Leitziel: Reife Religiosität bei der kindlichen Entwickung


Hausarbeit, 1994
27 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Auspragungsmoglichkeiten von Religiositat

3. Leitziel: Reife Religiositat in reifer Personlichkeit
3.1 Die Situation des Kindes
3.2 Die Grundvoraussetzung: Meditation
3.2.1 Entwicklungs-undLernschritte zu Meditationsfahigkeitund zumGebetsdialog
3.2.2PraktischeAnregungen
3.2.2.1 Zur religiosen Ersteinfuhrung des Kleinkindes
3.2.2.2 Meditation als Erfahrungsraum des religiosen Gesprachs und Gebets
3.2.3 Zur Erziehung des Grundschulkindes und Jugendlichen

4. Erster Erfahrungssatz: Grundvertrauen
4.1 Entwicklungs-undLernschritte

5. Zweiter Erfahrungsansatz: Positive Lebenseinstellung
5.1 Zum entwicklungs- und motivationspsychischen Zusammenhang
5.1.1 Positive Lebenseinstellung als sich differenzierendes, wert- und ursprungsbewusstes
Lusterleben
5.1.2 Lusthaftes Erleben und affektiv-kognitive Selbststeuerung
5.1.3 Positive Lebenseinstellung als sich differenzierendes, wert- und ursprungsbewusstes
"grandioses" Erleben
5.2 Praktische Anregungen
5.2.1 Zur religiosen Ersteinfuhrung des Kleinkindes
5.2.2 Zur Erziehung des Grundschulkindes und des Jugendlichen

6. Der dritte Erfahrungsansatz: Prosoziales Empfinden, das sich zum altruistischen 13 Mitlieben entwickelt
6.1 Entwicklungs-undLernschritte
6.2 Praktische Anregungen
6.2.1 Zur religiosen Ersteinfuhrung des Kleinkindes
6.2.2 Zur Erziehung des Grundschulkindes und des Jugendlichen

7. Negation desAltruismus

8. Die Erfahrungsansatze reifer Religiositat im Zusammenhang mit affektiver und
kognitiver Entwicklung der Personlichkeit
8.1 Die kognitive Entwicklung
8.1.1 Die Theorie vonJ.Piaget
8.2 Wie beginnt metaphysisch-religioses Denken und Deuten (Verstehen)?
8.3 Die erste metaphysische Einsicht
8.4 Die Weiterenwicklung metaphysisch-religiosen Verstehens
8.5 Religiose Unterweisung als notwendige Anregung

9. Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der christlichen und islamischen
religiosen Erziehung
9.1DerGottesbegriff
9.2 Die Beziehung Gott/Allah zu den Menschen
9.2.1 Die Bewertung menschlichen Tuns
9.3 Die Erfahrungsansatze: Grundvertrauen und Positive Lebenseinstellung aus
islamischer Sicht
9.4 Der Erfahrungsansatz: Prosoziales Empfinden aus islamischer Sicht

10. Schlussbemerkung

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit beschaftigt sich aus religionspadagogischer und psychologischer Sicht mit der Entwicklung des Heranwachsenden im Kleinkind- ( 1 bis 6 Jahre) und Grundschulalter (6 bis 10 Jahre) und stutzt sich auf die ersten sechs Kapitel des Werkes "Religionspadagogische Psychologie von dem Religionspadagogen Bernhard Grom, das an die 1899 begrundete Tradition der Padagogischen Psychologie1anknupft, die ihre Aufgabe darin sieht, psychologische Erkenntnisse zu gewinnen und anzuwenden sowie ethisch- religiose Sozialisations-, Erziehungs- und Unterrichtsvorgange zu beschreiben, zu erklaren und zu optimieren.

Nach einer erlauterten Auflistung verschiedener Arten von Religiositat2wird erkennbar, dass der Heranwachsende zu einer erlebnisverwurzelten, reifen Religiositat hingefuhrt werden soll. Im Anschlufi daran wird detailliert dargestellt, mit welchen Voraussetzungen und Methoden dieses Ziel erreicht werden kann. B.Grom stellt drei mogliche Erfahrungsansatze vor: Grundvertrauen, positive Lebenseinstellung und prosoziales Empfinden.

