Zum Ende der Weimarer Republik kam es zur vereinzlten Zusammenarbeit der sich diametral gegenüberstehenden Parteien KPD und NSDAP. Wie sind diese Kooperationen zu bewerten? Ist die "Hufeisentheorie" im Recht, die die Nähe der Extreme des politischen Spektrums postuliert? Oder steckten rein taktische Erwägungen dahinter, wenn die beiden Parteien die Republik in den sprichwörtlichen "Zangengriff" nahmen? Anhand zeitgenössischer Dokumente überprüft der Autor verschiedene Forschungsmeinungen zu diesem spannenden Kapitel deutscher Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtages
2.1. Die Ablehnung der Weimarer Ordnung als Motivation
2.2. (Wahl-) Taktische Überlegungen als Motivation
3. Der Streik bei der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) 1932
3.1. Die Ablehnung der Weimarer Ordnung als Motivation
3.2. (Wahl-) Taktische Überlegungen als Motivation
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Hintergründe für die punktuelle Zusammenarbeit zwischen der KPD und der NSDAP am Ende der Weimarer Republik, exemplarisch dargestellt anhand des Volksentscheids zur Auflösung des preußischen Landtages 1931 und des Berliner BVG-Streiks 1932. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Beweggründe dieser Kooperationen, insbesondere auf die gemeinsame Ablehnung der Weimarer Ordnung sowie wahltaktische Kalküle.
- Analyse der Zusammenarbeit von KPD und NSDAP
- Untersuchung des Volksentscheids zur Auflösung des preußischen Landtages
- Analyse des BVG-Streiks 1932
- Bewertung ideologischer vs. wahltaktischer Motive
- Rolle des "Sozialfaschismus"-Konzepts
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Ablehnung der Weimarer Ordnung als Motivation
Bereits in den 1960er Jahren erklärte sich der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer die gelegentliche Zusammenarbeit von Kommunisten und Nationalsozialisten mit dem gemeinsamen Ziel "die Republik zu schwächen [...]."31 Entsprechend lässt sich auch die (einseitige) Kooperation im Falle des Volksentscheides mit der Ablehnung der Weimarer Ordnung sowie ihrer wichtigen Stütze, der Sozialdemokratie erklären: Preußen war nicht nur "die wichtigste, der SPD noch verbliebene Machtbastion"32, sondern durch die entschiedene Unterstützung des SPD-Tolerierungskurses gegenüber der Reichsregierung Brüning auch eine 'Lebensgrundlage' ebendieser.33
Dieser Zusammenhang war einer der offiziellen Gründe für die Beteiligung der - anfänglich sogar gegen diese Kampagne agierenden34 - KPD am Volksentscheid. So erklärte der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, der "größte Feind sei die Brüning-Regierung, die in der preußischen SPD-Regierung ihr wichtigstes Bollwerk besitze. Eine Politik der Zerstörung des kapitalistischen Systems mußte sich gegen die SPD richten, die durch ihre Tolerierungspolitik die Regierung parlamentarisch stützte."35 Neben dem angedeuteten Antikapitalismus passte auch der hier propagierte Kampf gegen die Sozialdemokratie gut in das ideologische Konzept der Partei: Die auf dem Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1928 zur Generallinie erhobene 'Sozialfaschismusthese'36, die sich im Folgenden auch in der KPD durchsetzte,37 war kurz vor der Beteiligung der KPD am Volksentscheid auf dem 11. Plenum des EKKI noch einmal bekräftigt worden. Aus einem im Juli 1931 erschienenen Artikel des Zentralorgans der KPdSU, der "Prawda", liest der Historiker Heinrich August Winkler eine Aufforderung an die deutschen Kommunisten, dieser Parteilinie auch im Falle des Volksentscheides nachzukommen:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Kooperation zwischen KPD und NSDAP in der späten Weimarer Republik ein und legt den Fokus auf die zwei zentralen Fallbeispiele.
