- ge, „wird in aller Buntheit eine historische Grundrichtung erkennbar: Ein Trend in Richtung Individualisierung setzt sich durch“ (116). Diese Entwicklung vervielfäl- tigt nicht nur die äußere Form der Familie, was allgemein als Pluralisierung der Lebensformen beschrieben wird, sondern auch die Lebensführung der Menschen wird durch die Individualisierung bedingt und verändert das Innenverhältnis der Familienmitglieder (vgl. ebd.: 115f.). Deshalb nimmt möglicherweise auch die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Familien zu, die jenseits des traditionel- len Familienbildes liegen. Dies dürfte sich auch an der gewachsenen Zahl derer verdeutlichen, die gar nicht zum Familiensektor zählen wie z.B. kinderlose nicht eheliche Lebensgemeinschaften, Singels und kinderlose Ehepaare (vgl. Peuckert 2007: 40f.). Aus Sicht von Simmel (2008a, zuerst: 1895), ist die „außerordentli- che Mannigfaltigkeit von Familienformen“ (120) auf die Entwicklung verschiede- nen Kulturstufen zurückführen. Das heißt also, dass das Verständnis von Familie an soziokulturellen Bedingungen gebunden ist, die im Augenblick offenbar einem Wandel unterliegen, den Beck-Gernsheim (1994) folgend zusammenfasst: „Aus Notgemeinschaft wird Wahlverwandtschaft.“ (116)

Will man also die aktuelle Lage der Familie in eine gegenwartsbezogene Familiendefinition einbeziehen, bedarf es offenbar einer breiten Vorstellung dessen, was Familie ist. Um sich allerdings auch inhaltlich zu präzisieren, meint Familie in Anlehnung an Peuckert (2007) hier eine Lebensform,

„die mindestens ein Kind und ein Elternteil umfasst und einen dauerhaften und im Inneren durch Solidarität und persönliche Verbundenheit charakterisierten Zusammenhang aufweist. Viele andere Merkmale dessen, was gemeinhin als Familie gilt […], sind hingegen soziokul- turell variabel.“ (36)

2. Einelternfamilien in Deutschland

2.1 Definition: Einelternfamilie/alleinerziehend

In der Familiensoziologie hat man sich überwiegend von den Begriffen ,broken Home’ und ,unvollständige’ Familie verabschiedet, um fehlende Anerkennung bezüglich der Alleinerziehenden auf sprachlicher Ebene zu vermeiden (vgl. Nave- Herz 2007: 94f.; Peukert 2008: 186). Auch Nave-Herz (2007) hält diese Begriffe für mehr als fragwürdig, denn „die Differenzierung von Familie in ,vollständige’ und ,unvollständige’ Familie lässt nur die vollständige Familienform als das ,Normalitätsmuster’ erscheinen.“ (94) Außerdem zerbricht eine Familie nicht, wenn sich das Partner- oder Ehesystem auflöst. Dies besagt nämlich nicht, dass gleichzeitig auch das Kind-Eltern-System auseinanderbricht. Deshalb wird mit Nachdruck darauf verwiesen, dass die Familie zwar ihre äußere Form verändern kann, aber anschließend als Familie weiter existiert (vgl. ebd.: 122).

Weniger assoziativ belastet scheinen die Begriffe ,Einelternfamilie’ oder ,alleinerziehend’ zu sein. Diese meinen hier eine Familienform, in der ein Eltern- teil (Vater oder Mutter) die alltägliche Erziehungsverantwortung für mindestens ein lediges Kind unter 18 Jahren trägt und mit diesem zusammen ohne Ehe- oder Lebenspartner/In eine Haushaltsgemeinschaft bildet. Dabei wird, je nachdem ob der Vater oder die Mutter den Elternteil darstellt, zwischen Vater- und Mutter- Familien unterschieden. So ist innerhalb dieser Definition die Frage nach dem Sorgerecht nebensächlich (vgl. Nave-Herz 2007: 94). Allerdings verleitet diese Definition schnell zu Fehldeutungen. So hält es Peuckert (2008) für „korrekter von einem Ein-Eltern-Haushalt zu sprechen“ (186), da außer im Falle der Verwit- wung das Kind weiterhin zwei Eltern hat. Denn alleinerziehend zu sein, bedeutet streng genommen nicht zwangsläufig, wirklich allein zu leben, auf sich gestellt ohne Partner/In zu leben. Tatsächlich kümmern sich nämlich häufig beide Eltern nach einer Trennung oder Scheidung regelmäßig und intensiv um die Kinder.