2. Auspragungsmoglichkeiten von Religiositat

Um Fragen nach dem Leitziel in der religiosen Erziehung zu beantworten, werden psychohygienisch-humanistische und religionsphilosophisch-theologische Kriterien herangezogen. Aus psychohygienisch-humanistischer Sicht soll der Heranwachsende zur Bildung einer Personlichkeit befahigt werden, die frei von Angst, Bedrohung und Hassgefuhlen ist. So kann eine positive Einstellung zur eigenen Personlichkeit, zum Ich, zu den anderen und zu dem Schicksal, das wir zu tragen haben (A.Friedemann 1976), gebildet werden. Auf dieser Grundlage gedeiht auch ein Wachstum "des sich voll entfaltenden Menschen" (C.Rogers). Diese Kriterien sprechen eindeutig gegen eine angstmotivierte und fur eine erfullungsmotivierte, gegen eine uberwiegend selbstbezogene, wunschbestimmte und fur eine hingabefahige, einsichtsbestimmte, gegen eine situationsgebundene und fur eine situationsoffene, gegen eine erlebnisuberdeckende und fur eine erlebnisverwurzelte Religiositat.

Aus religionsphilosophisch-theologischer Sicht orientiert sich die Antwort nach dem religiosen Erziehungsziel an der theistischen, christlichen Erforschung vom Sinn der Religiositat. Eine theistische Religionsphilosophie, wie sie beispielsweise I.Kant (Die Religion innerhalb der Grenzen der blofien Vernunft, Berlin), M. Blondel (Die Aktion -1893-, Freiburg 1965, 370 f.), M. Scheler (vor seiner "pantheistischen Spatphase"; Gesammelte Werke, Bd.2. 489, 583; Bd. 5, 71 f), M. Buber (Das dialogische Prinzip, Heidelberg 1965), P. Wust (Die Dialektik des Geistes, Munster 1964, 242 ff.) und andere vertreten, sieht die Beziehung zwischen Mensch und Transzendentem als eine personale, dialogische.

In einer Grunderfahrung, in welcher der Mensch um seiner selbst Willen angenommen wird und infolge dessen seine Mitmenschen bejahen kann, in einer Grunderfahrung also, wo er ganz Ich und Person wird, findet er sich vom Transzendenten als einem unverfugbaren, tragenden Du angesprochen und damit zur Bindung an das umfassende Ideal der Gerechtigkeit und Gute aufgefordert.

Schon die alttestamentlich-judische Uberlieferung betrachtet ja u.a. die Beziehung des Menschen zum Transzendenten als ein existentielles MSich fest machen in Jahwe" (G. von Rad), als ein "Amen-Sagen zu Gott"[3] (A.Weiser), der dem Menschen einen Bund anbietet. Dieser Glaube wird als uberzeugte und gleichzeitig Herz und Handeln bestimmende Hingabe " - aus deinem ganzen Herzen, - aus deiner ganzen Seele, - aus all deinem Sinn und Denken - und aus all deiner Kraft" (Dtn 6,5; Mk 12,30) umschrieben.

Die neutestamentlich-christliche Uberlieferung sieht diesen Glauben "erfullt", und zwar dadurch, dass sich der Transzendente, heilsgeschichtlich und menschgeworden in Jesus Christus, mitgeteilt hat und so allen Menschen guten Willens einen "neuen Bund" der unuberbietbaren Nahe (als Kinder des gemeinsamen "Vaters") anbot.