2. Der Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtages: Dieses Kapitel analysiert die Hintergründe der KPD-Beteiligung am preußischen Volksentscheid, insbesondere die Ablehnung der SPD-geführten Landesregierung.
2.1. Die Ablehnung der Weimarer Ordnung als Motivation: Hier wird der ideologische Kampf gegen die "Sozialfaschismus"-These als primärer Grund für die Kooperation herausgearbeitet.
2.2. (Wahl-) Taktische Überlegungen als Motivation: Dieses Kapitel beleuchtet, wie die KPD versuchte, über die Zusammenarbeit Wähler aus dem rechten Spektrum zu gewinnen.
3. Der Streik bei der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) 1932: Das Kapitel untersucht die Hintergründe des Streiks, an dem sich neben der KPD auch die NSBO beteiligte.
3.1. Die Ablehnung der Weimarer Ordnung als Motivation: Es wird dargelegt, dass der Streik primär gegen die Regierung Papen gerichtet war und die Schwächung der staatlichen Ordnung zum Ziel hatte.
3.2. (Wahl-) Taktische Überlegungen als Motivation: Hier wird analysiert, wie beide Parteien den Streik zu instrumentalisieren versuchten, um in der Arbeiterschaft Fuß zu fassen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Rolle ideologischer und wahltaktischer Motive bei den untersuchten Kooperationen.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, KPD, NSDAP, Volksentscheid, preußischer Landtag, BVG-Streik, Sozialfaschismus, politische Kooperation, Wahltaktik, Antikapitalismus, RGO, NSBO, Otto Braun, Ernst Thälmann, parlamentarische Krise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Motive hinter der punktuellen Zusammenarbeit zwischen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) am Ende der Weimarer Republik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Dynamiken der Weimarer Endphase, die Rolle der KPD und NSDAP, das Verhältnis zum Parlamentarismus sowie die strategischen Überlegungen beider Parteien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu ergründen, warum diese ideologisch entgegengesetzten Parteien in bestimmten Momenten kooperierten und ob dies eher ideologisch oder wahltaktisch motiviert war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung von Primärquellen (wie Tagebüchern und Reden) sowie der fachwissenschaftlichen Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Fallstudien: den Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtages 1931 und den Berliner BVG-Streik 1932.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Weimarer Republik, KPD, NSDAP, Volksentscheid, BVG-Streik, Sozialfaschismus, Wahltaktik, politische Kooperation.
Warum war der preußische Landtag ein so wichtiges Ziel für die Kooperation von KPD und NSDAP?
Der preußische Landtag galt als "Bollwerk der Demokratie". Da er von der SPD unter Otto Braun geführt wurde, war er sowohl für die KPD (im Rahmen der Sozialfaschismusthese) als auch für die NSDAP (im Kampf gegen das "System") ein primäres Feindbild.
Welche Rolle spielte die Sowjetunion bei der Haltung der KPD?
Winkler und andere Historiker vermuten, dass außenpolitische Erwägungen Stalins, insbesondere die Schwächung prowestlicher Kräfte in Deutschland, die KPD zu Kursänderungen und Kooperationen beeinflusst haben könnten.
Wurde der BVG-Streik von beiden Parteien als gleichberechtigte Partnerschaft betrachtet?
Nein. Beide Seiten betonten ihre jeweils eigene Führungsrolle und betrachteten die Teilnahme der anderen Partei eher als pragmatisches Mittel zum Zweck, nicht als eine echte, auf Augenhöhe basierende Aktionseinheit.
Wie versuchten die Parteien, ihr Handeln vor der eigenen Basis zu rechtfertigen?
Beide Parteien nutzten nationalistische Floskeln oder betonten den "Kampf gegen das System" bzw. den "Kampf gegen den Klassenfeind", um die oft unpopuläre Zusammenarbeit mit dem politisch entgegengesetzten Lager als taktisch notwendig darzustellen.
- Arbeit zitieren
- Hans Junius (Autor:in), 2009, Querfront? Zum Phänomen der punktuellen Kooperation von KPD und NSDAP, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231440