Ferner kann man davon ausgehen, dass einige Mütter und Väter nach einiger Zeit wieder mit einem Partner/In zusammenziehen, und folglich nicht ihr Leben lang eine - wie hier definierte - Einelternfamilie darstellen (vgl. ebd.: 186f.).

2.2 Demografische Eckdaten

Nach den Daten des aktuellen Mikrozensus lebten im Jahr 2009 1,6 Millionen Einelternfamilien mit 2,4 Millionen minderjährigen Kindern in Deutschland. Die Zahl der Alleinerziehenden ist seit 1996 um ca. 20% gestiegen. Fast jede fünfte Familie (19%) war 2009 eine sogenannte Einelternfamilie und in Großstädten mit über 500.000 Einwohner sogar jede vierte (26%). Ohne Altersbeschränkung der Kinder erhöht sich die Zahl auf rund 2,6 Millionen. So bilden Einelternfamilien mittlerweile eine feste Größe unter den Familienformen in Deutschland. Nach Familienstand differenziert, stellten Geschiedenen und verheiratet getrennt Le- bende die Hauptgruppe (58,9%), gefolgt von den Ledigen (35,3%) und Verwitwe- ten (5,8%). Die größten Altersgruppen bildeten die 35-44 Jährigen (45%), darauf kamen die 45-54 Jährigen (24%) und die 25-34 Jährigen (23%). Einelternfamilien sind vorwiegend kleine Familien, denn knapp zwei Drittel der Alleinerziehenden betreuten 2009 nur ein Kind. Ein besonders auffälliges Merkmal war der hohe Anteil von Mutterfamilien (90%). Dementsprechend kamen Vater-Familien (10%) wesentlich seltener vor. Es zeigt sich also, dass das soziale Phänomen ,Alleinerziehen’ sehr deutlich ,Frauensache’ ist (vgl. Statistisches Bundesamt 2010: 7ff.).

2.3 Entstehungszusammenhänge

Sucht man nach der Ursache für die Entstehung der Einelternfamilie erweist sich die Suche als vergeblich, denn anscheinend ist es nicht möglich, die Entstehung monokausal zu erklären. Vielmehr sind es viele Ursachen, die Zusammenwirken und die Entstehung einer Einelternfamilie zufolge haben können (vgl. Schneider et al. 2001: 38). Allerdings lässt sich zumindest eine Hauptursache auf ein empi- risches Phänomen zurückführen. Meistens ergibt sich diese Familienform als Konsequenz einer Ehescheidung oder einer Trennung vom Partner/In. Laut Sta- tistischem Bundesamt sind aus diesem Grund im Jahr 1970 48% und im Jahr 2005 sogar 66% der Einelternfamilien entstanden. Somit ist eine wachsende Entwicklung hinsichtlich dieser Entstehungsursache der Einelternfamilie zu kons- tantieren (vgl. Peuckert 2008: 189).

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Details

Titel
Die Einelternfamilie in Deutschland
Untertitel
Über individualisierte Mütter, Wahlmöglichkeiten und Armutslagen einer zunehmenden Familienform
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Veranstaltung
Familienpolitik in Europa
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V231320
ISBN (eBook)
9783656475699
ISBN (Buch)
9783656476726
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einelternfamilie, deutschland, über, mütter, wahlmöglichkeiten, armutslagen, familienform
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Martin Willmann (Autor), 2011, Die Einelternfamilie in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231320

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