Im Islam wird die Beziehung des Einen Gottes zu den Menschen u.a. in der ersten Sure des Korans suratu-l-fatiha (die Eroffnende) deutlich. Sinngemab bedeutet sie: Im Namen Allahs, des Gutigen, des Barmherzigen .[4]Das Lob gebuhrt Allah, dem Herrn der Welten . Dem Gutigen, dem Barmherzigen . Dem Herrscher am Tage des Gerichts . Dich allein beten wir an und Dich allein bitten wir um Hilfe . Fuhre uns auf den geraden Weg . Den Weg derer, denen Du gnadig bist und (nicht den Weg derer), die Deinen Zorn erregt haben (nicht den Weg derer) die in die Irre gehen .5

Hiermit ist die Frage nach einem Leitziel in der religiosen Erziehung beantwortet.[6]

"Es soll angestrebt werden, dass uber eine blob wissensrelevante und zugehorigkeitsmotivierte Form hinaus auch ein erlebnis- und verhaltensrelevantes, ja auch erlebnisverwurzeltes und situationsoffenes, ein inhaltsbestimmtes Erlebnis-, Denk- und Verhaltensmuster verinnerlicht wird, das im Sinne einer hingabefahigen und einsichtbestimmten Einstellung erfullungsorientiert ist und sich zu einer dialogisch- heilsgeschichtlichen Bindung entwickelt. Dieses Leitziel soll im Hinblick auf die weiteren Ausfuhrungen in der Kurzformel - Eine reife Religiositat in einer reifen Personlichkeit - zusammengefafit werden. "[7]

3. Leitziel: Reife Religiositat in reifer Personlichkeit

3.1 Die Situation des Kindes

Aufgrund seiner gefuhlsmabigen und materiellen Abhangigkeit im Kleinkind- (1-6 Jahre) und Grundschulalter (6-10 Jahre) ist der Heranwachsende leicht von auben zu beeinflussen. Aus seinen kognitiven und affektiven Fahigkeiten heraus fixiert er sich schnell, auch wenn ihm der Sinn verschlossen bleibt, auf auberes Nachmachen bzw. Nachsprechen und fragt eher: "Wie muss man das machen?" als: "Warum muss man das machen?".8So konnen ihm ErzieherInnen ein bestimmtes, ethisch- religioses Verhalten, wie z.B. Hoflichkeit, vorformulierte Gebete oder Gottesdienstbesuche vermitteln, ohne diese Vorgaben inhaltlich zu begrunden oder zu einer personlichen Auseinandersetzung mit ihnen anzuregen Die genaue Einhaltung der Form bzw. des Ritus und nicht dessen Bedeutung ist dem Kind wichtig.9

An einem Beispiel lasst sich ein solches Verhalten am besten verdeutlichen: MEin Kind von vier Jahren war daran gewohnt worden, sein Nachtgebet vor einem religiosen Bild zu sprechen. Eines Tages machte es einen Besuch. Abends wurde es eingeladen, seine Gebete zu sprechen, doch kein Bild war da. Es ging an den Tisch, holte sich die Titelseite der Saturday Evening Post und verrichtete davor in voller Zufriedenheit sein Gebet. Die Worte dieses Gebets, das es sprach, hatten fur es im Grund keine andere Bedeutung als die Worte seiner Kinderreime - (G.W. Allport 1973, 32). Beten bedeutete fur dieses Kind wohl einfach: Vor einem Bild bestimmte Worte sprechen, wie es die Eltern vorgemacht hatten und nachgeahmt sehen wollten (verbunden auch mit der Freude des Kindes am feierlichen Klang und Rhythmus religioser Sprache)."10

3.2 Die Grundvoraussetzung: Meditation

Um in der Vermittlung ethisch-religioser Werte einem blob aubenmotivierten (extrinsischen), ritualistischen Nachmachen und verbalistischen Nachsprechen entgegenzuwirken, sollen Erzieherlnnen die Bereitschaft des Heranwachsenden zu innerer Erfahrung bzw. zur Sammlung und Meditationsfahigkeit fordern.11

Dies ist schon im Alter von 3-4 Jahren moglich, denn ab dieser Zeit beginnt ein Kind u.a. fremdes und eigenes Denken und Fuhlen zu unterscheiden und entwickelt erste Ansatze fur ein Selbstbewusstsein sowie die Fahigkeit zum Selbstgesprach.

3.2.1 Entwicklungs-und Lernschritte zur Meditationsfahigkeit und zum Gebetsdialog

konnen wie folgt gedacht werden:

- Allgemein auf innere Gefuhlsregungen achten lernen; sie in sich mehr und mehr differenzieren und als Bestandteil des "Ich", also des individuellen und privaten Empfindungs-, Willens- und Denkzentrums auch starker von der Umgebung abgehoben erleben.

- Im Selbstgesprach verschiedene innere Gefuhlsregungen bewusster erleben und integrieren sowie auch in ersten Ansatzen eine affektiv- kognitive Selbststeuerung mit Selbstbeobachtung, Selbstbewertung (Selbstkonzept) und Selbstverstarkung aufbauen konnen., die von Fremd- und Aubensteuerung unabhangiger macht.

- Auf der Grundlage der allgemeinen Aufmerksamkeit fur innere Erfahrungen (Meditationsfahigkeit) und dank einer entsprechenden religiosen Erziehung auch fur erste ethisch- religiose Erfahrungen ansprechbar werden, die das "Selbstgesprach in einen Gebetsdialog einmunden lassen." Auf diese Weise kann ein Dialog des Vertrauens, der dankbaren Zustimmung und des altruistischen Mitliebens entstehen.12

3.2.2 Praktische Anregungen

Fur Kleinkinder und Kinder im Grundschulalter werden unterschiedliche Meditationstechniken empfohlen.

3.2.2.1 Zur religiosen Ersteinfuhrung des Kleinkindes

Bevor die Erziehungsperson ausdrucklich von Gott oder Gebet spricht, sollte das 3- bis 4- jahrige Kind zu (1- bis 10-minutigen) Stille- bzw. Meditationsubungen angeregt werden. Erst wenn es gelernt hat, zur Ruhe zu kommen und sich zu sammeln, hat es (affektiv) die notige Bereitschaft fur ethisch-religiose Erfahrungen und somit die Chance, verbale Hinweise auf "Gott", der alles "erschafft", uns "liebt", und "hort", nicht einfach materialisierend und anthropomorph zu verstehen. Es gibt viele Ansatze, ein Kind mit Sammlung und Meditation vertraut zu machen. In der Praxis haben sich Maria Montessoris "Ubungen der Stille", Yoga oder Autogenes Training erfolgreich bewahrt, Kinder an innere Sammlung, die ein Beten erst moglich macht, heranzufuhren.13

Folgende Moglichkeiten sollen als Anregungen verstanden werden.

Direkte Ubungen zur Stille, zum gesammelten Wahrnehmen und zur Imagination konnen angeboten werden: z.B. Eine Minute lang entspannt, schweigend auf dem Stuhl sitzen und mit geschlossenen Augen auf Gerausche wie das Ticken einer Uhr lauschen - und dann daruber sprechen -. Oder (auf Orff-Instrumenten) einen Ton anschlagen, und die Kinder zeigen auf, wenn sie ihn nicht mehr horen. - Ein Kind geht, auf einem Instrument spielend, durch den Raum; die anderen deuten blind in die Richtung, aus der sie den Ton horen. - Ein Kind darf den Namen eines anderen Kindes Rustem, dieses flustert wiederum den Namen eines anderen Kindes, bis alle aufgerufen wurden.

Andere "Spiele" uben das gesammelte Tasten oder Sehen. Etwa still, mit geschlossenen Augen eine Frucht, eine Pflanze, ein Tierfell, eine Baumrinde o.a. ertasten und danach das Objekt und die eigenen Gefuhle beschreiben.- Andere Kinder allein durch Tasten erkennen. - Eine Blume oder Wasser, Feuer, Schnee zuerst still betrachten dann dazu malen und daruber sprechen.

Um die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken, konnen direkte Imaginationsubungen angewandt werden. Beispielsweise: Ich kann entspannt und mit geschlossenen Augen trotz Mauern und Turen "sehen", was der Vater, die Mutter, oder ein Freund jetzt vermutlich tun und von mir denken.- Oder auf die gleiche Weise sich erinnern, wie ich einmal daheim zu Hause oder bei Verwandten etwas Schones erlebt habe, und daruber etwas malen und sprechen. Ahnlich kann ein Kind sich vorstellen, wie es demnachst jemandem, den es mag, eine Freude machen kann.

Es ist auch moglich, Gelegenheit zur Artikulation personlicher Reaktionen auf verschiedene Anstofie von aufien zu geben; etwa nach einer Stille- und Entspannungsubung eine Geschichte oder ein Marchen anhoren und dann in einem Bild oder einer Pantomime darstellen, was einen beeindruckt hat. - Oder zuerst still ein Bild betrachten und nach einer Pause daruber reden, was einem aufgefallen ist.14

3.2.2.2 Meditation als Erfahrungsraum des religiosen Gesprachs und Gebets

Aus den beschriebenen Meditationsubungen sollte sich die Gewohnheit zum Sammeln vor allen wichtigen Gesprachen oder Unternehmungen entwickeln. Vor allem von Gott sollte in dieser ruhigen, stillen Form gesprochen werden. Bevor ein 4-bis 6jahriges Kind langere vorformulierte Gebetstexte, wie z.B. das Vaterunser, auswendig lernt, sollte es zu freiem Beten ermutigt werden. Weiter kann ihm der/die Erzieherln vorformulierte Gebetselemente, kurze Satze oder Gebetslieder, die im Geiste der Psalmen verfasst sind, anbieten. So kann das Kind seinen religiosen Wortschatz erweitern und differenzieren. Es soll von Anfang an darauf geachtet werden, dass es nach dem Baukastenprinzip auswahlt und sich beim Beten auf eigene Erfahrungen besinnt. Auf diese Art wird es an einen Dialog mit seinem Schopfer herangefuhrt und erhalt die beste Chance, sich auf ihn einzulassen.

Diese Art, Heranwachsende an das Gebet heranzufuhren, verhindert, dass fur sie, wie fur viele Erwachsene, Beten soviel bedeutet wie das Aufsagen eines gelernten religiosen Textes. Typisch ist die Antwort eines lOjahrigen Jungen auf die Frage, ob er eigene, frei formulierte Gebete verrichte:" Wenn ich bete, dann sage ich: Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Ich kann doch keine Gedichte machen, dann kann ich auch kein Gebet selbstmachen" (Th. Thun 1959, 175).15

3.2.3 Zur Erziehung des Grundschulkindes und Jugendlichen

Genau wie bei der religiosen Ersteinfuhrung des Kleinkindes haben sich Meditationsubungen auch im Grundschulbereich hervorragend bewahrt, um eine ruhige Atmosphare im Unterricht herzustellen, in der eine innere Reflexion auf Lehrinhalte moglich ist. Weil Lebenssituationen und Umgebung der meisten Kinder heute so reizuberflutet, oberflachlich und extrovertiert sind, dass eine Aufnahmebereitschaft fur religiose Inhalte erst geschaffen werden muss, sind viele ReligionslehrerInnen - oft mit Erfolg - dazu ubergegangen, einen Grofiteil ihrer Stunden mit Entspannungsubungen zu beginnen. Die Ubungen fur diese Altersklasse werden anspruchsvoller und orientieren sich mehr an Entspannungs- und Konzentrationspraktiken aus dem Yoga, in dem Muskelentspannung, Eutonie (Methode der Korperwahrnehmung) und Autogenes Training vorherrschen. Auch uber religiose Texte, Begegnungen, Erlebnisse und erarbeitete Einsichten kann im Unterricht meditiert werden. Erfahrungen sollten hier undjetzt - so intensiv es die Unterrichtssituation erlaubt - verbalisiert und erst dann begrifflich eingeordnet und gedeutet werden.16

Methodisch ist ein bewusstmachen, Verbalisieren, Austauschen und Reflektieren personlicher und affektiv bedeutsamer Erfahrungen anzustreben; das kann u.a. durch stille Einzelbesinnung oder schweigenden schriftlichen Austausch (Schreibgesprach) geschehen.17

4. Erster Erfahrungsansatz: Grundvertrauen

Erst eine von Geborgenheit und Selbstwertgefuhl bestimmte Lebenseinstellung (Grundvertrauen) bedingt eine erlebnisverwurzelte, reife Religiositat. Dazu muss der Heranwachsene seine Gefuhle von Ungeborgensein, Angst und Unwertgefuhl uberwinden. Nach E.H. Eriksonbildet sich besonders im ersten Lebensjahr jenes Grundvertrauen (basic trust) aus, dass spater weiterentwickelt werden muss.18In dieser "oralen" Phase lernt ein Kind die "einfachste und fruheste soziale Verhaltensweise" des Nehmens, was ihm gegeben wird. Die Wechselwirkung mit dem Geben (der Mutter oder des Vaters), ist als erste Erfahrung eines freundlichen Anderen von hochster Bedeutung (E.H. Erikson 1953, 17). Empfindet das Kleinkind seine Bezugsperson infolge liebevoller Versorgung als "gut", ubertragt es dieses Gefuhl auf Gott und seine Umwelt. So entwickelt es ein Urvertrauen mit "einem Gefuhl des Sich-Verlassen-Durfens, und zwar in bezug auf die Glaubwurdigkeit Anderer und die Zuverlassigkeit seiner selbst". Im Ruckkehrschluss dazu wird seine Umwelt als feindlich empfunden, wenn es in diesem Alter keine liebevolle Zuwendung vonseiten seiner Bezugsperson erfahrt. Es fuhlt sich nicht geliebt und angenommen und projeziert dieses Gefuhl auf Gott und seine Umwelt. Moglicherweise wird ein solches Kind von einer depressiven Grundstimmung des Unwerts, der Ungeborgenheit, sogar des Verloren- und Verdammtseins beherrscht. Eine katholisch erzogene Patientin klagte beispielsweise: "Kann ich denn nie Geborgenheit im Glauben finden? Warum muss ich denn immer wieder zweifeln, ob Gott mich angenommen hat? Es steht doch geschrieben, ist doch zugesagt, aber die Angst vor der Verdammnis lasst mich nicht los" (J. Herzog-Durck 1969, 116). In solchen Fallen muss, bevor mit religioser Unterweisung zu einem erlebnisverwurzelten Glauben angeregt wird, das fehlende Grundvertrauen nachgebildet werden.

Dieses naive Grundvertrauen soll sich zu einem realistisch begrundeten Optimismus, zu Selbstwertgefuhl und daruber hinaus zu eigentlich religiosem Vertrauen entwickeln.19

4.1 Entwicklungs- und Lernschritte

"Es werden vier Entwicklungs- bzw. Lernschritte angenommen:

- Sich geborgen fuhlen, weil man versorgt wird und sich selbst und anderen (nicht allen) vertrauen kann, auch wenn Eigenleistungen dazu notwendig sind.

- Sich geborgen fuhlen, weil manche Menschen, die sich selbst von einem unsichtbaren "Guten" gewollt und geliebt sehen, einen selbstlos annehmen, auch wenn sie Wunsche nicht erfullen und Mitarbeit verlangen.

- Sich geborgen fuhlen, weil man selbst von diesem "Guten" bejaht ist, der "immer" fur einen da ist, selbst wenn Eltern und andere Menschen sich zuruckziehen, und dessen Zuwendung sich in allem Schonen dieser Welt offenbart

- Sich geborgen fuhlen aufgrund der Uberzeugung, dass dieser "Gute" einem seine Zuneigung in Krankheit und Not, auch wenn man von Menschen verlassen und missverstanden wird, nicht entzieht.20

[...]


1s. Fr. Weinert 1967; O. Ewert 1979; H. Skowronek 1979; J Brandtstadter 1974

2 Unter Religiositat wird hier die Bereitschaft von Menschen verstanden, sich selbst, ihre Mitmenschen und die Welt in Beziehung zu einem Ubermenschlich-Gottlichen- "wie immer sie sich dieses letztere naher vorstellen mogen" (W.James 1925, 24) - zu erleben und zu denken und sich gemafi dieser personlichen Erfahrung oder entsprechend den diesbezuglichen Uberzeugungen und Weisungen einer Glaubensgemeinschaft zu verhalten. (vgl. BERNHARD GROM, Religionspadagogische Psychologie, Dusseldorf 1989, S.16 )

3Amen, hebr.: wahrhaftig, so sei es, so geschehe es.

4Allah, arab.: der Gott, zusammengesetzt aus dem Artikel al und Ilah (Gott).

5 Diese Sure wird injeder rak'a (Gebetsfolge) der Pflichtgebete rezitiert. Praktizierende Muslime beten sie mindestens 17 mal taglich (Anm. d. Verf.).

6vgl. BERNHARD GROM, Religionspadagogische Psychologie, Dusseldorf 1989, S.38/39.

7 ebd. S.40.

8 So wird "Himmel" nur als sichtbares Phanomen, "Glauben" als Meinen bzw. annehmen, Gottes "Lenken" der Geschicke als Steuern einen Autos verstanden (ebd. S.44).

9 Solange es noch nicht analytisch und reversibel denken kann (vor 7/8 Jahren), versteht das Kind einen Handlungsablauf wie den Tisch decken als globales Ganzes, bei dem eine veranderte Abfolge das erwunschte Resultat in Frage stellt (ebd. S.43).

10ebd. S.18.

11 Im weiten Sinn verstanden, bedeutet Meditationsfahigkeit eine Umschaltung der Aufmerksamkeit von der nach auben gerichteten, sinnlichen Wahrnehmung auf eine innere: einerseits auf Korpererfahrungen wie z.B. Warme, Schwere, Selbststeuerung des Atems und andererseits auf affektives Betroffen- und Beteiligtsein (nicht nur "Was ist das?", sondern "Wie beruhrt mich das", "Was bedeutet es mir und wie fuhle ich mich dabei?")

12vgl. BERNHARD GROM, Religionspadagogische Psychologie, Dusseldorf 1989, S.55 und die Skizze auf S.56.

13unter Beten wird hier die Zwiesprache mit Gott bzw. dem Transzendenten verstanden. (Anm. d. Verf.).

14 ebd. S.57.

15ebd. S.58.

16ebd. S.59/6O.

17 Andere mögliche Arbeitsformen sind: bildhafte oder sprachliche Anregungen zu freien Assoziationen, Übungen zur Projektion eigener Gefühle bzw. zur Übertragung des Wahrgenommenen auf die eigene Situation (angefangene Sätze vollenden, Einfalle zu Photos, Kunstbildern oder Kurzfilmen, Metapherübungen usw.), durch Imaginationsubungen sowie die Moglichkeit, sich zu einem Thema zunachst symbolisch praverbal, durch Malen, Collage, Wahl eines Photos usw. zu aufiern.

18E.H. Erikson Grundvertrauen (1953, 15-23; 1965, 241-245).

19BERNHARD GROM, Religionspadagogische Psychologie, Dusseldorf 1989, S.72.

20ebd. S.70.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Leitziel: Reife Religiosität bei der kindlichen Entwickung
Autor
Jahr
1994
Seiten
27
Katalognummer
V231460
ISBN (eBook)
9783656481850
ISBN (Buch)
9783656481607
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religiöse Entwicklung, Gegenüberstellung christlicher und islamischer Religiosität, Meditation
Arbeit zitieren
Irmgard Zingelmann (Autor), 1994, Leitziel: Reife Religiosität bei der kindlichen Entwickung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231460

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